Sonntag, 13. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 174: Fahrt mit Leichen


Auf der Rückreise von den schwäbischen Schwiegereltern haben wir im Auto einen Krimi von Henning Mankell gehört. Hörbuch, sieben Stunden, 55 Minuten. Wie in Trance fuhren wir über die Kasseler Berge, so hereingezogen in die Geschichte, dass es niemanden von uns überrascht hätte, wenn im Gebüsch auf dem Waldrastplatz jemand einen Schalldämpfer aufgesteckt und auf uns geschossen hätte oder wir im Graben eine Leiche im Plastiksack unter den Blättern gefunden hätten.

Zum Glück passierte nichts dergleichen. Aber während der kurzen Rast stand ich mürrisch wie Kriminaltechniker Nieberg neben dem Auto und konnte es kaum erwarten, mit Kurt Wallander und Ann-Britt Höglund zusammen die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Fast hätte ich "Ystad, Mariagatan", die Heimatadresse des schwedischen Kommissars, ins Navi eingegeben. Aber obwohl mir die schlaflosen Nächte mit der Pistole unter dem Kopfkissen noch in den Knochen hingen und meine Sinne trübten, riss ich mich zusammen. Der oder die Täter mussten gefunden werden, bevor wir unsere Doppelhaushälfte erreichten.

Ich gestehe, mir war klar, dass dieser Krimi zu düster und zu brutal für Prinzessin (12) ist. Ich gestehe, nachlässig geworden zu sein nach all dem, was sie - wie ich hörte - schon bei Freundinnen an Filmen gesehen hat. Ich gestehe, dass ich diesen Krimi dringend zu Ende hören wollte und ich es nicht geschafft hatte, etwas Harmloseres aus der Bücherhalle zu besorgen.

Hin und wieder drehte ich mich zur Rückbank um und fragte: "Geht es? Ist es nicht zu heftig?"

Was hatte ich erwartet? Dass eine Warnanzeige auf ihrer Stirn blinkte? Dass sie eine Kassette "Ferien auf Saltkrokan" aus dem Rucksack zieht und sagt "Lass uns lieber das hören, Mama"? Dass Kronprinz (16) ein Lied aus der "Mundorgel" anstimmt?

Also fuhren wir weiter mit Wallander, mit der nächsten Leiche, mit seiner Angst und Einsamkeit, mit seiner Tabletten gegen Bluthochdruck und Diabetes und seiner ständigen Frage: "In was für einer Zeit leben wir eigentlich?"

Hinter Hannover hatte der Regen aufgehört. Mit mehr Toten war nicht zu rechnen. Der nächste auf der Liste war Wallander selbst. Opfer Nummer 9. Und der überlebte, das war ja klar. Im Auto aßen wir die letzten Apfelschnitz vom Oma. Wallander machte sich eine Tütensuppe. Was anderes hatte er nicht im Haus.

Es war kurz vor dem Elbtunnel, als der psychopathische Aushilfsbriefträger den Kommissar in seiner Wohnung auflauerte. Angeschossen konnte Wallander fliehen. Später überwältigte er den Serienmörder im Wald, übergab ihm im Präsidium den Kollegen und legte sich - zerschunden, verletzt und allein - unter seinem Schreibtisch schlafen.
Wir schleppten die Taschen ins Haus, kraulten die Katzen und gingen auch schlafen.

Ein paar Ferientage verstrichen. Prinzessin zeigte keine Traumatisierungs-Symptome. Aber mir hing diese Düsterkeit aus dem Krimi nach. "In was für einer Zeit leben wir eigentlich?"

Alice Munro gewann den Literaturnobelpreis. Ich kaufte ihren Erzählband "Tricks", weil ich gelesen hatte, dass sie über Zwischenmenschliches schreibt, und hoffte, dass es mich wärmt. Kunstvoll sind diese Erzählungen, keine Frage. Aber wieder wärmer wurde mir erst, als ich morgens in dem Buch "Dienstags bei Morrie. Die Lehre eines Lebens" las. Darin beschreibt Mitch Albom, wie er seinen alten Professor besucht, der schwer erkrankt ist und bald sterben wird. Seine Besuche bei Morrie werden zu Vorlesungen über das Leben.

"Die Kultur, in der wir leben, ist nicht dafür geeignet, dass die Menschen sich mit sich selbst wohl fühlen." Das hatte Morrie mal gesagt. Und er hatte "seine eigene Kultur geschaffen - lange bevor er krank wurde. Diskussionsgruppen, Spaziergänge mit Freunden, Tanzen nach seiner Musik in der Harvard Square Church. Er rief ein Projekt namens Greenhouse ins Leben, wo Arme sich psychologisch betreuen lassen konnten. Er las Bücher, um neue Ideen für seine Kurse zu bekommen, besuchte Kollegen und wurde von ihnen besucht, hielt Kontakt mit alten Studenten, schriebe Briefe an entfernte Freunde. Er nahm sich mehr Zeit, um zu essen und sich die Natur anzuschauen, ... Er hatte sich einen Kokon menschlicher Aktivitäten geschaffen - Gespräche, Interaktion, Zuneigung - , und sie füllten sein Leben wie eine überfließende Suppenschüssel." (S. 56) 

Spaziergang mit Sohn - Soßenkönig und Kronprinz auf einem Feld im Dorf der Schwiegereltern

Für die nächste Reise werde ich schauen, ob es "Dienstags bei Morrie" als Hörbuch gibt und ob ich meine Lieben davon überzeugen kann, es zu hören. Denn es spielt ja doch eine Rolle, was wir uns so in den Kopf tun.

Immer fröhlich sich seine eigene Kultur schaffen

Eure Uta

Dienstag, 8. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 173: Machos im weiblichen Biotop Schule


Wir sind wieder zu Hause, aber ich konnte nicht bloggen, weil unsere Fritzbox kollabiert ist. Kaum habe ich die Kiste gelobt, bricht sie zusammen. War vielleicht doch zuviel mit dem ganzen Jugendschutz.
Ich habe dafür Verständnis. Die meiste Zeit fühle ich mich auch überfordert vom Jugendschutz.

Dass ich nicht ins Internet konnte, war trotzdem blöd, weil ich euch dringend von einem Text schreiben wollte, den meine süddeutsche Schwägerin für mich kopiert hatte.

Wenn mich ein Artikel oder ein Buch begeistert, dann möchte ich am liebsten mit tausend Exemplaren über das Land fliegen und Kopien aus dem Hubschrauber abwerfen.

Dieser Text ist so einer.

Er stammt von dem Schweizer Allan Guggenbühl und heißt: "Die Schule - ein weibliches Biotop? Psychologische Hintergründe der Schulprobleme von Jungen". (erschienen in: Handbuch Jungen-Pädagogik von Michael Metzner und Wolfang Tischner, 2008, S. 150 - 167)

Guggenbühl schreibt, dass die Schulen es gut gemeint hätten, als sie in den 80er und 90er Jahren die Geschlechterrollen abschaffen wollten. Ein Mädchen sollte nicht darauf festgelegt werden, ein Mädchen zu sein, ein Junge nicht darauf, ein Junge zu sein. Mädchen sollten für Naturwissenschaften begeistert werden, Jungen für Handarbeiten und den Frieden.

Was gut gemeint war, so Guggenbühl, war letztlich eine Ideologisierung und ginge an der Realität von Kindern vorbei. Zwischen den Geschlechtern gebe es Unterschiede, die wir nicht leugnen könnten. Und wenn wir sie leugneten, würden wir den Schülern nicht gerecht. Vor allen den Jungen nicht, die inzwischen viel häufiger die Schule abbrechen oder zur Therapie geschickten werden als die Mädchen.

"Die überwiegende Mehrzahl der Kinder will sich als Junge oder Mädchen ins Leben einbringen, will die geschlechtliche Identität ausbauen und entwickeln. ... Auch wenn die Erwachsenen sich strikt geschlechtsneutral verhalten, entwickeln sich die Geschlechtsunterschiede. ... Wenn die Schule Geschlechtsunterschiede negiert, dann werden aus den Schülerinnen Tussis und aus den Schülern Machos!" (S. 153) 

In dem Artikel wird mit Methoden aufgeräumt, die ich bis letzte Woche für toll hielt.

Individualisierter Unterricht zum Beispiel.

Guggenbühl macht klar, dass es für einen Jungen Stress bedeutet, wenn sich eine wohlmeinende Lehrerin an seinen Tisch setzt, ihm tief in die Augen blickt und nach seinen Interessen fragt.
"Wieso setzt sie sich wieder an meinen Tisch, spricht mit leiser Stimme und betroffenem Gesicht?" 
Über Worte Nähe zu erzeugen, ist ein sehr weibliches Verhalten. Jungen irritiert das eher. Sie stellen Nähe mehr über Taten her. Wenn sie jemanden zeigen wollten, dass sie sie mögen, würden Jungen ihr neustes Handy vorführen, eine Schachtel voller Würmer zeigen oder erklären, wie man den Stuhl verstellt, so Guggenbühl.


Das Tun ist für Jungen noch wichtiger als für Mädchen - Kronprinz vor Jahren an der Nordsee

Auch bei uns an der Schule gibt es seit einiger Zeit sogenannte "Lernzielgespräche".
Meistens sieht das so aus: Lehrerin, Uta und Sohn sitzen zu einem vereinbarten Termin im leeren Klassenzimmer. Lehrerin und Uta sind begeistert über so viel Gelegenheit zum Quatschen, Sohn sitzt muffig daneben.

Danach auf dem Weg zum Auto.

Uta: "War doch toll, wie Frau Wagner auf uns eingegangen ist und wie differenziert sie dich sieht, oder?"

Kronprinz (15): "Mmmmpf".

Uta: "Eigentlich ist sie ja doch ganz nett, die Frau Wagner."

Kronprinz: "Mmmmpf".

Uta: "Du musst dich einfach nur ein bisschen häufiger melden und dich mehr bei der Gruppenarbeit einbringen."

Kronprinz: "Mmmmpf".

Uta: "Ja, fandest du das Gespräch denn nicht gut?"

Kronprinz: "Kriegen wir jetzt eigentlich einen Internetverstärker?"

Ende des Gesprächs.

Auch Prinzessin ist keine Freundin von Lernzielgesprächen. Aber sie reagiert - typisch Frau - ganz anders darauf. Sie sucht Augenkontakt zur Lehrperson, trägt eifrig neue Lernziele ein und sitzt mit einem charmantem Dauerlächeln auf ihrem Stuhl.
Als wir nach dem jüngsten Lernzielgespräch die Treppe zum Parkplatz hinaufgingen, knetete sie ihre Wangen.

"Was machst du da?" - "Ich massiere mein Gesicht. Dieses Dauergrinsen ist so mega-anstrengend."

Ich bin vom Thema abgekommen.

Es ging darum, dass Allan Guggenbühl eine zu starke Individualisierung des Unterrichts für Jungen nicht gutheißt. Phasen des Frontalunterrichts seien wichtig für Jungen.
Ich zitiere: "Wenn die Lehrperson vor einer Schülerschar steht, auf sie einspricht und etwas verlangt, dann präsentiert sie sich als Oberbandenführer". Das bräuchten Jungs von Zeit zu Zeit. Überhaupt bräuchten sie die Gruppe oder Klasse, weil sie sich viel mehr in Hierarchien einsortierten als Mädchen. Die Klasse und ihre Struktur sei für sie eine wichtige Motivation (Besser in Mathe sein als Tim und fast so gut wie Leon). Bei zuviel Individualisierung und ständigem Werkstattunterricht, wo jeder an seinen Themen vor sich hinarbeitet, verlören Jungen ihren inneren Halt.

Ein typisches Gewächs des "weiblichen Biotops Schule" ist die Note für soziales Verhalten, die es inzwischen in vielen Bundesländern gibt. Dem Artikel zufolge sind zumindest die Kriterien, nach denen sie vergeben werden, zutiefst weiblich.
"...das Sozialverhalten ist inzwischen zur schulischen Schlüsselkompetenz aufgestiegen. Schüler und Schülerinnen sollen lernen, eigene Gefühle in Worte zu kleiden, Konflikte verbal zu meistern, zu kooperieren und sich in eine Gruppe einzufügen. ... Die Standards, durch die soziale Kompetenzen genauer festgelegt werden, entsprechen dem Sozialverhalten der Mädchen und nicht jenem der Jungen." (S. 165)
Jungen reagieren körperlicher, sie provozieren gerne, machen Witze und prahlen gerne, um Kontakt zur Gruppe aufzunehmen. Sie brauchen als Lehrer oder Lehrerin einen "Oberbandenführer", der das durchschaut, mal darüber lachen, es aber auch eindämmen kann, statt den Jungen gedanklich und im Zeugnis abzuwerten.

Ach, ich könnte noch so vieles aufgreifen aus dem Text. Aber das führt zu weit.

Für Zuhause noch den Tipp:

Wenn ihr mit eurem Sohn ein wichtiges Gespräch führen wollt, macht nicht die "Schau-mir-in-die-Augen-Kleiner-Nummer". Ihr kommt ihm viel näher, wenn ihr zusammen wandert, joggt oder etwas werkelt.

Immer fröhlich einen Jungen einen Jungen sein lassen

eure Uta

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 172: Franz-Kasten


Unser Internet war so langsam geworden in letzter Zeit, dass ich den Müll rausbringen, die Nägel feilen  und die halbe Spülmaschine ausräumen konnte, bis endlich eure Kommentare auf dem Bildschirm erschienen waren.

Deshalb telefonierte ich mit dem Provider und schloss einen Vertrag über eine neue Datenverbindung. Der Unterschied ist etwa so groß wie zwischen Trampelpfad und Autobahn und die neue Autobahn kostet fünf Euro monatlich weniger, ja weniger, als der alte Trampelpfad (also Nachfragen kann sich lohnen).

Für den Autobahnanschluss sollten wir neue Hardware geschickt bekommen, also eine andere Fritzbox. Da erinnerte ich mich an einen Hinweis aus dem "Netzgemüse"-Buch. Dort stand, dass die Box mit dem netten Namen eine Jugendschutz-Vorrichtung enthielte. Dort könne man für jedes internetfähige Gerät in der Familie einstellen, wann und wie lange es Internet-Zugang gewährt.

So sympathisch, der Fritz in der Box. (Gibt es eigentlich auch einen Franz-Kasten?) Der Fritz auf jeden Fall kann sich wie ein Aufpasser zwischen Doppelhaushälfte und World Wide Web stellen.

Die Dame im Call-Center meinte, es handele sich um ein Extra-Fritzbox-Modell, das Aufpreis koste.

Egal, das war es mir wert.

Aber dann rief mich ein Techniker aus der Zentrale des Providers an und erklärte, auch das kostenlose Standard-Modell enthielte den Jugendschutz und er könne mir die Gratis-Hardware schicken.

"Damit müssen Sie unbedingt mehr Werbung machen", bedrängte ich ihn, "für Familien ist das genial." Der Techniker versprach, die Marketing-Abteilung darauf hinzuweisen.

Oder nutzt ihr das alle schon und keiner hat mir was gesagt? Wehe!

In der Nacht nach der Tarifumstellung und dem Anschluss der neuen Box schlich ich an den Computer und richtete für gewisse Familienmitglieder Zeitfenster für die Internetnutzung ein. Es ging ganz einfach.

So kann das dann aussehen:

Den Zeitplan habe ich aus dem Handbuch fotografiert, aber genauso hat man es auf dem Schirm, wenn man auf der Fritzbox-Seite auf "Heimnetz" geht. Die blauen Balken lassen sich nach Belieben verschieben, vergrößern oder verkleinern.


Wir haben gerade Herbstferien und besuchen die Großeltern im Ruhrgebiet und in Schwaben. In der kurzen Zeit bis zur Abreise scheinen gewisse Familienmitglieder von der Umstellung noch nichts bemerkt zu haben. 

Soll ich die Wahrheit sagen, wenn wir wieder zu Hause sind, oder soll ich empört einstimmen, wenn alle den Provider verfluchen, weil man mal wieder nicht ins Netz kommt?

Ich glaube, ich werde den Spaß ein wenig auskosten und dann die Veränderung "kommunizieren". 

Hilfreich finde ich einen solchen Jugendschutz auf jeden Fall, weil er mich auf sehr bequeme Weise unterstützt, das Internetsurfen ein wenig einzuschränken. Zudem kann man die Einstellung mit einem Passwort schützen.

Immer fröhlich wie ein Heinzelmännchen die Jugendschutzfilter aktivieren und sich technisch Hilfe holen beim Kultivieren des "Netzgemüses"

Uta

PS: Wahrscheinlich komme ich erst nach unserer Heimkehr in der nächsten Woche wieder dazu, hier zu posten. Bis dahin grüße ich euch herzlich. 

Donnerstag, 26. September 2013

Glückliche Familie Nr. 171: Losglück und Lebenshunger


Mein Mann meinte, ich könne nicht immer Juul zitieren.

Recht hat er.

Obwohl ich Juuls Gelassenheits-Pädagogik schon sehr verfallen bin: seinem Einfühlen ins Kind, seinem rührenden dänischen Akzent bei seinen Vorträgen und seinem Verständnis für familiäres Chaos. Ein Verständnis so breit wie sein Grinsen und so hoch wie die Dünen am Hennestrand.

Ich ging also in den örtlichen Buchladen und bestellte ein Buch von Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram.

"Die meisten bestellen ja Juul", sagte die Buchhändlerin und tippte Suchbegriffe ein. Ich sagte nichts und drehte am Ständer mit den Kunstkarten.

"'Wie Erziehung garantiert misslingt''', meinen Sie den Titel?" Der Kartenständer quietschte. "Ja, genau das Buch will ich haben."

Rogge und Bartram stellen fünf Erziehungsirrtümer an Beispielen dar und zeigen, wie man aus der jeweiligen Falle wieder heraus kommen kann.

Als Irrtümer werden genannt, wenn Eltern ...
  • glauben, sie könnten ihr Kind dazu bringen, im Leben etwas zu erreichen
  • daran fest halten, dass die Kinder ihnen gehorchen müssten
  • glauben, sie kämen ganz ohne Strenge aus
  • überzeugt sind, sie müssten immer für ihr Kind da sein
  • glauben, sie sollten ihre Kinder glücklich machen

Das sind zum Teil einander widersprechende Erziehungs-Tendenzen. Zu jeder Falle, in die man tappen kann, wird die Geschichte einer Familie erzählt. Die Autoren beschreiben, wie eine Strategie, an der sich Eltern festgebissen haben, zu wiederkehrenden Konflikten führt und das Miteinander sehr mühsam macht.

Ich kann noch keine Empfehlung für das ganze Buch aussprechen, weil ich noch nicht damit durch bin. Aber der Anfang ist vielversprechend.

Da ist Pia, die nach der Trennung von ihrem Mann den Schwiegereltern, sich und der Welt beweisen will, dass sie es auch alleine schafft mit den beiden Kindern. Ihr Mantra sind solche Sätze wie "Im Leben wird einem nichts geschenkt" oder "Wer nicht hören will, muss fühlen."

Ganz anders die Situation bei Nele, ihrem Mann Mario und dem gemeinsamen Sohn Jasper. Die Eltern sind beruflich erfolgreich und erziehen den Sohn mit Sätzen wie "Ohne Fleiß, kein Preis" oder "Was Hänschen nicht lernt ...". Der Junge muss direkt nach der Schule Hausaufgaben machen und sitzen bleiben, auch wenn er sich nicht mehr konzentrieren kann. Zur Belohnung schenken ihm die Eltern ein Golf-Training, das er gar nicht will.

Mit dieser Einstellung - so Rogge und Bartram - blieben die Eltern nicht im Jetzt, sondern wollten ihr Kind auf ein "imaginäres Später" vorbereiten. Und weil sie ihr Kind nicht in seiner Ganzheit sähen, sondern nur Talente, die sie so gern bei ihm entdecken würden, entstünde permanent Stress in ihrer Beziehung.

Ich möchte hier nicht im Einzelnen aufführen, welche Kurskorrekturen in dem Buch vorgeschlagen werden, um die Lage zu entspannen. Einen Satz aber, der mir besonders gefallen hat, möchte ich herausgreifen:

"Jeder abstrakten Erfahrung geht eine körperliche voraus."

Nicht nur Nele und Mario aus dem Buch, fast alle Eltern verfallen immer wieder einer viel zu akademischen Vorstellung vom Lernen: Schreibtisch, Bücher, Heft, Schönschreiben, Stillsitzen - das erfreut das Elternherz.

Nicht daran gedacht, dass Schaukeln bis in den Himmel die Gehirnhälften besser verdrahtet?

Schon vergessen, dass Klettern das räumliche Vorstellungsvermögen ausbildet?

Nicht gewusst, dass Balancieren eine wichtige Grundlage für das Matheverständnis ist?

Nicht selber schon gespürt, dass die Seele dürstet nach Singen, Tanzen und sich um sich selber drehen?


Kinder brauchen vor allem in den ersten zehn Jahres ihres Lebens folgende Möglichkeiten:
  • Seil springen
  • mit Bauklötzen bauen
  • Ball spielen
  • mit Sand spielen
  • rutschen, rennen, hüpfen
  • schaukeln
  • Höhlen bauen (draußen mit Zweigen oder drinnen mit Kissen und Decken)
  • balancieren
  • schnitzen
  • Nägel einschlagen
  • in Pfützen springen
  • malen, malen und malen
  • Tiere erleben/versorgen
  • sich um eine Puppe kümmern
  • trommeln
  • singen
  • sich verstecken
  • Geschichten hören

Tiere erleben: Prinzessin vor Jahren auf einem Bauernhof im Allgäu


Noch ein Tipp: Meine Elterntrainer-Kollegin hatte mal bei Baumfäll-Arbeiten in ihrer Nachbarschaft einen Stamm gerettet und auf ihre kleine Terrasse gelegt. Daneben immer griffbereit mehrere Hämmer und Nägel. Das war über Wochen die größte Attraktion für ihren Sohn und seine Freunde. 

Solche Angebote sind viel wichtiger als Früh-Englisch, Vorschul-Chinesisch oder sonstige Attentate, verübt von verkopften Erwachsenen auf lebenshungrige Kinder.

Mir bitte immer fröhlich schreiben, was ich in der Liste noch vergessen habe.

Uta


PS: Das Glückswindlicht aus Papier hat Sabrina von "Alltagssüß" gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
Schreibst Du mir bitte eine Mail mit Deiner Postanschrift? Dann kann ich das Glück eintüten.

Sonntag, 22. September 2013

Glückliche Familie Nr. 170: Erleuchtung zu verschenken


Gestern Abend habe ich mir ein Kirschkern-Kissen in den verspannten Nacken gelegt und gelesen. Den verspannten Nacken habe ich, weil ich ständig die Schultern hochziehe. Das ist die "Ich-will-alles-richtig-machen-Haltung". Und die "Ich-will-alles-noch-besser-machen"-Statur.

Das macht die Schultern und den Nacken bretthart.

Mir helfen dann die heißen Kirschkerne und die "Ich-darf-auch-mal"-Sätze, die ich mir gerne überlege.

Ich darf auch mal ...

... Fehler machen
... garstig sein
... albern sein
... ausgelassen sein
... die Kinder blöd finden

Was ist euer "Ich-darf-auch-mal"-Satz?

Unter allen, die mir ihren Satz in einem Kommentar schreiben, verlose ich dieses Glücks-Windlicht aus Papier. Wer keine Darf-Sätze formulieren will, kann auch einen Gruß schicken und teilnehmen. Ich möchte mich nämlich von Herzen bedanken, dass ihr mir immer so nette, ausführliche und persönliche Geschichten und Kommentare schreibt.

Also hier ist das "Give-away".

In der Papiertüte steht ein kleines Glas mit Teelicht. Ich habe noch ein zweites Exemplar aus Berlin mitgebracht. Das verschenke ich original-verpackt.



Teilnahmebedingungen: 
  • ein Kommentar mit einem kurzen Gruß oder Eurem "Ich-darf-auch-mal"-Satz
  • bis Mittwoch, 25. September, 22 Uhr

Zum Schluss noch mein Lieblingszitat aus der gestrigen Leserunde.

"Erleuchtung ist das Verstehen, dass ihr nirgendwohin gehen müsst, nichts tun müsst und niemand sein müsst, außer genau der Mensch, der ihr jetzt seid." (Neal Donald Walsch: Gespräche mit Gott, Bd.1, München 2006, S. 155)


Beim Erleuchten helfe ich ganz gerne mit Kerzen nach.

Immer fröhlich Fehler machen und so richtig ausgelassen sein

Uta

Donnerstag, 19. September 2013

Glückliche Familie Nr. 169: Familienpolitische Ereiferung


Die Bundestagswahl rückt näher und ich wollte mich schlau machen über die familienpolitischen Vorsätze der einzelnen Parteien. Ja, wollte ich ... wirklich.

Dann bin ich aber hängen geblieben bei einem Interview mit der Soziologin Jutta Allmendinger, die sagt, dass wir Lebenszeitkonten brauchen für Erwerbsarbeit.
Wenn jeder so ein Konto hat, dann darf er in Phasen mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen gar nicht oder wenig Erwerbsarbeit leisten. Und wenn man später Halbwüchsige zu Hause hat und die alten Eltern um die Welt kreuzfahren, dann stürzt man sich mit Freude ins Geldverdienen und füllt sein Arbeitzeitkonto wieder auf.

Die Idee finde ich toll.

Leider steht Frau Allmendinger nicht zur Wahl.

Allerdings stimme ich auch nicht in allen Punkten mit ihr überein. (Die Welt ist häufig komplexer als mir lieb ist.)

Jutta A. findet das Betreuungsgeld doof, Uta A. findet das gut. (Habe ich erwähnt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Leute nicht voll auf meiner Linie sind?)

Die Soziologie-Professorin sagt, dass Erziehung der eigenen Kinder damit der Erwerbsarbeit gleichgestellt werde, allerdings auf einem ganz, ganz niedrigen Niveau. Und dass das umgerechnet 3 Euro am Tag seien.

Ja, das ist erschütternd. Dennoch finde ich, dass diese 3 Euro ein wichtiges Zeichen sind, ein Zeichen für junge Mütter und Väter, dass sie - zumindest theoretisch - die Wahl haben, ihre Kleinsten selbst zu betreuen oder in eine Krippe zu geben.

Man sollte wählen können. Ist es neuerdings emanzipiert, wenn man Freiheiten beschneidet?

Dann ist da noch das Argument, die Kleinen würden in einer Krippe besser gebildet als zu Hause.

Abgesehen davon, dass es bei Babys zuerst um Bindung und viel später erst um Bildung geht, kann dieses Argument erst eingesetzt werden, wenn die Qualität der Einrichtungen gewährleistet ist, der Betreuungsschlüssel stimmt und Erzieherinnen besser ausgebildet und bezahlt werden als es heute der Fall ist.

Jesper Juul schreibt:
"Etwa 10% aller Kinder wären in der Tat besser gestellt, wenn sie so viel Zeit außerhalb ihres Elternhauses wie möglich verbrächten - das sagt uns die Statistik."* 
Und die anderen 90%?

Ja, darunter sind auch die Kinder, die aus Migrantenfamilien kommen. Für diese halte ich es für wichtig, dass sie mit drei Jahren in eine gute Kita kommen. Aber in der Zeit davor sollten Eltern, egal wie gut sie Deutsch sprechen oder nicht, wählen können, was sie für sich und ihr Kind für das Beste halten.

Ich beginne mich zu ereifern. Das ist gefährlich.

Will ich bloß Recht behalten über meinen eigenen Lebensentwurf?

Der sah so aus, dass ich als Redakteurin einer Frauenzeitschrift eine Reportage-Reise zum Thema "Mit dem Flugzeug in fünf Tagen um die Welt" antreten sollte. Anfang 30 war ich damals. Kurz vor dem Kofferpacken aber stellte ich fest, dass ich schwanger war und sagte alles ab.

War ich sauer oder enttäuscht?

Nein, riesig gefreut habe ich mich, dass die Zeit endlich anbrach mit Ultraschallbildern im Portemonnaie, mit Laternebasteln (später) und Pflasterkleben auf aufgeschürfte Jungsknie.

Dürfte ich das heute nicht mehr? Mich so freuen, wo meine Karriere doch gerade einen ordentlichen Knick erlitten hatte?

Mein Mann ist dann beruflich an mir vorbeigezogen. Was mich übrigens überhaupt nicht grämte, weil ich das tat, was ich tun wollte.

Dürfte ich das heute nicht mehr? Mich freuen, dass ich zu Hause mein Ding machen konnte?

Weil der Soßenkönig seinen Job wechselte, sind wir mit dem kleinen Kronprinzen nach Frankreich gezogen. Dort habe ich mich ziemlich allein gefühlt, weil ich auf den Spielplätzen nur Nannys traf, die überwiegend aus Marokko kamen und auf den Bänken am Rand zusammengluckten.

In Frankreich, heißt es immer, hätten es die Frauen viel einfacher, berufstätig zu sein, weil sie ihre Babys schon wenige Monate nach der Geburt in eine Krippe geben können.
Es ist richtig, dass man bei unseren Nachbarn seine Kinder komplett weg organisieren kann. Das kommt von der langen Ammentradition Frankreichs. Früher war es üblich, dass betuchte Franzosen in der Stadt ihren Nachwuchs für die ersten Jahre gegen kleines Geld an arme Bauersfrauen abgaben und in den ersten Jahren nur selten besuchten. Darauf ist es wohl zurückzuführen, dass es bis heute in Frankreich als niedere Arbeit gilt, sich um Babys und kleine Kinder zu kümmern.**

In Frankreich leben viele Kinder und Erwachsene voneinander getrennte Leben. Das kann man gut finden oder schlecht.

Mein Ding wäre es nicht.

Wenn man von einer Lebenserwartung von durchschnittlich etwas mehr als 80 Jahren ausgeht, macht die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern in der Phase Null bis drei verbringen können, etwa ein Zehntel ihres gesamten Erwachsenenlebens aus (bei zwei Kindern). Ein Zehntel!

Dieses Zehntel und weit darüber hinaus konnte ich auskosten mit meinen Kindern. Dafür bin ich sehr dankbar.

Erinnerung an ein anstrengendes, aber sehr schönes Zehntel meines Lebens

Auch wenn keine Partei hierzulande so viel Geld in frühe, gesunde Bindungen pumpen will, wie ich mir das wünschen würde, bin ich trotzdem dankbar für die familienpolitischen Leistungen, die es in Deutschland schon gibt (in Frankreich gibt es Kindergeld erst ab dem zweiten Kind und weniger Elterngeld als bei uns).

Und auch wenn ich noch nicht ganz sicher bin, wo ich meine Kreuze am Sonntag hinsetzen werde, werde ich auf jeden Fall wählen gehen, weil ich froh bin, in einem Land zu leben, in dem niemand wegen unbequemer Ansichten ins Arbeitslager geschickt wird (nicht in Frankreich, aber ihr wisst schon wo). Man darf wirklich die Maßstäbe nicht verlieren.

Immer fröhlich wählen gehen und die Idee mit den Lebensarbeitszeitkonten weiter entwickeln

Uta

(Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder?Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Ansichten zur Frühbetreuung, Weinheim und Basel 2012, S. 11) 

** aus eigener Erfahrung und mit Hintergründen aus dieser Radiosendung, auf die mich der Newsletter von "familylab" hingewiesen hat

Montag, 16. September 2013

Glückliche Familie Nr. 168: Freiheit, 6. Woche


Die neue Freiheit von Prinzessin (12) geht in die sechste Woche.

Seitdem darf sie jederzeit an den Computer oder an das iPad, wenn die Geräte frei sind.

Nur die Regel, dass sie ins Bett gehen darf, wann sie will, haben wir zurückgenommen. Und wir haben neu mit ihr ausgehandelt, dass um 22 Uhr jedes internetfähige Medium das Zimmer verlassen und sie im Bett liegen muss.

Ich hätte sie gerne noch ein bisschen an die Hand genommen im "world wide wep", sie geschützt vor  Soaps über geistlose Zickenkriege, vor Gewaltszenen oder Videos, triefend vor sexuellen Anspielungen.

Dass Kinder Ruhe brauchen und eine gehörige Portion Langeweile, habe ich im Elterntraining erzählt.

Aber keiner von uns hat mehr Langeweile. Wir Großen schon gar nicht.

"Das nennt man 'Kill-time-application'", sagt mein Mann und meint all die Smart-Phone-Apps, die wir nutzen, sobald sich in unserer besessenen Geschäftigkeit die kleinste Lücke auftut.

Kurzes Anstehen in der Supermarktschlange? Schnell die Mails checken.
Warten auf die S-Bahn? Eine Runde "Tetris" spielen.
Die Freundin hat sich verspätet? Kurz einen Blick auf den Wohn-Blog werfen.

"Oh-m-m-m-m-m." Gegen die permanente Zerstreuung hilft nur Meditation,
habe ich gedacht und mich im Schneidersitz in meinen Ohrensessel gesetzt, die Hände wie zwei undichte Schalen auf den Armlehnen, die Augen geschlossen.

Mein Atem war tief, sehr tief, mein Kopf war leer, sehr leer, als plötzlich ein Fellklumpen mit Krallen in meinem Schoß landete. Aus vollem Lauf war der Kater in meinen Schoß gesprungen. "Wommmm" statt "Ommmmm".

Seitdem habe ich eine seltene Form von Trauma: "Angst vor Tiefflug-Katzen in Meditations-Situationen."

Im Startloch vor dem nächsten Tiefflug?

Also, was die permanente Zerstreuung angeht, sind wir Erwachsenen nicht besser als die Kinder.

Und auch wenn es ein wenig danach klingt, als hätten wir kapituliert, ist meine Bilanz der neuen Medienfreiheit für Prinzessin positiv.

Ich kann sie heute nicht mehr so behütet aufwachsen lassen, wie ich aufgewachsen bin. Das ist nicht zu schaffen, das laugt mich aus.

Dafür werde ich jetzt jeden Tag in den Arm genommen und darf auch sie herzen, wenn mir danach ist.
Die neue Freiheit ist Alltag geworden, schöner Alltag.

Wahrscheinlich ist das gute Verhältnis, das wir seit Start des Freiheit-Projekts haben, der bessere Schutz vor schlechten Einflüssen als ein Klein-Klein an Restriktionen.

Für die nächste Meditation hänge ich mir folgendes Zitat von Jesper Juul als Mantra vor die Nase:

"Was unsere Kinder in der Pubertät brauchen, ab zwölf, 13, 14 Jahren, ist eigentlich nur das: zu wissen, auf dieser Welt gibt es einen oder zwei Menschen, die wirklich glauben, dass ich ok bin. Das brauchen sie. Viele von uns haben keinen solchen Menschen in unserem Leben. Mit einem kann man gut überleben, mit zwei kann man wunderbar leben." Jesper Juul: Pubertät. München 2010, S. 23

Immer fröhlich zum Meditieren den Kater und das Smartphone aussperren

Uta