Sonntag, 15. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 188: Vom Sein und Haben von Küchenwischlappen
Was ich gar nicht mag, ist das "für-diesen-Menschen-muss-ich-auch-noch-ein-Geschenk-haben"-Gefühl. Wenn das Herz nicht überläuft und ich nicht schenke aus einer inneren Fülle heraus, sondern weil es Erwartungen gibt.
Es ist ein schales Gefühl. Verloren streicht man durch das Einkaufszentrum und befragt die leblosen Dinge in den Regalen, ob sie eine Freude sein könnten für diese oder jene Person.
Heute morgen habe ich gemerkt, dass ich wieder so spät dran bin mit den Geschenken, dass ich der Phase mit den Verzweiflungskäufen bedrohlich nahe komme.
Ein kleines Heft mit Geschenkideen habe ich längst, aber ich werde die Listen jetzt nicht abarbeiten. So kann Weihnachten doch nicht sein, oder?
Neale Donald Walsch schreibt: "Leidenschaft ist die Liebe, das Sein in Handlung zu verwandeln." (Neale Donald Walsch: Gespräche mit Gott, Bd.1, S. 159)
So habe ich gestern nicht geguckt, was noch alles auf dem Zettel steht, sondern bin meinen Leidenschaften gefolgt. Und die führten mich in einen Laden, in dem es wunderbare Kugeln und Zapfen aus Bauernsilber gibt, wo es glänzt aus alten Weidenkörben, wo Perlmutt-Knopf-Nadeln in groben Leinenbändern schimmern und es gestrickte dänische Küchenwischlappen, ja Küchenwischlappen, in den schönsten Braun- und Grautönen gibt, so dass mir ein Seufzer nach dem anderen entfuhr.
Aus Erich Fromms "Haben oder Sein" wollte ich zitieren und mich mit euch zusammen abwenden vom vorweihnachtlichen Konsumrauschen. Und dann entdecke ich in meinem SEIN eine Freude an den Farbnuancen von gestrickten Wischlappen.
Das hat auch mit SEIN zu tun, auch wenn es an der Kasse zu einem HABEN wurde.
Das macht aber nichts.
Das zeigt nur, dass wir reich belohnt werden, wenn wir nicht auf Listen schielen und Ergebnissen nachjagen, sondern unseren Leidenschaften folgen und tun, was uns innerlich eingegeben wird.
Denn in dem Laden traf ich nicht nur meine Freundin und konnte mit ihr zusammen in Silberzapfen schwelgen, sondern fand auf einen Schlag vier Geschenke für meine Lieben aus der Liste.
Immer fröhlich euer SEIN in Handlung verwandeln
Uta
PS: swwwdee4ee5555555555555555555555555555w2. Schönen Gruß von unserer Katze Amy, zu deren SEIN es gehört, quer über die Tastatur zu laufen.
Montag, 9. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 187: Sog der alten Elternrolle
Bei Familie Klatzenklo läuft ja ein Experiment mit Freiheit und Vertrauen. Viele Wochen hat es mich jetzt schon entlastet, dass ich Prinzessin (12) nicht mehr im Nacken sitze und sie antreibe, das iPad wegzulegen, Hausaufgaben zu machen, Vokabeln zu lernen "oder wenigstens mal an die frische Luft zu gehen".
Schulische Abstürze gab es nicht. Und doch hatte ich am Samstag eine Krise, eine Freiheits- und Vertrauenskrise.
Ich schreibe mal auf, welche Gedanken so in mir aufstiegen, als ich den Leucht-Stern, den ich vor Orkan "Xaver" in den Keller gerettet hatte, wieder in den Gartenhaus-Giebel hängen wollte. Die Gedanken wurden übrigens nicht besser, als ich den Nagel in der Fuge zwischen den Platten verlor, es anfing zu regnen, das Kabel sich im Lavendel verhedderte und nicht mehr bis zur Steckdose am Haus reichen wollte.
Also die Gedanken:
- Prinzessin mag zwar jetzt noch in der Schule zurechtkommen, aber irgendwann werden ihr die Grundlagen fehlen und ich bin schuld, weil ich pädagogisch so weichgespült bin.
- Bei vielen Kindern ist heute alles so passiv: ein You-Tube-Video nach dem anderen sehen, nur konsumieren, statt selber etwas zu machen, eigene Weihnachtsgeschichten zu schreiben, Fröbel-Sterne zu falten ...
Ja, wenn ich auf einer Leiter im abklingenden "Xaver" stehe und mit klammen Fingern an einem Stern herumfummele, können schlimme Werte-Debatten in mir toben.
- Kann ich es verantworten, dass Prinzessin schulisch nicht zeigt, was sie eigentlich drauf hat? Vertun wir wichtige Chancen? Liegt es vielleicht einfach daran, dass ich mal wieder zu konfliktscheu bin?
- Seit Beginn der neuen Freiheit stieg die Küsschen-für-Mama-Quote zwar exponentiell, aber zeigt das nicht bloß, dass ich mich damit zu dem Kumpel-Typ gemacht habe, den Experten wie Bernhard Bueb und Michael Winterhoff so verabscheuen?
Eine weichgeregnete Kumpel-Mama trat ins Haus, die Brille beschlug, die Leiter-Füße hinterließen ein Dreck-Graffiti an der Wand im Flur.
Vergangene Woche hatte Prinzessin mich gefragt, ob wir zusammen Mathe üben könnten. Klar, sagte ich, ließ die diebische Freude über die Frage nicht so durchscheinen, blieb ganz cool. Ich spitzte Bleistifte, holte zwei Kilo Schmierpapier, stellte Nüsse auf den Tisch für die Synapsenölung.
Eine Stunde haben wir gerechnet. Und es lief immer besser. Weil die Mathe-Arbeit am nächsten Tag wegen sturmfrei ausfiel, frohlockte ich: Jetzt würden wir jede Menge Zeit haben, weiter zu üben. "Nur eine halbe Stunde jeden Tag und sie könnte es schaffen, eine richtig gute Note zu schreiben.
Uta hatte Lunte gerochen und geriet in den Sog der alten Elternrolle.
"Ich kann dir anbieten, dass wir heute wieder eine halbe Stunde Mathe üben", sagte ich am Freitag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Freitag.
"Ich kann dir anbieten, dass wir am Wochenende zusammen für die Arbeiten nächste Woche lernen. Du musst einfach nur auf mich zukommen", sagte ich am Samstag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Samstag.
Voller Frust, dass die neue Freiheit vielleicht doch nicht funktioniert, bin ich dann lieber gegangen, um den Stern aufzuhängen. Siehe oben.
Erst am Sonntagmorgen kam ich wieder zur Besinnung. In Jesper Juuls Pubertäts-Buch las ich, was der Däne zu den Kämpfen sagt, die so viele Eltern fechten wegen der Schule und der Medien. Er beschreibt, wie wir uns abstrampeln, um unsere Kinder zu unterstützen. Und wie wir, die Eltern und die Kinder, dabei einander verfehlen.
Uta hatte Lunte gerochen und geriet in den Sog der alten Elternrolle.
"Ich kann dir anbieten, dass wir heute wieder eine halbe Stunde Mathe üben", sagte ich am Freitag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Freitag.
"Ich kann dir anbieten, dass wir am Wochenende zusammen für die Arbeiten nächste Woche lernen. Du musst einfach nur auf mich zukommen", sagte ich am Samstag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Samstag.
Voller Frust, dass die neue Freiheit vielleicht doch nicht funktioniert, bin ich dann lieber gegangen, um den Stern aufzuhängen. Siehe oben.
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| Jetzt leuchtet er wieder. |
Erst am Sonntagmorgen kam ich wieder zur Besinnung. In Jesper Juuls Pubertäts-Buch las ich, was der Däne zu den Kämpfen sagt, die so viele Eltern fechten wegen der Schule und der Medien. Er beschreibt, wie wir uns abstrampeln, um unsere Kinder zu unterstützen. Und wie wir, die Eltern und die Kinder, dabei einander verfehlen.
"Man fühlt sich als Eltern nicht wertvoll, ist aber auch nicht wertvoll, und als Kind fühlt man sich auch irgendwie falsch oder alleine." (Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht, München 2010, S. 178)
Jetzt fühlte ich mich wieder wertvoll und sagte zu Prinzessin
- dass er wieder in mir angesprungen sei, dieser Ehrgeiz, den ich als Schülerin hatte, immer und überall überdurchschnittlich zu sein
- dass ich endlich kapiert habe, dass sie anders ist als ich und dass das seelisch auch viel gesünder sei
- dass ich verstehe, dass sie die Wochenenden wirklich frei haben wolle
- dass ich als Mutter aber zur Verfügung stehen würde, wenn sie meine Unterstützung möchte
Wir waren beide ganz erleichtert.
Immer fröhlich forschen, was eigene Erwartungen sind und was der andere wirklich braucht
Eure Uta
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Schule
Samstag, 7. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 186: Familiärer Führungskräftemangel
Glückliche Familie Nr. 186 findet heute auf Sonjas Blog "Wert-voll" statt. Sonja feiert Blog-Geburtstag und hat mich eingeladen, einen Gastbeitrag zu schreiben.
"Wert-voll" - ist das nicht ein toller Name?
Sonjas Blog war einer der ersten, dem ich folgte, als ich mit dem Bloggen begann. Sie ist ausgebildeter Coach und schreibt darüber, wie sie ihr berufliches Wissen in ihrem Leben mit zwei kleinen Kindern umsetzen kann. Self-Coaching also.
Ich gratuliere ganz herzlich zu vier Jahren "Wert-voll" und wünsche weiterhin viel Freude beim Bloggen.
Hier geht es zum "Familiären Führungskräftemangel".
Immer fröhlich bei Sonja vorbeischauen
Eure Uta
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Kleinkinder
Dienstag, 3. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 185: Welche Schule für mein Kind?
Als ich beim Nikolaus-Markt in unserem Gymnasium die vielen Eltern sah, die sich die Schule anguckten, weil sie ihr Kind im Januar vielleicht dort anmelden möchten, beschloss ich, etwas über Schul-Wahl zu schreiben.
Wie entscheide ich mich für die richtige Schule für mein Kind?
Jetzt merke ich, dass das eine große Frage ist. Da kann einen in diesen Tagen ganz schön der Nikolaus-Stiefel drücken.
Wegen eines Wechsels haben wir uns schon sechsmal für oder gegen eine Schule entscheiden müssen. Das sollte mir eine gewisse Kompetenz in dieser Frage geben.
Aber ich bemühe erst einmal die Wissenschaft. Die Hettie-Studie* ist ja in aller Munde. Der Neuseeländer John Hettie hat in 15jähriger Fleißarbeit tausende internationale Studien** ausgewertet, die sich unter verschiedenen Aspekten mit der Frage befassen: Was sind die entscheidenden Faktoren für den Lernerfolg?
Das Ergebnis: Der entscheidende Faktor ist der Lehrer. Der Lehrer und nochmals der Lehrer. Seine fachliche Kompetenz, seine Persönlichkeit. Dann kommt lange nichts.
Der Meta-Studie zufolge spielen so gut wie keine Rolle
- die Klassengröße
- die Art der Schule, ob privat oder staatlich
- die finanzielle Ausstattung der Schule
- ob man jahrgangsübergreifend lernt oder nicht
- ob es offenen Unterricht (im Gegensatz zur klassischen Frontal-Methode) gibt oder nicht
Hetties Forschungen haben gezeigt, dass die Leistungs-Unterschiede zwischen zwei Parallelklassen ein und derselben Schule größer sein können (bis zu einer Klassenstufe) als zwischen gleichaltrigen Schülern verschiedener Schulen. Der einzelne Lehrer ist also entscheidend, nicht die Schule.
Und was macht laut Hettie den guten Lehrer aus?
- stringente Klassenführung
- Mischung aus Strenge und Humor
- Klarheit (dass die Schüler verstehen, was er oder sie von ihnen in der Stunde erwartet)
- breites Repertoire an Unterrichtsstilen (sowohl frontalen als auch offenen Unterricht beherrschen)
- kleine Tests zwischendurch, um prüfen zu können, ob die Methoden bei den Schülern greifen
- sich und seine Arbeit selber in Frage stellen können; den Unterricht aus der Sicht des Schülers reflektieren können
- ausbleibende Lernerfolge zunächst sich selber zuschreiben, nicht dem Schüler, dem Elternhaus, dem Medienkonsum ...
- Schüler systematisch rückmelden lassen, ob sie den Stoff verstehen, sich konzentrieren können ...
- Warmherzigkeit; am einzelnen Kind und seiner Weiterentwicklung interessiert sein
- Begeisterung fürs Fach
Aber wie finden wir als Eltern solche Lehrer für unser Kind?
Wir können uns ja nur die Schule aussuchen. Und selbst wenn wir wissen sollten, dass ein guter Lehrer eine neue erste oder fünfte Klasse übernimmt, wird kein Schulleiter bereit sein, uns zu garantieren, dass unser Kind genau in diese Klasse kommt.
Jetzt starre ich schon eine ganze Weile auf das Zicklein, das im Moos neben der Adventskerze No. 1 weidet, und weiß nicht, welchen Rat ich euch geben soll.
Immer fröhlich alle Tage der offenen Tür an den Schulen ignorieren und beim Bleigießen an Sylvester eine Entscheidung treffen?
Jenseits von Hettie und seinen Auswertungen fallen mir als Mutter noch mehr Faktoren ein:
- besonders für Grundschüler ist es gut, wenn die Schule so nah ist, dass sie hinlaufen können (gibt es wenig Verkehr, wenig Straßen, die zu überqueren sind, wunderbare Pfützen, in die man hineinspringen kann, Sträucher mit Knallerbsen, Mauern zum Balancieren ...?)
- auch Jugendliche sollten (wenn man denn die Wahl hat) nicht stundenlang mit Bus oder Bahnen fahren müssen. In der heute fast überall verdichteten Schulzeit bis zu den Abschlüssen ist die Freizeit so knapp, dass sie nicht auf der Strecke bleiben sollte.
- Was höre ich über die Atmosphäre im Kollegium? Ist der Krankenstand hoch? Finden gute Lehrer auch gute Bedingungen vor oder werden sie zurechtgestutzt?
- Hängt in den Fluren Kinder-Kunst oder sieht man Null-acht-fünfzehn-Schablonen-Werke?
Der Hirnforscher Manfred Spitzer sagte mal in einem Vortrag, dass es kein Bauchgefühl gebe. In der Körpermitte sei weder ein emotionales Schaltzentrum noch eine einzige Hirnzelle zu finden. Und doch wissen wir alle, was gemeint ist, wenn wir von "Bauchgefühl" sprechen.
Und auf dieses sollten wir hören, wenn wir eine Schule für unser Kind suchen. Wir sollten uns nicht blenden lassen von Hochglanzflyern, von klangvollen Sprach-Angeboten, hochgerüsteten Computer-Räumen oder Hüpfburgen an Tagen der offenen Türen, sondern mit den Menschen reden, die dort arbeiten, die Atmosphäre schnuppern und auf unser Bauchgefühl achten.
Lasst euch wegen einer Schulentscheidung nicht verrückt machen und trefft fröhlich eine Wahl, die man - wie ich euch das nächste Mal erzählen werde - auch wieder ändern kann
Uta
Und auf dieses sollten wir hören, wenn wir eine Schule für unser Kind suchen. Wir sollten uns nicht blenden lassen von Hochglanzflyern, von klangvollen Sprach-Angeboten, hochgerüsteten Computer-Räumen oder Hüpfburgen an Tagen der offenen Türen, sondern mit den Menschen reden, die dort arbeiten, die Atmosphäre schnuppern und auf unser Bauchgefühl achten.
Lasst euch wegen einer Schulentscheidung nicht verrückt machen und trefft fröhlich eine Wahl, die man - wie ich euch das nächste Mal erzählen werde - auch wieder ändern kann
Uta
* Meinen Informationen über die Hettie-Studie liegt der Artikel "Ich bin superwichtig! Kleine Klassen bringen nichts, offener Unterricht auch nicht. Entscheidend ist: Der Lehrer, die Lehrerin ..." von Martin Spiewak auf ZEIT-online zugrunde.
**ausschließlich englischsprachige Studien; nicht alles lässt sich eins zu eins auf das deutsche Schulsystem übertragen
Mittwoch, 27. November 2013
Glückliche Familie Nr. 184: Party der Erleichterung
Vor zwei Wochen war ich zu einer Krebs-Vorsorge-Untersuchung. Das Ergebnis war unklar und verlangte weitere Untersuchungen. Die zweite Untersuchung konnte den Verdacht nicht klären und in mir breitete sich von Tag zu Tag etwas mehr Angst aus. Das dritte Verfahren schließlich brachte Klarheit und noch ein paar Tage später einen erlösenden Anruf. Alles gut! Danke!
Ich stieß einen Schrei aus, der - wie Prinzessin (12) berichtete - Vibrationen bis hoch in ihr Zimmer auslöste.
Ich kaufte Prosecco, Süßigkeiten, Chips, Lieblingslimonaden, das ganze Programm, drehte die Musik laut und alle tanzten, der Soßenkönig, Kronprinz, Prinzessin und am wildesten Königin Mutter. Wir lernten die Polka aus dem Tanzkurs vom Kronprinz ("Hacke-spitze, hacke-spitze - eins, zwei, drei"), wir tanzten "Memphis", schneller, immer schneller, wir lachten, prosteten uns zu, tanzten wieder und sackten erschöpft, verschwitzt und glücklich auf das Sofa.
"So einen schönen Abend hatten wir lange nicht mehr", sagte Prinzessin, als ich sie später ins Bett brachte.
Warum brauchen wir bloß immer einen Warnschuss, um unser Leben auszuschöpfen?
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| Strand-Tanz mit meinem Neffen und meinen Kindern vor Jahren am Hennestrand in Dänemark. Foto von meiner Schwester Nummer 3. |
Warum tanzen wir nicht häufiger einfach mal so?
Warum bewundern wir Sonnenuntergänge nur im Urlaub?
Warum haben wir nicht immer einen Witz auf Lager?
Warum fragen wir unsere Kinder "Hast du deine Hausaufgaben fertig?" statt "Hat dich heute schon mal jemand durch gekitzelt?" oder "Habe ich erwähnt, dass ich dich liebe?"
Klar, "immer schön fröhlich sein", wie ich euch penetrant dazu auffordere, das ist nicht möglich. Das Leben braucht das Auf und Ab, um wirklich erfüllt zu sein. Trauer gehört genauso dazu wie überschäumende Freude, Angst genauso wie Leichtigkeit. So einen permanenten Ballermann-Spaß hält keiner aus. Krankheit, Verlust, Tod - das führt uns in die Tiefe, zum Wesentlichen.
Aber dieses diffuse negative Dazwischen, das könnten wir uns doch sparen, oder? Dieser Ärger über das Internet, das nicht funktioniert, über das Wetter, das uns nicht passt, über Parklücken, die sich nicht auftun, schlechte Noten in der Schule, Zahnbeläge ... Oder am schlimmsten diese schmutziggraue Suppe aus diffusen Ängsten und Sorgen über Dinge, die in 90 Prozent aller Fälle sowieso nicht eintreffen.
Apropos Zahnbeläge. Montag war ich mit Prinzessin bei der Zahnärztin. Während der Zahnreinigung saß ich im Wartezimmer, als die Prophylaxe-Helferin mich mit Leichenbitter-Miene in das Behandlungszimmer bat: "Ich möchte, dass Sie sich das mal ansehen."
Wurzelfäule, Zahn verschluckt, Parodontose im letzten Stadium?
Ich trat neben meine Tochter, die auf dem Behandlungsstuhl lag. Das schwenkbare Licht stand dicht über ihrem Gesicht und ihre Schneidezähne strahlten in einem grellen Pink. Das kam von der Farbe, die die Beläge sichtbar machen sollte. Pink, eigentlich überall.
Ich musste herzhaft lachen. So ein Textmarker-Grinsen. Ich liebte meine Tochter und sogar ihre Zahnbeläge noch mehr als sonst und strich ihr über die Stirn.
Die arme Prophylaxe-Helferin, die mich geholt hatte, damit ich meiner Tochter eine Standpauke halte! Sie sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Sie wollte ja auch bloß gründlich sein und konnte nicht ahnen, dass sich bei mir gerade eine paar Maßstäbe verschoben hatten.
Wart ihr auch mal so erleichtert? Hat euch das wachgerüttelt? Habt ihr was verändert? Wann habt ihr zuletzt eine Polka getanzt?
Immer fröhlich euer Leben ausschöpfen mit allen Höhen und Tiefen, häufiger mal die Musik aufdrehen und richtig ausgelassen sein
Eure Uta
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Leichtigkeit
Donnerstag, 21. November 2013
Glückliche Familie Nr. 183: Der Zucker-Dealer
Kronprinz (16) fragte mich, ob ich ihm blaue Lebensmittelfarbe besorgen könnte. Er hätte ein Video gesehen, in dem mit einem Kilogramm Zucker und Lebensmittelfarbe Kristalle hergestellt würden, die wie die Designer-Droge „Crystal Meth“ aussähen.
„Crystal Meth?“
Ich schluckte.
Ja, man sähe kaum einen Unterschied.
Will er meinen Einmachzucker tütchenweise in der Unterführung am S-Bahnhof verkaufen oder will er sich bei „Jugend forscht“ bewerben?
Mich beunruhigt, dass mein Kronprinz weiß, wie „Crystal Meth“ aussieht.
Mich tröstet, dass er mich in die Drogen-Herstellung einbeziehen will.
Wie immer in Situationen elterlicher Zerrissenheit, die wohl auch dann nicht aufhört, wenn die kleine Kartoffel vom ersten Ultraschallbild uns mit Piemont-Kirschen im Seniorenstift besucht, entscheide ich mich für Vertrauen: Ich suche im Supermarkt nach Lebensmittelfarbe.
| Plätzchen-Ausstechen war gestern: Pseudo-Droge auf meinem Backblech. Die blaue Lebensmittelfarbe verlor sich bei der enormen Zuckermenge. |
Nicht nur Zucker, der nach Droge aussieht, sondern Zucker überhaupt gehört zu den Erzfeinden von Eltern. Der andere Erzfeind ist der Bildschirm. Zu viel Zucker, zu viel Bildschirm – an diesen beiden Fronten kämpfen alle Eltern.
Bei uns in der Küche liegen Süßigkeiten in den oberen Schränken. Je größer die Kinder wurden, desto höher wanderte alles, was zum Naschen ist: Schokoriegel und Pralinen oben neben den verstaubten Fleischwolf, bunte Zuckerstreusel hinter die Paniermehldose, Chips und Flips hinter den Karton mit dem Raclette-Gerät.
Unser Küchenprinzip „Immer höher, immer ungesünder“ hat aus den Kindern wahre Kletterkünstler gemacht. Prinzessin (12) bewegt sich auf der Arbeitsfläche wie eine Katze auf dem heißen Blechdach. Sie hangelt sich an den Oberschränken entlang, balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Spüle und Abgrund und angelt mit dem Kartoffelstampfer die Lakritzen-Schnecken aus dem höchsten Oberschrank. Wenn sie meine Schritte im Flur hört, springt sie hinunter und hopst zwischen Geschirrspüler und Backofen, als müsste sie für die nächste Hip-Hop-Aufführung üben. Nur Liedpfeifen geht nicht wegen der Lakritz-Schnecken in den Backen.
Mit Süßigkeiten bin ich nicht so streng, weil ich bei Felicitas aus meiner Klasse gesehen habe, was passiert, wenn Eltern Süßigkeiten total verbieten. Felicitas Vater war damals Chefarzt der örtlichen Kinderklinik und sie durfte zu Hause überhaupt nichts naschen. Ihren Ausgleich fand sie am Kiosk neben dem Schulhof. Nie werde ich vergessen, wie sie zitternd da stand und sich mit beiden Händen Schokoküsse in den Mund stopfte. Diese Schaumküsse hatten für Felicitas mindestens ein Suchtpotenzial wie „Crystal Meth“.
Bei uns darf man sogar vor dem Mittagessen etwas aus den Oberschränken holen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Kohlrabi noch hart sind oder das Fleisch nicht ganz durch, weil ich mit einem Text fertig werden musste. Wenn ich dann in der Küche wirbele, brauche ich Nervennahrung. Und die will ich den Kindern nach einem anstrengenden Schultag auch nicht verbieten.
Auf einem meiner Backbleche ist die Zuckerpampe inzwischen bretthart geworden. Mit einem Messer hat Kronprinz die ersten Brocken gelöst und in Tütchen abgefüllt. Es sieht verboten aus.
Drei Beutel stopft er sich in die Innentasche seiner Jacke, steigt auf sein Fahrrad und winkt mir zu. Versonnen lecke ich an dem Messer mit den Resten von Pseudo-Crystal-Meth.
In die U-Haft werde ich ihm Lakritzschnecken mitbringen.
Immer fröhlich in Beziehung bleiben
Eure Uta
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Sonntag, 17. November 2013
Glückliche Familie 182: Mobbing und wie es weiterging
Ich wollte euch berichten, wie diese Mobbing-Geschichte ausgegangen ist.
Meine Schwester erzählte am Telefon, dass der Schüler tatsächlich eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen wurde und außerdem - als soziale Tat - Scheinwerfer schleppen muss für die Theateraufführung einer anderen Klasse.
Ich muss noch korrigieren, dass es sich um einen Schüler der Klasse 9, nicht der Klasse 7 handelt, wie ich fälschlich geschrieben hatte.
Um "den Fall" wirklich beurteilen zu können, müsste man ihn genau kennen. Deshalb möchte ich ihn auch nicht weiter verfolgen. Uns fehlen einfach die Details.
*
Mein Neffe (14), Sohn von Schwester Nummer 3, ist vor ein paar Monaten bei einer Übernachtung in der Schule auch von einem Mitschüler fotografiert worden: schlafend mit einem Pommes im Ohr.
Der Mitschüler hat das Bild nicht ins Netz gestellt. Meine Schwester hat bei den Eltern angerufen. Der Vater konnte glaubhaft beteuern, dass ihm der Vorfall leid tue und er mit seinem Sohn darüber sprechen werde.
Für meinen Neffen ist die Sache damit erledigt. Und meine Schwester sagt, dass sie - von den Schwingungen, die sie von ihm empfange - sicher ist, dass es ihm gerade gut gehe in der Klasse, er neue Freundschaften im Lateinkurs vertiefen konnte und begeistert zum Rudern gehe.
Pommes und Demütigung war gestern, heute wachsen ihm und den Freunden, die auch zum Rudern gehen, breite Schultern.
Jemand Kluges hat mal gesagt: Es sind nicht die Ereignisse, die uns Kummer bereiten, sondern die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen.
*
Als mein Mann die dritte Klasse seiner Dorfschule besuchte, lauerte ihm eine Zeit lang ein Mitschüler auf dem Nachhauseweg auf und verprügelte ihn.
Mein Schwiegervater nahm sich einen Vormittag frei, suchte seinen Sohn auf dem Schulhof und ging mit ihm zu dem Prügler. "Wenn du diesen Jungen noch einmal anrührst", sagte mein Schwiegervater und zeigte auf seinen Sohn, "wirst du nicht mehr wissen, an welche Stelle am Kopf die Ohren sitzen."
Es ist nie wieder etwas vorgefallen. Und der Soßenkönig erinnert sich bis heute gerne (ach, bei so was kommen mir immer die Tränen), wie sein Vater beherzt für ihn eingeschritten ist.
*
Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich eine schlimme Lungenentzündung. Ich kam schließlich ins Krankenhaus, weil die Antibiotika nicht halfen. Als der Chefarzt kam und mir und meiner Mutter sagte, ich müsse operiert werden, habe ich geweint. Worauf der Chefarzt mich anfuhr, dass es auf der Welt Kinder gebe, die viel schlimmere Krankheiten hätten als ich.
Meine Mutter hat viel Respekt vor Würdenträgern aller Art, aber da explodierte sie. Ich weiß nicht mehr, was sie alles sagte. Aber die Druckwelle, die durch das Zimmer ging, habe ich in warmer Erinnerung.
*
Das waren kleine Geschichten von vorsichtigem und von beherztem Einschreiten, aber auch davon, es dann auf sich beruhen zu lassen.
Ich glaube, wir brauchen
- Eltern und Lehrer mit Führungskompetenz, Menschen, die schnell und beherzt eingreifen können
- Eltern, die ein Gespür dafür haben, wie es ihrem Kind geht
- Eltern, die Kinder nicht bestätigen in einer Opferhaltung, sondern beim Rudern, Karate, Kickboxen .... anmelden
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| Stark werden bei Abenteuern oder beim Sport. |
Weg mit dem Moralisieren, Dramatisieren, Psychologisieren und lange Konferieren und den Mut haben, fröhlich einzuschreiten
Uta
PS: Erinnert ihr euch an Situationen, wo sich jemand in einem Konflikt beherzt für euch eingesetzt hat?
Oder vielleicht auch an den anderen Fall: Ihr musstet es alleine regeln und habt dabei viel gelernt?
PS: Erinnert ihr euch an Situationen, wo sich jemand in einem Konflikt beherzt für euch eingesetzt hat?
Oder vielleicht auch an den anderen Fall: Ihr musstet es alleine regeln und habt dabei viel gelernt?
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