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Montag, 14. November 2016

10 aus 25 Fragen an Väter: Raphael

Ich sende Müttern, Vätern, Omas, Opas und anderen Kinder-Experten 25 Fragen, von denen sie 10 Fragen oder mehr auswählen, auf die sie antworten möchten.
Heute:
Raphael (32) lebt mit seiner Frau und seiner sechs Monate alten Tochter in Ham...
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Freitag, 9. Mai 2014

Glückliche Familie Nr. 218: Verachtung im Blick


Heute ist bei mir der Tag des Mannes, des großen und des kleinen Mannes.

Ich fange mal mit dem großen Mann an.

Im Urlaub wagte er es, in den Supermarkt zu gehen, ohne die Korbtasche mitzunehmen, die ich für diesen Zweck eingepackt hatte. Er hatte die Kinder dabei und kehrte mit vollen Plastiktüten wieder, in denen sich neben Riesenflaschen mit Softdrinks ("böse,böse") Weingummi-Beutel ("Zucker pur") und eingeschweißte Fleischstücke ("bestimmt aus der Massentierhaltung") befanden.

Ihn traf natürlich "der Blick". Dieser Blick ist wie ein Giftpfeil und meine beiden Männer hassen ihn. Ich könnte besser rumbrüllen oder sie in die Korbtasche schubsen, aber "der Blick" ist tödlich. Er ist voller weiblicher Verachtung und in meinen klaren Momenten verstehe ich, dass sie sich damit elend fühlen.

Weil ich mich von klein auf hauptsächlich um die Kinder gekümmert habe, gibt es eine Ecke tief in mir drin, die sich für den sozialeren Menschen hält, wie wir Frauen doch überhaupt, oder? ... (Dass der Soßenkönig derjenige ist, der hauptsächlich das Geld erarbeitet, damit ich die stylische Korbtasche mit dem Peace-Zeichen, das Fleisch vom Bio-Schlachter und den fair gehandelten Kaffee kaufen kann, ist ein sehr lästiges Detail. Und er will einfach nicht einsehen, dass ich mich beruflich auch nicht so durchgesetzt habe, weil ich Macht und Geld irgendwie ablehne, denn ich bin ja so sozial, siehe oben).

Als wir aus dem Urlaub heimkehrten, hat der Kronprinz (16) die Polster von seinem Schreibtisch-Stuhl absaugen müssen, weil die Katzen in den Ferien wohl die ganze Zeit vor dem Computer gesessen haben. Die Spezialbürste wollte danach nicht mehr in das Fach im Staubsauger passen und der Kronprinz schlug ärgerlich den Deckel zu. "Doch nicht mit Gewalt," schrie ich entsetzt und dachte in der gleichen Hundertstel-Sekunde: "Na, ich weiß ja, von wem er das Aufbrausende geerbt hat." Vor längerer Zeit hat der Soßenkönig ein Fach im Gefrierschrank geschrottet, weil die Schublade es wagte, sich ihm zu widersetzen. Damals war es - glaube ich - Lichtgeschwindigkeit, in der ich dachte: "Mein Vater hätte so etwas nie getan."

Mein Vater. Mein Vater ist so etwas wie der Gandhi des Haushalts. Zum Beispiel kann niemand so liebevoll einen Kofferraum packen wie er. Da wird der Regenmantel auf links gewendet, zusammen gelegt und als Puffer zwischen Reservereifen und Koffer geschoben. Der Hohlraum neben der Reisetasche ist dem Knirps vorbehalten, der sich quetschfrei einfügt. Wenn meine Mutter in letzter Sekunde kommt und will in dieses perfekte 3-d-Puzzle, das den Kofferrauminhalt darstellt, die Kastenform mit dem Rührkuchen unterbringen, atmet mein Vater tief durch, sehr tief. Er tritt nicht gegen die Stoßstange (undenkbar), er brüllt meine Mutter nicht an (noch undenkbarer), er hebt einmal resignierend die Hände, wickelt die Alufolie noch perfekter um den Kuchen und schiebt die Form sachte neben den Beutel mit den Hausschuhen unter den Vordersitz. Passt.

Mein Vater zeigt auch für Haushaltsgeräte und besonders für Werkzeug immer eine besondere Achtsamkeit. Schon immer. Wenn ein Ding das Funktionieren verweigerte, hörten wir Schwestern sofort den Satz: "Nicht mit Gewalt!" Vielleicht haben mich deshalb die ganz raren Momente beeindruckt, in denen dieser Mann mal die Beherrschung verlor. So wie bei irgendeinem Fußball-Finale, als die deutschen Mannschaft das entscheidende Tor schoss, mein Vater hochsprang und mit hochgerissenen Armen die Deckenlampe zerschlug. Oder wie bei dem Handballspiel, bei dem mein Vater (mein Vater!) wegen Foulspiel des Platzes verwiesen wurde. Den Bericht darüber in der Lokalzeitung habe ich als Kind immer und immer wieder lesen müssen.

Mein Vater ist wunderbar. Mein Mann ist wunderbar. Mein Mann ist anders als mein Vater. Vielleicht hat er mich auch deshalb so angezogen damals.

Auf jeden Fall tue ich gut daran, das wahr zu nehmen und die beiden nicht zu vergleichen.

Ron Smothermon schreibt:
"Nun, ganz gleich, wie befriedigend Ihre Beziehung zu Ihren Eltern war oder ist: Wenn Sie sich nicht bewusst werden, mit wem Sie jetzt zusammen sind, sind Sie in ganz schönen  Schwierigkeiten. Ich garantiere Ihnen, dass die Person, mit der Sie derzeit zusammen sind, anders ist und möchte, dass Sie das merken. Wenn Sie sich ihm oder ihr gegenüber quasi automatisch verhalten, laufen Sie Gefahr, die besondere Qualität der Beziehung einzubüßen, wenn nicht sogar die Beziehung überhaupt." (Ron Smothermon: Drehbuch für Meisterschaft im Leben. Bielefeld 2007, 20. Auflage, S. 18) 

Und jetzt noch schnell zu den kleinen Männern. Meine Freundin hat mir einen Link zu einem wunderbaren Artikel von Wolfgang Bergmann über Jungs im Kindergarten geschickt. Er macht auf einzigartige Weise deutlich, warum Jungen heute immer verhaltensauffälliger werden und angeblich immer häufiger eine Therapie brauchen. Ich möchte euch ganz dringend ans Herz legen, den Artikel zu lesen. Einmal bitte hier entlang.

Darf Männlichkeit noch sein? - Kronprinz (7) mit Kaugummi-Zigarette

Immer fröhlich sehen, wer der Partner wirklich ist, und ein neues Verständnis entwickeln für die kleinen Männer.

Eure Uta

Mittwoch, 19. Juni 2013

Glückliche Familie Nr. 151: Wo der Hammer hängt


Als ich am Wochenende ohne Kinder mit Soßenkönig auf der Autobahn unterwegs war (super Gelegenheit, mal in Ruhe zu reden), meinte er, ich müsste in meinem Blog darüber schreiben, was wir Frauen von den Männern in der Kindererziehung wollten.

Sollen sie den Windeleimer raustragen und sonst die Klappe halten?

Sollen sie auf den Tisch hauen, wenn Mama mal wieder zu weich ist?

Sollen sie Jesper Juul in etwas jünger und knackiger sein und tiefenentspannt zwischen den Bauklötzen sitzen?

"Was wollt ihr Frauen von uns als Vater?", fragte er und stand auf dem Gaspedal, als könnte er seiner Frage damit noch mehr Nachdruck verleihen.

Das hat mich erinnert an eine Szene aus dem Film "P.S. Ich liebe dich".
Daniel, der Holly seit einigen Monaten anschmachtet, sitzt mit ihr in einer Kneipe und sagt: "Kannst du mir verraten, was ihr Frauen eigentlich wollt?"
Sie beugt sich zu ihm vor und flüstert: "Ich verrate dir ein Geheimnis." Sie rücken noch näher zusammen. "Wir wissen es selber nicht."

Die Landschaft flog an mir vorbei und ich dachte, dass ich im Umgang mit den Kindern Unterstützung möchte, aber am liebsten alles selber bestimme (Hallo, ich bin Eltern-Coach, wer soll es besser wissen als ich? :-).
Der Soßenkönig soll tun, was ich möchte, und was ich möchte, soll er erkennen, bevor ich was sage, mich als beleidigte Leberwurst im Schlafzimmer verziehe oder effektvoll in Tränen ausbreche. Er soll irgendwie weich sein und irgendwie stark. Aber nicht zu stark, dann finde ich ihn dominant. Aber auch nicht zu weich, dann wäre er ja wie eine Frau und dann bräuchte ich keinen oder einen anderen Mann.

Ich habe das mal so ins Unreine gedacht und nicht ausgesprochen. Das war auch besser so, sonst wären wir noch aus der Kurve geflogen.

Bei unserer Wochenende-Reise hatte ich schließlich doch eine Erkenntnis, die den Soßenkönig weiterbringen kann.

Meine Schwester kümmerte sich zu Hause um Prinzessin (12) und Kronprinz (15). Allerdings nur von Freitagnachmittag bis Samstagabend. Den ganzen Sonntag und die Nacht davor wollten die beiden ganz alleine sein.

Kaum waren Soßenkönig und ich im Hotel angekommen, rief Prinzessin auf dem Handy an. Sie würde gerne von Samstag auf Sonntag bei ihrer Freundin Pia übernachten. Deren Eltern seien zwar nicht da, aber der Opa würde auf sie aufpassen.

Soßenkönig und ich sprachen darüber und waren uns einig: Opa unbekannt, Situation nicht einzuschätzen, Prinzessinnen-Schutzprogramm muss aktiviert werden.

Und dann merkte ich, was ich vom Soßenkönig möchte.

  1. Ich möchte mich mit ihm über grundlegende Fragen in der Erziehung auf gleicher Ebene austauschen können (weg mit der Besserwisserei als Elterntrainerin). 
  2. Ich will, dass er mir hilft, unsere gemeinsamen Entscheidungen mit "Potenzkommunikation"* durchzusetzen.
Wir Frauen können zwar auch Potenzkommunikation*, fühlen uns aber unwohl damit. Sie kostet uns viel Energie. Während Männer gerne sagen, wo der Hammer hängt.

Warum diese Kraft nicht nutzen?

Guckt euch diese Pranke an! Das ist Potenzkommunikation ohne Worte. 

Also bat ich den Soßenkönig, Prinzessin zurück zu rufen. 

"Prinzessin? Hallo? Hier ist Papa. Du kannst an einem anderen Wochenende bei Pia übernachten, wenn ihre Eltern wieder da sind. Mama und ich wollen nicht, dass ein Opa auf dich aufpasst, den wir nicht kennen. Du bleibst heute zu Hause. Ende-Gelände."

Dann wollte sie mich noch sprechen und mit Tränen weichspülen. Aber Uta blieb hart und sagte feierlich. "Du hast gehört, was dein Vater gesagt hat."

Früher war es üblich, dass Mütter sagten: "Warte, bis abends der Papa kommt." Das ist natürlich furchtbar, weil Mutter dann dastand, als hätte sie keine eigene Meinung zu dem Konfliktthema, und weil Vater als Drohmittel eingesetzt wurde. 

Nicht machen! 

Aber gemeinsam mit dem Vater unserer Kinder eine Linie bei grundlegenden Themen (nicht, ob es das Eis jetzt gibt oder nicht) finden und ihn dazu ermuntern, mit seiner Potenz uns den Rücken zu stärken, funktioniert richtig gut. 

Immer fröhlich die "Potenzkommunikation" der Männer für uns alle einsetzen

Uta


PS: "Potenzkommunikation" ist ein Begriff von Stephan und Maria Craemer

Sonntag, 19. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 145: Heilsame Bockigkeit


In seinem Buch "Dein kompetentes Kind" schreibt Jesper Juul, dass jeder Mensch um eine Balance zwischen Kooperation und Integrität ringe.

Wann passe ich mich anderen Menschen an, wann muss ich Partei ergreifen für mich selbst, für den Menschen, der einmalig in mir angelegt ist?

Die Kooperations-Fotos vom Bügeln, Mit-Fußball-Gucken, Aufräumen der Kinderzimmer und Addieren von Steuererklärungs-Belegen erspare ich euch. Aber was für meine Integrität wichtig ist, zeigen folgende Fotos.

In diesen Situationen erblüht mein Selbst.

Es zu Hause schön machen.

Mit Tieren leben.

Im Garten arbeiten.
Zum Stepptanzen gehen. 

Sehr viel stärker als Menschen in der Lebensmitte (so wie ich) ringen Kinder um die Balance von Kooperation und Integration.

Das Kleinkind, das die Lippen zusammenpresst, weil es nicht mehr essen mag, der Junge, der im Torwart-Dress in den Kindergarten möchte, das Mädchen, das Lina nicht zu ihrem Kindergeburtstag einladen möchte, nur weil es die Tochter von Mutters Freundin ist, der Teenager, der nicht konfirmiert werden möchte ...
"Inzwischen wissen wir, dass Kinder im Konflikt zwischen Integrität und Kooperation - in den sie, wie die Erwachsenen, jeden Tag Dutzende von Malen geraten - sich in neun von zehn Fällen für die Kooperation entscheiden. Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen beibringen, wie man sich anpasst oder kooperiert. Sie haben hingegen einen dringenden Bedarf an Erwachsenen, die ihnen zeigen, wie man im Zusammenspiel mit anderen seine Integrität wahrt." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Hamburg 2003, S. 48)

Sehr erhellend finde ich, wie Juul darlegt, dass Kinder, die wir als bockig und höchst unkooperativ empfinden, im Grunde einer Familie einen großen Dienst erweisen können, wenn die Erwachsenen endlich genauer hinschauen würden.

Ich habe das mit Kronprinz (heute 15) erlebt in der Zeit, als er zwischen 6 und 9 Jahre alt war. Einmal rannte er im Streit aus dem Haus, geradewegs in Richtung der vierspurigen Hauptstraße. "Du kannst mich mal!"
Ein anderes Mal sprang er fast aus dem fahrenden Auto, warf draußen die Mülltonnen um oder trat nach mir.

Häufig war ich ratlos und verzweifelt.

Schließlich meldete ich mich in einem Seminar zur Persönlichkeitsbildung an und stellte fest, dass ich ein Männer-Bild mit mir herumtrug, mit dem mein Mann sich irgendwie arrangiert hatte, gegen das unser Sohn aber offensichtlich rebellierte. Meine Ablehnung von Gewalt, mein überhöhter Harmonie-Anspruch, mein Nett-Sein-Syndrom, meine tief sitzende Einstellung, dass wir Frauen mit unseren sozialen Werten und unserem Desinteresse für schnelle Autos, Geld und Macht irgendwie die besseren Menschen seien ...

Als ich zurückkehrte, hatte ich mich wohl so sehr verändert, dass die Konflikte mit Kronprinz wie weggeblasen waren. Ein Quantensprung in unserer Beziehung.

Ich bin heilfroh, dass ich irgendwann damit aufgehört habe, dem Jungen das Gefühl zu geben, wir Erwachsenen seien perfekt, nur mit ihm sei etwas nicht in Ordnung.
Ich bin heilfroh, dass ich ihn nicht zu einem Kinderpsychologen gezerrt oder sonst einer Therapie ausgesetzt habe.

Im Grunde hat er mit seiner Bockigkeit mir und der ganzen Familie einen großen Dienst erwiesen.

Juul würde sagen: Er war in höchstem Maße kooperativ.

Danke Kronprinz, danke Jesper Juul.

Immer fröhlich hingucken: Kämpft da mein Kind vielleicht um unser aller Integrität?

Uta

Freitag, 15. Februar 2013

Glückliche Familie Nr. 122: Konferieren to go


Schwester Nr. 3 meinte, das mit dem Konferieren im letzten Post sei nicht hilfreich für sie. Sie befände sich mit ihrem Sohn sowieso in einem Zustand des Dauerkonferierens.

Meine Schwester ist allein erziehende Mutter eines 13jährigen Sohnes.

Das mit dem Allein-Erziehen ist wirklich eine Crux. In meinen Unterlagen vom "Lions-Quest"Seminar fand ich eine gute Stelle dazu.

"Mädchen und Jungen erleben Familie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Für beide Geschlechter ist meistens die Mutter erste und häufigste Ansprechpartnerin für ihre Sorgen und Nöte. Väter sind häufiger abwesend, haben meist einen geringeren Anteil an der Erziehungsarbeit und sind für ihre Söhne als Beispiel für die Entwicklung einer männlichen Identität nur begrenzt präsent. Deswegen bleibt Jungen auf der Suche nach ihrer Männlichkeit manchmal nur die Abgrenzung vom Weiblichen." ("Lions-Quest - Erwachsen werden", Kapitel 5, Seite 3)

Ich beziehe dieses Zitat hier mal auf die Situation von allein erziehenden Müttern mit Söhnen.

Ansonsten finde ich, dass heutige Väter (von Ausnahmen abgesehen) deutlich präsenter in den Familien sind als in den Generationen davor.


(Kleine Valentins-Gedenk-Minute für den Soßenkönig.)


Jetzt dürft ihr wieder sprechen oder mit den Tasten klappern, Minute ist vorbei.

Mir kommt es auf den Satz an:
"Deswegen bleibt Jungen auf der Suche nach ihrer Männlichkeit manchmal nur die Abgrenzung vom Weiblichen."
Das macht mich sprachlos.

Dann ist Mama nur eine Negativfolie für die eigene Identität. Weil die heranwachsenden Männer kein positives Rollenvorbild haben, muss Mama herhalten als der Mensch, der man auf keinen Fall werden will. Und das nur, weil sie zum anderen Geschlecht gehört.

Das ist bitter.

Schwesterherz hat aber einen guten Tipp, um die Situation zu mildern:

Sie und ihr Sohn sitzen sich nicht am Tisch gegenüber wie der kleine Lord und sein Großvater. Sie haben nebenbei gesagt auch kein Personal, das die Karten mit den Lösungsvorschlägen von einem Tischende zum anderen tragen könnte. Nein, meine Schwester geht mit ihrem Kronprinz zum Problemlösen nach draußen. Sie reden im Gehen. Besonders schön im Dunkeln mit Taschenlampe.

Das ist neu: "Konferieren to go".

Meine Schwester sagt, dass sie dann beide nicht so ausrasten, weil sie sich in einem öffentlichen Raum bewegen würden. Zudem sei es entspannter, nebeneinander her zu gehen als sich eins zu eins gegenüber zu sitzen.

Wir wissen ja:

Männliche Körper können nicht still sitzen.
Männliche Hirne wollen nicht von vorne zugetextet werden.

Darüber schrieb ich hier.

Deshalb empfiehlt auch Frank Beuster, der Autor der "Jungenkatastrophe", mit heranwachsenden Jungen joggen zu gehen, wenn es etwas zu besprechen gibt. So kann man Probleme beiläufig lösen.

Meine Schwester löst nicht nur laufend Probleme, sie hat auch Ausschau gehalten nach männlichen Vorbildern für meinen Neffen.
Als sie ihn vor Jahren beim Fußball anmeldete, habe ich mich sehr gefreut. Ich sah gedanklich einen Mann im Trainingsanzug vor mir, die Haare schütter von den vielen Kopfbällen, Waden wie Gert Müller und ein Herz groß wie ein Torwarthandschuh. Einer, der die Jungs zum Sieg brüllt und ihnen nach der Niederlage väterlich die Haare rauft.
Ich brannte darauf zu erfahren, wie es war beim ersten Training. "Ganz okay", sagte meine Schwester. "Und der Trainer?" - "Der Trainer ist eine Frau."

Habt ihr "Karate-Kid" gesehen, den mit Jackie Chan und Jaden Smith in den Hauptrollen?
Da geht es auch um eine allein erziehende Mutter und ihren Sohn. Permanenter Kleinkrieg zermürbt ihren Alltag. Mutter muss beruflich in einem neuen Land Fuß fassen, der Sohn sich behaupten als Neuling in der Schule. Dem Jungen ist nicht mal beizubringen, dass er nach der Schule seine Jacke aufhängt, bis der Hausmeister Mister Han in sein Leben tritt. Er macht den Jungen zu seinem Karate-Schüler. Und nicht nur das. Er lehrt ihn, seine Mutter zu respektieren und sich im Leben aus eigener Kraft zu behaupten.


"Häng die Jacke auf!" Szene aus dem Film "Karate Kid" aus dem Jahr 2010 mit Jackie Chan und Jaden Smith.


Ich gehe dann mal für meinen Neffen einen Schwarz-Gurt-Hausmeister suchen.

Immer schön beiläufig Probleme lösen, männliche Vorbilder aufspüren und fröhlich bleiben

Uta

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Glückliche Familie Nr. 107: Strahlende Männeraugen


Neulich hatte ich wieder Cafeteria-Dienst in unserer Schule. Beim Aufräumen sagte eine der anderen Mütter: "Mein Mann und ich schenken uns schon lange nichts mehr zu Weihnachten." Die anderen nickten. "Es reicht schon der ganze Stress mit den Geschenken für die Kinder."

Ich schaute in den riesigen Topf, den ich gerade abtrocknete. "Nichts mehr zu Weihnachten... nichts mehr ..." Mir war, als hörte ich ein trauriges Echo vom Grund des Topfes. "Nichts mehr ..."

Wer seit November eine durch 24 teilbare Zahl von Päckchen für Söhne und Töchter geschnürt hat, wer für den Weihnachtsmarkt in der Schule gebacken und gebastelt hat, wer zum Nikolaus die Stiefel gefüllt hat und gleich wieder los muss für die persönlichen "Kleinigkeiten" für die Patentante, den Briefträger, den Zeitungsboten, den Saxophonlehrer, die Hip-Hop-Trainerin ...

.... ist irgendwann durch mit Weihnachten und mit der Liebe.

Dann hat es sich ausgeliebt, dann ist es ein Geschenk, wenn man mit dem Menschen, den man vor den Kindern und dem Labrador kannte, auf dem Sofa dösen darf.

Dann können wir so weiter machen, bis auf uns die Beschreibung passt, die Marie-Luise Scherer auf ihre Tanten gemünzt hat:
"Soweit ich meine Tanten überblicke, war jede eine Herrscherin, die ihren Mann mehr ertrug, als dass sie ihn liebte. Und wenn im Alter diese Männer nicht mehr aus der Küche wichen, nur noch im Wege saßen und ein Faktor der Unordnung waren, machten sie sich bald ans Sterben." (Die Journalistin Marie-Luise Scherer in einer Rede zit. in Hamburger Abendblatt vom 2.3.2012)
Können wir nicht bei den Kindern ein Geschenk streichen, dem Saxophon-Lehrer einmal warm die Hand drücken, die Kekse kaufen und der Liebe unseres Lebens zu Weihnachten eine echte Freude machen?

Neulich habe ich mich mit meiner Freundin Marie auf einen Kaffee getroffen. Mal wieder Herzausschütten in dem tobenden Trennungskampf mit ihrem Mann.

Rosenkrieg seit Monaten. Und vier Kinder kauern in den Schützengräben.

Ich hatte gerade Zucker auf den Cappuccino-Schaum rieseln lassen, als sie meinte: "Ich habe ja schon vor Wochen was Schönes für Hannes zu Weihnachten bestellt." -

"Gibt es einen neuen Hannes?" -

 "Nein, für den alten Hannes."

"Wir kennen uns so lange", meinte sie und schüttelte ihr Zuckerpäckchen. "Ich weiß doch, worüber er sich freut."

Hattet ihr schon mal Milchschaum in der Luftröhre? Der Horror.


Das Geschenkband gibt es im "Depot".


Weihnachten ist verrückt, oder?

Immer schön fröhlich den Liebsten beschenken


Eure Uta

Sonntag, 29. Juli 2012

Glückliche Familie Nr. 66: Eine Herde Fohlen


Wusstet ihr, ...

  • dass die Kinder in den Jahren vor der Pubertät nur wenig wachsen, aber dass es dann einen Wachstumsspurt von bis zu zwölf Zentimetern pro Jahr gibt
  • dass besonders die Extremitäten schnell wachsen: Jungs kriegen plötzlich so große Füße und watscheln wie Enten, bei Mädchen wachsen die Beine besonders. Nie wieder sind ihre Beine im Verhältnis zum Rumpf so lang wie in dieser Zeit. Guckt euch mal Mädchen einer sechsten oder siebten Klasse an: eine ganze Herde Fohlen.
  • dass bei mehr als 50 Prozent der Mädchen das Erscheinen der Schamhaare das erste Zeichen für den Beginn der Pubertät ist (auch die Brust entwickelt sich meist in der Startphase)
  • dass bei den Mädels nie Achselhaare und Regelblutung als Erstes auftreten
  • dass die Pubertät bei den Jungs diskreter beginnt und sie die ersten Anzeichen meist selber nicht bemerken
  • dass die Jungs eher an Körpergröße und Muskelmasse zunehmen, bevor sich die Geschlechtsorgane ausbilden
  • dass sich bei den Mädchen das Wachstum nach der ersten Regelblutung deutlich verlangsamt und sie im Durchschnitt zwei Jahre danach ausgewachsen sein werden
  • dass sie nach der Menarche im Mittel noch 7,8 Zentimeter wachsen


Kronprinz (14) mit Kaugummi-Zigarette


Das alles habe ich in dem Buch Jugendjahre von Remo Largo und Monika Czernin gelernt. Ich bin noch am Anfang und werde euch auf dem Laufenden halten, wenn mich wieder etwas anspringt. Das Buch ist im vergangenen Herbst erschienen und es gibt es bisher nur gebunden und teuer. Ich finde aber, dass es sich jetzt schon gelohnt hat.

Viele Eltern, so Largo/Czernin auf Seite 25, "nehmen die körperlichen Veränderungen, die in der Pubertät auftreten, als Bruch in der Beziehung wahr". Plötzlich wird das Badezimmer abgeschlossen, man darf beim Shoppen nicht mehr mit in die Umkleide und selbst der trockenste kleine Kuss von Mama oder Papa wird weggewischt (Prinzessin ist kurz davor, die Stelle großräumig zu desinfizieren, nur die Katzen, die werden von ihr geküsst, egal ob sie gerade in den Wechseljahren sind oder nicht).

Ein wichtiges Merkmal der Pubertät, schreiben die Autoren, sei "die zunehmende körperliche Distanz zu den Eltern. "Die Eltern sollten diesen Wandel ... aber nicht als Ablehnung und Kränkung empfinden, sondern als Aufforderung verstehen, die Beziehung zu ihrem Kind neu zu gestalten."

Prinzessin (11) hat am Wochenende von ihrer Tante ein Buch geschenkt bekommen. "Hör mal, was da vorne drin steht", rief sie und las mir die Widmung der Autorin vor: "Für meine Mutter, die auch meine beste Freundin ist."        Stille         "Jetzt sei nicht traurig oder so. Aber mal ehrlich. Ich mag dich schon, aber meine beste Freundin bist du wirklich nicht."

Ich glaube, das ist eine gesunde Entwicklung, und werde ...

immer schön fröhlich bleiben

Uta

Montag, 21. Mai 2012

Glückliche Familie Nr. 46: Brief an meinen Mann


Mein lieber Mann,

neulich abends schautest du in dein Bordeaux-Glas und sagtest: "Schreibe doch mal darüber, was man gegen die Wehmut tun kann, die einen anfällt, wenn die Kinder flügge werden."

Du hattest Bobby angeboten, ihn im Auto zum Übernachtungsbesuch bei einem Freund zu bringen.

Bobby hatte abgelehnt.

("Bobby" war mal unser Arbeitstitel für den ganz kleinen Kronprinzen.)

Er wollte allein mit dem Fahrrad fahren. Und es war nicht mehr Bobby, der aufs Rad stieg, sondern ein Vierzehnjähriger, der - seinen Seesack männlich geschultert - so schnell um die Ecke verschwunden war, dass dein Winken im Ansatz erschlaffte.

Manchmal gehst du dann in den Keller, wo die Kästen mit den Fotos stehen: Bobby auf dem ersten Fahrrad, Bobby mit Prinzessin auf dem Schoß, Bobby mit einem Steinbruch von Milchzähnen im Mund, Bobby am Strand, in der Wanne, auf dem Trampolin ...

Im Keller zwischen den Kästen hat die Wehmut leichtes Spiel.

Da findet man solche Fotos von euch beiden.



Aber was kann man tun gegen den Eltern-Blues, der einsetzen kann, wenn das Erstgeborene in die Pubertät kommt?
  • Sich klar machen, dass das ein klassischer Mangel-Context ist.
  • Sich klar machen, dass man dann die "Früher-war-alles-besser"-Brille auf der Nase hat.
  • Sich klar machen, dass das Jetzt einen schweren Stand hat gegen die ach so schöne Erinnerung.
  • Sich klar machen, dass man die Gegenwart beschädigt, wenn man die Vergangenheit überhöht.

Du siehst den großen Kerl und statt dich an seinen breiten Schultern zu freuen, läufst du Gefahr zu denken: "Och, ich kann ihn jetzt nicht mehr auf den Schoß nehmen."

Er ist abends unterwegs. Und statt dir zu sagen: "Hey, alles richtig gemacht: er hat jede Menge Freunde und zieht mit ihnen um die Häuser" guckst du durch die Wehmut-Brille und denkst: "Ich kann ihm gar nicht mehr vorlesen."

Statt dich zu freuen, dass du ihm das Rasieren und Krawattebinden beibringen kannst, bist du traurig, dass er die blaue Latzhose mit dem kleinen Teddybären in der Brusttasche nicht mehr trägt.

Die Phase, in der er jetzt steckt, ist Mannwerdung.

Wie spannend! Wie entscheidend!

Und wen braucht er dafür mehr als jeden anderen?  Seinen Vater.

Klar, Freunde auch. Mit denen verbringt er jetzt die meiste Zeit.

Aber seinen Vater braucht er als Rückhalt, als großen Mann, als Hort der Erfahrung.

Mehr im Hintergrund, ohne Anbiederung, aber verlässlich und stark, ein Leitbild, ein Fixstern hoch über der Achterbahn der Gefühle, auf die ihn die Pubertät geschickt hat.

Und da du es bist, der sich immer ein Blog mit ganz viel Nutzwert wünscht, voila:
  • Halte ihm keine Vorträge über den Fettgehalt von Kartoffel-Chips, sondern macht selber welche. 
  • Geht mal wieder Kartfahren. Vielleicht zusammen mit seinen Freunden und deren Vätern.
  • Zeig ihm, wie man ein gutes Steak brät, oder baue mit ihm den höchsten und leckersten Burger, den er je gesehen hat.
  • Lass uns die alten Fotos aus dem Keller holen und mit einem Beamer an die Wand werfen. Vielleicht kramen unsere Freunde auch ihre Fotoschätze aus dem Archiv und wir haben zusammen viel Spaß ( ätsch, Wehmut, jetzt haben wir es dir aber gegeben)
  • Macht doch einmal im Monat einen Pokerabend. Das hatte euch doch neulich bei den Freunden so viel Spaß gemacht.

Wenn wir beide zuviel im Keller sitzen und alte Fotos angucken, kriegen wir nicht mit, wenn er hungrig oben durch die Küche tigert und verpassen den seltenen mitteilsamen Moment eines männlichen Teenagers beim Mitternachtsmüsli.

Du bist ein wunderbarer Vater. Und du hast schon so viele tolle Sachen mit deinen Kindern unternommen.

Lass dich nicht von der Wehmut in den Keller drücken.

Das Schöne ist jetzt.

Immer schön fröhlich bleiben

deine Uta