Dienstag, 28. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 17: Reifen dürfen



Als ich die Entwicklung der Narzissen auf meinem Bilderbord sah, ...




wurde mir wieder klar, welche große Rolle Reifungsprozesse bei Blumen wie bei Kindern spielen.

In meiner weitläufigen Verwandtschaft gibt es einen Vierjährigen, der schon lesen kann, aber noch nicht trocken ist.
Prinzessin hat sich Schleifebinden selbst beigebracht, als sie noch nicht einmal vier war. Zum Malen aber war sie kaum zu bewegen.
Von Kronprinz haben wir ganze Kartons voller Zeichnungen, voller selbst gebauter Flugzeuge und wunderschöner Geschichten. Aber Dinge wie Aufräumen, früh Einschlafen, Am-Tisch-sitzen-Bleiben waren ihm kaum beizubringen.

Kinder haben einen eingebauten Entwicklungsmotor, sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Und da gibt es keine Serienanfertigung. Jedes Kind trägt einen Motor in sich, der ein unverwechselbares Einzelstück ist. Wir Erwachsenen haben nur die Aufgabe, für bunte Möglichkeiten zu sorgen. Die Kinder nehmen sich, was sie in bestimmten Phasen ihrer Reifung brauchen.

Mit Radfahr-Training wollten mein Mann und ich bei Prinzessin ähnlich verfahren wie bei ihrem Bruder. Man nehme ein kleines Fahrrad, einen Gürtel und eine ruhige Sackgasse. Man setze das Kind auf den Sattel, schlinge ihm den Gürtel locker um den Bauch, rede ihm gut zu und die erste wackelige Fahrt beginnt.

Nicht so bei Prinzessin. Sie war nicht dazu zu bewegen, an unserem Trainingsprogramm konstruktiv teilzunehmen.
Wenige Wochen später beobachtete ich Prinzessin in unserem Garten. Sie hatte sich das kleine Fahrrad auf den Rasen geschoben und war damit beschäftigt, Spielsachen auf den Gepäckträger zu klemmen und eine Puppe in den Korb am Lenker zu quetschen. Sie war ganz versunken darin, das Rad mit Dingen zu beladen und wieder zu entladen. Zwischendurch stieg sie selber auf und wieder ab. Und am Abend setzte sie sich auf den Sattel und fuhr einfach los. Noch Fragen?

Zurück zu meiner kleinen Narzissen-Klasse im Wohnzimmer. Die fünf Blumenkinder wurden in der gleichen Stunde in Wasser eingeschult. Auch die Zuwendung der Sonne war auf alle Fünf gleich verteilt. Und trotzdem zeigten sich diese Unterschiede.

Der Schweizer Remo H. Largo, Arzt und Spezialist für die Entwicklung von Kindern, hat in Untersuchungen festgestellt, dass es innerhalb einer Klasse Reifungsunterschiede von bis zu drei Jahren gibt. (Remo H. Largo, Martin Beglinger: Schülerjahre.)
Zum Beispiel: Der siebenjährige Tom kann schon rechnen wie ein Achtjähriger, während der siebenjährige Lasse das Zahlenverständnis eines Fünfjährigen hat. Dafür schießt Lasse wahrscheinlich Tore wie Gerd Müller, während Tom kaum einen Ball trifft.

Das sollten wir uns klar machen, wir Mütter, die unter der furchtbaren Krankheit "Vergleicheritis" leiden. Schaut Euch diese Blumenkinder an Tag 5 an und






bleibt immer schön fröhlich.

Uta






Montag, 27. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 16: Unzurechnungsfähigkeit


Als Studentin hatte ich folgenden Satz des Publizisten Johannes Gross an meiner Pinnwand hängen:

Sobald Menschen Eltern werden, ist eine gewisse Unzurechnungsfähigkeit in Bezug auf ihre Kinder bei ihnen festzustellen. Aber nicht verkehrt. Menschen brauchen ein oder zwei andere Menschen, auf die sie sich hundertprozentig verlassen können. Und das müssen Eltern für ihre Kinder sein. 

(Ich habe den Schnipsel, den ich damals aus dem FAZ-Magazin ausgeschnitten hatte, nicht wiedergefunden. Deshalb kann es sein, dass ich es nicht Wort für Wort korrekt erinnere. Sorry Johannes Gross.)

Die Unzurechnungsfähigkeit hat das Zeug, uns Eltern wirklich glücklich zu machen. Und die Kinder gleich mit.

Im Zickenkrieg (hier) stehe ich natürlich hundertprozentig hinter Prinzessin. "Ja, aber deine Kinder sind ja auch keine Heiligen", sagte eine Mutter mal zu mir. Natürlich nicht, ..... obwohl bei Prinzessin und Kronprinz würde ich sagen ... siehe Unzurechnungsfähigkeit.

Nein, sie sind keine Heiligen. Aber wenn Prinzessin mit Kummer aus der Schule kommt, bin ich erst einmal auf ihrer Seite, egal, was sie selber vielleicht angerichtet hat.

Versteht mich nicht falsch. Die Tatsache, dass ich zu meinem Kind stehe, bedeutet nicht, dass ich die anderen Kinder für böse, heimtückisch oder durchtrieben halte. Oder dass ich mein Kind für besser halte als alle anderen ... obwohl im Fall von Prinzessin ... siehe Unzurechnungsfähigkeit. 

Wenn auch die Eltern von Marie, Ella und Lisa und wie die anderen Zicken alle heißen, hundertprozentig unzurechnungsfähig hinter ihren Töchtern stehen, 

wenn wir alle unsere Kinder darin unterstützen, ihre Konflikte aus eigener Kraft zu lösen,

wenn wir die Kraftspender im Hintergrund sind und uns sonst raushalten*,

dann haben wir wunderbare Zickenkriege, aus denen die Mädchen gestärkt hervorgehen. Oder?  

*Damit wir uns richtig verstehen: Ich meine hier die alltägliche Zickerei. In Fällen tiefster Demütigung oder Gewalt, muss ich mich als Eltern natürlich einmischen. Ich glaube aber, wenn wir so verfahren wie oben beschrieben, leisten wir einen Beitrag dazu, die wirklich schlimmen Dramen zu verhindern.

Und jetzt die Taschentücher herausholen und das rührendste Beispiel elterlicher Unzurechnungsfähigkeit anschauen, das ich kenne.


Immer schön fröhlich weinen


Uta 


PS: Danke, Isa, für den Hinweis auf diesen Film und auch sonst.

Samstag, 25. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 15: Zickologie


"Wenn du mich heute fragst, wie es war", sagte Prinzessin (11) gestern nach der Schule und schleuderte ihren Rucksack in die Ecke, "dann kann ich nur sagen: bescheiden, äußerst bescheiden."

Ich dachte: "Oh, je, die Englischarbeit versiebt." Aber nein, für Prinzessin hat das Zwischenmenschliche Priorität. 
Fächer und Zensuren sind für sie lästiges Beiwerk des schulischen Lebens. Als wir beide vor Weihnachten mit dem Klassenlehrer bei einem "Lernzielgespräch" zusammen saßen, fanden wir Erwachsenen einige Punkte, in denen sie sich verbessern könnte. Diese Punkte wurden von Herrn T. auf dem Lernzielformular notiert. Herr T. und ich lächelten uns an. Er setzte seinen Namen unter die neuen Lernziele. Freudig zückte auch ich den Stift und Prinzessin sagte nur: "Ne, das unterschreibe ich nicht."

Nur damit Ihr wisst, mit wem wir es zu tun haben.

Ihr Kummer am Mittag hatte also seine Ursache im Zwischenmenschlichen, bei Mädels kurz "Zickenkrieg" genannt.

Zwei Freundinnen, erzählte Prinzessin, hätten sie den halben Tag geschnitten und wenn Prinzessin etwas gesagt hätte, hätten Lisa und Marie sich nur angeguckt und hätten die Augen gerollt. Und Lisa hätte gesagt, dass Ella gesagt hätte, dass die neue Uhr von Prinzessin völlig uncool sei. Und Ella hätte gesagt, dass Prinzessin gesagt hätte, dass sie in Wirklichkeit gar nicht bei Lisa hätte übernachten wollen. Und Ella fände es doof, dass Prinzessin zu feige sei, die Wahrheit zu sagen ...

In den Augen von Prinzessin stand das Wasser wie auf einer Eisfläche, die frisch präpariert wurde.

Was tun in einer solchen Situation?

Hier ein Auszug aus meinem kleinen Lehrbuch "Zickologie".




1. Körperkontakt suchen, sich kuschelig aufs Sofa setzen, in den Arm nehmen und erzählen lassen. 50 Prozent des inneren Drucks sind schon mal weg, wenn alles aus einem herausplatzen darf.

2. Trösten, den Kopf kraulen, streicheln, sagen, dass man verstehen kann, wie äußerst bescheiden dieser Schultag war.

3. In der ersten Wut kann Mama zusammen mit Prinzessin Dampf ablassen. "Diese blöde Zicke!" Und, wom, kriegt das Sofakissen unseren linken Haken zu spüren. "Und hier hast du noch einen und noch einen." Jetzt haben wir es der Kissen-Zicke aber gezeigt. Prinzessin kann wieder lachen.

4. Aber dann muss gut sein. Nicht als Mama oder Papa gegen andere Kinder hetzen.

5. Und vor allen Dingen nicht bei anderen Eltern anrufen, um die Situation zu "klären". Es ist der Konflikt der Kinder. Raushalten! Ich habe schon Zickenkriege erlebt, nach denen die Mädchen sich am anderen Tag wieder vertragen haben, aber die Mütter bis heute kein Wort mehr mit einander reden. 

6. Zusammen überlegen, was Prinzessin das nächste Mal in solch einer Situation sagen oder tun könnte.

7. Sich nicht länger aufhalten bei dem, was sich ereignet hat oder was alles gesagt wurde. In die Zukunft schauen, immer vorwärts gerichtet.

8. Dem Kind die wichtigsten Grundsätze zur Vermeidung von Zickenkrieg vermitteln:


  • Kläre Probleme direkt mit der Person, die sie betreffen. 
  • Sprich nicht mit Dritten darüber.
  • Wenn du nichts Positives über jemanden sagen kannst, halte einfach die Klappe.

9.   Wir holen Goldfolie aus dem Keller und basteln uns Heiligenscheine.


Dies ist das Programm, wenn viel Wasser auf der Eisfläche steht. 

Wenn eine Tochter jeden Tag mit solch einem Thema kommt, unbedingt den Aufwand herunter fahren. Sie würde sonst lernen, dass sie immer bei Problemen Aufmerksamkeit bekommt, und wir ziehen uns eine Drama-Queen heran. Dann lieber eine gute Zeit mit dem Kind verbringen und gar nicht groß in das Thema einsteigen.


Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Donnerstag, 23. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 14: Eltern in echt


Gestern Abend saß ich mit mehreren Eltern zusammen, und es kam ein Gespräch über das Abitur in Hamburg auf. Ein Vater erzählte, man könne über zusätzliche Kurse in Spaßfächern seinen Abischnitt verbessern, der andere bestritt es vehement. Der Sohn des Spaßfächer-Befürworters will Artist und Feuerspucker werden, die Söhne des anderen stehen am Anfang einer Ingenieurslaufbahn.

Da wurde mir wieder klar, dass es zwei Sorten von Eltern gibt: die Hardliner und die Luschis.

Ich habe zu dieser Abifrage kaum etwas gesagt. Mir wäre sicher rausgerutscht, dass ich gegen ein Abitur in Kunst, Glücksforschung, Trampolinspringen und Suaheli nichts einzuwenden hätte. Aber ehe sich mein Luschitum in Gänze offenbart hätte, bin ich lieber heim in meine Luschi-Familie gefahren.

Mein Mann und ich, wir ergänzen uns prima.
Wenn ich die "Habe-für-alles-Verständnis"-Mutter bin, poltert er dazwischen.
Wenn er den Kumpel-Vater gibt, dann soll mich die Brut aber mal kennen lernen.
Und wenn ich merke, wir sind beide in Weichspüler gefallen, dann raune ich ihm zu: "Du, jetzt ist Potenz-Kommunikation gefragt."

Obwohl in jedem von uns beiden auch ein kleiner Hardliner sitzt, reicht es in der Summe nicht, um auf Elternabenden in der Hardliner-Fraktion aufgenommen zu werden.

Wir müssten uns dann darüber beklagen, dass andere Klassen in Mathe weiter sind als die Klasse unseres Kindes.
Wir müssten uns über Unterrichtsausfall beschweren.
Und wir hätten unterschreiben müssen auf der Liste gegen den Referendar, der im Orchester zu lange die Instrumente stimmen ließ.
(Der Kronprinz schätzte den Referendar genau aus diesem Grund. Er konnte dann noch Schiffeversenken spielen mit dem Posaunisten.)

Hardliner-Eltern werden jetzt kommentieren, dass das nicht lustig ist.

Im vergangenen Frühjahr sorgte das Buch "Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte" von Amy Chua für Aufsehen. Die chinesisch stämmige Amerikanerin beschreibt darin, wie sie ihre Töchter zu stundenlangem Klavier- oder Geigeüben zwingt. Nicht mal zur Tolilette dürfen sie zwischendurch. Einmal hat die "Tiger-Mom" eine für sie bestimmte Geburtstagskarte zerrissen, weil sie fand, dass eines der Mädchen sich nicht genug Mühe damit gegeben hatte.

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, konnte ich der Tiger-Mom in einem Punkt recht geben:
Wenn ich hohe Anforderungen stelle, liegt darin auch ein großes Zutrauen in die Fähigkeiten meines Kindes. Ansonsten fand ich es einfach nur krank, welche furchtbaren Kämpfe diese Frau mit ihren Kindern ausficht.

In der "ZEIT" las ich bald darauf ein Interview mit Jesper Juul, dem dänischen Familientherapeuten, und mit Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter des Eliteinternats Schloss Salem und Autor der Streitschrift "Lob der Disziplin". Zwei Pädagogen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Der liberale und der autoritäre Typ.

Und so äußerten sich beide über die "Tiger-Mom":

"Juul: Alle Kinder kommen ja aus Familien mit gewissen Schwierigkeiten, das ist nichts Neues und nichts Besonderes - wir können unseren Kindern nicht alles geben. Mit uns erwachsen zu werden, tut auch weh. Sehen Sie sich Frau Chua an, die Tiger-Mom.


ZEIT: Sie meinen die chinesischstämmige Amerikanerin, die ihren Kindern droht, die Kuscheltiere zu verbrennen, wenn sie nicht gehorchen, ...


Juul: Ja, sie ist eine ausgezeichnete Mutter.
Bueb: Das glaube ich auch.


(An dieser Stelle fiel die Bloggerin in Ohnmacht.)



ZEIT: Ausgerechnet Amy Chua?


Juul: Ja, weil diese Frau genau das gemacht hat, woran sie glaubt. Sie hat sich mit ihrer Persönlichkeit und ihren eigenen Wertvorstellungen sehr stark in die Erziehung ihrer Kinder eingebracht, sie hat sehr viel Zeit investiert, sie war da, sie war dabei.


ZEIT: Weil sie in ihren extremen Anforderungen an ihre Kinder authentisch blieb, lassen sich Drill und Bestrafungen rechtfertigen?


Juul: Ja, Erziehung funktioniert nur über Authentizität. Richtig ist das, woran man wirklich glaubt. 


ZEIT: Lässt sich Authentischsein denn erlernen? 


Bueb: Ich glaube nicht, denn authentisch, also glaubwürdig, sind Menschen, die ein starkes Selbstwertgefühl besitzen, weil sie zu ihrer Person Ja sagen können. ... Wenn Eltern und Lehrer es nicht schaffen, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, kompensieren sie das oft mit einem autoritären Erziehungsstil und zeigen sich unfähig, Konflikte auszuhalten. Leidtragende sind dann die Kinder. 


Juul: Wenn wir die Eltern nicht dazu anregen können, authentisch zu sein, dann müssen die Kinder dafür bezahlen. Kein Internat, kein Sportverein kann die Authentizität einer Familie ersetzen."


(aus: Die ZEIT, 10/2011) 


Ein Hardliner bleibe also bitte ein Hardliner, ein Luschi bleibe bitte ein Luschi. Wir Eltern sollten uns gegenseitig so lassen wie wir sind. Wir sollten nur immer daran denken, unseren Kindern keine Rolle vorzuspielen, die wir nicht ausfüllen können.

Immer fröhlich und authentisch bleiben

Uta













Mittwoch, 22. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 13: Tiersendungen


Mein Mann guckt mit den Kindern seit Jahren jeden Dienstagabend eine Tiersendung im Fernsehen. Ich bin dann beim Stepp-Tanz. Das ist eine andere Glücklichmacher-Folge.

Tiersendungen machen meinen Mann glücklich. Mit Prinzessin im Arm auf dem Teppich liegen und mit Kameraleuten durch irgend ein Gebüsch dieser Welt kriechen - mehr braucht es nicht.

Aber bitte, liebe Autoren von Tierdokumentationen, gebt weder dem Elefantenbaby noch der Gnukuh einen Namen.
Ich mag es im Leben persönlich, aber nicht in Tierfilmen.

Neulich ging ich nicht zum Tanzen, sondern vertrat meinen Mann auf dem Teppich neben Prinzessin. Thema auf dem Bildschirm: Zebramangusten, auch Mungos genannt, in Tansania.


Zeichnung aus "Das große illustrierte Tierbuch" von Hans-Wilhelm Smolik, Gütersloh 1975


Im Mittelpunkt der kleine, halbblinde Kisu. Sommer, Herbst und Winter gehen ins Land. Kisu überlebt Hungersnot und Dürre. Aber eines Tages - dramatische Filmmusik - schleicht sich ein Löwe an. Klein-Kisu schaut mit trüben Äuglein aus einer Erdhöhle, die Pfötchen auf der pyknischen Brust. Die Hitze Afrikas flirrt über die weite Ebene unseres Flachbildschirms. Seine Tiefenschärfe, teuer bezahlt, macht mich fertig.

Über Kisus Erdhöhle kreisen die Geier. "Bleib drin Kisu!" Der Kleine kann ja nicht gucken, wird jeden Moment in sein Verderben trippeln. Prinzessin und ich reißen Teppichflusen aus, krallen uns in die Kissen auf unseren Bäuchen. "Bleib in der Höhle, Kisu, schmier dir ein Nutella-Brot. Mama kommt sicher bald."

Die Filmmusiker am Kontrabass geben alles, der Löwe setzt zum Sprung an, ich hechte zur Fernbedienung, um dem Blutbad zuvor zu kommen. Aber dann kommt Odo, der Chef des Rudels. In letzter Sekunde rettet er unseren Kisu.

Odo, unser Held.

Mein Mann sagt immer, dass man im Leben für alles einen Preis bezahlt.

Für Odo stimmt das. Er lässt sein eigenes kurzes Mungo-Leben für Kisu. Der Löwe zieht davon, den blutenden Odo zwischen den Zähnen, die Geier im Gefolge.

Bis in ihr Zimmer schafft Prinzessin es noch. Dort bricht sie in Tränen aus. "Ich hasse Wildkatzen ... " - Beben des Unterkiefers. "Ich werde alle Raubvögel abschießen!" Haltloses Schluchzen. "Ich hasse es, dass die Natur so ist!"

Also bitte nächstes Mal, liebe Tierfilmer, macht Kisu, Odo und den anderen putzigen Mungos einen Balken ins pelzige Gesicht, nennt sie bei ihrem lateinischen Gattungsnamen ("Hier sehen wir wieder eine Spezies der Gattung ...") und lasst diese "Jenseits-von-Afrika"-Tonspur weg.

Immer schön sachlich bleiben

Uta

Dienstag, 21. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 12: Die dicken Steine zuerst


In seinem Hörbuch "Der Weg zum Wesentlichen" beschreibt Stephen R. Covey eine Zeitmanagement-Idee, die ich so eindrücklich fand, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Passt in dieses Glas noch mehr hinein?





Nein, mehr dicke Steine passen nicht hinein, aber ...






es passen noch Kieselsteine hinein. Jetzt ist es aber voll, oder?






Nein, Sand sickert noch durch und Wasser könnte ich auch noch hineingießen.

Was aber wäre gewesen, wenn ich mit Sand und Kies begonnen hätte?

Dann hätte ich die dicken Steine nicht mehr rein bekommen. 

Es kommt auf die Reihenfolge an.

Was wollen uns Covey und die Bloggerin damit sagen?

Ich muss auch im Leben den dicken Steinen Priorität einräumen. Ich muss mich immer mal wieder fragen: Was ist mir wichtig? Was sind meine Grundwerte?

Ich sage Euch meine dicken Steine:

* erfüllte Partnerschaft mit meinem Mann
* intensives Erleben unserer Kinder
* Schreiben und veröffentlichen

Am Sonntagmorgen wollte ich Laufen gehen (Kategorie "Kieselstein") und wollte noch für den Besuch unserer Freunde Kuchen backen (Kategorie "Sand", weil Kuchen könnte ich notfalls kaufen, die Freunde gehören aber zur Kategorie "dickerer Stein").
Prinzessin war aber auch schon wach und wollte mir etwas erzählen (Kategorie "Findling"). Also schmiss ich Sand und Kiesel wieder raus und setzte mich mit unserer Tochter auf dem Schoß in den Lesesessel. Sie erzählte, ich strich ihr die Haare aus dem Gesicht, wir schwiegen, schauten den Vögeln draußen zu, ich streichelte ihr Ohr. Kein Blick auf die Uhr, kein Wecker in der Nähe, keine Deadline (=Todeslinie). Leben im Jetzt, einfach nur schön.

Auf diese Weise erfüllt, flutschten Kiesel und Sand nur so durch. Wir wurden mit noch mehr nettem Besuch beschenkt, schafften in Teamwork eine Schokotorte, Gartenarbeit und einmal Durchsaugen.

Diese Erfahrung mache ich immer wieder. Wenn ich die dicken Steine zuerst hineinlege, gibt mir das so viel Kraft, dass andere Dinge locker nebenher erledigt werden können.

Klar gibt es wichtige Mails, die sofort beantwortet werden müssen, klar muss ich im Job Termine einhalten und auf Anrufe reagieren, klar muss das Geld für die Klassenreise überwiesen und das Auto zur Inspektion gebracht werden.
Häufig aber verlieren wir uns in Dingen, die zwar dringlich, aber nicht wichtig sind, dann gehen wir darin unter wie in Treibsand.
Und manche Menschen haben nur Sand und Kleinstkiesel in ihrem Leben und können vielleicht mal graben, ob sie darunter ihre dicken Steine finden.

Es hilft ungemein, sich in der Familie, im Beruf und im Leben überhaupt zu fragen:
Was sind meine dicksten Steine?

Immer schön fröhlich bleiben

Uta
















Montag, 20. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 11: Der Mann von der Hotline


Ich wollte heute Morgen bloggen und kam nicht ins Internet. Das Telefon war auch tot.

Ich muss sagen, ich habe kein Vertrauen in Hotlines von Internet-Providern.
Im Auto haben wir neulich "Die Kinder des Dschinn" von P.B. Kerr gehört. In der Geschichte betreibt eine verbrecherische Sekte ein Call-Center, das Anrufer bei Computerproblemen systematisch in die Verzweiflung treibt. So wollen sie die Weltherrschaft an sich reißen. Seither fühle ich mich in der Telefonschleife unseres Providers wie im Vorhof der Hölle.

Ein Bernd S. meldete sich. Ich nannte meine Kundennummer. Kaum hatte ich die nächste Luft geholt, hatte Bernd mein Problem auf dem Schirm.

"Das sieht doll aus, ist alles tot", sagte Bernd. "Genau, ich habe keine Verbindung zum Server." - "Ja, wirklich keine", rief Bernd begeistert, "so was habe ich auch noch nicht gesehen. Davon mache ich mir eine Kopie."

"Wie viele Telefonsteckdosen haben Sie?"
 Ich krabbelte mit Bernd unter den Schreibtisch. "Drei."
"Haben Sie einen DSL-Splitter?" - "D - S - L - S-p-l-i-t-t-e-r." Vor Schreck stieß ich mir den Kopf an der Schreibtischplatte. Ich raschelte mit Zetteln im Papierkorb und rieb die Sohle meines Hausschuhs am Tischbein. Bernd sollte denken, dass ich nur noch meine zusätzlichen Profi-Festplatten und die ganzen USB-Sticks beiseite schieben muss, um den Splitter zu finden.

"Bernd," sagte ich, "Bernd, ehrlich, ich weiß nicht, was ein DSL-Splitter ist." Wir waren jetzt bei der Wahrheit. Jetzt ging nur noch das "Du".

"Macht nichts. Da muss ein graues Kabel zwischen Fritzbox und einem Kästchen sein." Bernd kannte sich aus bei uns. Ich guckte vorsichtshalber über die Schulter, ob er nicht doch hinter mir stand. Aber da schlich nur die Katze herein und legte sich auf die Vertragsunterlagen.

"Das graue Kabel einmal rausziehen und auch von der Fritzbox den Netzstecker ziehen."

Wenn Bernd wüsste, dass es bei uns unterm Schreibtisch aussieht wie in den Rätseln in der "Apotheken-Umschau", wo drei Kinder ein Fadenende in der Hand halten und man muss herausfinden, welches Wollknäuel in dem Gewirr zu dem richtigen Kind gehört.
Ich zog den Netzstecker und die Schreibtischlampe ging aus. Ich zog einen anderen Netzstecker: finales Rauschen im Anrufbeantworter. Endlich gingen auch an der Fritzbox die Lämpchen aus.

"Alles Roger, Bernd!"
"Gut, jetzt müssen wir 30 Sekunden warten."
 "Sollen ich uns einen Kaffee kochen?"
Stille.
"He, das sollte ein Witz sein."

Bevor ich die Kabel wieder einsteckte, legte ich Bernd lieber neben den Hausschuh. Ich musste mich konzentrieren. Bernd hätte sicher kein Verständnis für die erste Fritzbox-gesteuerte Stehlampe gehabt.

"Das 'Power/DSL'-Licht blinkt." - "Das ist gut, das könnte klappen." - "Power/DSL" konstant, FON inaktiv, WLAN blinkt." Ich war sachlich und kompetent wie ein Co-Pilot kurz vor der Landung. Bernd war stolz auf mich, das hörte ich an seiner Stimme.

"Jetzt guck mal, ob du wieder ins Internet kommst." Ich tauchte unterm Schreibtisch auf.
"Jaaaaa!" Mein Blog leuchtete mir entgegen.

Lieber Bernd S. irgendwo da draußen in einem Callcenter. Heute hast du mir mein Blog und mein technisches Selbstbewusstsein zurückgegeben, heute warst du mein "Glücklichmacher". Hast du das auch auf deinem Schirm?

Immer fröhlich bleiben

Uta