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Mittwoch, 17. Dezember 2014

Glückliche Familie Nr. 258: Botschaften in der Klemme


Schon lange hatte ich die Idee, jeweils eine Klemme außen an den Türen der Kinderzimmer anzubringen. Jetzt habe ich in einem kleinen Laden für Künstlerbedarf Klemmen in allen Größen entdeckt und sie zu Hause mit Powerstrips an die Türen geklebt.

Treue Leser wissen, dass ich die schriftliche und bildliche Kommunikation mit Teenagern empfehle. Es belebt die Kreativität, bereichert das Miteinander und niemand kann mehr behaupten, nicht gewusst zu haben, wie sehr er geliebt oder dazu aufgerufen wurde, die Spülmaschine auszuräumen.

Klinkenschilder waren gestern. Jetzt bin ich mit folgenden Karten in unserem Haus unterwegs.


Zur Rückkehr von Prinzessin (13) von der Schulski-Reise:




Einmal pro Woche gilt:



Noch eine wichtige Pflicht:





Mein liebstes Schild:




Wenn das Gegenstück fehlt:





Vor Weihnachten bleibt viel zu tun:





Die Kommunikation geht natürlich auch anders herum. 








Gut auch für die Post-Verteilung. 




Ich hoffe, die Powerstrips halten. Das Rücklicht von Prinzessin geht auch wieder nach einem Gratis-Eingriff im Fahrradladen. Zusätzlich habe ich eine Batterie-Lampe hinten an den Fahrradkorb schrauben lassen.

Und nun noch zur Gewinnerin des Buches "Manchmal bin ich wütend".

Das Päckchen geht an


daswolkenschaf

Herzlichen Glückwunsch! Bitte schicke mir eine Mail mit deiner Adresse!


Immer fröhlich Botschaften an Teenager-Türen klemmen.

Eure Uta 

Freitag, 21. November 2014

Glückliche Familie Nr. 253: Das Rücklicht und ich


Wenn es einen Gegenstand gibt, der in mir das Muttertier weckt, dann ist es das Fahrradrücklicht. Für andere ist es vielleicht die wollene Mütze, ein Täfelchen Traubenzucker oder ein Brokkoli-Baum strotzend vor Vitaminen.

Bei mir ist es das Rücklicht. Wenn das nicht leuchtet, sehe ich Rot. Und zwar in einem irrationalem Ausmaß.



Nachbarn werden es beobachtet haben. Ich stehe in Schlafhose und Riesenpulli morgens vor der Haustür, eine Hand am Fahrradkorb von Prinzessin (13) (damit sie nicht davonrast), die andere Hand zerrt - auf einen Wackelkontakt hoffend - an den Kabeln des Rücklichts.

Ich meine, wir wohnen nur etwas mehr als 6000 Kilometer vom Polarkreis entfernt. In Murmansk kann es morgens nicht dunkler sein als in unserer Einfahrt. Und diese große Dunkelheit wird unsere Prinzessin verschlucken wie einen Gruß aus der Küche. "Haps." Weg ist sie.

In meinem Korb im Flur pflege ich ein Arsenal an Reflektorbändern. Einige davon sind von einem Versandhandel, den meine Nichte  "Der-besorgte-Mütter-Versandhandel" nennt. (Ich schreibe jetzt keinen Namen, weil es sein kann, dass wir eines Tages Werbepartner werden:-)) Mit diesen Reflektorbändern würde ich meine Kinder samt den Katzen gerne von unten bis oben bandagieren. Stattdessen nehme ich nur eines und verklette es zu Demo-Zwecken an meinem Arm. "Das kann Leben retten", sage ich, "binde es um deinen Arm und wenn du dich deiner Peergroup näherst, kannst du es schnell in der Tasche verschwinden lassen." Prinzessin rollt die Augen. "Oder du lässt es dran und setzt damit einen neuen Trend." Noch stärkeres Augenrollen.

Vor drei Wochen hatten wir ihr Rad in den Fahrradladen gebracht und knapp 40 Euro für die Reparatur der Lichtanlage bezahlt, damit sie für den Schulweg im Winter gerüstet ist. Und jetzt? Das Ding bleibt dunkel. Vorgestern haben wir das Fahrrad ins Wohnzimmer getragen, um den Defekt unter dem Licht unserer stärksten Stehlampe zu sezieren. Ich habe die Kontakte geprüft, das Rad hochgewuchtet und das Vorderrad in Schwung gebracht, dass die Haare flogen. Das Ergebnis: vorne großes Strahlen, hinten kein blasser Schimmer. Dann habe ich die Drähte herausgezogen, gereinigt und wieder eingesteckt. Neuer Test und es ward auch hinten Licht. Problem gelöst, mit einem fröhlich leuchtenden Rücklicht fuhr Prinzessin draußen im Garten herum. Der Schulweg am anderen Tag war gesichert.

Dachte ich.

Gestern morgen. Draußen wieder Murmanks-Schwärze verhängt mit Nebel a là "The hound of baskervilles". "Gut, dass das Rücklicht wieder funktioniert", dachte ich zufrieden, nahm einen großen Schluck Tee, schaute Prinzessin nach und ließ fast die Tasse fallen. Vorne 1000 Volt, hinten alles dunkel.

Am Abend das gleiche Spiel noch einmal: Ein Stück Isolierung von den Drahtenden entfernt und Rücklicht neu verdrahtet. Testfahrten durch den Garten mit einem Rad, das plötzlich wieder auf "Lichtorgel" macht. Mutter zufrieden. Hände gewaschen, Werkzeug weggeräumt.

Und heute morgen? Scheinwerfer strahlt, Rücklicht wieder Fehlanzeige, Mutter auf 180.

Frieren uns über Nacht im Schuppen die Kontakte ein?

Bin ich in eine "Verstehen-Sie-Spaß?"-Folge geraten?

Da landen wir mit Sonden auf dem Mars, können Smartphones per Fingerabdruck entsichern und schaffen es nicht, zuverlässige Leuchten für Kinderfahrräder zu entwickeln? Es hat doch nicht jeder einen Bastler zu Hause, der schon den Giro mitgefahren ist und nichts lieber macht, als vor dem Frühstück an der Isolierung von fehlerhaften Kontakten zu schnitzen.

Deshalb habe ich immer batteriebetriebene Lichter in einem Flur im Korb, die ich schnell noch hinten an den Fahrradkorb hängen kann.



Und diese Rückleuchte hat beim Fahrradlichter-Test der "Stiftung Warentest" von September 2013 gut abgeschnitten. Platz 3 (Note 1,4 für Zuverlässigkeit) und das bei einem mittleren Laden-Preis von 10 Euro.

Wenn wir das Problem nicht in den Griff kriegen, werde ich diese Lampe bestellen und euch davon berichten.

Meine Kinder fahren ohne Helm und manchmal bauchfrei zur Schule, aber beim Rücklicht verstehe ich keinen Spaß.

Bei welchem Thema erwacht bei euch das Muttertier?

Immer fröhlich Stecklichter und Testsieger verwenden und sonst einfach lächeln und winken.

Eure Uta

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 245: Babys richtig lagern, Verlosung


In einem meiner Bücher habe ich gelesen, dass Frauen heute einen "Kaltstart" erleben, wenn sie ihr erstes Baby bekommen, weil sie als Kind nicht mehr von so vielen Müttern mit Säuglingen umgeben waren, wie das früher der Fall war, und ihnen die Vorbilder fehlen.

Bei Affen mag das diese Auswirkungen haben. Affenmütter, die isoliert aufgezogen wurden und sich den Umgang mit Babys nicht abgucken konnten, wissen mit ihrem Jungen kaum etwas anzufangen und weisen es sogar brutal ab. (Harry Harlow nach Herbert Renz-Polster: "Kinder verstehen", Seite 254)

Aber gilt das auch für Menschen?

Ich bin zwar in einer größeren Sippe groß geworden (drei Geschwister, 26 Cousins und Cousinen), aber als der Kronprinz auf die Welt kam, habe ich das trotzdem als Kaltstart empfunden.

Nach Studium und ersten Berufsjahren, nach jahrelangen Kopfgeburten war mir die richtige Geburt entschieden zu körperlich: Dammriss, Klammer auf dem Babynabel, Kindspech, Milcheinschuss ...

Hilfe, wo ist meine saubere Schreibtischwelt, meine Bücher, mein Computer, Briefablage? Wo sind sie, die coolen Frauen in den Konferenzen? In der Klinik sah ich nur Morgenmäntel, die zum Kaffeespender watschelten.

Als die größten Körperlichkeiten überwunden waren, wurde der Kaltstart wärmer. Es gab einen Kronprinzen, der im Nacken duftete.

Leicht war es am Anfang trotzdem nicht. Irgendwann wurde der Duft von einem säuerlichen Gestank überdeckt, weil ich übersehen hatte, dass man die Halsfalten waschen muss. Der kleine Kerl hatte ein wundes Doppelkinn. Kein Wunder, dass er so unruhig war.

Meine berufliche Coolness wieder zu erlangen, war auch nicht so einfach. Wenn der Redaktions-Bote bei uns klingelte, um die nächsten Texte abzuholen, öffnete ein Schatten meiner Selbst die Tür. In Jogginghose, Spucktuch über der Schulter, Augen tief in ihren Höhlen, das Baby mechanisch wippend auf dem Unterarm.

Habe ich schon mal beschrieben, wie seine Majestät, mein Mann, und ich den Thronfolger föhnten, damit er endlich einschlief, und wie wir rückwärts auf dem Boden robbten, um den laufenden Föhn am Kabel aus dem Schlafzimmer zu ziehen?

Heute möchte ich etwas verlosen. Nein, keinen Föhn, sondern das Buch "Baby-Nöte verstehen" von der Kinder-Osteopathin Karin Ritter. Ich habe es zur Besprechung zugeschickt bekommen und musste nach dem Lesen denken, dass ich mir bei meinem Kaltstart damals ein solches Buch gewünscht hätte.


Luftaufnahme vom Kronprinzen im Alter von fünf Monaten. Auch wenn seit Mitte der 90er Jahre von der Bauchlage als Schlafposition abgeraten wird, schreibt die Kinder-Osteopathin, dass die Bauchlage "ein wichtiger Baustein in der Bewegungsentwicklung" des Kindes sei. Babys sollten "täglich ein bis zwei Stunden unter Beobachtung in dieser Lage liegen". 

In dem Buch erfährt man,
  • dass es nicht immer Koliken oder Blähungen sein müssen, die ein Baby schreien lassen
  • dass der Stress des Kindes durch falsche Lagerung im Bettchen ausgelöst werden kann
  • dass sich Säuglinge durch Lagerung der Beine auf ein Kissen viel wohler fühlen können und man so die Überstreckung des Kopfes vermeidet (verschiedene Lagerungen auf Fotos dokumentiert)
  • dass man ein Baby nicht mit dem Achselgriff hoch nimmt, weil das die Schultern zu sehr nach oben quetscht 
  • wie man es statt dessen hoch nimmt (zahlreiche Fotos)
  • mit welchen Griffen man es am besten trägt, wickelt, umzieht ...
  • dass man ein Baby ruhig im Autositz schlafen lassen kann, wenn man es darin in die Wohnung getragen hat, weil die Schalensitze ihm guten Halt geben, allerdings sollte man etwas unter den Sitz schieben, damit das Baby weniger aufrecht liegt
  • dass man kein Spielzeug an den Tragegriff des Autositzes hängen sollte, weil es dort für die Wahrnehmung des Babys zu tief hängt (kann zu Nackenverspannungen führen, Abstand zu den Augen mindestens 80 cm)
  • dass man den Autositz als Schaukel benutzen und an die Decke hängen kann (sanftes Schaukeln beruhigt immer) 
  • wie man ein Baby "puckt" (Pucken = zeitweiliges Einwickeln von Armen und Oberkörper des Babys, um ihm Halt zu geben und es damit zu beruhigen) plus Nähanleitung für einen "Puckschal" 

Karin Ritter nennt ihre Vorschläge "Glücksgriffe" und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Tipp mehr Frieden in die Kaltstart-Familien bringt.

Zudem enthält das Buch eine DVD, auf der die Handgriffe, das richtige Lagern, Hochnehmen und Tragen gezeigt werden.

Wer das Buch gewinnen möchte, schicke mir bitte einen Kommentar, in dem ihr mir kurz eure Lebenssituation als Eltern oder werdende Eltern beschreibt.

Einsendeschluss ist diesmal schon morgen, 10. Oktober, um 12 Uhr mittags. Dann kann ich es am Samstag schon zur Post bringen.

Immer fröhlich nach neuen Möglichkeiten für friedliche Thronfolger suchen

Eure Uta        


Die Zettel nehme ich wieder raus, dann ist es fast wie neu.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 244: Yoga in den Stundenplan


Nachdem die glückliche, aber verspannte Familie diesen Geo-Artikel gelesen hat, haben wir eine Yoga-Lehrerin unseres Vertrauens gebeten, an einem Sonntagmittag zu uns nach Hause zu kommen und der ganzen Familie eine Yoga-Stunde zu geben. Der Esszimmertisch wurde verrückt und Matten ausgerollt. Und dann gingen wir "in den Hund" und "in die Kobra" und wurden menschliche Brezeln und ließen den Atem fließen oder gingen mit der Atmung dahin, wo unsere Körper dringend gedehnt werden sollten. Also überall.




Ich habe in meinem Leben schon den einen oder anderen Yoga-Kurs gemacht, aber jedes Mal denke ich wieder: "Bei all den Anweisungen, die ich befolgen soll,  - Beine strecken, Beckenboden anheben, Finger spreizen, Kopf locker zwischen den Schultern, Atem fließen lassen - fehlt nur noch, dass ich die Ohrläppchen anheben soll."

Und jedes Mal ist es eine große Wohltat für Leib und Seele.

Es ist, als würde mein Inneres wieder mit meiner äußeren Welt in Einklang kommen, als würden zwei Folien übereinander geschoben und ein stimmiges Bild ergeben. So schön.

Dieses schöne Gefühl wollten mein Mann und ich unseren Kindern vermitteln. Dazu hätten wir auch in einen Kurs gehen können. Aber da wir es für aussichtslos hielten, dass unsere Teenager sich mit Elternteilen, die in Jerseyhosen stecken und beim Sonnengruß von der Matte kippen, in der Öffentlichkeit zeigen, initiierten wir die Yoga-Stunde in unserem Wohnzimmer.

Als ich zwischen zwei Asanas auf der Matte lag und meine Gedanken unerlaubterweise abschweiften, musste ich an die Leute denken, die in diesen Tagen in Hamburg dafür Unterschriften sammeln, dass die Gymnasien parallel zu G8 wieder auch G9 anbieten sollen (also in neun, statt in acht Jahren zum Abitur). Und ihr fragt euch jetzt, was das mit Yoga zu tun hat.

Der Zusammenhang ist der, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die einzige Reform, die wir - außer besserer Lehrerausbildung, strengerer Eignungstests für Pädagogen, mehr Unterstützung und Supervision für Lehrer an Schulen, mehr Fachkräfte in Kitas ... - also (fast) die einzige Reform, die wir wirklich brauchen, "Yoga in der Schule" ist.

Das sagt auch der Neurowissenschaftler Sat Bir Khalsa aus Harvard.

"Wir werden zunehmend mit Stressoren bombardiert, Hektik und Druck im Arbeitsleben, stetig präsentes Fernsehen und Internet. Unsere Welt ist sehr herausfordernd. Aber uns wird nicht vermittelt, wie man damit zurechtkommt, nicht in der Schule, nicht von den Eltern. Die leiden ja selbst. Yoga ist eine Technik, die hilft, mit Stress umzugehen."       Brand 1, Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 04/2014: "Eine Sache der Disziplin"

Und weil es bisher überwiegend Frauen, Wohlhabende und Gebildete sind, die von Yoga profitieren, setzt sich Sat Bir Khalsa "für die flächendeckende Einführung von Yoga in öffentlichen Schulen ein".

Sat Bir Khalsa, wo sind deine Unterschriftenlisten?

Für Yoga in der Schule braucht es gar nicht viel. Die Grundschullehrerin vom Kronprinzen (heute 16) hat täglich vor Unterrichtsbeginn mit den Kindern eine Yoga-Übung gemacht, weil sie festgestellt hatte, dass es ihnen hilft, konzentrierter zu arbeiten. So standen dann 28 kleine "Bäume" im Klassenzimmer, das rechte Bein angewinkelt, den rechten Fuß an die Innenseite des linken Oberschenkels gedrückt, die Arme über dem Kopf gestreckt, den Blick fest auf einen Punkt an der Tafel geheftet.

Mein Mann und ich werden jetzt wieder regelmäßig Yoga üben. Ob die Kinder mitmachen werden, wird sich zeigen. Uns war es wichtig, dass sie es kennen lernen und als Möglichkeit mit in ihr Leben nehmen.

Unsere sonntägliche Yoga-Stunde endete damit, dass Familie Katzenklo ausgestreckt zwischen Klavier  und Sofa lag. Alle mit Tüchern bedeckt, als hätte es ein Massaker gegeben. Aber uns ging es gut. Sehr gut sogar. Antje, die Yoga-Lehrerin, stieg über uns drüber, um hier noch eine Hand zu lockern, dort noch eine Decke bis unters Kinn zu ziehen. "Mein Leben ist so wie es sein soll", sagte Antje sanft, "ich habe nichts gegen das, was gerade ist."

Immer fröhlich Yoga üben.

Eure Uta

Montag, 29. September 2014

Glückliche Familie Nr. 243: Synchron-Schlafen


Jemand aus unserer Familie durfte aus medizinischen Gründen zwei Tage lang nichts essen. Als diese vorbei waren, sollte es eine Feier der Völlerei geben und ich bin zum Griechen gefahren, um für alle "Gyros-komplett" zu holen. Gut, dass ich zufällig "Kinder verstehen" von Herbert Renz-Polster dabei hatte, denn ich musste lange warten. So saß ich zwischen aufgeklebten Tempel-Säulen im Knoblauch-Dunst und vertiefte mich in die Kapitel über den Baby-Schlaf.

Was ich dort las, war so herzerwärmend, dass ich den Wein und die ganzen Ouzos, die man mir anbot, nicht brauchte, um die Wartezeit zu verkürzen.

Wusstet ihr, dass die Körper von Mutter und Kind miteinander korrespondieren, wenn das Baby bei der Mutter im Bett schläft?
Körpertemperatur und Schlafphasen gleichen sich an, so dass bei Mutter und Kind die Phasen flachen und tiefen Schlafs parallel verlaufen. Und nicht nur das: Videos aus dem Schlaflabor von schlafenden Mamas zeigen, dass sie sogar im Schlaf die Position des Babys korrigieren, es also zum Beispiel von der Bauchlage auf den Rücken drehen, was ja ein geringeres Risiko bezüglich des plötzlichen Kindstodes birgt. (Herbert Renz-Polster: Kinder verstehen, Seite 127) Folglich kannst du von den Bahamas träumen und mit den Surfbrett die nächste Welle nehmen, während du das kleine Bündel neben dir wieder in die richtige Position bringst. Mitten im Schlaf. Ist doch irre, oder?

"Videoaufnahmen mit Infrarotkameras zeigen zudem, dass selbst die Bewegungen von Mutter und Kind unbewusst aufeinander abgestimmt sind. Die meisten beobachteten Mutter-Kind-Paare liegen sich fast die ganze Nacht Gesicht zu Gesicht gegenüber. Dabei werden immer wieder schützende oder 'ordnende' Eingriffe der Mutter beobachtet." (nach Richard u.a. 1996 beschrieben von H. Renz-Polster, ebd., Seite 127) 

Demzufolge werden Babys, die gestillt werden und im Bett der Eltern schlafen, zwar häufiger wach, schlafen aber auch schneller wieder ein. Und wegen der synchronisierten Schlafphasen wird die Mutter auch nicht aus dem Tiefschlaf gerissen. Die Experimente aus dem Schlaflabor zeigten, dass die Versuchsmütter mit dem Baby im Bett erholsamer schliefen, als wenn ihr Baby im Nebenzimmer nächtigte.

Das ist doch genial. Warum sagt einem das denn keiner?

Die Untersuchung, die Renz-Polster beschreibt, ist von 1996. Der Kronprinz ist 1997 geboren. Das hätte ich doch auf jeden Fall ausprobiert.

Jetzt fällt mir auf, dass Renz-Polster gar nichts über die Väter geschrieben hat. Werden die gleich mit synchronisiert, wenn der Nachwuchs mit im großen Bett liegt? Und klappt das auch, wenn der Säugling in einem Bettchen liegt, das man an das große Bett dranhängen kann? Welche Reichweite haben die elterlichen Schlafsignale? Wie klappt das bei Flaschen-Kindern?

Fragen über Fragen.

Bei Renz-Polster gefällt mir gut, dass er in seinem Buch keine religionsartigen Kriege für die eine oder andere Einschlaf-Methode oder für oder gegen das Stillen führt. Er weiß, das ist für Mütter ein vermintes Feld. Und für jede Familie ruckelt sich zurecht, was gut zu den jeweiligen Menschen und ihrem Leben passt.

Er schreibt, dass sich die segensreichen Wirkungen des gemeinsamen Übernachtens auch nur entfalten, wenn alle Beteiligten solchen gemeinsamen nächtlichen Happenings zustimmen können. Seine Majestät der Soßenkönig, sonst ein großer Freund des Kuschelns, hatte immer Bedenken, er würde unser Kind im Schlaf unter sich begraben (hier fehlten uns noch die Kenntnisse der Schlaf-Synchronisation, denn wahrscheinlich hätte ich ihm Tiefschlaf einen rechten Haken verpasst, das Baby gerettet und alle hätten weiter geschlummert.)

Auf jeden Fall gibt es wohl keine Belege dafür, dass es der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes schaden würde, wenn es in einem anderen Zimmer übernachtet. Und umgekehrt werden Kinder auch nicht weniger selbstständig, wenn sie als Baby bei ihren Eltern schlafen dürfen.

Was man aber auf keinen Fall machen sollte, ist die Methode aus dem einstigen Bestseller "Jedes Kind kann schlafen lernen". Dort wurde empfohlen, das Baby durch immer längere Phasen des Alleinseins im eigenen Zimmer an selbstständiges Einschlafen zu gewöhnen. Nicht machen! Damit erreicht man ein gestresstes Resignieren, aber kein friedliches Einschlummern.




Aus dem Schlaf-Kapitel habe ich mitgenommen:
  • Mit dem Baby zusammen im großen Bett zu schlafen, kann segensreiche Wirkungen entfalten.
  • Die Natur ist genial.
  • Wenn Kleinkinder nicht einschlafen können, weil sie im Dunkeln Angst vor Monstern haben, kann es helfen, ein Licht brennen zu lassen. Aber auf keinen Fall die ganze Nacht, weil selbst schwaches Licht die Bildung des "Rhythmushormons" Melatonin im Gehirn stört. Am besten Zeitschaltuhr verwenden.
  • Sich das Einschlafritual, das man einführen möchte, gut überlegen. Wenn Kinder nachts aufwachen, brauchen sie das gleiche Ritual wie am Abend, weil es für sie wie eine "Brücke" in den Schlaf ist. Wer also eine Geschichte liest, singt, über den Kopf streicht und den Bauch fönt (Familie Katzenklo in ihren Anfängen), wird damit leben müssen, dass das Kind in der Nacht das gleiche Programm einfordert. 
  • Großen Kindern kann man einige spannende Fakten über den Schlaf erzählen: das für das Wachstum wichtige Hormon wird hauptsächlich nachts ausgeschüttet - im Schlaf werden Reperaturarbeiten an den Körperzellen durchgeführt - nachts produziert der schlafende Körper besonders viele Immunstoffe und schützt einen so vor Krankheiten - im Schlaf sortiert sich das Gehirn neu und funktioniert morgens wieder besser (das sieht man daran, dass Insekten und Würmer keinen Schlaf brauchen, denn da ist kaum was zu sortieren) 

Immer fröhlich auf gutes Schlafen achten und mal ausprobieren, ob es auch gemeinsam im großen Bett klappt.

Eure Uta


PS: So begeistert ich auch davon bin, Babys bei sich schlafen zu lassen, würde ich Kleinkinder so ab eineinhalb oder zwei Jahren aus dem Elternschlafzimmer ausquartieren. Dann ist es - auch für die Kinder - wichtig, dass Mama und Papa wieder mehr ein Paar sein dürfen. Wenn ein großes Kind krank ist, Albträume hat oder eine schwere Zeit durchmacht, kann man Ausnahmen machen.
Aber ich habe den Eindruck, dass viele Mütter es übertreiben und das gemeinsame Übernachten bis in Schulzeiten hinein der Einstieg dafür sein kann, den Mann und Vater an den Rand der Familie zu drängen. 

Dienstag, 2. September 2014

Glückliche Familie Nr. 239: Der kleine Neophobiker


Es ist passiert. Nach Jahren. Ganz unverhofft. Prinzessin (13) hat eine Scheibe Vollkornbrot gegessen. Einfach so. Ohne Druck, ohne Vortrag über Ballaststoffe. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit Toast und knautschigem Kartoffelbrot. Wurden sonst aus Weißbrot noch die Sesamkörner heraus gepult, schluckte sie diesmal ganze Sonnenblumenkerne. Sie sagte nichts. Ich sagte nichts, konzentrierte mich nur darauf, dass mir die Augen nicht aus dem Gesicht fielen.




In solchen Momenten bin ich sehr froh. Froh, dass es geklappt hat mit dem Locker-Bleiben, froh, dass nicht Tod und Verderben eingetreten sind, weil ich die meiste Zeit keinen Druck beim Essen aufgebaut habe.

Mir sind das ja die allerliebsten Erziehungsmethoden, die sich zusammensetzen aus Gelassenheit und Respekt gepaart mit liebevoller Nähe und Interesse.

Die Sache mit dem Vollkornbrot ist deshalb so spektakulär, weil diese vor Körnern strotzende Scheibe das Ende von Prinzessins Neophobie markiert.

Neophobie ist die Angst vor etwas Neuem.

Ich gebe zu, dass wir damit spät dran sind. Mit dem Neophobie-Ende. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, dass bei allen Kindern rund um den Globus die Angst vor unbekannten Nahrungsmitteln  etwa mit 18 Monaten einsetzt und zwischen acht und zwölf Jahren wieder nachlässt.

Lasst euch nicht aus dem Konzept bringen von der Mutter, die beim Latte erwähnt, dass ihre Tilda-Sophie schon Oliven lutscht. Kleine Babys schlucken fast alles, was ihnen die Mutter reicht, Brust, Flaschennahrung, was auch immer. Denn sie wissen evolutionsbedingt, dass sie als Nesthocker nur überleben, wenn sie verzehren, was die Eltern bringen.

Wenn Kleinkinder allerdings laufen lernen und immer selbständiger in Wald und Flur Küche und Kita herumrennen, schützt sie die angeborene Abneigung gegen Grünes, Bitteres und Saures davor, etwas zu essen, was ihnen nicht bekommt.

"Ein vorbehaltlos von Gemüse, Früchten und Beeren begeistertes Kleinkind wäre zu 99 Prozent unserer Geschichte bald ein totes Kind gewesen!", schreibt Renz-Polster. 

Es kann sein, dass eure Kinder beim Essen überhaupt keine Probleme machen. Dann könnt ihr euch zurücklehnen und auf den nächsten Post warten. Aber die, die sich damit herumschlagen, dass ihr Kind Brokkoli, Rosenkohl und Erbsen für Teufelszeug halten, denen sei gesagt, dass ihr Kind völlig gesund und sehr evolutionsbewusst ist. Im späten Kleinkind- und Kindergartenalter erreicht die Neophobie gerne ihren Höhepunkt. Besonders bei ängstlichen und schüchternen Kindern.

Was ich damit sagen will: entspannt euch, es geht vorbei.

Trotz Neophobie gibt es Möglichkeiten, Kinder an gesundes Essen heranzuführen. Diese habe ich aus dem Buch "Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt" von Herbert Renz-Polster. Dieser ist nicht nur Kinderarzt, sondern auch Dozent am Mannheimer Institut für Public Health, wo er seit Jahren forscht, wie die Entwicklung von Kindern mit Hilfe der Evolutionstheorie besser verstanden werden kann. Ich bin erst im ersten Kapitel über Ernährung, konnte es aber nicht abwarten, gleich davon zu schreiben.

Hier also, was ich an Tipps daraus mitnehme:

  • Wichtig sind Vorbilder und Gewöhnung. "Kinder essen ... bestimmte Nahrungsmittel nicht deshalb, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen, weil sie immer wieder davon essen." (a.a.O., Seite 23)
  • Experimente zeigen, dass Kleinkinder Nahrungsmittel schließlich annehmen, wenn sie ihnen an aufeinanderfolgenden Tagen noch etwa zehn weitere Male angeboten werden. (Also, wenn euch das sehr wichtig ist mit dem Spinat ...)
  • Nicht anfangen, für Tilda-Sophie ein Extra-Essen zu kochen. Mal eine Lieblingsspeise, klar, und bei uns gab es neben Vollkornbrot meistens auch eines ohne Körner. Aber gewöhnt euch nicht an, immer zusätzlich ein Spezial-Essen für den kleinen Neophobiker zu kochen. So zieht ihr euch  - und das sage ich jetzt - keine selbstbewussten Kinder, sondern Aufmerksamkeits-Junkies heran, die glauben, das Leben hinge für sie voller Extra-Würste. 
und jetzt kommen meine Lieblingspunkte
  • Kein Zwang, kein Druck, bleibt locker und vor allem freundlich. "Studien bestätigen das: Ein- bis Vierjährige probieren ein neues Nahrungsmittel doppelt so häufig, wenn ein freundlicher Erwachsener davon zuerst nimmt!" (a.a.O., Seite 23)
  • Sorgt für Geschwister, ladet die etwas älteren Cousins oder Cousinen eurer Kinder ein, verbringt Zeit mit anderen Familien, deren Kinder gute Esser sind. Denn - so unser Evolutionsforscher: "Jeder weiß, dass kleine Kinder den etwas älteren Kindern ins Meer folgen würden - sie werden auch das essen, was diese essen." (a.a.O., Seite 28) 

Hier habe ich schon mal über meine Anstrengungen geschrieben, meinen Kindern gesundes Essen nahe zu bringen.

Immer fröhlich ein freundlicher Erwachsener sein, der vor der Nase der Kinder ein gutes Essen genießt.

Eure Uta

Dienstag, 1. Juli 2014

Glückliche Familie Nr. 228: Strafe oder logische Konsequenz?


Ich bin gebeten worden, darüber zu schreiben, was man gegen das Trödeln bei Kindern tun könne.

Das fragt man mich?

Ich erhole mich heute noch von den Kämpfen, die wir mit Kronprinz hatten, weil es Stunden dauerte, bis er die Jacke anzog und den Ranzen schulterte, um endlich in die Grundschule zu gehen. Da war die Cornflakes-Schachtel, in die er Fenster schneiden musste, da tauchte das Lego-Teil auf, das er so lange vermisst hatte, da musste das Zahnpasta-U-Boot im Waschbecken seine Torpedos abfeuern. Regelmäßig waren der Soßenkönig und ich mit den Nerven am Ende, ehe der Tag richtig begonnen hatte.

Wenn man daneben steht, wird es meistens noch schlimmer. Schnell entstehen Machtspielchen und das "Ich zähle bis drei, dann hast du deine Jacke an" nutzt sich auch irgendwann ab. Vor allen Dingen: Was machen Eltern, wenn sie "zwei-drei-viertel" zählen, und die Jacke immer noch am Haken hängt? Das Kind packen und aus dem Haus zerren? Schon mal voraus laufen und hoffen, dass es nachkommt? Fernsehverbot?

Der Kronprinz spürte genau, wie verliebt ich in ihn war (und bin), gerade wegen seiner überbordenden Phantasie und seiner Verträumtheit. Und er musste jedes Mal austesten, wie weit er damit gehen konnte.

Heute weiß ich, da hilft nur Folgendes:

  • Sich klar werden, da besteht eine Situation, die ich nicht mehr aushalte.
  • Sich bewusst machen, dass man als Eltern eine klare Haltung einnehmen muss. In meinem Fall gab es tief in mir drin eine Wehmut: "Schade, dass mein kleiner Träumer zur Schule muss." Kinder sind Experten im Aufspüren von Unsicherheit und Unentschiedenheit. Die haben es sofort spitz, wenn wir unklar sind.
  • Für sich selber eine klare Position formulieren und verinnerlichen: "Der Kronprinz geht ab morgen ohne Stress pünktlich zu Schule. Das ist wichtig für ihn und für mich. Ende-Gelände."
  • Ich bleibe ruhig und gelassen und - Achtung, jetzt kommt das Entscheidende - lasse es geschehen, dass er vielleicht einige Male richtig zu spät kommen wird.
  • Es kann sinnvoll sein, die Lehrerin (und eventuell den eigenen Arbeitgeber) in dieses Vorgehen einzuweihen. 

Ihr ahnt schon, was mein Thema heute ist: die logische Konsequenz.

Wenn meine Teenager ihre Schmutzwäsche nicht in den Wäschekorb tun, wird sie nicht gewaschen.

Wenn es mit dem Zähneputzen bei Kindern im Grundschulalter nicht verlässlich klappt, kaufe ich keine Süßigkeiten.

Wer sein Zimmer nicht einmal die Woche aufräumt, muss damit leben, dass es nicht geputzt wird.

Wer ein Glas fallen lässt, fegt die Scherben auf (oder hilft dabei, je nach Alter).

Wer seine iTunes-Schulden nicht bezahlen kann, arbeitet sie ab (Auto aussaugen, Rasen mähen, Laub fegen).

Wer ständig draußen auf Strümpfen herumläuft, zahlt vom Taschengeld eine kleine Socken-Steuer.

Das kleine Mädchen, das darauf besteht, jeden Morgen in die Kita das Prinzessinnen-Kleid anzuziehen, darf in dieser Ausstattung nur in die Bücherecke und nicht in die Matschzone (kein Zwingen, kein Schimpfen, aber Absprache mit der Erzieherin).

Wer sich nicht mit einem Sonnenschutz-Mittel eincremen lässt, bleibt im Haus.

"Keine Arme, keine Schokolade!" (aus: "Ziemlich beste Freunde")



Diese Maßnahmen klingen hart, sind aber Schimpftiraden oder Strafen deutlich vorzuziehen.
Hier seht ihr die kleinen, aber entscheidenden Unterschiede zwischen logischer Konsequenz und Strafe:



Logische Konsequenz

Strafe
direkter Zusammenhang zum Geschehen

ohne Zusammenhang, eher Vergeltung

Realität bestimmt das Maß

oft unangemessen
wertfrei
enthält oft moralisches Urteil

es geht um den Sachverhalt

es geht um die Person
keine Abwertung der Person
demütigend

stellt die Beziehung nicht in den Mittelpunkt

gefährdet die gute Beziehung
sachlich

ärgerliche Grundstimmung
das Kind lernt, Verantwortung zu übernehmen
das Kind wird zum Befehlsempfänger und lehnt sich irgendwann auf

copyright: http://wer-ist-eigentlich-dran-mit-katzenklo.blogspot.de/
                


Das ist ein komplexes Thema und ich hoffe, ich erschlage euch damit nicht, denn es geht noch weiter mit den Unterscheidungen.

Es gibt Eltern, die logische Konsequenzen als Strafe einsetzen. Das erkennt man daran, dass sie ihr Kind eine Erfahrung machen lassen und danach sagen: "Siehst du" - "habe ich doch gleich gesagt" - "das passiert eben, wenn man so ein Chaot ist" - "Wer nicht hören will, muss fühlen."

Das sind Sätze aus dem Giftschrank.

Dann gibt es Eltern, die ohne Ende Folgen androhen, aber nie auch nur eine einzige tatsächlich eintreten lassen. Diese machen sich zur Witzfigur für ihre Kinder. Ständig ist schlechte Stimmung und Stress. Nichts wird erreicht.

Das andere Extrem sind die Eltern der harten Schule. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kinder in jedes Messer laufen lassen, das das Leben so bietet. Diese Kinder werden durchsetzungsfähig und selbstständig, erfahren Familie aber nicht als wärmende Gemeinschaft.

Was funktioniert, ist wieder einmal die Mitte.

Kinder sollten Familie erfahren als einen Ort, wo man sich gegenseitig gerne hilft, man auch mal den Müll rausbringt (Kind) oder  auch mal das Turnzeug in die Schule nachbringt (Eltern). Nur wenn eine Erziehungssituation verfahren ist, das Kind sich immer darauf verlässt, dass die Eltern alles wieder hinbiegen werden, sollten die Eltern den Mut haben, das Schiff auch mal auf Grund laufen zu lassen.

Heute verlose ich ein Bilderbuch, in dem sich Lukas und seine Mutter am Ende der Geschichte gegenseitig helfen.


Ich habe es antiquarisch erworben, ist aber wie neu. 

Wer mitmachen möchte, schreibe mir eine Situation, wo euch und eurem Kind eine logische Konsequenz geholfen hat. Einsendeschluss ist Samstag, 5. Juli, um Mitternacht.

Immer fröhlich die Kunst üben, Kinder liebevoll zu unterstützen und ihnen Freiräume zu geben für eigene Erfahrungen.

Eure Uta

Dienstag, 24. Juni 2014

Glückliche Familie Nr. 227: Die Internet-Schleuse


Heute morgen habe ich in einem Buch gelesen, das "Eltern-Trickkiste" heißt und Ideen zur Lösung sämtlicher familiärer Probleme verspricht. Überraschend fand ich den Hinweis einer Kinderärztin, dass eher nasskalte Füße zu Mittelohrentzündung führen als die Weigerung, eine Mütze zu tragen. Wenn es also wieder Herbst wird, könnt ihr euch den Mützenkampf sparen (und den gefütterte-Gummi-Stiefel-Kampf führen.)

Als ich das Trickbuch für Eltern durchblätterte, fiel mir ein, dass der einzige "Trick", der mir jemals in meinem Leben als Mutter geholfen hat, der Hinweis auf die Kindersicherung im Router war.
Router ist die Kiste, die direkt mit dem Telefonanschluss verbunden ist und den Zugang aller internetfähigen Geräte des Haushalts ins weltumspannende Netz regelt.

Es gibt Router mit und ohne Kindersicherung. Bei denen mit Jugendschutz könnt ihr die Seite mit den Router-Einstellungen auf dem Computer aufrufen und dort für jedes Gerät mit Internetzugang in der Familie eine Schleuse einrichten. Zum Beispiel "Tims iPad: täglich eine Stunde und nur zwischen 17 und 20 Uhr". Hier findet ihr eine Anleitung, wie ihr für einen Router der Marke Fritz-Box solch eine Kindersicherung einrichtet. Ich habe es auch geschafft. Das sollte als Ermutigung reichen, denn bis vor kurzem hielt ich "Router" noch für einen Begriff aus der Hundezucht.

Leider hat nicht jeder Router eine solche Jugendschutz-Funktion. Aber solltet ihr euch sowieso gerade einen neuen Router zulegen wollen, nehmt nur einen mit Kindersicherungs-Option.

Meine Kinder sind jetzt 13 und 16 Jahre alt. Bei ihnen ist  Hopfen und Malz verloren  die Kindersicherung nicht mehr so dringlich. Der Kronprinz ist für den Jugendschutz zu alt. Aber bei Prinzessin (13) bin ich froh, dass ich den Router so einstellen konnte, dass sie nach 22 Uhr nicht mehr ins Internet kann. Da ihre Mutter unter dem Einfluss sämtlicher Veröffentlichungen Jesper Juuls steht, haben wir das natürlich so lange verhandelt, bis wir der Lösung beide zustimmen konnten. ("Schatz, eigentlich bist du der Experte für dein Schlafbedürfnis, aber ich habe den Eindruck, es würde dir gut tun, wenn ...")

Der große Vorteil der Router-Kindersicherung ist, dass ihr nicht jeden Tag Polizei spielen und durchsetzen müsst, dass vereinbarte Zeiten eingehalten werden. Ist die eingestellte Zeit abgelaufen, bricht die Verbindung einfach ab. Ich liebe technische Lösungen.

Auch Vorhängeschlösser sind dann überflüssig. 

Unter Experten herrscht Einigkeit darüber, dass Kinder unter 10 Jahren nicht unbeaufsichtigt im Internet surfen sollten. Aber seitdem schon Dreijährige auf Mamas Smartphone spielen, halte ich diese Maßgabe für so durchsetzbar wie Fahrradhelm-Pflicht für Teenager mit Glätteisen-Styling.

In meinen Elterntrainings habe ich auch geraten, sich dazu zu setzen und sich dafür zu interessieren, was die kleinen Nerds so treiben. Ich stand auch zu diesem Rat, bis ich merkte, dass ich immer seekrank werde, wenn ich rasanten Verfolgungsfahrten beiwohnen oder mit taumelnden Figuren auf schwankende Rampen hüpfen sollte, wo uns eine heruntersausende Betonplatte erwartete. Mir wird davon so übel, dass ich mich hinlegen muss und als Computer-Begleitperson ein Totalausfall bin.

Obwohl ich permanente Begleitung an "ihren" Medien nicht für umsetzbar halte, finde ich es bei diesem Thema wichtig, ein paar Grenzen zu setzen.

Ich fasse mal zusammen, was meiner Erfahrung nach empfehlenswert ist:

  • Die Medien der Kinder nicht verteufeln, sich als Eltern dafür interessieren, sich mal zeigen lassen, welche Geschicklichkeit sie da erworben haben, nach Alter gestafffelt zeitliche Grenzen setzen.
  • Beim Grenzensetzen einen Router mit Kindersicherung nutzen.
  • Router werden gerne im Gesamtpaket vom Provider gratis mitgeliefert. Hier einmal "Stopp" rufen und fragen, was das Modell so bietet. Bei uns ergab das Nachfragen, dass sogar das Standard-Modell diese Möglichkeit ohne Aufpreis enthält. Nicht locker lassen! Die Leute im Call-Center sind dafür meistens nicht geschult. Lasst euch weiter verbinden oder bittet sie, es für euch zu recherchieren und dann zurückzurufen. 
  • Im Router die Jugendschutzfilter aktivieren (darauf ist wohl nicht hundertprozentig Verlass, aber besser als nichts).
  • Dort einrichten, wann und wie lange welches Kind ins Internet darf.
  • Solch eine Schleuse ist sinnvoll, bis sie 13 oder 14 Jahre alt sind. Danach muss der Jugendliche eigenverantwortlich damit umgehen können. Wenn nicht, sollte man sich nicht in hoffnungslose Kämpfe verbeißen, sondern Mantras malen und sich in Geduld üben.
  • Unbedingt das Buch "Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet" von Tanja und Jonny Haeusler lesen. Unsere Kindersicherung per Router verdanke ich diesem Buch. Die Autoren sind Experten für Themen wie Internet, Social Networks, Videospiele und Smartphones und haben zusammen zwei Söhne im brisanten Alter.
  • "YouTube ist ... das Fernsehen der Generation unserer Kinder", schreiben die Haeuslers (S.75). Um es ein wenig kindersicherer zu machen, solltet ihr auf dem Rechner, den das Kind benutzt, den "sicheren Modus" für YouTube einschalten. Dazu scrollt ihr die YouTube-Seite ganz runter und findet dort einen Button "Sicherer Modus: an/aus".
  • Für Kinder unter zehn Jahren bieten Router mit Jugendschutz-Option die Möglichkeit, "White"-Listen einzurichten. Dann kann ich drei oder vier Internetseiten für sie in der Liste verlinken und sie kommen auf nichts anderes drauf als auf diese Seiten. Es gibt auch eine "Black"-Liste für alle Seiten, auf die sie auf keinen Fall kommen sollten. Aber wer weiß schon, was es da alles gibt. Deshalb finde ich die "White"-Liste für Grundschulkinder optimal. Und sie kann ja mit dem Älterwerden erweitert werden. 

Ist das hilfreich für euch? Welche Fragen sind noch offen? Was hat sich bei euch beim Thema Kinder- und Jugendschutz bewährt?

Immer fröhlich bleiben, nicht alles abwerten, was die Kinder so begeistert, und den Mumm haben, ein paar Grenzen zu ziehen.

Eure Uta  

Dienstag, 18. März 2014

Glückliche Familie Nr. 206: Wäsche-Biathlon und Verlosung


Gestern Abend haben wir Socken-Memory gespielt. Für mich das Spiel des Jahres 2014.
Gleich nach dem Abendessen, bevor wieder alle in ihre Zimmer fliehen konnten und für Mutter schwer greifbar sind, habe ich die ganze Wanne mit gewaschenen Socken auf den großen Esszimmer-Tisch gekippt. "Auf die Plätze fertig los." Jeder musste aus dem großen blau-grau-schwarzen Berg seine Strümpfe finden, zusammenrollen und in den Korb mit Fertig-Wäsche pfeffern. Keine zehn Minuten haben wir gebraucht und alle Strümpfe waren sortiert.
Das nächste Mal werde ich die Körbe mit der Fertig-Wäsche in drei Meter Entfernung an die Wand stellen. Dann muss jeder von seinem Platz am Tisch mit den Socken-Knollen in die Körbe zielen. Für jede Knolle, die daneben landet, muss - als Strafrunde - ein Teller in die Spülmaschine geräumt werden.




Ich sehe schon, mit unserem Wäsche-Biathlon werden wir dem echten Biathlon den Rang ablaufen. Der Soßenkönig ist unschlagbar in Socken-Schießen, stehend. Und Prinzessin (13) holt jeden Rückstand in den Strafrunden an der Spülmaschine wieder rein. In ein paar Jahren sind wir olympisch.

Auf Socken-Memory und Wäsche-Biathlon bin ich gekommen, nachdem ich in "Leitfaden für faule Eltern" bei Tom Hodgkinson gelesen habe. Hodgkinson hat vor allem ein Ziel: er will das Leben genießen, das Leben überhaupt und vor allem das Leben mit seinen drei Kindern.

Um das erreichen - so Hodgkinson - müsse man die Kinderarbeit wieder einführen. Nicht die schlimme Ausbeutung in der Fabrik, sondern das gemeinsame Arbeiten zu Hause. Abwaschen und zusammen singen, schon die Kleinsten die Banane zum Schneiden geben und sie vieles einfach alleine machen lassen. So bleiben Hodgkinson und seine Frau zum Beispiel am Wochenende gerne bis mittags im Bett liegen. Das tut ihnen gut und der Nachwuchs erhält die Chance, selber Frühstück zu machen oder den Eltern einen furchtbaren Tee ans Bett zu bringen.

Kleine Kinder lieben Arbeit. Nichts tun sie lieber als Geschirr einzuschäumen, in Beeten zu wühlen oder mit dem schwarzen Kamin-Handfeger das weiße Sofa abzustauben. Aber wenn sie jung sind, ersticken wir diese Arbeitsfreude im Keim, sagen, dass sie noch zu klein sind und das alles noch nicht können. Wir nehmen ihnen den Hammer aus der Hand, scheuchen sie weg von der neuen Design-Saftpresse und schimpfen, wenn sie die Fenster mit dem Gartenschlauch abspritzen.
In unserem perfektionistischen Kitchen-Aid-Haushalt haben kleine Arbeits-Pioniere es schwer.

Aber wenn sie sich damit abgefunden haben, dass sie von all diesen Erwachsenen-Dingen lieber die Finger lassen, ändert sich plötzlich alles. Auf einmal meinen die Eltern, es sei höchste Zeit, dass sie ihren Hintern hochkriegen und im Haushalt mithelfen. "Ist ja schließlich kein Drei-Sterne-Hotel hier!" Und schon gibt es Gemecker und schlechte Stimmung bei jedem Tischabräumen, Streit um jeden Müllbeutel, der in die Tonne getragen werden soll.

Tom Hodgkinson und ich, wir finden das ganz furchtbar. So bringen wir unseren Kindern bei, dass Arbeit etwas Schreckliches ist.

Hodgkinson schreibt:
"... es liegt in Ihrer Verantwortung, auch selbst Spaß an Ihrer Arbeit zu haben, weil Ihre Kinder ansonsten mit der Vorstellung aufwachsen, dass Arbeit nichts anderes sei als eine notwendige Bürde. Die kleinen Ohren hören jeden winzigen Seufzer, der Ihnen entfleucht.  'Daddy hat eine Arbeit, die er hasst, damit er dir nutzloses Zeug kaufen kann, mit dem du deine Zeit vergeudest, bis der Tag kommt, an dem du selbst einer Arbeit nachgehen wirst, die du hasst, damit du die Rechnungen begleichen und die Hypothek abzahlen kannst.'"
Ich habe schon vor längerer Zeit über meinen Arbeits-Ethos nachgedacht und beschlossen, mehr Freude in alltägliche Verrichtungen zu bringen. Und vor allem diese Freude auch auf meine Kinder überspringen zu lassen.

Uta zu Kronprinz (16):

"Guck mal: so schlimm sieht diese Küche jetzt aus. Ich schaue es mir an, mache innerlich ein Foto und begebe mich voller Elan ans Werk. Nach 20 Minuten fröhlichen Arbeitens bin ich fertig, mache wieder innerlich ein Foto und freue mich über den Vorher-Nacher-Effekt. Und das alles war eigentlich ein richtiges Vergnügen. So musst du das auch mit deinem Zimmer machen."

Kronprinz zu Uta: "Ja, das mag sein. Aber wenn dir das Aufräumen eine solche Freude bereitet, dann möchte ich dir diese Freude nicht nehmen."
(Und jetzt bräuchten wir ein Vorher-Nachher-Foto von Utas Gesicht.)

Ja, es läuft nicht immer alles rund mit meinen Methoden und denen vom faulen Tom. Aber wir haben vergnügliche Diskussionen mit unserer Brut, werfen uns mit Socken ab, mal platzt uns auch der Kragen und wir möchten alles hinschmeißen, aber wir haben im Großen und Ganzen eine richtig gute Zeit mit unseren Kindern.

Dazu braucht man:

  • die Gelassenheit, auch schon die Kleinsten vieles selber machen zu lassen
  • die Zuversicht, dass schon alles gut gehen wird (unsere Kinder haben zeitig mit Messern und Scheren gearbeitet, wir waren deshalb nur einmal in der Klinik und konnten den Finger retten)
  • selber das Ziel, etwas mit Freude zu tun und aufzuhören, wenn die Freude aufhört (ich bügle nie sklavisch den ganzen Korb leer)
  • den Vorsatz, auch mal eine faule Mutter/ein fauler Vater zu sein und Dinge einfach unerledigt zu lassen, so dass die Brut gezwungen ist, es selber zu tun ("Könnt ihr bitte die Küche machen/ die Wäsche aufhängen, ich komme sonst zu spät zum Tanzen" und dann einfach verschwinden.)  
  • die Großzügigkeit, einen großen Teil der Arbeit zu machen und nicht zu zetern über jeden Teller, der irgendwo stehen geblieben ist
  • die Einsicht, dass gerade bei Mithilfe im Haushalt eine Durchsetzungsquote von - sagen wir - 80 Prozent schon viel ist
  • den Langmut, darauf zu warten, dass Eigeninitiative entsteht (geht nur, wenn man auch mal was liegen lässt) 
  • den Blick für diese Eigeninitiative und die Anerkennung dafür  
  • Spielideen rund um Arbeit (Socken-Memory, Wäsche-Biathlon, Wettrennen "Wer hat zuerst alle Legos in die Kiste geräumt?", "Wer schafft es, in 10 Minuten im Bett zu sein?" ...)
  • Humor

Der "Leitfaden für faule Eltern" hat mir soviel Schwung gegeben, dass ich etwas davon an euch weitergeben möchte und ein Exemplar des Buches verlose. Bitte schreibt mir, welche Arbeiten eure Kinder schon übernehmen, gerne auch lustige, kleine Geschichten von misslungener Haushaltshilfe oder eine Idee, wie gemeinsame Hausarbeit Spaß machen kann. 

Einsende-Schluss ist am kommenden Samstag, 22. März, um 24 Uhr.

Immer fröhlich das Leben und die Arbeit mit den Kindern genießen

Eure Uta

Freitag, 28. Februar 2014

Glückliche Familie Nr. 202: Cheerleading mit Klobürsten


Von Frieda (zwei Söhne 5 und 3 Jahre alt) habe ich folgende Anfrage bekommen:

"Ich wünsche mir von dir einen Post über den Umgang mit "Stresssituation mit Kleinkindern". Ich meine damit einfach Alltagssituationen, die der Rede nicht weiter Wert sein sollten, mich aber manchmal doch zum Überkochen bringen. Situationen, die man auch gut mit Humor regeln könnte. Das Typische: Trödeln, Rumwedeln mit der Toilettenbürste, Holzkugeln quer durch das Wohnzimmer werfen, was kleine Jungs eben so machen."


Ich denke, man muss unterscheiden:

a) Ist es Experimentierlust oder Bewegungsdrang?

b) Ist es ein Eltern-Grenzen-Test? Schräger Blick zu Mama/Papa: Wie weit kann ich es treiben, bis sie/er explodiert?

c) Ist es ein Beziehungsbedürfnis, der Wunsch, irgendwie mit Mama zu tun zu haben, selbst wenn es wie beim Schimpfen negativ ist?



zu a) Experimentierlust oder Bewegungsdrang

Machen lassen, wenn es die eigenen Grenzen nicht verletzt oder die Statik des Hauses gefährdet.
Bei Jungen beträgt der Anteil der Muskeln an der Körpermasse 40 Prozent, bei Mädchen sind es nur 24 Prozent (Vera Birkenbihl). Besonders Jungen im Vorschul- und Grundschulalter sind programmiert auf Bewegung. Tun sie es nicht, verkümmern ihre Muskeln. Und auch für Mädchen ist Bewegung natürlich wichtig.

Viel raus gehen, Garten, Hof, Spielplatz, Wald und toben lassen. Das ist schon die halbe Miete. Der Fünfjährige kann auch auf dem Balkon oder auf der Terrasse Nägel einschlagen in einen Baumstumpf. Das kann ihn richtig lange beschäftigen. Der Kleinere bekommt einen Plastikhammer, Beistiftstummel und ein dickes Stück Styropor und darf es dem Bruder gleich tun. Diese Aktion kann reichen für einen "Latte grande" und eine gepflegte Blog-Runde.

Für drinnen Softbälle in verschiedenen Größen bereit halten. Super auch: eine Tobe-Ecke mit den alten dreiteiligen Matratzen von früher (bekommt man gelegentlich noch bei Haushaltsauflösungen). Bei uns hatte die Oma sie schön überzogen und dann ging's los. Sie dienten als Trampolin, Höhlenwände, Treppenschlitten und hochkant als Pferde.

Und schließlich anerkennen, dass es einfach anstrengend ist mit Kindern (und besonders mit zwei Jungs) in dem Alter. Als ich Kind war, kam uns gelegentlich eine Tante von mir mit ihren sieben Kindern, davon fünf Jungen, besuchen. Wir mochten die ganze Familie sehr gerne, aber jeder Besuch war wie ein Tornado, von dem wir uns tagelang erholen mussten. (Außerdem war danach mindestens eines unserer Fahrräder platt.)

Also sich nicht runterziehen mit Sätzen wie: "Ich mache alles falsch" oder "Ich habe das einfach nicht im Griff." Diese Phase hinterlässt Spuren an Möbeln und Nervenkostüm. Das ist einfach so.

Kronprinz vor fünf Jahren im Nussbaum der Großeltern

zu b) Eltern-Grenzen-Test

Wenn der Nachwuchs so schräg aus dem Augenwinkel guckt, wie wir reagieren, ist eine klare Haltung gefragt.

Stufe 1: "Nein, Cheerleading mit Klobürsten mag ich nicht. Stell die Bürste zurück in die Halterung und komm von der Toilette weg."

(wenn das nicht reicht)

Stufe 2: Klobürste wegnehmen (möglichst cool bleiben, Kind nicht abwerten, am besten gar nichts sagen, aber Aktion wortlos durchziehen)

(wenn das nicht reicht und der jüngere Bruder zeitgleich mit Holzkugeln wirft)

Stufe 3: Kind aus dem Bad bringen, von innen abschließen und wahlweise mit Nagelfeile auf die Klopapierrolle einstechen oder sich in Embryonalhaltung in den Duschvorleger einrollen und fünf Minuten tsunami-mäßig heulen.

Wenn das mehrstufige Verfahren keine Wirkung zeigt, handelt es sich wahrscheinlich um ein übergroßes Bedürfnis nach Nähe zu Mama oder Papa


zu c) Beziehungsbedürfnis

Hier könnte das Ritual der Kekspause helfen, erfunden und erfolgreich praktiziert von meiner Elterntrainerkollegin Bettina. Jeden Nachmittag gab es bei ihr und ihrem Sohn eine solche Pause, in der sie etwas Leckeres aus dem Schrank holte und mit dem Jungen ein Buch anschaute oder etwas vorlas.

Kinder lieben Rituale. Und wenn sie mit Klobürsten wirbeln, kann man sagen: "Mach bitte noch eine kurze Zeit lang etwas hygienisch Bedenkenloses, dann haben wir auch gleich unsere Kekspause."

Wenn Kinder wissen, dass sie sich darauf verlassen können, dass es eine solche exklusive Zeit mit Mama oder Papa gibt, sind sie meist sehr kooperativ.

Manchmal klappt es, mit beiden Kindern eine solche Pause zu machen und zusammen das gleiche Buch anzuschauen. Es kann aber sein, dass es besser funktioniert, mit jedem Kind einzeln etwas zu machen. (Gucke, dass das etwas ist, was dir auch Freude macht, sonst ist selbst die Kekspause anstrengend. Ein Kind bekommt sofort mit, wenn man sich selber quält oder langweilt.)

Anstatt ein Buch anzuschauen, könnte man auch zusammen etwas mit Bauklötzen bauen, eine geheime Leidenschaft von mir. Besonders toll finde ich die Kapla-Steine. Ich behaupte mal kühn und ohne dass ich Provision bekomme, dass Kinder kaum etwas anderes brauchen, wenn sie eine solche Kiste mit schlichten Holz-Bausteinen haben.


Liebe Frieda, ich weiß nicht, ob meine Anregungen zu deiner Lebenssituation passen. Die Zeit mit Kindern im Vorschulalter kann wahnsinnig schön, aber auch wahnsinnig anstrengend sein. Mir hat immer sehr geholfen, einmal die Woche zum Stepptanzen zu gehen. Nicht immer verständnisvoll und geduldig sein zu müssen, sondern zu stampfen und zu klappern, was die Eisen unter den Schuhen hergaben und als Mama auch mal laut sein zu dürfen. Das tat und tut so gut. Eltern brauchen eine solche Kraftquelle. Was ist es für dich?


Von einem unserer kleinen Auftritte.

In dieser Woche habe ich in der Schule einen Vortrag von Professor Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) gehört. Auf die Frage, was Eltern tun können, um ihre Kinder vor Drogenabhängigkeit zu bewahren, sagte er: "Der beste Schutz ist ein gutes Familienklima in den ersten Jahren." 

Und das braucht einfach Zeit und Zugewandtheit. Alles andere ist Selbstbetrug. 

Immer fröhlich Zeit haben für Kekspausen und die eigenen Kraftquellen

Eure Uta


PS: Mögt ihr diese Art von Post oder ist das zu viel Text? Ich freue mich über Rückmeldungen.