Dienstag, 14. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 144: Geschrei und Türenknallen


Vor ein paar Tagen klagte meine Freundin Inga, sie habe so viel Streit mit ihrer Tochter Sophie (13). Bei jeder Kleinigkeit gebe es Türenknallen oder Geschrei. Sophie wollte ein Betttuch auf ihrer Matratze haben, das viel zu groß für das Bett sei. Und sie, Inga, würde einen Anfall kriegen, wenn sie morgens dieses schlabbrige Laken angucken müsse. Und dann würde Sophie vor dem Frühstück Süßigkeiten essen, obwohl sie doch abnehmen wolle und Inga ihr gerade eine Zehnerkarte fürs Fitnessstudio spendiert habe.  Daraufhin habe Inga Sophie verboten, die Süßigkeiten aus dem Schrank zu nehmen. Es gab wieder Geschrei und Türenknallen ... siehe oben.

Was sollte ich dazu sagen? Ich habe selber ein Kind, das die Ernährungspyramide für sich auf den Kopf gestellt hat. Dem ist nur beizukommen, indem ich Süßigkeiten wegschließe und selber heimlich nasche.

Inga schaute ratlos in mein "Don't worry, be happy"- Gesicht.

"Ich weiß", seufzte sie erschöpft, "dass das alles nicht so tragisch ist. Aber ich kann auch nicht aus meiner Haut."

Doch sie konnte aus ihrer Haut.

Heute rief Inga mich an und erzählte, dass sie am Feiertag den Verwandtenbesuch abgesagt und sich eine Auszeit gegönnt hätte. Am Tag darauf hätte sie sich Zeit nur für Sophie genommen. Zusammen seien sie durch ein Möbelhaus gebummelt und hätten nach einem neuen Bett geschaut. Sogar Kinderkarussell sind die beiden gefahren, haben zusammen rumgealbert.

Zum Muttertag hat Sophie dann alle Töchter im Umkreis ausgestochen. Ein Drei-Gänge-Menü hat sie gezaubert mit einer Suppe aus selbstgehäuteten Tomaten. Sie hat Herzen aus Toastbrotscheiben gestochen und mehr als drei Stunden in der Küche geschuftet.

Dies ist eine Steilvorlage für mein Lieblings-Schaubild.

Wenn die Beziehung stimmt, geht Einflussnehmen automatisch (wechselseitig!). 

Liebe Inga, vor dem nächsten Türenschlagen immer fröhlich an Karussellpferde und Toastbrotherzen denken.

Deine Uta

Sonntag, 12. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 143: In Berlin


Ihr habt jetzt ein paar Tage nichts von mir gelesen, weil die glückliche Familie in Berlin war.

Eine Stadt mit so vielen Sehenswürdigkeiten und so viel Geschichte erschöpft mich schon, bevor ich da bin.

Was müssen wir den Kindern zeigen? Lieber die Mauer-Gedenkstätte in der Bernauer Straße oder ist das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen eindrucksvoller? Lieber den Reichstag oder die East-Side-Gallery? Lieber mit dem Holocaust befassen oder mit dem Bau der Mauer?

Oder nicht so schwere Themen? Vielleicht das Pergamon-Museum besuchen, ein Radiergummi im Ampelmännchen-Shop kaufen oder sich mit einer Curry-Wurst in den Tiergarten "bratzen" (Zitat Prinzessin)?

Als wir über den Potsdamer Platz schlenderten, kam die Kuppel des Reichstags in unser Blickfeld. Eine staatsbürgliche Feierlichkeit ergriff mich, ich tippte Prinzessin (12) an die Schulter und sagte: "Da trifft sich der Deutsche Bundestag, da steht Frau Merkel unterm Bundesadler, wenn du sie im Fernsehen sprechen siehst, da wird jedes Gesetz verabschiedet, das in unserem Land gilt."

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber ich erinnere mich, dass mir als Kind immer ein Schauer über den Rücken lief, wenn meine Eltern, meine Schwestern und ich im Renault 4 gequetscht über die Grenze nach Dänemark fuhren. "Wir verlassen Deutschland", dachte ich und setzte mich aufrecht.  "Gleich fahren wir über die entscheidende Linie. An dem Busch da vorne. Jeeee....tzt sind wir in einem anderen Land."

Kurz vor den ersten Dünen erlaubte ich mir, wieder zu atmen.

Dabei ist "Checkpoint Schilfgras" bei Flensburg historisch gesehen ein Fliegenschiss verglichen mit Checkpoint Charlie in Berlin.

Was die dänische Grenze mit dem Reichstag zu tun hat? Gar nichts. Aber mit Ehrfurcht vor so staatstragenden Dingen wie Grenzen, staatlicher Macht, Plenarsälen ...

"Also da", ich zeigte wieder auf die Kuppel, "wird über alle entscheidenden Dinge in unserem Land abgestimmt."

"Mama, das hast du schon vor fünf Minuten gesagt."

"Ja, aber es ist ja auch so wichtig."

Eigentlich hatte ich Wochen vor unserer Reise eine Reichstagsführung buchen wollen. Eigentlich.

Aber eine DVD über den Mauerbau hatte ich rechtzeitig bestellt. So haben wir am Vorabend der Reise die Dokumentation "Flucht in die Freiheit. Die Geschichte einer mörderischen Mauer"gesehen. Eindrucksvolle Animationen zeigen, wie der Grenzstreifen mit Stacheldraht, Wachhunden, Minenfeldern und Selbstschussanlagen immer mehr zum Todesstreifen wurde. Nachgestellt wurden spektakuläre Fluchtversuche. Man sieht einen Mann mit seinen Brüdern einen Tunnel graben, um Frau und Kinder zu sich nach West-Berlin zu holen, zwei Freunde nachts mit Surfbrettern über die Ostsee entkommen oder einen Familienvater aus Stoffbahnen einen Heißluftballon nähen. Diese persönlichen Geschichten verwoben mit Fakten über die Brutalität der Grenze haben auch Prinzessin sehr beeindruckt. (Der Film eignet sich meiner Einschätzung nach für Kinder ab zehn Jahren.)

So haben wir in Berlin keine Marco-Polo-Top-Ten-Sehenswürdigkeiten abgearbeitet, sondern sind gemütlich durch Friedrichshain gebummelt, haben Freunde besucht, die East Side Gallery gesehen und veganes Rührei probiert (na, ja).

Kurz vor unserer Abreise aber waren wir an der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße.

Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße

Ohne zu meckern haben sich die Kinder Mauerreste und Gedenktafeln angeschaut. Und ich musste daran denken, dass Wissenserwerb am besten über das Schneeballprinzip funktioniert:

Wenn schon ein paar, möglichst persönlich berührende Informationen (Schneeball) vorhanden sind, kann weiteres Wissen leicht daran anknüpfen. An dem Schneeball bleibt auf dem Weg ins Tal immer mehr Schnee hängen und macht ihn zur Lawine.

Schnee, "Check Point Schilfgras", veganes Rührei? Schreiben hat eine merkwürdige Eigendynamik.

Immer schön fröhlich Berlin ansehen und vorher eine Doku gucken

Uta

Donnerstag, 2. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 142: Buch als Zapfsäule


Kennt ihr das, ...

... wenn man dem nachjagt, was einen glücklich macht und darüber immer unglücklicher wird
... wenn man sich zwingt, der Tochter den Rücken zu kraulen, obwohl man selber ein paar Streicheleinheiten gebrauchen könnte
... wenn man zu einer Preisverleihung eingeladen ist, sich beim Friseur die Haare hochstecken lässt und allein die Meisen ganz aufgeregt darüber sind, weil sie auf dem toupierten Oberkopf einen wunderbaren neuen Nistplatz entdeckt haben
... wenn man ein Kleidungsstück kauft, das einem farblich nicht steht und furchtbar zwickt* (im Schwäbischen: "Arsch frisst Hose auf")
... wenn man in einen Korb, randvoll mit nassen Socken in Schwarz-Grau-Blau, starrt, und nicht ein Fitzelchen Kraft in sich spürt, die erste Wäscheklammer aufzudrücken
... wenn man sich schämt, weil man alles hat (Mann, gesunde Kinder, Milchaufschäumer aus der Edelstahl-Edition und neuen Eyeliner mit Softhaarpinsel) und nicht jeden Moment in Dankbarkeit auf den Knien verbringt
... wenn man eine Ecke aufräumt und beim Wegtragen der störenden Teile in andere Ecken kommt, die auch dringend aufgeräumt werden müssen, und sich umzingelt fühlt von unaufgeräumten Ecken
... wenn man wie ein Blog-Kommentar-Junkie um den Laptop streicht und erschrickt, weil man ein XXL-Bedürfnis nach Anerkennung spürt und es zum Teufel jagen möchte
... wenn man überall "LOVE" liest auf Shabby-Kissen, Geschenkpapieren, trendigen Holzbuchstaben auf Kaminsimsen ohne Kamin und Momente hat ohne den geringsten Hauch von "Love is in the air"
.... wenn man keine Lust hat, einen Post zu schreiben, obwohl einen "das doch immer so glücklich gemacht hat" ....?

Also ich hatte ein paar Tage lang mit einer Niedergeschlagenheit zu kämpfen, die für einen klar denkenden Außenstehenden und für mich selber (das ist das Schlimmste) in keiner Weise nachzuvollziehen war.

Der Katzenabwehrgürtel am Ahorn unterm Nistkasten als Symbol für mein Innenleben.

Und dann kam der 1. Mai. Die Sonne mit ihrem Gescheine spottete meinem Unglück Hohn. Ich schlich in aller Frühe aus dem Bett, hatte die Eingebung, ich sollte nach "Gespräche mit Gott" von Neale Donald Walsch greifen und verbrachte eine Stunde mit dem Band im Lesesessel.

Kennt ihr das auch, dass einem ein Buch in einer Situation genau die Worte schenkt, die man braucht. So ein Buch wie eine Zapfsäule. Einmal Super, volltanken bitte.

"Innerhalb der wahren Ordnung der Dinge tut man nichts, um glücklich zu sein - man ist glücklich und tut deshalb etwas. Man tut nicht etwas, um mitfühlend zu sein, man ist mitfühlend und handelt deshalb auf bestimmte Weise." (Neale Donald Walsch: Gespräche mit Gott,  S. 279)

Man tut nicht etwas, um als liebevolle Mutter dazustehen, man liebt ... oder auch mal nicht. Alles andere ist unecht und nichts wert.

Es gibt nichts zu beweisen über mich oder über dich, es gibt kein richtig oder falsch in der Kindererziehung oder im Leben. Es gibt nur Dinge, die besser oder schlechter funktionieren.

Wenn man etwas tut, schreibt, kauft, backt oder umgräbt, weil man glaubt, man könnte seinen Wert als Person damit steigern, führt einen das früher oder später in den Burn-Out - egal um welche Art von Tun es sich handelt und egal, ob man Gymnastik macht oder nicht.

Ich las Seite um Seite, spürte meinen inneren Frieden zurückkehren, war voller Freude und Katzenhaare (Kampfschmusen mit Amy), fand Sonne und Hornveilchen nicht mehr kitschig und mich selbst wunderbar.

Prinzessin (12) kam die Treppe runter und kuschelte sich an mich. Mein Innenleben war auf Sendung. Denn wie sonst war zu erklären, dass sie mit mir Meisen guckte statt fern.

So gestärkt, hatte ich automatisch das Bedürfnis, gut zu mir zu sein. Ich duschte, verbrauchte eine halbe Dose Body-Butter, machte mir ein Müsli mit Früchten und genoss jede Haferflocke in meinem Mund.

Ich will euch nicht damit langweilen, dass ein wunderbarer Tag folgte. Ich will euch einfach nur sagen, dass ihr nichts über euch beweisen müsst. Gar nichts. Ich hab's jetzt auch kapiert.

Immer schön fröhlich sein

Uta

Sonntag, 28. April 2013

Glückliche Familie Nr. 141: Lernen mit Toni


Ich stehe für eine Pädagogik des Vertrauens.
Menschen mit dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" sind mir höchst suspekt.

Aber auch mein Vertrauen ist Erschütterungen ausgesetzt. Zumindest sometimes.

Prinzessin (12) lernte zusammen mit unserer Nachbarin Toni (16) Englisch. Ich hatte in der Küche zu tun und bekam ein paar Fetzen mit. "Was heißt denn 'sometimes'?" - "Weisinich." - "Manchmal". "Und was heißt 'still'?" - "Äh, keine Ahnung."

Unter Schock vergaß ich, den Druck auf die Spüli-Flasche zu lockern. Berge aus Schaum und Selbstzweifeln wuchsen aus dem Spülbecken. Sechste Klasse und kein Grundwortschatz?

Ist mein Weg ein Holzweg? Ist mein Vertrauen vielleicht Blindheit? Ist meine sonnige Gelassenheit eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit meiner Kinder?

Auf dem Wohnzimmertisch lag "Der Spiegel". Vom Titelbild schaute mich ein bekümmertes Mädchen an. "Ich kann nicht mehr" stand in weißen Buchstaben auf ihrem Pulli und in einem Kasten daneben "Generation Stress. Wenn Schule krank macht".

Ich warf das Heft zurück auf den Tisch. Zumindest dieses Problem haben wir nicht.


Lernen mit Toni - da kann es passieren, dass auch noch die Nägel neu lackiert werden.

"Komm, Toni, eine Runde Abtanzen." Prinzessin alberte herum, stupfte die neonpinke Spitze ihres Zeigefingers in Tonis Seite.

Aber Toni zog ihren Pulli glatt, blieb hart, ließ Prinzessin 'sometimes' und 'up to now' und 'ago' auf Zettel schreiben und hängte sie in Prinzessins Zimmer an den Kleiderschrank. "Das sind die Signal-Wörter für 'simple past'. Hast du das verstanden?" - "Alles klar, gecheckt", Prinzessin flog durch ihr Zimmer und landete mit einer Arschbombe in ihrem Sitzsack. Toni seufzte und grinste.

Überhaupt Toni. Sie wohnt im Haus nebenan. Und wenn es nach Prinzessin ginge, brächen wir die Kellerwand durch für ein gemeinsames Schwimmbad, das Wohnzimmer für eine Disco, das Bad für ein Beauty-Studio mit Toni.

Als ich neulich jammerte, dass ich keine Lust hätte, ständig der Antreiber beim Lernen zu sein, meinte der Soßenkönig: "Können wir nicht Toni fragen, ob sie Prinzessin unterstützt? Sie spart doch für ein iPhone. Dann kann sie sich ein bisschen Geld verdienen und alle sind glücklich."

Ja, glücklich.

Gelernt wird auf der Bank in der Sonne vor dem Haus oder bäuchlings auf dem Teppich im Zimmer. Und wenn der Kopf schwirrt von Present Perfect, Past Progressive und Simple Past, hängen beide an der Turnstange ab.

"Das war der perfekte Tag", sagte Prinzessin neulich, nachdem sie den halben Nachmittag mit Toni verbracht hatte. "Obwohl ihr lernen musstet?" fragte ich ungläubig. "Ja, mit Toni passt es einfach. Sie ist streng, aber man hat trotzdem seinen Spaß."

So beschwingt, tippte sie noch eine halbe Stunde Französisch-Vokabeln in ein Computer-Lernprogramm (auch zu empfehlen), übte Spagat und schaufelte noch schnell die Klumpen aus dem Katzenklo.

Hätte ich mit ihr gelernt, hätten wir uns spätestens nach einer halben Stunde in die Haare bekommen.

Deshalb mein Eltern-Entspannungs-Tipp für heute:

Wenn ihr einen Schüler in eurer Nachbarschaft habt, der drei oder vier Jahre älter ist als euer Kind und sich etwas Geld dazu verdienen möchte, engagiert ihn oder sie als Lerncoach. So lernt es sich effektiver und bringt sogar Spaß.

"In Deutschland", sagt der Neurobiologe Martin Korte, " wird Schule vor allem mit Arbeit und Entbehrung gleichgesetzt."

Und wie sagen die Amerikaner?


The brain runs on fun.

Also mein Weg bleibt der des Vertrauens und der Freude. Yesterday, up to now, for ever.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta 

Dienstag, 23. April 2013

Glückliche Familie Nr. 140: Die Familie mit dem Flugplan


Ich musste meine Lieben ein bisschen stupsen, aber dann haben alle ihre acht wichtigsten Punkte auf meiner Liste angekreuzt. (Wobei jeder eine Kopie für sich hatte, damit er/sie nicht sehen konnte, was die anderen angekreuzt hatten.)

Die ersten drei Punkte haben alle genannt, deshalb die 4 dahinter. Jeweils drei Nennungen hatten die unteren Punkte. 

Das alles zusammen ergibt unsere "corporate identity" als Familie und hängt jetzt auf der Tafel im Flur. 






Interessant waren die individuellen Unterschiede. 

Prinzessin (12) war noch wichtig, "dass wir uns ausreden lassen":

Kronprinz (15) legt Wert darauf, "dass wir nicht über die Schwächen anderer lachen".

Den Punkt "Körperpflege" wollte der Soßenkönig noch aufgenommen wissen. 

Und für mich bedeutet es viel, "dass das Haus schön und ordentlich ist". 


Mancher mag das Schreiben einer familiären "corperate identitiy" als pädagogischen Kram belächeln. Aber mal ehrlich: Jeder, der ein Unternehmen gründet, macht einen Business-Plan. Ziele, Investitionen, Nutzwert für den Kunden ...

Aber die meisten, die eine Familie gründen, die wurschteln sich so durch. Mit mehr oder weniger großem Erfolg. 

Dabei ist Familie für die meisten das Wichtigste in ihrem Leben. 

In seinem Buch "Die 7 Wege zur Effektivität für Familien" schreibt Stephen R. Covey, Vater von neun Kindern:

"Es ist ganz wichtig, dass die gesamte Familienkultur auf ein Ziel ausgerichtet ist, auf das sich alle geeinigt haben. Jeder im Cockpit muss wissen, wohin die Reise gehen soll. Es darf einfach nicht vorkommen, dass der Pilot glaubt, der Flug gehe nach New York, der Flugingenieur aber denkt, dass Chicago das Ziel sei. ... Es würde bedeuten, dass man das Leben einfach nimmt, wie es gerade kommt. Man lässt sich vom Strom der gesellschaftlichen Werte und aktuellen Trends mitreißen, ohne Vision und Ziel. Dann lebt man gar nicht, sondern man wird gelebt." 

Ehrlich gesagt, kenne ich bisher keine Familie, die ihre "Familienkultur auf ein Ziel" ausrichtet. Außer die Katzenklo-Familie natürlich. Aber die musste, weil ich sonst bei meinen Lesern unglaubwürdig würde. 

Ob es uns gelingt, die Ziele auf der Tafel im Flur zu erreichen, wird sich zeigen. Auf jeden Fall war es schön, darüber ins Gespräch zu kommen, und interessant zu sehen, wo der einzelne seine Schwerpunkte hat. 

Hier noch die Punkte, die mir Leserin Dorthe per Mail geschickt hat.

Mir ist wichtig, dass ...
- wir uns aufeinander verlassen können, uns unterstützen, geistig -nicht nur körperlich- anwesend sind, Interesse zeigen (und auch haben)
- uns so VERtrauen, dass wir uns immer trauen, Probleme, Ängste oder "gebaute Scheiße" miteinander zu besprechen
- die Kinder/das Kind selbstbewusste Persönlichkeiten werden, sich nicht von anderen unterdrücken lassen, mit sich selbst "im Reinen" sind, wissen: anders ist nicht schlecht, nur anders. (Und die Mama und der Papa sollten das auch können...)
- wir alle zusammen Zeit verbringen (möchten), gemeinsam essen, Rituale (wie die Gute-Nacht-Geschichte)
- sich alle untereinander zuhören, ausreden lassen, nicht anschreien, nicht beleidigen, nicht handgreiflich werden
- sich alle auch wirklich Zuhause fühlen, gerne dort sind, auch mit Freunden
- wir gemeinsam lachen und Spaß haben. Das kann ein Theaterbesuch sein, aber auch
gemeinsam im Schrebergarten den Fröschen hinterher hüpfen
- wir die Wünsche und Träume, aber auch die Ängste untereinander ernst nehmen, die Kinder wissen: alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen (von Walt Disney)


Sich immer schön fröhlich über Ziele klar werden

Uta 

Sonntag, 21. April 2013

Glückliche Familie Nr. 139: Naives Herzchen?


Ich habe einen kleinen Gedichtband, der im Handel nicht mehr erhältlich ist und bei "ebay" inzwischen gebraucht für fast 80 € gehandelt wird. Weil ich euch gerne an der Freude teilhaben lassen wollte, die mir diese Gedichte immer wieder schenken, fragte ich die Dichterin per Mail, ob ich gegen Schutzgebühr ein paar Zeilen von ihr auf mein Blog stellen dürfte.

Ich erhielt eine Absage.

Sie schrieb, sie werde so häufig im Internet ihrer Worte beraubt, dass sie es auf keinen Fall erlauben werde. Sie lebe von ihren Gedichten und sei darauf angewiesen, dass sie ihr Eigentum blieben. Ich könnte sie bei ihr auf Grußkarten erwerben.

Ich verstehe das und es tut mir leid, dass jemand, der so schön dichten kann, sich mit Unterlassungsklagen herumschlagen muss.

Den kleinen Band mit dem marmorierten Buchdeckel, den ich schon zum Fotografieren in Pose gelegt hatte, schob ich zurück ins Regal. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt.

In dem Coaching-Seminar*, das ich besucht habe, unterscheiden die Trainer zwischen zwei grundlegenden Ausrichtungen.



Angst, Mangel, Misstrauen    -    Liebe, Fülle, Vertrauen


Wenn es mir mal nicht gut geht, ich mich unsicher fühle oder ängstlich, hilft mir diese Unterscheidung sehr. 

Uta, hallo? Aufwachen! In welcher Abteilung wollten wir unterwegs sein? 

Natürlich in der Abteilung "Vertrauen". 

Weil ich so ein naives Herzchen bin? 

Nein. 

Ganz schlicht, weil es besser funktioniert, weil ich Erfahrungen mache, die ich verpasst hätte, wenn ich mich in der Angst-Abteilung eingekapselt hätte, weil Mangel-Denken mich austrocknet, Misstrauen einsam macht. 

Vielleicht würden die Gedicht-Bände von Frau W. neu aufgelegt, wenn sie in der Blog-Welt neuen Zuspruch fänden, vielleicht würde die positive Resonanz so weit den Missbrauch übertreffen, dass sie wegen der vielen neuen Aufträge gar keine Zeit mehr hätte für Termine beim Anwalt. 

Je mehr Erfolg jemand hat, desto größer ist auch das Risiko des Missbrauchs.

Aber deshalb auf Erfolg verzichten? 

Kronprinz (15) hat sich in den vergangenen Wochen zum Graffiti-Künstler entwickelt. Er sprüht seine Bilder auf alte Spanplatten, die wir noch im Keller hatten.
"Das reicht mir nicht mehr", sagte er vor zwei Wochen. "Ich möchte, dass Leute sehen, was ich mache." 
Er stellte ein Brett bei uns in der Straße an die Bushaltestelle. Dort lehnte es zwei Tage an der Rückwand des Wartehäuschens. Dann war es plötzlich weg. 

Eine Pappe mit einem anderen Motiv klebte er mit leicht löslichen Klebestreifen an einen Stromkasten. Ein Woche lang musste ich lächeln, wenn ich mit dem Auto daran vorbei fuhr. Dann lag es zerrissen im Sand.

Sein Bild des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un sprühte er auf Pappe und befestigte es an seinem alten kaputten Fahrrad. Das Fahrrad schob er an die nächste S-Bahn-Haltestelle und schloss es für alle Reisenden gut sichtbar an ein Geländer.
Knapp eine Woche hat es gehalten. Dann lag auch "Kim" in Stücken auf dem Gehweg.


Graffiti-Farben mit Schablonen-Technik auf Pappe, Kronprinz.

Der Kronprinz aber hat schon die nächsten Werke in Arbeit.

Immer schön fröhlich sich verschenken, lieben, vertrauen, Fülle genießen

Uta

*CoachingAcademie Bielefeld

Montag, 15. April 2013

Glückliche Familie Nr. 138: Corporate identity


Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat mal gesagt:


"Das Ziel ist nicht, eine 'richtige' Familie zu schaffen, sondern unsere Familie."


Viele Firmen haben eine "corporate identity", vereinbarte Ziele, die dem ganzen Unternehmen eine Ausrichtung geben.

Warum haben wir als Familie keine "corporate identity"?

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann hat in einem Vortrag* dargelegt, wie sich die Elternrolle von 1950 bis heute gewandelt hat. Hurrelmanns These: In den 50er Jahren lebten Familien viel mehr in geschlossenen Milieus. Die Verwandten, die Nachbarn, die anderen Mitglieder in der Kirchengemeinde ... alle erzogen ihre Kinder ungefähr gleich.

Heute seien die Strukturen viel durchlässiger. Mütter und Väter hätten heute deutlich mehr Freiheiten in der Kindererziehung, fühlten sich aber orientierungslos und allein gelassen.

Wo brauchen Kinder Grenzen, wo sollte man ihnen ihre Freiheit lassen?

Hurrelmanns Fazit: "Es ist viel anspruchsvoller heute Eltern zu sein." Und: "Wir müssen die Elternrolle neu aufstellen."

Folgende Übung aus dem Elterntraining kann euch helfen, euch über eure Familienziele klar zu werden.

Dazu habe ich aufgelistet, welche Familien-Ziele mir so in den Sinn kamen. Toll ist, wenn ihr die Liste weiter ergänzen könnt. Bestimmt habe ich viele Aspekte vergessen.

Am besten geht ihr folgendermaßen vor:

1. Liste ausdrucken
2. spontan ankreuzen, was euch wichtig ist (nicht lange nachdenken)
3. die 8 wichtigsten Punkte ausschneiden und nach Wichtigkeit ordnen

Es geht nicht darum, was als richtig angesehen wird oder was Großeltern, Paten, andere Eltern oder die Gesellschaft von euch erwarten, sondern was euch am Herzen liegt.

Vielleicht sind es Dinge, die banal erscheinen, die ihr aber dringend ändern möchtet und die euch deshalb anspringen, z.B. "gesittet essen können".

Vielleicht seid ihr sehr zufrieden mit eurem Familienleben, möchtet euch aber klarer ausrichten. Dann wählt ihr wahrscheinlich übergeordnete Ziele wie ("nicht verlernen, die Gegenwart zu genießen")


Mir ist als Mutter/Vater wichtig, dass ...
  • wir gemeinsam essen
  • jeder seinen Teller leer isst
  • wir uns bei Tisch angeregt unterhalten
  • niemand mit vollem Mund spricht
  • die Kinder (Ki) ihre Kleider schonen
  • die Ki pünktlich sind
  • die Ki bescheiden sind
  • wir miteinander lachen
  • wir uns ausreden lassen
  • wir uns an Absprachen halten
  • die Ki gerne Freunde mitbringen
  • die Wohnung/das Haus schön und ordentlich ist
  • wir uns nicht anschreien
  • ich bestimme, wann Schulaufgaben gemacht werden
  • die Ki die Schulaufgaben machen ... egal wann
  • die Ki ihr Zimmer regelmäßig aufräumen
  • wir uns um Menschen in Not kümmern
  • die Ki „bitte“ und „danke“ sagen
  • die Ki andere nicht verpetzen
  • wir uns in der Familie gegenseitig unterstützen
  • die Ki schön angezogen sind
  • die Ki lernen, sich körperlich zu pflegen
  • die Kinder gute Noten in der Schule erreichen
  • wir uns die Wahrheit sagen
  • die Ki sich nicht hauen
  • wir zusammen beten
  • die Ki an Gott glauben
  • die Ki in einer Kirchengemeinde sind
  • die Ki ein Musikinstrument lernen
  • die Ki Sport treiben
  • die Ki mit Tieren aufwachsen
  • die Ki viel in der Natur sind
  • die Ki Zeit haben zum freien Spiel
  • die Ki viele Hobbys haben
  • die Ki Haushaltspflichten übernehmen
  • wir nicht über Freunde lästern
  • wir nicht über die Schwächen anderer lachen
  • die Ki gesittet essen können
  • die Ki nicht pupsen oder rülpsen
  • die Ki sitzen bleiben, bis alle am Tisch fertig gegessen haben
  • wir mit den Ki in Theateraufführungen oder Konzerte gehen
  • die Geschwister sich gut verstehen
  • die Ki wenige Schimpfwörter benutzen
  • die Ki nicht verlernen, die Gegenwart zu genießen
  • die Ki gut für berufliche Herausforderungen gewappnet sind
  • die Ki ermutigt werden, ihr Potenzial auszuschöpfen
  • ______________________________________
  • ______________________________________

Ich werde den Soßenkönig, Kronprinz (15) und Prinzessin (12) fragen, ob sie sich auch die wichtigsten Punkte heraus suchen mögen (ich sehe schon, wie sie mit den Augen rollen). Die Kinder werde ich bitten, sich vorzustellen, sie hätten selber Kinder (wahrscheinlich werden sie davon absehen, jemals welche zu bekommen, wenn es ein solch anstrengendes Unterfangen ist). Aber wenn alle dazu bereit sind, bekommen wir tatsächlich eine "corporate identity" für unsere Familie. 

Während ich diesen Post schrieb, habe ich ein Brot gebacken (Backmischung, ich geb's zu), Bellis in Körbe gepflanzt und Prinzessin das iPad abgeluchst. Dabei ist mir die Einschätzung, ob diese Übung hilfreich für euch sein könnte, irgendwie abhanden gekommen. Vielleicht sollte ich diesen Post einem 100-Punkte-Check unterziehen,  nein, mir schwirrt der Kopf und aus dem Backofen riecht es verdächtig. 

Ich halte euch darüber auf dem Laufenden, ob das Brot geschmeckt und wir als Familie eine Ausrichtung gefunden haben.

Gibt es da draußen jemanden, der mir seine 8 Punkte schreiben mag? 

Immer schön fröhlich bleiben

Uta 

* bei einem Vortrag 2009 in Potsdam