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Dienstag, 13. Mai 2014

Glückliche Familie Nr. 219: Onkel mit Pappnase


Der Satz, über den ich mich am Muttertag am meisten gefreut habe, war: "... und wenn ich weine, kannst du mich immer zum Lachen bringen." Der Satz stammt von Prinzessin (13). Er freut mich so, weil es mir sehr wichtig ist, dass meine Kinder nach Niederlagen wieder aufstehen können, das Krönchen wieder gerade rücken und weiter marschieren. Dass sie lachen können, vor allem über sich selber und nicht in Selbstmitleid und Sorgen versinken.

Irgendwo in meinem Archiv habe ich eine Statistik über das Lachen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Kinder viel mehr und häufiger lachen als Erwachsene.

"Werde endlich erwachsen!" ist vor diesem Hintergrund eine furchtbare Drohung.

Eines meiner Kinder (aus Gründen der Diskretion nenne ich nicht den Platz der Thronfolge) hat noch bis über die Grundschulzeit hinaus regelmäßig die Kleider wechseln müssen, weil es sich mal wieder vor Lachen in die Hose gemacht hat. Nie habe ich lieber die Waschmaschine angeworfen als in diesen Fällen.

"In jedem Alter müssen Kinder lachen, spielen, Spaß haben können und nicht unaufhörlich nach etwas streben müssen. Sie haben das Bedürfnis, sich zu entspannen, albern zu sein, zu necken, ein bisschen verrückt zu sein und ganz allgemein im Leben nicht immer ernst sein zu müssen." (Wayne W. Dyer: "Glück der positiven Erziehung. So werden Kinder frei, kreativ und selbständig", München 1989, S. 120)

Wayne Dyer meint, dass es Kinder sehr schwächt, wenn ihre Eltern der Typ "Ich-mache-mir-ständig-über-alles-Sorgen-Mensch" sind.
Haben wir wohl die richtige Schule ausgewählt? Werden wir die ideale Tagesmutter finden? Wird sich das Kind ohne Halstuch nicht erkälten? Wird die nächste Mathe-Arbeit vielleicht daneben gehen? Ist der Reisebus für die Klassenfahrt auch sicher genug? Passieren auf Ski-Reisen nicht häufig Unfälle? Bekommt mein Kind genug Vitamine, Ballaststoffe, Eisen ... ? Werde ich nach der Elternzeit wohl wieder einen Job finden?


"Großmutter, Großmutter, du solltest dir mal wieder die Oberlippe epilieren!" *


Wenn liebe Freunde von uns früher ein Fest machten, luden sie nicht nur Freunde und ihre Kinder ein, sondern auch die halbe Verwandtschaft. Meistens war auch ein unverheirateter Onkel dabei, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Kinder zu bespaßen. Einmal sah ich ihn spät abends erschöpft im Sessel sitzen, im Schoß einen Teller Nudelsalat und im Gesicht immer noch die rote Pappnase.

Ist das nicht rührend? Er hätte den Nachmittag auch damit verbringen können zu klagen, dass er keine Frau findet, sein Steuerberatungsbüro gerade nicht so läuft und das linke Knie schmerzt. Aber nein: er zeigte den Kindern Kartentricks.

Unvergessen auch das kleine Gerät, das die Oma unserer Nachbarskinder mal zu einem Besuch mitbrachte und das die Kloschüssel dazu brachte, Arien zu singen, wenn man die Spülung betätigte.

Bei uns wird garantiert gelacht,  ...

  • wenn der Soßenkönig sich selbst als Schwaben parodiert
  • wenn ich aus "Dirk und ich" von Andreas Steinhöfel vorlese, besonders das Kapitel "Es grünt so grün ...", wo die Familie umzieht und Möbelpacker Ernie mit dem Hintern im Treppengeländer stecken bleibt (das Buch ist super zum Vorlesen für Grundschulkinder)
  • wenn ich Prinzessin (13) aus "Tschick" von Wolfgang Herrndorf vorlese (ja, gelegentlich lese ich den Großen noch vor, weil es einfach sooooooo schön ist)
  • wenn wir im Auto Loriot hören (für die Dänemark-Fahrt hatte ich das Hörbuch "Gesammelte Werke" ausgeliehen)
  • wenn ich für Prinzessin spiele, als wäre ich sturzbetrunken

Wann habt ihr den größten Spaß in Familie?

Mir immer fröhlich schreiben, wie ihr die Kinder zum Lachen bringt.

Eure Uta

* Danke, lieber Gulliver, dass du bei unseren Späßen nicht böse wirst!

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 175: Pommes und Atheisten


Mittwoch und Freitag sind inzwischen die einzigen Tage, an denen die Kinder nur bis zum Mittag Schule haben und zum Essen nach Hause kommen. An diesen Tagen nehmen wir uns Zeit für ein gutes Essen ganz in Ruhe mit Nachtisch und Nachklönen.

Gestern gab es Zitronenschnitzel mit Pommes und Salat, zum Nachtisch gekaufte Mousse au chocolat mit Kiwi-Scheibchen auf einem Teller garniert und zum Nachklönen ein Gespräch über Religionen.

Wie wir darauf kamen, weiß ich nicht mehr, aber wir sprachen über den Unterschied zwischen Moslems und Islamisten, über "christliche" Kreuzzüge, Ablasshandel, Martin Luther und Buddhisten, die zeitgeschichtlich betrachtet wohl am wenigsten auf dem Kerbholz haben.

Wir waren uns einig, dass dieses Recht-haben-wollen über Gott schon viel Leid verursacht hat. Und Kronprinz (16) meinte, er könne nachvollziehen, dass manche Menschen nichts mit Religion zu tun haben wollten oder sogar Atheisten würden.

"Was sind noch mal Atheisten?", fragte Prinzessin (12).

"Das sind Leute, die nicht an Gott glauben."

"Ach", meinte Prinzessin und tunkte Pommes in die Soße, "dann werde ich nach der Konfirmation auch Atheist."

Also darf ich doch nicht nachlassen, abends mit ihr das Gebet zu sprechen, das wir seit Jahren beten und dessen Quelle ich leider nicht herausfinden konnte:



Der Tag ist nun zu Ende,
ich falte meine Hände,
ich freue mich auf morgen,
bei Gott bin ich geborgen.



Betet ihr auch? Und wenn ja, was?

Immer fröhlich Gottvertrauen weitergeben

Uta

Donnerstag, 30. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 147: Bollywood im Taxi


"Vier Fünftel der Weltbevölkerung betrachten das Leben als eine Prüfung, als Drangsal und Leiden, als Probezeit, als abzutragende karmische Schuld, als Schule der harten Lektionen, die gelernt werden müssen, ..." (aus: Neale Donald Walsch: Gespräche mit Gott, S. 308)

Die Hamburger Taxifahrer Lovely und Monty Bhangu gehören zu dem restlichen Fünftel der Menschheit, für die das Leben ein Fest ist. Die beiden Brüder aus Indien spielen in ihrem Taxi fröhliche Bollywood-Musik und haben inzwischen eine eigene CD mit deutschen Texten zu indischer Musik produziert.

"Elbchaussee bis Airpo-o-o-rt,
volles Leben ist do-o-o-rt,
willst du Stress unte-e-e-rdrücken,
gehst du an Landungsbrü-ü-ü-cken."

Das ist nicht Rilke, aber so lebensfroh und lustig, dass ich dem Soßenkönig die CD und einen Gutschein für eine Taxifahrt mit Lovely oder Monty zu seinem Geburtstag diese Woche geschenkt habe. Lovely kam vorbei und brachte persönlich die CD und diese Autogrammkarte.





Jede Menge Baustellen in Hamburg, Straßen mit Schlaglöchern, Dauerregen, Dauerstau, unfreundliche Fahrgäste, Ausländerfeindlichkeit ... Lovely und Monty hätten eine Menge zu klagen, wenn sie nicht beschlossen hätten, fröhliche Menschen zu sein und Musik zu machen.

Euch haben wir es zu verdanken, dass wir diese Woche so viel Spaß hatten. Danke!

Immer schön fröhlich bleiben

Uta


PS: Mir ist es nicht gelungen, das Video der singenden Taxifahrer hoch zu laden, aber hier ist der Link, wenn ihr es euch anschauen und mitsingen möchtet.

Samstag, 3. März 2012

Glückliche Familie Nr. 19: Ein Bad für mich allein


"Er nahm sie bei der Hand, er führte sie zu ihrem Stuhl zurück und war schon mitten in seiner Liebeserklärung, bevor sie noch recht begriff, warum er sie zurückgehalten hatte."
Nicht nur mein Herz, auch das Badewasser gerät in Wallung. Ich rutsche tiefer in die Wanne und halte das Buch über der Brandung. Würde Fanny Price den schneidigen Henry Crawford erhören? Mit tropfenden Fingern blättere ich um.
"Doch er redete weiter, gestand ihr seine Liebe, hoffte auf ihre Gegenliebe und bot ihr schließlich in so klaren Worten, dass selbst sie nicht an ihrem Sinn zweifeln konnte, sein Herz, seine Hand, sein Vermögen an."
Meine Seufzer drücken Höhlen ins Schaumgebirge. Die gute alte Fanny. Will sie Crawford wirklich einen Korb geben, nur weil sie für ihren Cousin, einen hausbackenen Jungprediger, schwärmt?

Das Buch in der einen Hand, greife ich mit der anderen nach dem Edelstahlhebel an der Wand, um eine warme Strömung unter meine Beine zu leiten. Die Haarspülung von Prinzessin stolpert ins Wasser und reißt das Antischuppenshampoo und den Putzschwamm mit. Die Flaschen treiben in der Badewanne wie Müll in einem Hafenbecken. Ich wische die Tropfen von Henry Crawfords Liebesschwur.


Fanny Price und das Schuppenshampoo, das hart gegen Westindien kreuzte  



Der Schwamm beginnt zu sinken, als Sir Thomas, Fannys Onkel, den Raum betritt. Sie aber flüchtet sich ins Ostzimmer, "wo sie in der äußersten Verwirrung widerstrebender Gefühle unruhig umher wanderte. Fanny bebte am ganzen Körper, während sie ihre Gedanken ..." Boing. Ein Faustschlag erschüttert die Badezimmertür. "Mama, ich muss da rein?" - "Och, ne, geh doch unten. Ich liege gerade in der Wanne." - "Nein, ich brauche mein Deo." - "Und ich brauche meine Ruhe."- "Ich muss aber gleich los."

Ich lege den Roman an den Wannenrand und patsche zur Tür. Kronprinz stürzt hinein und räuchert mich mit Deo ein. Seine Schwester und sein Vater stehen plötzlich auch im Bad.
Ich habe doch nur die Badezimmertür geöffnet und keinen sozialistischen Schlagbaum.
Prinzessin sucht den Nagellackentferner, und mein Mann hat sich über das Waschbecken gebeugt. Mit dem Gesicht hängt er vor der Stelle, die er mit meinem Handtuch frei gewischt hat, um an einem Mitesser herum zu quetschen.
Möchten vielleicht die Nachbarn auch noch kommen? Ich hätte noch zwei Stehplätze neben der Toilette zu vergeben.

Sollten wir im Lotto gewinnen, lasse ich mir ein Badezimmer ganz für mich allein einrichten. Mit einer Wanne, an deren Rand schimmernde Muscheln wie angeschwemmt liegen. Mit einem Korbsessel, über den sich die Seide eines Morgenmantels ergießt. Das Bad meiner Träume hätte eine dick gepolsterte Tür, wie man sie in Anwaltsbüros sieht, schallisoliert gegen Familienlärm. Ungestört könnte ich Janes Austens Mansfield Park lesen. Meine Lieblingsbücher stünden auf einem weiß lasierten Bord über dem Korbsessel. Jetzt lagern sie noch im Arbeitszimmer - sozusagen im Trockendock. Literatur, die mit ins Wasser darf, muss am Meer spielen. Zum Beispiel E. Annie Proulxs Schiffsmeldungen oder Katherine Mansfields Erzählung An der Bucht.


Die Invasion meiner Familie ins Bad erinnert mich an meine Teenagerzeit. Damals waren es die älteren Schwestern, die durch meine Intimsphäre latschten. "Was schließt du ab? Bei dir ist sowieso nix wegzugucken."
Schon damals tröstete ich mich mit Literatur. Daran erinnern die Wasserzeichen in den alten Ausgaben. Siddharta klebt in der Mitte zusammen, weil ich in meiner Hermann-Hesse-Phase Orangenöl in die Wanne kippte. Die gesammelten Werke von Jane Austen tragen eine knittrige Dauerwelle. In Mansfield Park sind die Seiten mit Henry Crawfords Heiratsantrag ganz brüchig. Wieder und wieder musste ich lesen, wie der Zampano in den Sog seiner Liebe zu Fanny Price gerät. In solchen Momenten war der Schaum auf meinen Schlüsselbeinen der Kragen eines Empirekleides. Und "Seiner Majestät Schaluppe", auf der Fannys Bruder William zur See fährt, trieb neben meinen Knien. Es war das Schuppenshampoo, das hart gegen Westindien kreuzte.

Hätte ich ein eigenes Bad, würde ich es nach dem Putzen versiegeln lassen. So eine Plakette käme an die Tür, wie die Kripo sie nach der Spurensicherung an die Wohnungstür klebt. Nur dass ich keine Spuren sichern, sondern sicherstellen will, dass es keine Spuren gibt.
Fanny Price - da bin ich mir sicher - hätte es gut getan, nach den Heiratsanträgen eines langen Tages in meinem "Anti-Stress-Bad mit Sandelholz" zu liegen. Vielleicht hätte sie einen Science-Fiction-Roman, der im Jahr 2012 spielt, zur Hand genommen und die Zeit genossen, in der weder ein Prediger noch seine Brut über ihr liebstes Zimmer herfallen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta













Montag, 20. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 11: Der Mann von der Hotline


Ich wollte heute Morgen bloggen und kam nicht ins Internet. Das Telefon war auch tot.

Ich muss sagen, ich habe kein Vertrauen in Hotlines von Internet-Providern.
Im Auto haben wir neulich "Die Kinder des Dschinn" von P.B. Kerr gehört. In der Geschichte betreibt eine verbrecherische Sekte ein Call-Center, das Anrufer bei Computerproblemen systematisch in die Verzweiflung treibt. So wollen sie die Weltherrschaft an sich reißen. Seither fühle ich mich in der Telefonschleife unseres Providers wie im Vorhof der Hölle.

Ein Bernd S. meldete sich. Ich nannte meine Kundennummer. Kaum hatte ich die nächste Luft geholt, hatte Bernd mein Problem auf dem Schirm.

"Das sieht doll aus, ist alles tot", sagte Bernd. "Genau, ich habe keine Verbindung zum Server." - "Ja, wirklich keine", rief Bernd begeistert, "so was habe ich auch noch nicht gesehen. Davon mache ich mir eine Kopie."

"Wie viele Telefonsteckdosen haben Sie?"
 Ich krabbelte mit Bernd unter den Schreibtisch. "Drei."
"Haben Sie einen DSL-Splitter?" - "D - S - L - S-p-l-i-t-t-e-r." Vor Schreck stieß ich mir den Kopf an der Schreibtischplatte. Ich raschelte mit Zetteln im Papierkorb und rieb die Sohle meines Hausschuhs am Tischbein. Bernd sollte denken, dass ich nur noch meine zusätzlichen Profi-Festplatten und die ganzen USB-Sticks beiseite schieben muss, um den Splitter zu finden.

"Bernd," sagte ich, "Bernd, ehrlich, ich weiß nicht, was ein DSL-Splitter ist." Wir waren jetzt bei der Wahrheit. Jetzt ging nur noch das "Du".

"Macht nichts. Da muss ein graues Kabel zwischen Fritzbox und einem Kästchen sein." Bernd kannte sich aus bei uns. Ich guckte vorsichtshalber über die Schulter, ob er nicht doch hinter mir stand. Aber da schlich nur die Katze herein und legte sich auf die Vertragsunterlagen.

"Das graue Kabel einmal rausziehen und auch von der Fritzbox den Netzstecker ziehen."

Wenn Bernd wüsste, dass es bei uns unterm Schreibtisch aussieht wie in den Rätseln in der "Apotheken-Umschau", wo drei Kinder ein Fadenende in der Hand halten und man muss herausfinden, welches Wollknäuel in dem Gewirr zu dem richtigen Kind gehört.
Ich zog den Netzstecker und die Schreibtischlampe ging aus. Ich zog einen anderen Netzstecker: finales Rauschen im Anrufbeantworter. Endlich gingen auch an der Fritzbox die Lämpchen aus.

"Alles Roger, Bernd!"
"Gut, jetzt müssen wir 30 Sekunden warten."
 "Sollen ich uns einen Kaffee kochen?"
Stille.
"He, das sollte ein Witz sein."

Bevor ich die Kabel wieder einsteckte, legte ich Bernd lieber neben den Hausschuh. Ich musste mich konzentrieren. Bernd hätte sicher kein Verständnis für die erste Fritzbox-gesteuerte Stehlampe gehabt.

"Das 'Power/DSL'-Licht blinkt." - "Das ist gut, das könnte klappen." - "Power/DSL" konstant, FON inaktiv, WLAN blinkt." Ich war sachlich und kompetent wie ein Co-Pilot kurz vor der Landung. Bernd war stolz auf mich, das hörte ich an seiner Stimme.

"Jetzt guck mal, ob du wieder ins Internet kommst." Ich tauchte unterm Schreibtisch auf.
"Jaaaaa!" Mein Blog leuchtete mir entgegen.

Lieber Bernd S. irgendwo da draußen in einem Callcenter. Heute hast du mir mein Blog und mein technisches Selbstbewusstsein zurückgegeben, heute warst du mein "Glücklichmacher". Hast du das auch auf deinem Schirm?

Immer fröhlich bleiben

Uta






Mittwoch, 8. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 4: Dienst an der Reiswaffel

Alle vier Wochen dienstags trinken Christiane und ich eine heiße Schokolade mit viel Sahne in der Teestube neben der Schule. Wenn wir keine Sahne mehr an der Oberlippe haben, treten wir unseren Dienst in der Schulkantine an.
Alle vier Wochen dienstags gehen meine Kinder nicht in die Schulkantine. Zwar schätzen sie meine Art, ungezwungen mit ihren Mitschülern ins Gespräch zu kommen, aber sie finden, dass mir die wadenlange Schürze nicht steht. Sie müssen auch nicht dabei sein, wenn ihre Mutter kopfüber in der Tiefkühltruhe steckt, weil sie das Flutschfingereis nicht findet. Das müssen sie nicht haben, wirklich nicht.

Weil sie nicht kommen, erleben sie nicht unseren schrecklichsten Moment, den Moment "Mathelehrer in Menüschlange". Wir können noch so im Dampf der Tortellini stehen - Herrn Maier-Rohlinger (Name von der Bloggerin geändert) wittern wir sofort. Er ist der Mathelehrer von Christianes Tochter und von meinem Sohn. Wohlgemerkt ist er ein guter Mathelehrer, aber das macht die Sache nur noch schlimmer. Gestern wollte er eine Bockwurst mit Brot, ohne Senf und wollte den Preis der Wurst mit dem Pfand für den Kaffeebecher verrechnet haben, den er zurückgebracht hatte. Den neuen Kaffee, den er bestellte, wollte er in Begleitung der längsten Praline der Welt genießen. "Und das macht?" Ja, was macht das denn? "Mathelehrer in Menüschlange" lässt unseren linken Schläfenlappen ins Koma sinken.

Dabei haben Christiane und ich im Leben und in der Mathematik schon ganz andere Aufgaben gelöst. Locker könnten wir die Teuerungsrate unserer Schulkantine in Verhältnis setzen zur Preisentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Sobald Herr Maier-Rohlinger den Raum verlassen hat, rechnen wir das aus. Ganz locker auf so einem Pappdeckel von der Bockwurst. Aber dann ist er schon weg, der Mathelehrer. Und wir müssen weiter machen mit unserem Dienst an der Reiswaffel.





Was bleibt, ist ein neuer pädagogischer Lehrsatz: Mütter brauchen Rituale.

Lümmelt alle vier Wochen in einer netten Teestube rum und habt viel Spaß in der Schulkantine!

Immer fröhlich bleiben

Uta


Mittwoch, 1. Februar 2012

"Der Zusammenbruch der Konsequenz in der Erziehung"


6.30 Uhr in Hamburg, minus 9,3 Grad Kälte, Dunkelheit, Geschichtsreferat. Nur noch spießige Shirts im Schrank, Duschgel leer. In der Seele eines männlichen Teenagers ist es das Grauen. Den Fuß lieber nicht setzen in das Wirrwarr aus Kopfhörer- und Aufladekabeln neben dem Bett, in das Wirrwarr neuer Anforderungen. Wieder einkuscheln gegen den Frost im Kopf. 7.15 Uhr. 9,2 Grad Kälte. Frühstück im Stehen, Eltern anstrengend wach. Diese zur Schau getragene Disziplin. Schwester sitzt schon im Bus. Fünftklässler, typisch.

Soll Kronprinz die Konsequenzen spüren und zu spät kommen am Tag seines Referats? Da steht er der Experte für "Der Zusammenbruch der Sowjetunion", übermüdet, Restfeuchte im Haar, sauer auf sich selbst. Ich stehe ihm gegenüber, ermüdet, sauer auf Kronprinz, Expertin für "Der Zusammenbruch der Konsequenz in der Erziehung".

Ich fahre ihn mit dem Auto. Das Gebläse überschlägt sich. Hinter uns zwei Busse der gleichen Linie. An der Haltestelle eine Traube von Eingemummten. Im Augenwinkel eine vertraute Kapuze. Vollbremsung. "Steig aus, hol deine Schwester!" - "Aber sie steigt doch schon in den Bus!" - "Hol deine Schwesterrrrr!" Meine Stimme schneidig wie der Ostwind draußen.

Beide Kinder und Frieden im Auto. Satter Vorsprung vor dem Bus. An der letzten Kreuzung vor der Schule singt Lindenberg das Lied von der Cellistin. "Mit dir, das war so groß", raucht die Udo-Stimme, "das kann man gar nicht beschreiben." Mit meinen Kindern, das ist so groß, denke ich. -"Danke", sagt mein Sohn und bückt sich noch einmal in die offene Beifahrertür. "Ich weiß gar nicht, ob ich mein Brot eingesteckt habe." - "Hast du ... viel Glück beim 'Zusammenbruch der Sowjetunion!"

Uta

Frost in der Seele, aufgenommen nach einem neuen Verfahren,  man sieht deutlich die kalte Referatswolke links

Dienstag, 31. Januar 2012

The unidle afternoon



Habe ich erwähnt, dass ich gerne Erziehungsbücher lese? Zur Zeit lese ich „The idle parent“ von Tom Hodgkinson. „idle“ heißt „entspannt“. Dieses Buch musste ich haben. Es gibt es auch auf Deutsch, aber die englische Ausgabe ist so hübsch, dass ich mich dafür entschieden habe.
Ich bin erst im zweiten Kapitel und habe bisher Tipps wie diesen mitgenommen: Bleiben Sie einfach bis mittags im Bett liegen, dann machen die Kinder ganz von selbst Frühstück. Sie sind ausgeruht und die Kinder glücklich, weil sie sich als fähiges Mitglied der Familiengemeinschaft erlebt haben.

Solche Ratschläge finde ich klasse, so lässig. Nur ist es mir eine Qual, länger als bis 8 Uhr morgens im Bett zu bleiben. Und die Ausschlaflänge unseres Sohnes zu toppen, ist auch meinem Mann nicht möglich. Ist wohl eher ein Tipp für Familien mit Kindern unter 10.
Hodgkinson beschreibt das Phänomen der „overprotecting mummy“ (nein, guckt mich nicht so an, mich meint er nicht) und dass – wenn wir so weitermachen und unsere Kinder bis zu Erschöpfung bespaßen, wir eine Gesellschaft bekommen, die aus Riesenbabys besteht. Und alle brauchen Hartz IV, weil sie es nicht schaffen, selbst etwas auf die Beine zu stellen. Boom, der saß.

Dieses Buch rüttelt mich wach. Ich werden jetzt andere Saiten aufziehen. Als die Kinder mittags aus der Schule kamen, eröffnete ich ihnen über der Möhrensuppe, ich würde ein einjähriges Experiment beginnen und darüber im Internet berichten. Und zwar: („Ist da Ingwer drin?“ - „Ja, lasst mich ausreden, das wird unser Leben verändern!“) Ich werde Euch völlig frei lassen. Ich frage nie wieder, ob die Hausaufgaben gemacht sind, ob ihr schon gelernt habt, für die Mathearbeit morgen und ob Prinzessin die Deutschmappe fertig gestellt hat. Ich helfe dem Kronprinzen nicht mehr bei der Lateinübersetzung und behandle die Schule wie einen Ort, der mit mir absolut nichts zu tun hat. Bei diesem kraftvollen Statement überschlagen sich die Glücksbotenstoffe in meinem Gehirn. Die Möhreningwersuppen sind kalt, die Kinder still.


Guckt mal, das zweite Buch von oben
Dann der Proteststurm. Das könne ich nicht machen. Selbständigkeit fände er gut, sagt der Kronprinz, aber das könnten wir in anderen Lebensbereichen ausprobieren. Welchen denn? Ja, das wüsste er jetzt auch nicht. Prinzessin fällt eine Fernsehsendung ein, in der eine Mutter ihr sechsjähriges Kind allein durch die Großstadt über sechsspurige Straßen zur Schule geschickt hat und ob ich das gut fände. Ihr Zeigefinger bohrt sich in meine Brust.

Unsere Debatte hat nicht wirklich zu einem Ergebnis geführt, aber der Nachmittag nahm eine überraschende Wendung. Mein Sohn meinte, er bräuchte endlich das versprochene Präsentationsprogramm für unseren Computer, damit er sein Geografie-Referat gut vortragen könne. Erst weigerte ich mich, sagte, ich müsse in den Getränkemarkt und der Computershop liege genau in der anderen Richtung. Schließlich hörte ich mich sagen: „Meinetwegen, wir fahren zum Shop, aber erst, wenn du Mathe fertig hast!“

Wollte ich mich nicht völlig aus allem Schulischen heraushalten? Dann habe ich mich auch noch mehrerer schwerer Erziehungssünden schuldig gemacht: Erpressung, Förderung unselbständigen Arbeitens, materielle Verwöhnung … puh!
Was soll ich sagen, es hat funktioniert: Es ist gefühlt Jahre her, dass er vor Einbruch der Dunkelheit mit den Hausaufgaben fertig war. Wir gingen das Programm kaufen und noch ein bisschen Bummeln und er war für den Rest des Tages so beschwingt, dass wir eine wunderbare Zeit hatten.

Lieber Tom Hodgkinson, I was definitely unidle this afternoon, but I had a wonderful time with my son. Education is a complicated task, isn't it?

Yours sincerely

Uta

Freitag, 27. Januar 2012

Erstes Shooting



Am Zeugnistag gibt es bei uns immer Schokoladenpudding. Als ich den Pudding zum Abkühlen nach draußen in den verschneiten Garten brachte, fiel mir ein: Schoko, Schnee, Glasschüssel stylisch ... ein Elfmeter für die neugeborene Bloggerin.

Es gibt so schön fotografierte Bloggs, man gucke nur mal bei Liebesbotschaft (http://liebesbotschaft.blogspot.com/). Ein Traum.

Ich habe mich auch ans Werk gemacht. Seht her!




















Mütze und Schal: P&C
Pudding: Dr. Oetker
Schüssel: Karstadt
Löffel: Aussteuer

Ja, ich bin jetzt auch nicht soooo zufrieden. Der Pudding hatte irgendwann auch keine Lust mehr. Posten Sie jetzt nichts.

Immer fröhlich bleiben

Uta