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Freitag, 14. November 2014

Glückliche Familie Nr. 252: "Einsames Gestrampel"


Hier seht ihr den Kinderwagen, in dem Kronprinz lag. Meine Schwiegereltern hatten ihn noch auf dem Dachboden stehen, und wir fanden das Gefährt so heiß, dass wir unser erstes Kind darin unbedingt durch Hamburg schieben mussten. Allein die Schutzbleche und dieses Hellblau!


In dem 50er Jahre-Geschoss lagen schon meine Schwägerin und mein Mann. Leider gingen nach einigen Runden um die Alster die Gummi-Reifen kaputt und waren nicht mehr zu besorgen, weshalb wir für Kronprinz doch noch einen neuen Kinderwagen kaufen mussten.
Sagt jetzt bitte nichts zu der Hose, die ich trug. 

Auf den Kinderwagen war man stolz, besonders in den 50er und 60er Jahren. Das spürte ich bei den Schwiegereltern und auch bei meinen Eltern. Für mich, die Nummer 4 zu Hause, gab es noch einmal einen neuen Wagen. Und meine Mutter strahlt heute noch, wenn sie erzählt, wie sie damit durch die Gegend lief.

So war das in den 60er Jahren: Nachkriegzeit, frisch geteerte Straßen und gummibereifte Kinderwagen, in denen man mit vor Stolz und Milch geschwellter Brust den Nachwuchs präsentieren konnte.

In dem Buch "Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden" von Michaela Schonhöft habe ich gelesen, dass die Angewohnheit, Babys in Kinderwagen zu transportieren, hauptsächlich in westlichen Industrie-Nationen verbreitet ist. Bei uns kauft doch jeder erst einmal eine "Karre", wenn der Bauch sich rundet. Anders in Afrika. Michaela Schonhöft schreibt:

"In ländlichen Regionen Afrikas sind viele Versuche fehlgeschlagen, Kinderwagen zu vermarkten. In den größeren Städten Ghanas oder Kenias gelten Buggys inzwischen als schick, ein bisschen als Chichi, als Repräsentationsobjekt. Im Alltag tragen die Frauen ihre Kinder aber meist so lange, bis die Kleinen laufen können. Ob einkaufen, Wäsche waschen oder Essen zubereiten: Immer sind sie mitten im Geschehen, immer sind Menschen um sie herum." (ebenda, Seite 74) 

An anderer Stelle erwähnt Schonhöft, dass hierzulande Kinderärzte raten, Babys nicht so oft auf dem Schoß zu halten, sondern lieber hinzulegen, damit sie viel frei strampeln können.
"Ein wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen viel einsamem Gestrampel und motorischer Entwicklung besteht allerdings nicht. In Kamerun zum Beispiel können Babys trotz des ständigen Herumtragens viel früher laufen. Die Eltern üben es gemeinsam mit den Kindern, etwas, was hierzulande wiederum als sehr verwerflich gilt." (ebenda, Seite 64)

Aber noch einmal zurück zur "Karre", wo auch ein einsames Strampeln stattfindet. In "Kinder verstehen" schreibt Herbert Renz-Polster von heutigen Lebensräumen, die nicht unbedingt kindgerecht sind:
"...und das gilt auch für den 'Lebensraum Kinderwagen', in dem viele Kinder viel zu viel Zeit verbringen - schirmt er die Kinder doch von anderen Menschen ab und gibt ihnen wenig Raum, um dabei zu sein, mitzumachen, mitzuschauen oder aus eigenem Antrieb mitzuspielen." (ebenda, Seite 286) 

Damit wir uns richtig verstehen: Kronprinz und Prinzessin wurden viel getragen und im Kinderwagen gefahren. Ohne irgendeinen fahrbaren Untersatz wäre der Alltag mit Baby hierzulande sehr beschwerlich. Wir leben nun mal nicht in Kamerun und auch nicht in einer großen Sippe, wo Mutter, Tanten, Omas und Opas den Stöpsel mal schnell auf die Hüfte nehmen können, wenn wir einen Text zu Ende schreiben oder in den Supermarkt müssen.

Trotzdem ist die Frage, wie wir unseren Babys - auch ohne von Buschland und Blutsverwandten umgeben zu sein - mehr körperliche Nähe schenken können. In Japan zum Beispiel scheint es, trotz Hochindustrialisierung zu funktionieren. Obwohl dort Kinderwägen genutzt werden, gibt es den Recherchen Michaela Schonhöfts zufolge insgesamt viel mehr Körperkontakt zu den Babys als in unseren Breiten.

"Deutsche Mütter nehmen sich in den ersten Jahren viel Zeit für ihre Kinder, sehr innig werden sie in all diesen Stunden mit ihrem Nachwuchs aber nicht. Das deutsche, aber auch das amerikanische Baby wird permanent bequatscht, ist umgeben von sehr viel Spielzeug. Das Kind steht zwar im Mittelpunkt. Aber es liegt die meiste Zeit in seinem Bett, im Kinderwagen oder auf der Krabbeldecke. Säuglinge in Kamerun zum Beispiel, das hat die Osnabrücker Entwicklungspsychologin Heidi Keller beobachtet, erfahren dagegen permanenten Körperkontatk von sehr vielen verschiedenen Personen. Sie entwickeln dadurch ein tiefes Vertrauen, dass niemand sie im Stich lässt." (Michaela Schonhöft: Kindheiten. Seite 63) 

Seit der Zeit, aus der unser erster Kinderwagen stammte, hat sich aber auch hierzulande viel getan. Säuglinge werden nach der Geburt nicht mehr von ihren Müttern getrennt, 23 Prozent der Deutschen lassen ihre drei Monate alten Babys regelmäßig bei sich schlafen (ebenda,  Seite 71) und man sieht immer mehr Eltern, die ihre Einkäufe in den Kinderwagen legen und das Kind im Tuch vor der Brust tragen.

Was könnte man noch tun?

  • Der erste Schritt ist Sich-Bewusstmachen. Nach zwei Metern Erziehungsliteratur, die ich gelesen habe, ist eins unumstritten: Babys brauchen so viel liebevollen Körperkontakt zu vertrauten Menschen wie möglich. Auch Michaela Schonhöft konnte ihre erste Tochter viel besser beruhigen als sie die Bespaßungs-Rituale einstellte und - einem Rat der Hebamme folgend - ihr Kind herumtrug.
  • Apropos Hebamme. Die "sages femmes", also "weise Frauen", wie die Franzosen sie nennen, sind eine unverzichtbare Hilfe für den Start ins Familienleben. Besonders bei ihren Hausbesuchen geht ihr Rat weit über das Medizinische und Pflegerische hinaus. Ich bin nach 17 und 13 Jahren immer noch dankbar für die Hebammen, die ich hatte. 
  • Aus dem Buch "Kindheiten" hat mir auch die Idee so gut gefallen, dass Freunde eine Familie in den ersten Wochen nach der Geburt eines Kindes abwechselnd mit Essen versorgen. Eine Berlinerin, die eine Zeit lang in Washington gelebt hat, hat dort erfahren, dass sich Leute aus dem Bekanntenkreis in eine "Meals on wheels"-Liste eintrugen, um die Eltern in der ersten Zeit zu entlasten. Und wer nicht kocht, könnte ja andere Hilfen anbieten.  
  • Eine Bekannte hat mir erzählt, dass die erste Zeit mit ihren beiden Kindern sehr schwer war. Der Erstgeborene kam viele Wochen zu früh auf die Welt und musste auch zu Hause an einen Überwachungsmonitor angeschlossen werden. Das zweite Kind kam schneller als geplant. Während dieser Zerreißprobe wurde die Familie von einem älteren Ehepaar in der Nachbarschaft quasi adoptiert. Das kinderlose Ehepaar hatte gerade altersbedingt seine Reinigung aufgegeben und gab mit Freude die Ersatz-Großeltern. Bis heute (die Kinder sind etwa so alt wie meine) sind die beiden Senioren in die Familie integriert, sitzen mit den leiblichen Großeltern unterm Weihnachtsbaum und werden unterstützt, wenn sie heute altersbedingt Hilfe brauchen. Ob wir wohl fähig sein werden, in Zukunft immer mehr solche Modelle zu leben? 

Immer fröhlich das Baby herumtragen und sich schon vor der Geburt um Leute kümmern, die es auch mal auf die Hüfte nehmen können.

Eure Uta

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 245: Babys richtig lagern, Verlosung


In einem meiner Bücher habe ich gelesen, dass Frauen heute einen "Kaltstart" erleben, wenn sie ihr erstes Baby bekommen, weil sie als Kind nicht mehr von so vielen Müttern mit Säuglingen umgeben waren, wie das früher der Fall war, und ihnen die Vorbilder fehlen.

Bei Affen mag das diese Auswirkungen haben. Affenmütter, die isoliert aufgezogen wurden und sich den Umgang mit Babys nicht abgucken konnten, wissen mit ihrem Jungen kaum etwas anzufangen und weisen es sogar brutal ab. (Harry Harlow nach Herbert Renz-Polster: "Kinder verstehen", Seite 254)

Aber gilt das auch für Menschen?

Ich bin zwar in einer größeren Sippe groß geworden (drei Geschwister, 26 Cousins und Cousinen), aber als der Kronprinz auf die Welt kam, habe ich das trotzdem als Kaltstart empfunden.

Nach Studium und ersten Berufsjahren, nach jahrelangen Kopfgeburten war mir die richtige Geburt entschieden zu körperlich: Dammriss, Klammer auf dem Babynabel, Kindspech, Milcheinschuss ...

Hilfe, wo ist meine saubere Schreibtischwelt, meine Bücher, mein Computer, Briefablage? Wo sind sie, die coolen Frauen in den Konferenzen? In der Klinik sah ich nur Morgenmäntel, die zum Kaffeespender watschelten.

Als die größten Körperlichkeiten überwunden waren, wurde der Kaltstart wärmer. Es gab einen Kronprinzen, der im Nacken duftete.

Leicht war es am Anfang trotzdem nicht. Irgendwann wurde der Duft von einem säuerlichen Gestank überdeckt, weil ich übersehen hatte, dass man die Halsfalten waschen muss. Der kleine Kerl hatte ein wundes Doppelkinn. Kein Wunder, dass er so unruhig war.

Meine berufliche Coolness wieder zu erlangen, war auch nicht so einfach. Wenn der Redaktions-Bote bei uns klingelte, um die nächsten Texte abzuholen, öffnete ein Schatten meiner Selbst die Tür. In Jogginghose, Spucktuch über der Schulter, Augen tief in ihren Höhlen, das Baby mechanisch wippend auf dem Unterarm.

Habe ich schon mal beschrieben, wie seine Majestät, mein Mann, und ich den Thronfolger föhnten, damit er endlich einschlief, und wie wir rückwärts auf dem Boden robbten, um den laufenden Föhn am Kabel aus dem Schlafzimmer zu ziehen?

Heute möchte ich etwas verlosen. Nein, keinen Föhn, sondern das Buch "Baby-Nöte verstehen" von der Kinder-Osteopathin Karin Ritter. Ich habe es zur Besprechung zugeschickt bekommen und musste nach dem Lesen denken, dass ich mir bei meinem Kaltstart damals ein solches Buch gewünscht hätte.


Luftaufnahme vom Kronprinzen im Alter von fünf Monaten. Auch wenn seit Mitte der 90er Jahre von der Bauchlage als Schlafposition abgeraten wird, schreibt die Kinder-Osteopathin, dass die Bauchlage "ein wichtiger Baustein in der Bewegungsentwicklung" des Kindes sei. Babys sollten "täglich ein bis zwei Stunden unter Beobachtung in dieser Lage liegen". 

In dem Buch erfährt man,
  • dass es nicht immer Koliken oder Blähungen sein müssen, die ein Baby schreien lassen
  • dass der Stress des Kindes durch falsche Lagerung im Bettchen ausgelöst werden kann
  • dass sich Säuglinge durch Lagerung der Beine auf ein Kissen viel wohler fühlen können und man so die Überstreckung des Kopfes vermeidet (verschiedene Lagerungen auf Fotos dokumentiert)
  • dass man ein Baby nicht mit dem Achselgriff hoch nimmt, weil das die Schultern zu sehr nach oben quetscht 
  • wie man es statt dessen hoch nimmt (zahlreiche Fotos)
  • mit welchen Griffen man es am besten trägt, wickelt, umzieht ...
  • dass man ein Baby ruhig im Autositz schlafen lassen kann, wenn man es darin in die Wohnung getragen hat, weil die Schalensitze ihm guten Halt geben, allerdings sollte man etwas unter den Sitz schieben, damit das Baby weniger aufrecht liegt
  • dass man kein Spielzeug an den Tragegriff des Autositzes hängen sollte, weil es dort für die Wahrnehmung des Babys zu tief hängt (kann zu Nackenverspannungen führen, Abstand zu den Augen mindestens 80 cm)
  • dass man den Autositz als Schaukel benutzen und an die Decke hängen kann (sanftes Schaukeln beruhigt immer) 
  • wie man ein Baby "puckt" (Pucken = zeitweiliges Einwickeln von Armen und Oberkörper des Babys, um ihm Halt zu geben und es damit zu beruhigen) plus Nähanleitung für einen "Puckschal" 

Karin Ritter nennt ihre Vorschläge "Glücksgriffe" und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Tipp mehr Frieden in die Kaltstart-Familien bringt.

Zudem enthält das Buch eine DVD, auf der die Handgriffe, das richtige Lagern, Hochnehmen und Tragen gezeigt werden.

Wer das Buch gewinnen möchte, schicke mir bitte einen Kommentar, in dem ihr mir kurz eure Lebenssituation als Eltern oder werdende Eltern beschreibt.

Einsendeschluss ist diesmal schon morgen, 10. Oktober, um 12 Uhr mittags. Dann kann ich es am Samstag schon zur Post bringen.

Immer fröhlich nach neuen Möglichkeiten für friedliche Thronfolger suchen

Eure Uta        


Die Zettel nehme ich wieder raus, dann ist es fast wie neu.

Montag, 29. September 2014

Glückliche Familie Nr. 243: Synchron-Schlafen


Jemand aus unserer Familie durfte aus medizinischen Gründen zwei Tage lang nichts essen. Als diese vorbei waren, sollte es eine Feier der Völlerei geben und ich bin zum Griechen gefahren, um für alle "Gyros-komplett" zu holen. Gut, dass ich zufällig "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster dabei hatte, denn ich musste lange warten. So saß ich zwischen aufgeklebten Tempel-Säulen im Knoblauch-Dunst und vertiefte mich in die Kapitel über den Baby-Schlaf.

Was ich dort las, war so herzerwärmend, dass ich den Wein und die ganzen Ouzos, die man mir anbot, nicht brauchte, um die Wartezeit zu verkürzen.

Wusstet ihr, dass die Körper von Mutter und Kind miteinander korrespondieren, wenn das Baby bei der Mutter im Bett schläft?
Körpertemperatur und Schlafphasen gleichen sich an, so dass bei Mutter und Kind die Phasen flachen und tiefen Schlafs parallel verlaufen. Und nicht nur das: Videos aus dem Schlaflabor von schlafenden Mamas zeigen, dass sie sogar im Schlaf die Position des Babys korrigieren, es also zum Beispiel von der Bauchlage auf den Rücken drehen, was ja ein geringeres Risiko bezüglich des plötzlichen Kindstodes birgt. (Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen, Seite 127) Folglich kannst du von den Bahamas träumen und mit den Surfbrett die nächste Welle nehmen, während du das kleine Bündel neben dir wieder in die richtige Position bringst. Mitten im Schlaf. Ist doch irre, oder?

"Videoaufnahmen mit Infrarotkameras zeigen zudem, dass selbst die Bewegungen von Mutter und Kind unbewusst aufeinander abgestimmt sind. Die meisten beobachteten Mutter-Kind-Paare liegen sich fast die ganze Nacht Gesicht zu Gesicht gegenüber. Dabei werden immer wieder schützende oder 'ordnende' Eingriffe der Mutter beobachtet." (nach Richard u.a. 1996 beschrieben von H. Renz-Polster, ebd., Seite 127) 

Demzufolge werden Babys, die gestillt werden und im Bett der Eltern schlafen, zwar häufiger wach, schlafen aber auch schneller wieder ein. Und wegen der synchronisierten Schlafphasen wird die Mutter auch nicht aus dem Tiefschlaf gerissen. Die Experimente aus dem Schlaflabor zeigten, dass die Versuchsmütter mit dem Baby im Bett erholsamer schliefen, als wenn ihr Baby im Nebenzimmer nächtigte.

Das ist doch genial. Warum sagt einem das denn keiner?

Die Untersuchung, die Renz-Polster beschreibt, ist von 1996. Der Kronprinz ist 1997 geboren. Das hätte ich doch auf jeden Fall ausprobiert.

Jetzt fällt mir auf, dass Renz-Polster gar nichts über die Väter geschrieben hat. Werden die gleich mit synchronisiert, wenn der Nachwuchs mit im großen Bett liegt? Und klappt das auch, wenn der Säugling in einem Bettchen liegt, das man an das große Bett dranhängen kann? Welche Reichweite haben die elterlichen Schlafsignale? Wie klappt das bei Flaschen-Kindern?

Fragen über Fragen.

Bei Renz-Polster gefällt mir gut, dass er in seinem Buch keine religionsartigen Kriege für die eine oder andere Einschlaf-Methode oder für oder gegen das Stillen führt. Er weiß, das ist für Mütter ein vermintes Feld. Und für jede Familie ruckelt sich zurecht, was gut zu den jeweiligen Menschen und ihrem Leben passt.

Er schreibt, dass sich die segensreichen Wirkungen des gemeinsamen Übernachtens auch nur entfalten, wenn alle Beteiligten solchen gemeinsamen nächtlichen Happenings zustimmen können. Seine Majestät der Soßenkönig, sonst ein großer Freund des Kuschelns, hatte immer Bedenken, er würde unser Kind im Schlaf unter sich begraben (hier fehlten uns noch die Kenntnisse der Schlaf-Synchronisation, denn wahrscheinlich hätte ich ihm Tiefschlaf einen rechten Haken verpasst, das Baby gerettet und alle hätten weiter geschlummert.)

Auf jeden Fall gibt es wohl keine Belege dafür, dass es der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes schaden würde, wenn es in einem anderen Zimmer übernachtet. Und umgekehrt werden Kinder auch nicht weniger selbstständig, wenn sie als Baby bei ihren Eltern schlafen dürfen.

Was man aber auf keinen Fall machen sollte, ist die Methode aus dem einstigen Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen". Dort wurde empfohlen, das Baby durch immer längere Phasen des Alleinseins im eigenen Zimmer an selbstständiges Einschlafen zu gewöhnen. Nicht machen! Damit erreicht man ein gestresstes Resignieren, aber kein friedliches Einschlummern.




Aus dem Schlaf-Kapitel habe ich mitgenommen:
  • Mit dem Baby zusammen im großen Bett zu schlafen, kann segensreiche Wirkungen entfalten.
  • Die Natur ist genial.
  • Wenn Kleinkinder nicht einschlafen können, weil sie im Dunkeln Angst vor Monstern haben, kann es helfen, ein Licht brennen zu lassen. Aber auf keinen Fall die ganze Nacht, weil selbst schwaches Licht die Bildung des "Rhythmushormons" Melatonin im Gehirn stört. Am besten Zeitschaltuhr verwenden.
  • Sich das Einschlafritual, das man einführen möchte, gut überlegen. Wenn Kinder nachts aufwachen, brauchen sie das gleiche Ritual wie am Abend, weil es für sie wie eine "Brücke" in den Schlaf ist. Wer also eine Geschichte liest, singt, über den Kopf streicht und den Bauch fönt (Familie Katzenklo in ihren Anfängen), wird damit leben müssen, dass das Kind in der Nacht das gleiche Programm einfordert. 
  • Großen Kindern kann man einige spannende Fakten über den Schlaf erzählen: das für das Wachstum wichtige Hormon wird hauptsächlich nachts ausgeschüttet - im Schlaf werden Reperaturarbeiten an den Körperzellen durchgeführt - nachts produziert der schlafende Körper besonders viele Immunstoffe und schützt einen so vor Krankheiten - im Schlaf sortiert sich das Gehirn neu und funktioniert morgens wieder besser (das sieht man daran, dass Insekten und Würmer keinen Schlaf brauchen, denn da ist kaum was zu sortieren) 

Immer fröhlich auf gutes Schlafen achten und mal ausprobieren, ob es auch gemeinsam im großen Bett klappt.

Eure Uta


PS: So begeistert ich auch davon bin, Babys bei sich schlafen zu lassen, würde ich Kleinkinder so ab eineinhalb oder zwei Jahren aus dem Elternschlafzimmer ausquartieren. Dann ist es - auch für die Kinder - wichtig, dass Mama und Papa wieder mehr ein Paar sein dürfen. Wenn ein großes Kind krank ist, Albträume hat oder eine schwere Zeit durchmacht, kann man Ausnahmen machen.
Aber ich habe den Eindruck, dass viele Mütter es übertreiben und das gemeinsame Übernachten bis in Schulzeiten hinein der Einstieg dafür sein kann, den Mann und Vater an den Rand der Familie zu drängen. 

Montag, 11. August 2014

Glückliche Familie Nr. 235: Feinfühlig und prompt


Im Urlaub habe ich weiter in dem Wälzer über Bindungstheorie gelesen (Karin Grossmann/Klaus E. Grossmann: Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 2012). Am Flughafen mussten wir das Buch aus meinem Koffer in einer anderen geben, weil wir sonst Übergepäck hätten zahlen müssen. Nur damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie dick das Ding ist.

Wir waren auf Sardinien. Und wenn wir nicht am Strand waren oder geguckt haben, ob wieder Ameisen unser Brot aushöhlen, habe ich gelesen und gelesen. Jede Menge wichtige Stellen habe ich angestrichen, aber ich schreibe jetzt mal aus dem Kopf, was bei mir hängen geblieben ist.

Um bei kleinen Kindern (so etwa ein oder zwei Jahre alt) die Art der Bindung an ihre Mutter zu testen, wird eine sogenannte "fremde Situation" herbeigeführt: Mutter und Kind kommen in einen Raum. Dort findet sich eine für das Kind fremde Person und Spielzeug. Kind spielt, Mutter bleibt eine Weile da. Mutter verlässt den Raum, Kind ist irritiert, fremde Person tröstet, Mutter kommt wieder ...

Dem Verhalten des Kindes, wenn die Mutter wieder kommt, messen die Forscher eine große Bedeutung zu. Freut es sich über Mamas Rückkehr, lässt es sich kurz herzen und spielt dann weiter, machen die Wissenschaftler ein Kreuz bei "gesunde Bindung".

Als Anzeichen für eine nicht-sichere Bindung gilt: das Kleinkind lässt sich auch bei der Rückkehr der Mutter über längere Zeit kaum trösten und bleibt unruhig oder aber das Kleinkind gibt sich gleichgültig bei Trennung und Rückkehr, ist aber innerlich gestresst, weil es sein Bindungsverhalten unterdrückt.

Das letztgenannte Verhalten geht mir besonders ans Herz. Da haben schon Einjährige "gelernt", dass ihre Bezugspersonen es nicht so haben mit dem Trösten und Kuscheln und lernen eine sie selbst "belastende Selbstbeherrschung" (Grossmann/Grossmann, S. 168).  Einjährige!

Und wie vermeidet man einen solchen Stress für Kleinkinder?

Durch Feinfühligkeit.

Es zeigten diejenigen Kinder Bindungssicherheit und später auch Selbstsicherheit, wenn ihre Eltern von Anfang an feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen konnten, wenn sie erkannten, wann braucht mein Kind Trost und Nähe, wann braucht es Anregung und Spiel und wenn sie prompt auf die Signale eingingen.

Als ich in der sardischen Hitze über dem Buch brütete, fiel mir aber auch ein, wie ich den schreienden Kronprinz als Baby durch die Wohnung trug und ratlos war, wie ich dieses Bündel beruhigen sollte. Ich bin heute noch froh, dass keine Bindungsforscher auf dem Windeleimer hockten und ihre Kreuzchen machten: "Mutter erkennt nicht, wenn Kind sein Bindungssystem aktiviert." - "... ist hilflos bei Explorationsverhalten*."

Abends waren wir auf einem italienischem Landgasthof essen. Und besser als in jedem Bindungsbuch konnte ich dort studieren, wie es geht: Auf einer großen Terrasse in den Bergen hoch über dem Meer hatten sich mehrere junge Familien zum Essen getroffen. Sechs Kleinkinder zwischen einem und vier Jahren wuselten zwischen den Tischen. Während die Erwachsenen sich unterhielten, Spanferkel aßen und Wein tranken, hatte immer mal jemand ein Kind auf dem Schoß, wiegte und herzte es, um es dann wieder loslaufen zu lassen, zu dem kleinen Spielplatz einige Meter weiter oder zum Gucken, was die anderen Gäste so machen.
Mit Oliven in der Backe und sardischem Pecorino-Käse auf dem Teller konnte ich herrlich Bindungsforschung betreiben, konnte beobachten, wie sich die Kleinsten immer wieder der Nähe ihrer Eltern versichern, auf den Schoß klettern, kurz dort sitzen und schmusen, um - so gestärkt - wieder loszurennen, die streunende Katze zu streicheln, ältere Kinder zu beobachten, hinzufallen, sich trösten zu lassen und wieder weiter ...


Leider habe ich kein Bild von den wuselnden Kleinkindern, aber von der Terrasse und dem Blick. 

Diese Mamas und Papas hatten Spaß mit ihren Freunden und reagierten feinfühlig und prompt auf ihre Kinder. Das alles geschah sehr beiläufig ohne Kopfzerbrechen über die richtige Erziehung, ohne Fixiertsein auf das Kind. Diese Leute genossen sich, ihre Freunde, ihre Kinder, das Essen.

Bei allem, was ich über Bindung im Urlaub gelesen und gesehen habe, ist mir eins wichtig: Dass niemand mehr der Idee anhängt, es würde Kinder abhärten und stark machen, wenn man sie schreien lässt. Das Gegenteil ist der Fall.

In einem Interview auf FAZ.NET weist die Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll darauf hin, dass sich die Abhärtungs-Theorie nach wie vor hartnäckig hält.

"Unser Verständnis von unserem Umgang mit Kindern ist nach wie vor von einem Buch aus dem Dritten Reich geprägt, "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von der Lungenfachärztin  Dr. Johann Haarer. Darin steht, dass man neugeborene Babys in einem 16 Grad kalten Kinderzimmer zum Durchschlafen zwingen solle, nicht füttern, nicht trösten, nicht herzen - sondern stark machen und abhärten. Dieses Buch wurde in Westdeutschland mit leicht verändertem Titel bis 1987 von vielen Kommunen an Eltern verteilt und in vielen Fach- und Berufsschulen verwendet. Die letzte Auflage war 1996. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen." 

Das ist wirklich gruselig, oder?

Ich ziehe aus dem Gelesenem und Erlebtem folgende Konsequenz:

  • Wenn ein Baby schreit und man kann es nicht beruhigen, ist das nicht tragisch. Alle Eltern erleben mal diese Situation der Hilflosigkeit und Überforderung.
  • Aber das Schreienlassen auf keinen Fall zur Methode erheben.
  • Einfühlsam und prompt auf das Kleinkind reagieren, erkennen, wann es auf einen zustrebt (Bindung) und wann es wegstrebt (Exploration). 
  • Lieber auf einem italienischen Landgasthof schlemmen als sich durch Bindungsbücher zu arbeiten.

Immer fröhlich bleiben

Eure Uta

* Exploration = etwas erkunden


Ps: Sternie von "Sternglück hat dieses kleine Buch



gewonnen. Herzlichen Glückwünsch! Bitte maile mir deine Adresse, dann geht das Buch in die Post. 

Freitag, 7. Februar 2014

Glückliche Familie Nr. 198: Mama im schwarzen Loch


Als ich noch keine Kinder hatte, war ich als Journalistin zusammen mit einer Fotografin auf einem Reportage-Termin. Die Fotografin war schwanger und ich fragte sie, wie sie das Weiterarbeiten nach der Geburt organisieren wolle.
Ich hatte damals gar keine Frage dazu, ob sie mit Baby weiterarbeiten würde. Schließlich machte die Fotografin Jobs für ein angesehenes Wochen-Magazin. Und ich war mir sicher, dass sie diesen Job nicht aufgeben wollte.

Aber die Fotografin guckte mich nur groß an (größte Blende überhaupt) und sagte: "Ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht, was für ein Kind ich bekommen werde."

Wenig später wurde ich schwanger. Zwar war ich fest entschlossen, die ersten drei Jahre zu Hause bei dem Kind zu bleiben, aber es sprach ja nichts dagegen, zehn Monate nach der Geburt für zwei Wochen  als Referentin auf eine Journalisten-Fortbildung nach Süddeutschland zu verschwinden.

Der Kronprinz wurde geboren, ein paar Monate gingen ins Land und der Termin meiner Abreise rückte gefährlich nahe. Seine kleine Majestät nahm gerne mehrfach täglich die Brust und hielt nichts, aber auch gar nichts von Flaschen-Milch. Wir probierten alle Saugertypen durch, Ventilbecher und was der Baby-Markt so hergab, aber unserem Baby ging es ums Prinzip.

Schließlich wurde aus der ganzen Aktion ein rüdes Zwangs-Abstillen und ich saß mit der Oberweite meines Lebens im Zug nach Nürnberg.

Mein Mann hatte sich zum Glück zwei Wochen Urlaub nehmen können und blieb mit dem kleinen Kronprinzen zu Hause.

Nach einer Woche Seminar setzten sich meine Männer ins Auto und besuchten mich im Tagungshotel.

Aber das Kind war sichtlich irritiert.

Die Mama, die wie in ein schwarzes Loch verschwunden war und mit deren Ableben es sich offensichtlich abgefunden hatte, war plötzlich wieder da. Aber man sah, dass Kronprinz der ganzen Sache nicht mehr traute.
Und als der Milch-Mann (Papa) das erste Mal nach dem Wiedersehen mit Mama auf Toilette gehen wollte, wollte Kronprinz nicht bei Mama bleiben und brüllte wie am Spieß. Der Kleine musste mit auf die Toilette. So ging es dort die ganze Zeit.

Wahrscheinlich hatte er vor Augen, wie Papa sich durch das Oberlicht quetscht und mit den Pulvermilch-Tüten auf der Autobahn davon braust und nie wieder auftaucht. (Da so Kleine noch kein Zeitgefühl haben, beginnt "nie" nach sehr kurzer Zeit.)

Die Fotografin hatte damals gesagt, sie wisse nicht, was für ein Kind sie bekommen werde.

Ich finde es bewundernswert, wenn jemand die Ruhe und die Zuversicht hat, die neue Situation erst einmal abzuwarten und dann angemessen darauf zu reagieren. Da ist so viel Respekt vor dem neuen Menschen und für sich selbst in der neuen Situation als Mutter.

Die kleinen und größeren Jobs, die ich mir für die Zeit nach der Geburt organisiert hatte, haben uns alle sehr gestresst. Von großer Unruhe beim Kronprinzen bis zur Brustentzündung bei mir. Und später war es viel schwieriger, ihn mal fremd betreuen zu lassen, als bei Prinzessin, die als Baby nicht erleben musste, dass ich tagelang verschwand.

Gerade lese ich einen dicken Wälzer über Bindungstheorie. Dort wird klar, wie wichtig die Nähe vertrauter Menschen für den Säugling ist.

"Alle Sinne von Neugeborenen sind speziell auf die Reize geeicht, die von anderen Menschen ausgehen, ... : Es betrachtet lieber menschliche Gesichter als andere Muster, und es horcht konzentrierter auf die Stimme einer Frau, besonders die seiner Mutter, als auf irgendein anderes Geräsuch. Einen Tag alte Neugeborene unterscheiden feinsinnig zwischen dem Schreien eines anderen Neugeborenen und künstlich erzeugtem Schreien gleicher Lautstärke. ... Ein Finger aus Holz löst seinen Greifreflex weniger nachhaltig aus als ein ebenso dicker menschlicher Finger." (Karin Grossmann/Klaus E. Grossmann: Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart, 2012, 5. überarbeitete Auflage, S. 103)

Mit Kronprinz vor 16 Jahren und einige Monate, bevor ich auf das Seminar verschwand.

Ein Baby braucht konstant und verlässlich einen fürsorglichen anderen Menschen, der mit ihm interagiert: Körperkontakt, Sprechen, Mimik, Gestik, vertraute Gerüche, Lachen, Knuddeln. Es braucht nicht unsere ganze Aufmerksamkeit und auch kein spezielles Förderprogramm, sondern eine beiläufige Nähe.
"Eine distanzierte Erziehung ist nach zahlreichen ... entwicklungspsychologischen Forschungen entwicklungshemmend (...). Vergleiche mit verschiedenen Kulturen und internationale Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass körperliche Nähe und eine umsichtige, eher nachgiebige Erfüllung kindlicher Bedürfnisse zu höherer sozialer Kompetenz führen." (ebda S. 106) 
Im Supermarkt vorgestern schrie ein Mädchen von etwa drei oder vier Monaten. Die Mutter machte ihre Besorgungen, eine ältere Frau, wahrscheinlich ihre Mutter oder Schwiegermutter, folgte der jungen Frau und schob das Fahrgestell mit der Babyschale und dem Kind darin.
Die einzige Reaktion, die die ältere Frau auf das schreiende Kind zeigte, war: Rütteln. Die ganze Zeit rüttelte sie an dem fahrbaren Gestell, ohne dass das irgendeine Wirkung zeigte. Dabei schaute sie abwesend auf die Saure-Sahne-Paletten. Kein Auf-den-Arm-Nehmen, kein freundliches Wort, kein Blick-Kontakt.

Irgendwann hörte das Schreien auf und ich sah, dass das Mädchen mit Schnuller im Mund eingeschlafen war. Ich fürchte allerdings, es hatte sich nicht beruhigt, sondern es hatte resigniert.

Es kann gut sein, dass die beiden Frauen, die ich beim Einkauf sah, sonst sehr liebevoll und fürsorglich sind. Ich will mich gar nicht über sie erheben, schließlich war ich sogar tagelang ganz verschwunden und konnte nicht mal rütteln (was allerdings sogar gesundheitsgefährdend ist).

Ich schreibe dies, weil man am Anfang vieles nicht weiß oder sich bewusst macht. Das hat was mit Professionalität zu tun, die einem auch als Eltern sehr helfen kann.

Immer fröhlich um die ganz Kleinen herum-menscheln

Eure Uta

Ps1: Joanna hat hier ganz wunderbar darüber geschrieben, dass Mütter sich nicht von der Sorge verrückt machen lassen sollten, den beruflichen Wiedereinstieg nicht zu schaffen. Guckt mal unter Punkt 4.

Ps2: Das Seminar, für das ich gearbeitet habe, als Kronprinz noch so klein war, hatte keinerlei Bedeutung für das, was ich heute beruflich mache.