Dienstag, 10. September 2013

Glückliche Familie Nr. 167: Vom Thron gestoßen


Als Kronprinz vier Jahre alt war und seine Schwester gerade laufen konnte, gingen wir  in einem Park spazieren. Prinzessin hockte etwa 50 Meter hinter uns im Laub, weil sie Steine aufheben musste. Da ergriff der Vierjährige energisch meine Hand und sagte: "Komm, Mama, wir rennen weg."

Ohne mit der Wimper zu zucken, hätte er seine Schwester im Park zurückgelassen. Ein Wolfskind wäre sie geworden, irgendwann aufgegriffen vom Wildhüter mit verfilzten Locken und einer Sprache aus Grunzlauten.

Diese kleine Geschichte fiel mir ein, als ich auf einem Blog las, welche Probleme eine Mutter mit ihrem Sohn hat, seitdem der kleine Bruder geboren ist. Die Frau wunderte sich über die Wut und Aggression des Jungen und schrieb, ihr Mann und sie hätten es doch so geschickt aufgeteilt: Sie kümmere sich hauptsächlich um das Baby und er abends um den älteren Jungen.

Liebe im Schichtwechsel?

Da würde ich mich auch schreiend auf den Boden werfen.

"Ent-Thronung" ist für ein Kind besser zu verkraften, wenn man die Akzente leicht verschiebt.

Man drücke gelegentlich den Säugling seinem Vater, der Oma oder einer liebevollen Nachbarin in den Arm und lasse sich mit dem Erstgeborenen auf das Sofa fallen. Man sage so Dinge wie: "Wir beide haben ganz schön viel Arbeit mit dem Wurm. Geht dir das Geschrei auch auf die Nerven?"

Dann: ausgelassene Kitzelrunde, Kissenschlacht und mit dem großen Kind auf dem Schoß das Lieblingsbuch angucken.

Dann: halbe Stunde Koma-Schlafen für Muttern (hat nichts mit Eifersucht von Kronprinzen zu tun, sondern mit dem nackten Überleben von Muttern).

Dann: wenn hoffentlich die Kinder schlafen und die Wohnung so verranzt ist, dass es auch egal ist, in dem Chaos den Partner und die Erotik suchen. Wenn man nichts findet, zusammen auf dem Sofa abhängen und DVD über die Erotik anderer Menschen gucken.

Bin ich jetzt vom Thema abgewichen?

Ich war doch ganz gut unterwegs als Entsandte der Familienbildungsstätte Hamburg-West. Und dann nur noch Chaos und eine Erotik, die niemand mehr findet unter den ganzen Stilleinlagen.

Sorry, aber ich wurde einfach überflutet von der Erinnerung an diese Zeit, Erinnerung an die Anstrengung, an die perforierten Nächte, an die Frisur mit dem Abdruck vom Stillkissen, an den Brei, der nicht gegessen wird ...


Bild aus unserer Rush-Hour-Zeit

Die Zeit mit kleinen Kindern ist die Rush Hour des Lebens. Die Umstellung auf Familie schaffen, den Anschluss im Job nicht verpassen, die Kita-Entscheidung fällen, die Partnerschaft und die Getreidemühle pflegen ...

Wie soll man es da schaffen, die Bedürfnisse jedes Kindes zu sehen und ihnen gerecht zu werden?

Immer wieder trifft man auf das Zitat von dem "ganzen Dorf", das es braucht, um ein Kind groß zu ziehen.

Die amerikanische Frauenärztin Christiane Northrup schreibt:
"Ich erinnere mich gut an die schönste Zeit, die ich mit meinen Kindern verbrachte, als sie klein waren (drei Monate und zwei Jahre). Ich besuchte damals meine Mutter, und meine Schwester und ihre Kinder waren gleichzeitig dort zu Besuch. Meine Schwester stillte auch gerade; wenn ich also eine Weile fortgehen wollte, stillte sie einfach Kate für mich, so wie Frauen es seit Jahrhunderten getan haben. ... Unsere Kinder spielten vergnügt zusammen, und ich konnte die Gesellschaft Erwachsener genießen und mich gleichzeitig an meinen Kindern freuen. Das war das einzige Mal, dass ich eine Vorstellung davon bekam, wie es gewesen sein muss, Mitglied einer liebevollen Sippe zu sein." (Christiane Northrup: Frauenkörper. Frauenweisheit. Wie Frauen ihre ursprüngliche Fähigkeit zur Selbstheilung wiederentdecken können. München 1999, 2. Auflage, S. 472)
Unter solchen Bedingungen hätten wir die Möglichkeit auf Kinder einzugehen, wie sie es bräuchten.

Also immer fröhlich die entmachteten Thronfolger durchkitzeln und gucken, wo man Sippschaften nutzen oder gründen kann

Uta

Donnerstag, 5. September 2013

Glückliche Familie Nr. 166: Held des Tages


Kronprinz (fast 16) kam neulich mit einem Stempelaufdruck aus der Schule. "Held des Tages" stand auf seinem Handrücken. Seine Chemie-Lehrerin hatte ihn und ein paar Mitschüler ausgezeichnet, weil sie über ein Experiment im Unterricht eine ausgefallene Geschichte geschrieben hatten.

Kronprinz zeigte mir den Stempel mit verhohlenem Stolz. Und mich berührte, wie unter der Coolness die Freude durchschimmerte.

Auch einer seiner Kumpel, ebenfalls ein "Tagesheld", hatte zu Hause stolz von dem Titel berichtet. Das erfuhr ich von seinem Vater bei einem Gespräch auf dem Klassenfest.

15 sind sie, fast 16, überragen ihre Mütter und bald auch die Väter.

Tagsüber trinken sie Kaba und abends gelegentlich ein Pils.

Aufbrausend, aggressiv, abweisend können sie sein und dann so verletzlich, dass man sie auf den Schoß ziehen möchte.

Sie strotzen vor Kraft ... und vor Empfindsamkeit.

Kein Wunder, dass sie den Video-Spielen verfallen, wo sie nicht nur Abenteuer erleben, sondern auch den Rausch der Anerkennung.

"Nach jeder Rennstrecke, jedem vollendeten Level, jedem gelösten Rätsel bekommt der Spieler Applaus, Lob und digitale Leckerlis, egal, wie gut oder auch schlecht er die Herausforderungen gemeistert hat. 
Zugleich ... wird er zu Höherem angetrieben. Dabei heißt es übrigens nie: 'Das war nicht gut, du musst mehr üben!', sondern 'Das war super! Leg'noch eins drauf, da geht noch was!'" 

Das schreiben Tanja und Johnny Haeusler in "Netzgemüse" (S. 180), wo sie auch der Frage nachgehen, welche psychologischen Erkenntnisse Game-Entwickler nutzen, um Spieler in ihren Bann zu ziehen.

"Den Spieler anerkennen und wertschätzen" steht da ganz weit oben.

Warum peilen Eltern und Lehrer für Kinder nicht das nächste Level an?

Warum glauben wir nicht an sie, statt auf ihren Fehlern und Schwächen herumzureiten?

Wie nachhaltig ein wenig Wertschätzung sein kann, entdeckte ich, als ich Kronprinz neulich ein Päckchen Karteikarten in sein Zimmer legte. Vor Monaten hatte ich eine Besorgung für ihn mit dem Aufkleber versehen, den ihr auf dem Foto seht. Er muss ihn sorgfältig abgelöst und auf seine Schreibttisch-Unterlage geklebt haben. Das hat mich sehr gerührt.




Auch wenn das pubertierende Kind vielleicht gerade alle Stacheln ausgefahren hat, es immer fröhlich anerkennen und wertschätzen.

Uta

Sonntag, 1. September 2013

Glückliche Familie Nr. 165: Kleines Fragezeichen in Perpignan


In unserem Sommerurlaub haben wir auch die südfranzösische Stadt Perpignan besucht.

Stellt euch ein Straßen-Café vor: 30 Grad im Schatten, die Oberschenkel kleben an den Bistrostühlen. Kaum ein Wind in den schmalen Gassen.

Eine deutsche Familie setzt sich an den Nebentisch: Eltern, Großeltern, zwei Mädchen im Alter der großen Zahnlücken. 

"Ich will ein Eiiiiis", ruft das kleinere Mädchen, als die Erwachsenen noch die Stühle rücken. 

"Erdbeer, Zitrone und Schokolade." - 

"Hier gibt es kein Eis, nur Crepes mit Zucker." -

"Menno, ich will aber ein Eis." -

"Du hast doch gehört, es gibt hier keins." Mutter und Oma fächeln sich mit der Speisekarte Luft zu. 

"Setzt dich mal gerade hin. Kaum sind wir ein paar Meter gelaufen, hängst du hier am Tisch wie ein Schluck Wasser in der Kurve." -

"Wir können doch einen Eisladen suchen." -

"'Gerade sitzen', hab' ich gesagt," Mutter drückt dem Mädchen die Hand in den Rücken. 

"Ich habe dir schon mal gesagt, du sollst dich benehmen." Mutter zerrt den Stuhl mit dem kleinen Mädchen näher zum Tisch. "Du kannst dich benehmen, das weiß ich. Aber du willst es nicht."

"Können wir jetzt gehen? Hier gibt's ja doch kein Eis." -

"Du sollst dich benehmen, habe ich gesagt, einfach mal zehn Minuten artig sein. Ist das zu viel verlangt?"

Es folgen weitere Ausführungen über das Benehmen des Mädchens im Urlaub und allgemein.

Wortes-Last und Hitze haben es ganz in sich zusammen sinken lassen. Es hängt am Tisch wie ein kleines, schwitzendes Fragezeichen.

*

"Sich benehmen, artig sein, tun, was sich gehört" - das sind moralische Kategorien, mit denen ein Kind nichts anfangen kann. Es spürt nur diffus, dass irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung ist.

Jesper Juul sagt, wir sollen Kindern nicht dadurch Grenzen setzen, dass wir ihnen abstrakte Normen und Verhaltensregeln referieren. 
"Kinder wollen stets mit ihren Eltern zusammen arbeiten, und das fällt ihnen umso leichter, je persönlicher wir sie ansprechen und je gleichwürdiger wir sie behandeln, statt sie zurecht zu weisen und von oben herab zu behandeln." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Reinbek bei Hamburg, 2010, 3. Auflage, S. 228)

Da scheint es Eis zu geben.

*

Ich hätte der gestressten Mutter gerne einen kleinen Juul zum Soufflieren ins Ohr gesetzt. Etwa so hätte sie dann gesprochen:

"Dir ist es wichtiger, ein Eis zu essen als etwas zu trinken? Es tut mir leid, aber hier gibt es kein Eis." (Wunsch nicht abgebügelt, Bedürfnis anerkannt.)

"Trotzdem werden wir hier bleiben. Oma und Opa haben eben gesagt, dass sie dringend ein Weilchen sitzen müssen, und ich brauche eine Tasse Kaffee." (Wünsche der Erwachsenen klar geäußert.)

"Deshalb will ich, dass wir hier etwas trinken, uns kurz ausruhen und du eine halbe Stunde sitzen bleibst. Ich kann die Bedienung fragen, ob sie Dir Papier und Stifte bringen kann."

"Danach können wir gucken, ob es irgendwo ein Eis gibt." 

*

Wenn Kinder über längere Zeit verlässlich erleben, dass man ihre Bedürfnisse zwar nicht immer erfüllt, aber ernst nimmt, maulen sie in der Regel weniger, als wenn man erst alles abbügelt und sich dann doch "weich-meckern" lässt. 

Und wenn sie meckern, weil wir natürlich nicht immer alle Wünsche berücksichtigen können und wollen, sage ich schon mal: "Wer etwas fragt, muss auch mit einem 'Nein' leben können."

Mein Wort zum Sonntag heute: Moralpredigten vermeiden, immer persönlich mit den Kindern sprechen, ihnen zuhören und eigene Bedürfnisse als Erwachsene klar und fröhlich äußern (Puh, das 'fröhlich' auch noch verwurstet)


Uta


Ps: Das Verhalten der Mutter am Nebentisch in Perpignan war weder falsch noch schlimm. Auch wird das Mädchen deshalb kein Kindheitstrauma davon tragen. Mir fällt nur auf, dass viele Familie es sich unnötig schwer machen und permanent schlechte Stimmung haben. (Nur so zur Einordnung dieses Posts.)

Mittwoch, 28. August 2013

Glückliche Familie Nr. 164: Die Gedanken und ihre Küken


Hier seht ihr mein "Best-Life"-Buch. Alle paar Tage halte ich eine Erkenntnis über mein Leben darin fest.




Früher habe ich Tagebuch geschrieben und darin mein Herz ausgeschüttet.

Mein "Best-Life"-Buch ist konstruktiver. Die Erkenntnis steht im Vordergrund, nicht irgend ein Kummer. Das hilft mir, wieder auf meine Spur zu kommen und mich weiter zu entwickeln.

Häufig halte ich auch Schönes darin fest. Das verstärkt die Freude, macht mich dankbar für mein Leben und zieht noch mehr Freude an.

Ein Geheimnis glücklichen Lebens ist es, sich von Zeit zu Zeit zu fragen: "Bin ich noch auf meiner Spur oder möchte ich etwas verändern?"

Das habe ich bei John Izzo gelesen, der 235 ausgewählte Menschen zwischen 59 und 105 Jahren nach ihren Ratschlägen für ein erfülltes Leben gefragt hat.
"Das Geheimnis, das ich aus all den vielen Interviews herausgehört habe, lautet also: Höre nie auf, dich zu fragen, ob du der Stimme deines Herzens folgst. Prüfe, ob das Leben, das du führst, auch das deine ist. ... Die Menschen, denen ich im Rahmen des Projekts begegnet bin, haben sich diese Fragen immer und immer wieder gestellt und wie ein Segler, der auf hoher See gegen starken Wind aufkreuzt, haben sie ständig ... kleine Kurskorrekturen vorgenommen, um am Ende genau dort anzukommen, wo sie hinwollten." (Izzo, S. 68)

Das hat mich beruhigt. Ich dachte schon, ich übertreibe das mit dem Reflektieren.

Die Postkarte benutze ich als Lesezeichen. Es ist ein Foto von Georg Karlstetter als Karte erschienen im Freudensammler Verlag 2009


"Mich wieder auf Spur bringen" heißt für mich, die Gedanken zu wählen und aufzuschreiben, die ich denken will.

Denn mit den Gedanken und den Emotionen verhält er sich wie mit der Entenmutter und ihren Küken*: Die Emotionen folgen den Gedanken, nicht umgekehrt.

Manchmal schreibe ich nur einen Satz, zum Beispiel:

"Probleme sind Gelegenheiten zur Weiterentwicklung."

Immer schön darauf achten, von welchen Gedanken man sich leiten lässt, und natürlich fröhlich bleiben

Uta


PS: Das Experiment "Freiheit" mit Prinzessin (12) ist jetzt drei Wochen alt. Weil es sich zeigte, dass sie zu wenig Schlaf bekommt, habe ich mit ihr über die Zu-Bett-geh-Zeit gesprochen. Sie war einverstanden, spätestens um 22 Uhr im Bett zu liegen. Den Tag über mit Medien und Hausaufgaben läuft es weiterhin gut. Stimmung und Lebensqualität sind deutlich besser. Schulisch müssen wir die Langzeitwirkungen abwarten.

Bewährt hat sich auf jeden Fall, dass beide Seiten (Kind und Eltern) mal erfahren, wie es mit weniger Grenzen läuft und dann darüber zu sprechen, wo man modifizieren möchte. Verrückterweise sind es häufig die Kinder, die sich dann selbst strengere Regeln auferlegen und auch einhalten, weil diese Regeln ja plötzlich von ihnen selber kommen.

* Dieser Vergleich stammt von dem amerikanischen Psychologie-Professor David D. Burns.

Sonntag, 25. August 2013

Glückliche Familie Nr. 163: Leserbrief


Zu dem Post "Die neue Freiheit" habe ich eine Mail von Lisa bekommen, die ich mit ihrer Erlaubnis veröffentlichen darf. 

In ihrer Mail wird so schön deutlich, wie anspruchsvoll es ist, den Familienalltag so steuern, dass alle damit klar kommen. Aber lest einfach selber.


Hallo Uta,

ich lese immer wieder deine neuen Blogeinträge. Jetzt wollte ich dir mal von uns berichten.

Wir haben drei Kinder 17, 15, 11. Ich habe letztes Jahr in den Sommerferien auch das Projekt „Freiheit“ bei Kind 1 gestartet. Ich war es so leid, ständig die Motzkuh zu sein. Da er in die 9. Klasse  kam, konnte ich das Experiment  nach den Ferien weiter laufen lassen, denn die kommenden Noten hatten ja noch keine Abi-Bedeutung (jetzt ab Klasse 10 zählen ja bereits alle Klausurnoten fürs Abi). Und ich hatte ein so ungutes Gefühl. D. ist eigentlich DER Medienkerl.Am liebsten mit Handy und Laptop vor der XBox. Die XBox steht auch bei D. im Zimmer (Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es das alles erst mit 18 gegeben, aber ... ich habe ja nicht alles alleine zu entscheiden) Und das ist auch gut so.
Die Zeit in den Ferien war echt hart für mich.Die Nächte wurden an der XBox durchgespielt, geschlafen - wenn überhaupt - tagsüber. Dann fing die Schule an und ich war echt gespannt.
Nach kurzer Zeit kam D. von sich aus zu uns und sagte, dass er nur noch am Wochenende XBox spielen würde. Beim Spielen würde er kein Ende finden und dann würde das alles nicht hinhauen. Da habe ich aber gestaunt. Ich hätte nicht gedacht, dass er das so hinbekommt. Wann er den Fernseher ausmacht und/oder sein Handy das letzte Mal abends benutzt, weiß ich nicht so genau.
Aber bei seinen Schulnoten hat sich nichts geändert und auch sonst ist er der „Alte“ geblieben. Da D. unheimlich viel Schlaf braucht, kommt es aber auch vor, dass er für zwei Freistunden nach Hause kommt, sich auf die Couch legt und die zwei Stunden schläft. Aber das ist mir  egal.  Eigentlich muss ich sagen, ist es echt entspannt geworden. Obwohl es mir besonders in den Ferien schwer fällt, ihn einfach zu lassen. Aber ich habe auch festgestellt, dass es Zeiten gibt, in denen er sich fast ausschließlich verabredet und gar nicht an der XBox oder am Rechner ist.
Soviel zu Kind 1.


Nun Kind 2.
Unsere S. ist medientechnisch  vollkommen unkompliziert. An den Rechner geht sie nur um zu facebooken, in Onlineshops zu stöbern oder Bilder zu bearbeiten. Die XBox meidet sie komplett, weil sie keinen Spaß an Spielen hat. Wenn sie aus der Schule nach Hause kommt, isst sie auch am liebsten vor dem Fernseher. Bevorzugt bei „Shopping Queen“ und am allerliebsten, wenn ich mich dazu setze, weil sie immer viel zu erzählen hat. Aber ich lasse sie da auch. Sie hat  lange Schultage, teilweise kommt sie erst um 18 Uhr wieder. Klar, ihr Handy nutzt sie auch viel, um zu „Whatsappen“, aber ich denke, sie merkt schon, wenn es Zeit ist zu schlafen. Da bin ich echt stolz. Trotz Freund und uneingeschränkten Medienzugang hat sie den Wechsel auf das Gymnasium (nach dem Realschulabschluß) perfekt geschafft.


Nun Kind 3.
Unser B. (11 Jahre alt), das absolute Medienkind. Durch zwei große Geschwister und einen Vater, der sehr viel in der Medienbranche unterwegs ist, wurde er von klein auf - meiner Meinung nach - viel zu viel und viel zu früh mit Medien bespaßt.
B. wollte jetzt auch mal uneingeschränkte Medienfreiheit. Okay, in den Ferien, dachte ich mir, kann ich es mal ausprobieren. Projekt gescheitert. Dieses Kind schafft es, sich morgens vor die Glotze zu setzen und ausgiebig allen Terror-TV-Mist aufzusaugen. Auf den Beinen das Laptop. Dort macht er allerdings keine Spiele, sondern erstellt Powerpoint-Präsentationen über Fußball-Vereine oder die schönsten Strände der Welt. Eigentlich ja ganz okay. Wenn der Bruder dann erwacht, verschwindet er in D.s Zimmer und wird nicht mehr gesehen. Er muss den ganzen Tag nichts essen oder trinken, so ist er in den Medien versunken. An der XBox spielen die Jungs nur "Fifa" oder "Mario Kart". Andere Spiele haben wir nicht. Irgendwann kommt er dann runter mit roten Augen und fängt an zu motzen, wenn ich um 23 Uhr sage, dass es Zeit fürs Bett ist.

Versuch gescheitert.

Vielleicht versuche ich es in den nächsten Ferien noch einmal.

Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie unterschiedlich Kinder aus einer Familie sein können, die alle die gleiche Wertvermittlung und Erziehung genossen haben.

Das von mir so geliebte gemeinsame Essen hat sich auf einmal die Woche reduziert. Aber bei drei Schulkindern, die täglich so unterschiedliche Schulzeiten haben (der eine hat zur dritten Stunde Schule dafür dann 10 Stunden, der nächste zur nullten Stunde kommt dafür aber schon nach der siebten Stunde wieder...) ist das einfach nicht möglich. Abends sind dann alle mit ihrem Training oder Verabredungen beschäftigt. Alle Kinder spielen Basketball und die Jungs noch Tischtennis. Der Sonntagabend ist jetzt unser Abend zum gemeinsamen Essen.

Noch viel Erfolg mit deinem Versuch.

Liebe Grüße

Lisa


Liebe Lisa, vielen Dank, dass Du mir so ausführlich geschrieben hast und ich Deine Mail veröffentlichen durfte! 

Mittwoch, 21. August 2013

Glückliche Familie Nr. 162: Vorstadtkrokodile


Mir ging es ja richtig gut in der neuen Freiheit.

Ihr hättet hören können, wie ich "Living in an easy way" summe und mit einem Stapel frischer Wäsche die Treppe hinauf gehe.

Ihr hättet sehen können, wie ich Prinzessin (12) begegne und wieder spontan geküsst werde.

Ihr hättet hören können, wie sie die Schultasche greift und mir zuruft: "Ich mach dann mal Geo." Und ich nur singe: "Ja, wie du meinst." Und lächend meiner Wege ziehe.

Die Stimmung zwischen Prinzessin und mir war wie ausgewechselt.

Spontan-Umarmungen, längere Berichte aus der Schule, sogar Instagram-Fotos ihrer Freundinnen wurden mir gezeigt.

Ich merke: Wenn die Beziehung zum Kind gut ist, habe ich es leichter, Dinge durchzusetzen, die mir wichtig sind.

Als ich am Freitagnachmittag nach Hause kam, guckte Prinzessin fern.

"Das kann ich jetzt echt nicht haben. Mach bitte den Fernseher aus", bat ich. Ich musste zwar noch einmal bitten, aber dann tat sie es ohne Murren.

Mir gefällt gut, wie Tanja Haeusler in dem Buch "Netzgemüse" die Auseinandersetzungen mit ihren Söhnen beschreibt. Da spielt der Jüngere ein Video-Spiel und braucht noch fünf Minuten, ehe er zum Abendbrot kommen kann.
Mutter kennt das Spiel und weiß, dass er alle erarbeiteten Punkte wieder verliert, wenn sie ihm nicht noch fünf Minuten gibt, um das Level zu schaffen. Sie hat einen guten Tag und statt zu brüllen: "Du kommst sofort oder du darfst morgen gar nicht an den Rechner!", setzt sie sich dazu und feuert ihn bei der finalen Monsterjagd an.

Man kann davon ausgehen, dass Haeuslers danach ein nettes Abendbrot hatten.

Im Alltag mit mehreren Kindern ist das kaum umzusetzen.

Aber ab und an kann man ein Signal setzen und zeigen, ich verstehe deine Bedürfnisse und verteufele nicht alles, was du zum Beispiel am Bildschirm machst.

Bei vielen Eltern spüre ich ein graues Grundmisstrauen gegen alles, was ihre Kindern begeistert - wenn es nicht zufällig die Viola da Gamba ist.

Apropos Misstrauen.

Euch ist sicher nicht entgangen, dass ich am Anfang die Vergangenheitsform gewählt habe.

Was ist passiert?

Gestern beim Frühstück erwähnte Prinzessin, dass die Klasse eine Abschiedsparty geben möchte für einen Mitschüler, der mit seiner Familie für drei Jahre ins Ausland zieht. Sie dürften in dem alten Haus von Simon feiern. Das stünde jetzt leer, weil die Familie umgezogen sei.

Party in einem leerstehenden Haus?

Uta assoziiert Drogendealer, Vandalismus, betrunkene Jugendliche, die nicht eingeladen waren.

"Simons Eltern werden dabei sein", versichert Prinzessin.

"Sie hocken sich in das verlassene Haus?" - "Ja, hat Simon gesagt."

Ich runzele die Stirn, sie fährt ohne Winken zur Schule.

Prinzessin, wieder abgetaucht.

Am Nachmittag telefoniere ich mit meiner Freundin. Ja, sagt sie, eine Weile ist man gut unterwegs mit den Kindern und vertraut ihnen und dann springt einen wieder irgendein Teufelchen an und man bekommt es mit der Angst zu tun.

Ich muss an Max von der Grüns Buch "Vorstadtkrokodile" denken, wo Kinder in einer verlassenen Fabrik die tollsten Abenteuer erleben. Nach genau solchen Abenteuern sehnen wir uns für unsere Kinder, rufen aber schon auf ihrem Handy an, wenn sie mal eine halbe Stunde später aus der Schule kommen.

Am Abend erkundige ich mich bei Prinzessin vorsichtig nach der Party. Die ganze Klasse ist beteiligt, die Kinder haben Einkaufslisten geschrieben und aufgeteilt, wer welche Besorgungen macht. Es war als Überraschungsparty für Tim gedacht, der unter einem Vorwand in das Haus gelockt werden sollte. Nur leider hat sich Leon verplappert. Prinzessin ist enttäuscht.

Gut, dass ich die Kurve gekriegt, noch einmal mit ihr gesprochen und diesmal auch zugehört habe.

Zwar ist mir immer noch mulmig beim Gedanken an diese Party und ich weiß noch nicht, wie wir damit umgehen werden. Aber zumindest sind wir wieder im Gespräch. Prinzessin taucht wieder langsam auf.

In einem meiner schlauen Bücher habe ich gelesen, dass Menschen entweder gesteuert werden von Angst oder von Liebe.

Mit Liebe läuft es besser.

Immer schön die Angst-Teufelchen in die Flucht schlagen, klar denken und lieben

Uta

Freitag, 16. August 2013

Glückliche Familie Nr. 161: Neue Freiheit


Seit vergangenen Sonntag läuft in diesem Haus ein Experiment:

Wir, der Soßenkönig und ich, geben Prinzessin (12) (fast) völlige Freiheit.

  • Sie darf jederzeit an den Computer oder das iPad (es sei denn, jemand anderes möchte daran).
  • Wir fragen sie nicht danach, ob sie die Hausaufgaben fertig hat.
  • Wir lassen sie ins Bett gehen, wann sie möchte. 

Vergangenen Sonntag haben wir ihr dieses Experiment vorgeschlagen. 

Ich habe ihr gesagt, dass ich keine Lust habe, noch länger die Polizistin zu spielen und zu kontrollieren, wie lange sie am Computer ist, ob das iPad unter der Bettdecke liegt, die Vokabeln gelernt, die Schulsachen gepackt sind. 

Wir haben gesagt, dass wir von klein auf bei ihr beobachtet haben, dass sie alles, was sie wirklich will, erreichen kann (selber Schleifebinden und Fahrradfahren beigebracht).

Wir haben gesagt, dass sie uns fragen kann, wenn sie bei Schulaufgaben Hilfe braucht. Dann helfen wir. Allerdings nur bis 21 Uhr abends. 

Prinzessin war erleichtert. Ist ja auch ein Schock, wenn plötzlich beide Erziehungsberechtigten im Zimmer stehen und ein Gespräch wollen. Sie willigte freudig ein.

Ihr fragt euch, was das wieder für ein Projekt ist?

Immer wieder schreibe ich von Vertrauen und dass das die Kinder stärkt. Trotzdem wurde ich immer wieder rückfällig. Ich habe befürchtet, als zu weich zu gelten, als jemand, der verantwortungslos ist oder - für mich das Schlimmste - als jemand, der es sich zu leicht macht. 

Schluss damit! 


Magnet-Schild von Julia

Nach vier Tagen neuer Freiheit ziehe ich eine erste Bilanz:
  • Die Stimmung ist deutlich besser.
  • Ich freue mich jetzt, wenn sie aus der Schule kommt.
  • Sie geht für meinen Geschmack zu spät ins Bett (22.30 Uhr), steht aber ohne zu meckern um 6.30 Uhr auf.
  • Sie gibt mehr eigenes Geld für online-Spiele aus (das sehe ich, weil die Abrechnung bei mir landet).
  • Sie hat gestern mit Hausaufgaben begonnen, die nicht für den anderen Tag waren.
  • Ich höre sie den halben Tag singen.
  • Sie bleibt nach den Mahlzeiten länger am Familientisch sitzen.

Am Montag hat sie mir beim Mittagessen erzählt, wie sie sich die Zeit einteilen möchte und hat so viel aus der Schule berichtet, dass ich fast Fieber gemessen hätte. Auf dem Weg in ihr Zimmer machte sie auf der Treppe noch einmal kehrt und umarmte mich stürmisch.

Als ich die Brille gerade gerückt und die Haare gerichtet hatte, stand ich noch eine Weile in der Küche und spürte das Glück in meinem Körper kribbeln.

Ob es von Dauer ist, werde ich berichten.

Immer fröhlich den Mut haben, sich zu verändern

Uta