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Dienstag, 30. August 2016

10 aus 25 Fragen an Mütter: Sabrina

Ich sende Müttern, Vätern, Omas, Opas und anderen Kinder-Experten 25 Fragen, von denen sie 10 oder mehr Fragen auswählen, auf die sie antworten möchten.
Sabrina ist Studentin und lebt mit ihrem Freund und ihren beiden Söhnen (7 Monate und 2,5 Jahre) in der Schw...
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Mittwoch, 13. Januar 2016

18 Fakten über (kleine) Männer

Jungs besser verstehen.

Der Anteil der Muskeln an der Gesamtkörpermasse ist bei Jungen fast doppelt so hoch wie bei  Mädchen. Deshalb brauchen Jungen ab etwa drei Jahren besonders viel Bewegung. Jeden Tag. Stundenlang. Wenn sie diese Möglichkeit nicht haben, geht es ihnen nicht gut. Kein Wun...
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Samstag, 16. August 2014

Glückliche Familie Nr. 236: Mission Maus


Es wird ja immer befürchtet, dass Jungs durch Computer- und Videospiele verrohen. Auch mir wird Angst und Bange, wenn ich im Augenwinkel sehe, wie Kronprinz (16) schießend und brandschatzend durch die virtuelle Welt zieht.

War es richtig, ihm den Wunsch nach diesem Spiel zu erfüllen? Sinkt die Gewalthemmung, stirbt das Mitgefühl?

Ein kleines Ereignis in dieser Woche lieferte die Antwort auf diese Fragen.

Kronprinz saß im Wohnzimmer an der Spielkonsole (diesmal spielte er allerdings "Fifa"), als unser Kater mit einer Maus im Maul von draußen kam. Während ich nichts unternahm, weil ich das für ein normales Mäuseschicksal hielt, sprang Kronprinz auf, verbaute dem Kater die Fluchtwege und packte ihn beherzt. Vor Schreck ließ der die Maus entkommen, die sich noch so guter Gesundheit erfreute, dass sie unters Klavier rennen und sich dort verschanzen konnte.

Kronprinz und ich lagen bäuchlings vor dem Instrument und leuchteten mit einer Taschenlampe darunter. Zwei Knopfaugen sahen uns an, der kleine Körper bebte. "Oh, wie süß", sagte der Kronprinz, während ich mich bei Überlegungen ertappte, wie lange es dauern würde, bis sich der erste Verwesungsgeruch im Wohnzimmer verbreiten würde.

Der Kronprinz aber war fest entschlossen, die Maus zu retten. Er zog einen Gartenhandschuh an die linke Hand und schob mit der Rechten behutsam einen Stock unter das Klavier, um die Verfolgte hervorzutreiben, zu greifen und nach draußen zu tragen. Die Mission schlug fehl. Sie förderte nur Wollmäuse zutage. Schließlich holte er aus dem Keller ein dickes Brett und bockte mit aller Kraft das Klavier auf. Jetzt konnte sich die Maus wieder bewegen. Sie rannte am Regal vorbei in die Ecke mit dem Bügelbrett und verschanzte sich dort. Die Playstation brummte, das Spiel lief weiter, aber ohne Kronprinz. Der hatte sich der "Mission Maus" verschrieben.

Er trieb und lockte, baute Fluchtwege und sprach Mut zu, hätte - wenn möglich - eine Pfote gehalten oder Blutdruck gemessen. Endlich schaffte es die Maus raus auf die Terrasse. Dort hockten die beiden: hinter dem Fallrohr von der Dachrinne das kleine bebende Tier, davor der Berserker aus der Playstation-Welt.
"Meinst du, sie hat innere Verletzungen?" fragte er. "Ich weiß es nicht", sagte ich und dachte: "Gleich wird er die Maus beatmen." Aber da huschte sie ins Gebüsch.


Gulliver - sieht harmlos aus, zeigt aber kein Mitgefühl für Mäuse. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass Jugendliche verrohen, wenn sie selber roh behandelt werden, dass sie kein Mitgefühl entwickeln, wenn sie selber von klein auf kein Mitgefühl erfahren haben. Und dann tun Gewaltvideos oder blutrünstige Computerspiele vielleicht ihr Übriges.

Aber das Jugendliche, die in einem liebevollen Elternhaus heranwachsen, allein dadurch zu Gewalttätern werden, dass sie medial Gewalt ausüben, halte ich für völlig unwahrscheinlich.

Kinder brauchen - gerade wenn sie halbwüchsig sind - Eltern oder andere Menschen, die sich aufrichtig dafür interessieren, was für ein Mensch sie sind. Dazu gehört auch, ihre Vorlieben und Interessen zu respektieren, die sich naturgemäß nicht mit denen ihrer Eltern decken. Und wenn es Probleme gibt, sollte man sich möglichst ohne Vorverurteilung darum bemühen zu verstehen, was dahinter steckt.

Als eine Kollegin meiner ältesten Schwester erfuhr, dass einer ihrer Söhne eine Droge ausprobiert hatte, tankte sie das Auto voll, befahl den jungen Mann auf den Beifahrersitz und fuhr und fuhr mit ihm auf der Autobahn, bis sie die Nordsee erreicht und verstanden hatte, wie er sich in eine solche Situation bringen konnte. "Im Auto", erklärte sie, " da ist kein Entkommen, da kann man einfach am besten reden."

Sich immer fröhlich und vorurteilsfrei für die Halbwüchsigen interessieren, gute Zeit mit ihnen verbringen und sich wegen der Medien nicht den Kopf zerbrechen.

Eure Uta

Freitag, 9. Mai 2014

Glückliche Familie Nr. 218: Verachtung im Blick


Heute ist bei mir der Tag des Mannes, des großen und des kleinen Mannes.

Ich fange mal mit dem großen Mann an.

Im Urlaub wagte er es, in den Supermarkt zu gehen, ohne die Korbtasche mitzunehmen, die ich für diesen Zweck eingepackt hatte. Er hatte die Kinder dabei und kehrte mit vollen Plastiktüten wieder, in denen sich neben Riesenflaschen mit Softdrinks ("böse,böse") Weingummi-Beutel ("Zucker pur") und eingeschweißte Fleischstücke ("bestimmt aus der Massentierhaltung") befanden.

Ihn traf natürlich "der Blick". Dieser Blick ist wie ein Giftpfeil und meine beiden Männer hassen ihn. Ich könnte besser rumbrüllen oder sie in die Korbtasche schubsen, aber "der Blick" ist tödlich. Er ist voller weiblicher Verachtung und in meinen klaren Momenten verstehe ich, dass sie sich damit elend fühlen.

Weil ich mich von klein auf hauptsächlich um die Kinder gekümmert habe, gibt es eine Ecke tief in mir drin, die sich für den sozialeren Menschen hält, wie wir Frauen doch überhaupt, oder? ... (Dass der Soßenkönig derjenige ist, der hauptsächlich das Geld erarbeitet, damit ich die stylische Korbtasche mit dem Peace-Zeichen, das Fleisch vom Bio-Schlachter und den fair gehandelten Kaffee kaufen kann, ist ein sehr lästiges Detail. Und er will einfach nicht einsehen, dass ich mich beruflich auch nicht so durchgesetzt habe, weil ich Macht und Geld irgendwie ablehne, denn ich bin ja so sozial, siehe oben).

Als wir aus dem Urlaub heimkehrten, hat der Kronprinz (16) die Polster von seinem Schreibtisch-Stuhl absaugen müssen, weil die Katzen in den Ferien wohl die ganze Zeit vor dem Computer gesessen haben. Die Spezialbürste wollte danach nicht mehr in das Fach im Staubsauger passen und der Kronprinz schlug ärgerlich den Deckel zu. "Doch nicht mit Gewalt," schrie ich entsetzt und dachte in der gleichen Hundertstel-Sekunde: "Na, ich weiß ja, von wem er das Aufbrausende geerbt hat." Vor längerer Zeit hat der Soßenkönig ein Fach im Gefrierschrank geschrottet, weil die Schublade es wagte, sich ihm zu widersetzen. Damals war es - glaube ich - Lichtgeschwindigkeit, in der ich dachte: "Mein Vater hätte so etwas nie getan."

Mein Vater. Mein Vater ist so etwas wie der Gandhi des Haushalts. Zum Beispiel kann niemand so liebevoll einen Kofferraum packen wie er. Da wird der Regenmantel auf links gewendet, zusammen gelegt und als Puffer zwischen Reservereifen und Koffer geschoben. Der Hohlraum neben der Reisetasche ist dem Knirps vorbehalten, der sich quetschfrei einfügt. Wenn meine Mutter in letzter Sekunde kommt und will in dieses perfekte 3-d-Puzzle, das den Kofferrauminhalt darstellt, die Kastenform mit dem Rührkuchen unterbringen, atmet mein Vater tief durch, sehr tief. Er tritt nicht gegen die Stoßstange (undenkbar), er brüllt meine Mutter nicht an (noch undenkbarer), er hebt einmal resignierend die Hände, wickelt die Alufolie noch perfekter um den Kuchen und schiebt die Form sachte neben den Beutel mit den Hausschuhen unter den Vordersitz. Passt.

Mein Vater zeigt auch für Haushaltsgeräte und besonders für Werkzeug immer eine besondere Achtsamkeit. Schon immer. Wenn ein Ding das Funktionieren verweigerte, hörten wir Schwestern sofort den Satz: "Nicht mit Gewalt!" Vielleicht haben mich deshalb die ganz raren Momente beeindruckt, in denen dieser Mann mal die Beherrschung verlor. So wie bei irgendeinem Fußball-Finale, als die deutschen Mannschaft das entscheidende Tor schoss, mein Vater hochsprang und mit hochgerissenen Armen die Deckenlampe zerschlug. Oder wie bei dem Handballspiel, bei dem mein Vater (mein Vater!) wegen Foulspiel des Platzes verwiesen wurde. Den Bericht darüber in der Lokalzeitung habe ich als Kind immer und immer wieder lesen müssen.

Mein Vater ist wunderbar. Mein Mann ist wunderbar. Mein Mann ist anders als mein Vater. Vielleicht hat er mich auch deshalb so angezogen damals.

Auf jeden Fall tue ich gut daran, das wahr zu nehmen und die beiden nicht zu vergleichen.

Ron Smothermon schreibt:
"Nun, ganz gleich, wie befriedigend Ihre Beziehung zu Ihren Eltern war oder ist: Wenn Sie sich nicht bewusst werden, mit wem Sie jetzt zusammen sind, sind Sie in ganz schönen  Schwierigkeiten. Ich garantiere Ihnen, dass die Person, mit der Sie derzeit zusammen sind, anders ist und möchte, dass Sie das merken. Wenn Sie sich ihm oder ihr gegenüber quasi automatisch verhalten, laufen Sie Gefahr, die besondere Qualität der Beziehung einzubüßen, wenn nicht sogar die Beziehung überhaupt." (Ron Smothermon: Drehbuch für Meisterschaft im Leben. Bielefeld 2007, 20. Auflage, S. 18) 

Und jetzt noch schnell zu den kleinen Männern. Meine Freundin hat mir einen Link zu einem wunderbaren Artikel von Wolfgang Bergmann über Jungs im Kindergarten geschickt. Er macht auf einzigartige Weise deutlich, warum Jungen heute immer verhaltensauffälliger werden und angeblich immer häufiger eine Therapie brauchen. Ich möchte euch ganz dringend ans Herz legen, den Artikel zu lesen. Einmal bitte hier entlang.

Darf Männlichkeit noch sein? - Kronprinz (7) mit Kaugummi-Zigarette

Immer fröhlich sehen, wer der Partner wirklich ist, und ein neues Verständnis entwickeln für die kleinen Männer.

Eure Uta

Freitag, 7. März 2014

Glückliche Familie Nr. 204: Keine kleinen Gandhis


Ich hatte ein paar Anfragen, von denen ich gerne die eine oder andere aufgreife. Zum Beispiel die von Anne.

Das Thema Streiten interessiert mich auch. Wir stoßen da grad an unsere Grenzen. Ich habe meinen Jungs jahrelang mühsam beigebracht, dass wir uns mit Worten wehren und uns nicht weh tun. Und jetzt ist der Große in der 1. Klasse und ich stelle fest, dass er damit nicht weiter kommt. Plötzlich brauchen wir neue Regeln und Methoden, um zu streiten, sich zu wehren, sich durchzusetzen, ernst genommen zu werden. Zurückhauen gehört definitiv dazu und zur Lehrerin/Erzieherin gehen definitiv nicht mehr. Eine richtige Idee habe ich da grad nicht. Du ja vielleicht? 
LG
Anne


"... dass wir uns mit Worten wehren"?

Liebe Anne, ich glaube sofort, dass es mühsam war, deinen Jungs beizubringen, sich mit Worten zu wehren. Denn das ist ganz gegen ihre Natur. Von klein auf sortieren sich Jungs in Rangordnungen. Jedes Spiel - egal ob Brettspiel oder Dosenkicken - hat für sie nur den Zweck, ihren Platz in der Hierarchie der Jungen zu finden. Und wenn diese kleinen Männer in eine neue soziale Gruppe kommen, was ja der Fall ist, wenn sie eingeschult werden, hat das Kämpfen und Konkurrieren Hochkonjunktur. 
Ich schreibe das nicht, weil ich alten Rollenklischees verhaftet bin, sondern stütze mich auf Studien aus dem Buch der Neurobiologin Louann Brizendine. Hier heißt es:
"Jungen raufen und verprügeln sich mit dem größten Vergnügen; sie streiten sich um Spielzeug und versuchen, sich gegenseitig unterzukriegen. Solche Spiele treiben sie sechsmal häufiger als Mädchen." (Louann Brizendine: Das männliche Gehirn. Hamburg 2010, S. 40)
"Bei Jungen in der ersten Schulklasse reagiert das Gehirn entzückt, wenn sie Stärke und Aggressionen zeigen können. Noch besser ist, wenn körperliche Kraft mit Beleidigungen einhergeht. ... Solche Spiele verschaffen ihrem Gehirn eine starke Wohlfühlbelohnung in Form eines Dopaminschubs." (ebd., S. 41) 



Wir Frauen machen gerne verächtliche Bemerkungen über die kleinen wilden Jungs anderer Eltern: "Der gibt hier wohl das Alpha-Männchen." Dabei wird meist verkannt, dass dieses Verhalten tatsächlich in ihrem Gehirn angelegt ist.

  • Jungen schadet es, wenn man ihnen das Kämpfen verbietet
  • sie brauchen dafür klare Regeln (z.B. Boxen und Rangeln ist erlaubt, aber kein Treten; keine Schläge unter die Gürtellinie; der Kampf hört auf, wenn der Gegner am Boden liegt ...)
  • ideal ist es, wenn ältere Jungs oder erwachsene Männer ihnen diese Regeln beibringen

Liebe Anne, du könntest mit deinen Jungs darüber sprechen, welche Form des Sich-Wehrens okay ist, und mal nachfragen, ob die Lehrerin Regeln dafür aufgestellt hat. Gut ist auch, wenn die Jungen einen Kampfsport lernen, denn da werden ihnen gesunde Grenzen für den Körpereinsatz vermittelt.

Immer fröhlich akzeptieren, dass man auf Schulhöfen keine kleinen Gandhis trifft

Eure Uta 

Freitag, 28. Februar 2014

Glückliche Familie Nr. 202: Cheerleading mit Klobürsten


Von Frieda (zwei Söhne 5 und 3 Jahre alt) habe ich folgende Anfrage bekommen:

"Ich wünsche mir von dir einen Post über den Umgang mit "Stresssituation mit Kleinkindern". Ich meine damit einfach Alltagssituationen, die der Rede nicht weiter Wert sein sollten, mich aber manchmal doch zum Überkochen bringen. Situationen, die man auch gut mit Humor regeln könnte. Das Typische: Trödeln, Rumwedeln mit der Toilettenbürste, Holzkugeln quer durch das Wohnzimmer werfen, was kleine Jungs eben so machen."


Ich denke, man muss unterscheiden:

a) Ist es Experimentierlust oder Bewegungsdrang?

b) Ist es ein Eltern-Grenzen-Test? Schräger Blick zu Mama/Papa: Wie weit kann ich es treiben, bis sie/er explodiert?

c) Ist es ein Beziehungsbedürfnis, der Wunsch, irgendwie mit Mama zu tun zu haben, selbst wenn es wie beim Schimpfen negativ ist?



zu a) Experimentierlust oder Bewegungsdrang

Machen lassen, wenn es die eigenen Grenzen nicht verletzt oder die Statik des Hauses gefährdet.
Bei Jungen beträgt der Anteil der Muskeln an der Körpermasse 40 Prozent, bei Mädchen sind es nur 24 Prozent (Vera Birkenbihl). Besonders Jungen im Vorschul- und Grundschulalter sind programmiert auf Bewegung. Tun sie es nicht, verkümmern ihre Muskeln. Und auch für Mädchen ist Bewegung natürlich wichtig.

Viel raus gehen, Garten, Hof, Spielplatz, Wald und toben lassen. Das ist schon die halbe Miete. Der Fünfjährige kann auch auf dem Balkon oder auf der Terrasse Nägel einschlagen in einen Baumstumpf. Das kann ihn richtig lange beschäftigen. Der Kleinere bekommt einen Plastikhammer, Beistiftstummel und ein dickes Stück Styropor und darf es dem Bruder gleich tun. Diese Aktion kann reichen für einen "Latte grande" und eine gepflegte Blog-Runde.

Für drinnen Softbälle in verschiedenen Größen bereit halten. Super auch: eine Tobe-Ecke mit den alten dreiteiligen Matratzen von früher (bekommt man gelegentlich noch bei Haushaltsauflösungen). Bei uns hatte die Oma sie schön überzogen und dann ging's los. Sie dienten als Trampolin, Höhlenwände, Treppenschlitten und hochkant als Pferde.

Und schließlich anerkennen, dass es einfach anstrengend ist mit Kindern (und besonders mit zwei Jungs) in dem Alter. Als ich Kind war, kam uns gelegentlich eine Tante von mir mit ihren sieben Kindern, davon fünf Jungen, besuchen. Wir mochten die ganze Familie sehr gerne, aber jeder Besuch war wie ein Tornado, von dem wir uns tagelang erholen mussten. (Außerdem war danach mindestens eines unserer Fahrräder platt.)

Also sich nicht runterziehen mit Sätzen wie: "Ich mache alles falsch" oder "Ich habe das einfach nicht im Griff." Diese Phase hinterlässt Spuren an Möbeln und Nervenkostüm. Das ist einfach so.

Kronprinz vor fünf Jahren im Nussbaum der Großeltern

zu b) Eltern-Grenzen-Test

Wenn der Nachwuchs so schräg aus dem Augenwinkel guckt, wie wir reagieren, ist eine klare Haltung gefragt.

Stufe 1: "Nein, Cheerleading mit Klobürsten mag ich nicht. Stell die Bürste zurück in die Halterung und komm von der Toilette weg."

(wenn das nicht reicht)

Stufe 2: Klobürste wegnehmen (möglichst cool bleiben, Kind nicht abwerten, am besten gar nichts sagen, aber Aktion wortlos durchziehen)

(wenn das nicht reicht und der jüngere Bruder zeitgleich mit Holzkugeln wirft)

Stufe 3: Kind aus dem Bad bringen, von innen abschließen und wahlweise mit Nagelfeile auf die Klopapierrolle einstechen oder sich in Embryonalhaltung in den Duschvorleger einrollen und fünf Minuten tsunami-mäßig heulen.

Wenn das mehrstufige Verfahren keine Wirkung zeigt, handelt es sich wahrscheinlich um ein übergroßes Bedürfnis nach Nähe zu Mama oder Papa


zu c) Beziehungsbedürfnis

Hier könnte das Ritual der Kekspause helfen, erfunden und erfolgreich praktiziert von meiner Elterntrainerkollegin Bettina. Jeden Nachmittag gab es bei ihr und ihrem Sohn eine solche Pause, in der sie etwas Leckeres aus dem Schrank holte und mit dem Jungen ein Buch anschaute oder etwas vorlas.

Kinder lieben Rituale. Und wenn sie mit Klobürsten wirbeln, kann man sagen: "Mach bitte noch eine kurze Zeit lang etwas hygienisch Bedenkenloses, dann haben wir auch gleich unsere Kekspause."

Wenn Kinder wissen, dass sie sich darauf verlassen können, dass es eine solche exklusive Zeit mit Mama oder Papa gibt, sind sie meist sehr kooperativ.

Manchmal klappt es, mit beiden Kindern eine solche Pause zu machen und zusammen das gleiche Buch anzuschauen. Es kann aber sein, dass es besser funktioniert, mit jedem Kind einzeln etwas zu machen. (Gucke, dass das etwas ist, was dir auch Freude macht, sonst ist selbst die Kekspause anstrengend. Ein Kind bekommt sofort mit, wenn man sich selber quält oder langweilt.)

Anstatt ein Buch anzuschauen, könnte man auch zusammen etwas mit Bauklötzen bauen, eine geheime Leidenschaft von mir. Besonders toll finde ich die Kapla-Steine. Ich behaupte mal kühn und ohne dass ich Provision bekomme, dass Kinder kaum etwas anderes brauchen, wenn sie eine solche Kiste mit schlichten Holz-Bausteinen haben.


Liebe Frieda, ich weiß nicht, ob meine Anregungen zu deiner Lebenssituation passen. Die Zeit mit Kindern im Vorschulalter kann wahnsinnig schön, aber auch wahnsinnig anstrengend sein. Mir hat immer sehr geholfen, einmal die Woche zum Stepptanzen zu gehen. Nicht immer verständnisvoll und geduldig sein zu müssen, sondern zu stampfen und zu klappern, was die Eisen unter den Schuhen hergaben und als Mama auch mal laut sein zu dürfen. Das tat und tut so gut. Eltern brauchen eine solche Kraftquelle. Was ist es für dich?


Von einem unserer kleinen Auftritte.

In dieser Woche habe ich in der Schule einen Vortrag von Professor Rainer Thomasius vom Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) gehört. Auf die Frage, was Eltern tun können, um ihre Kinder vor Drogenabhängigkeit zu bewahren, sagte er: "Der beste Schutz ist ein gutes Familienklima in den ersten Jahren." 

Und das braucht einfach Zeit und Zugewandtheit. Alles andere ist Selbstbetrug. 

Immer fröhlich Zeit haben für Kekspausen und die eigenen Kraftquellen

Eure Uta


PS: Mögt ihr diese Art von Post oder ist das zu viel Text? Ich freue mich über Rückmeldungen.

Sonntag, 2. Februar 2014

Glückliche Familie Nr. 197: Wie Basti sich innerlich abrackert


Neulich bekam ich in einem Kreis von Müttern diese Geschichte mit:

Eine Frau, die sich vor einigen Jahren von ihrem Mann getrennt hatte, lebt allein mit ihrem zwölfjährigen Sohn und ihrer Mutter.

Oma kocht und backt und führt den Haushalt.
Mutter arbeitet, um alle zu versorgen.
Sohn ist bockig.

Weil er seine Hausaufgaben nicht pünktlich erledigte, wurde das iPad kassiert.
Oma kocht und backt und macht auch noch Cafeteria-Dienst in der Schule. Aber was sie mit dem Jungen tun soll, der sich immer wieder dieses "i-Dings" holt, weiß sie nicht.
Die Tochter hat es schließlich weggeschlossen. Punkt. Aus. Keine Widerrede.

Kürzlich eskalierte die Situation.
Wichtige Arbeitsunterlagen der Mutter waren verschwunden, als sie morgens zu einem neuen Arbeitgeber fuhr.
Sohn war in der Schule.
Oma stellte sein Zimmer auf den Kopf und fand die Arbeitsunterlagen hinter seinem Bett.

Omas Blutdruck in der Situation wollt ihr nicht wissen.

Aber wissen müsst ihr, dass Mutter einen neuen Partner kennengelernt hat und mit Sohn und Mutter in seine Nähe nach Hannover ziehen will und dass ...
Bastian sein altes Umfeld und seine Freunde verlassen und auf eine neue Schule gehen wird, eineinhalb Jahre nach seinem Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium.

Oma und die versammelten Mütter sind sich einig, dass Bastian ein schlimmer Junge ist, dem "mal endlich Grenzen gesetzt werden müssen".

"Jetzt reicht es wirklich mit dem Basti", schnauft seine Oma. "Ich habe ihm schon gesagt, er darf gerne zu seinem Vater ziehen. Dann wird er schon sehen, wie der sich um ihn kümmert. Aber das ist mir jetzt auch egal."

Synchrones Nicken bei den Frauen.

Alle bedauern die Oma. "Das hat die Heide doch wirklich nicht verdient, wo sie sich so abrackert für den Jungen und die Tochter." - "Und die arme Melanie! Kommt abends von der Arbeit, und zu Hause ist nur Krieg."

"Und der arme Basti", hob ich an, "so eine große Umstellung ...."

Aber das wollte niemand hören.

Jesper Juul sagt:


Es gibt keine Eltern, die ihre Kinder nicht über alles lieben.

Und es gibt keine Kinder, die ihre Eltern nicht über alles lieben. 


Aber Eltern und Kinder können diese Liebe häufig nicht umsetzen in liebevolles Verhalten, stattdessen herrscht "tiefe, schmerzhafte Frustration".

Mutter und Oma rackern sich ab, um die kleine Halb-Familie über die Runden zu bekommen. Aber so viel sie auch rackern, sie haben nicht das Gefühl, für Bastian wertvoll zu sein. Das tut weh und macht wütend. Und alle Erwachsenen schreien nach härteren Maßnahmen für den aufmüpfigen Jungen.

Dabei sehen sie nicht, wie Basti sich abrackert.

Es ist ein existentielles Abrackern tief in ihm drin.

Er muss den Spagat hinkriegen zwischen seiner Liebe zu Mutter und Oma und seiner Liebe zu seinem Vater, der von den enttäuschten Frauen gerne als Horrorkulisse inszeniert wird. "Na, auf den kann man sich gar nicht verlassen."

Er muss - umgeben von zwei Frauen, die gerade auf Männer nicht gut zu sprechen sind - seine männliche Identität finden, ohne dafür in seiner unmittelbaren Nähe ein Vorbild zu haben, jemand, der ihm alltäglich zeigt, wie man mit Frauen klar kommt.




Ihr könnt mir glauben, dass Basti sich abrackert, und es täte ihm gut, wenn das mal jemand anerkennen und verstehen würde.

Und bei dem ganzen inneren Ringen kommt jetzt auch noch ein neuer Mann für Mama, ein Umzug, der Verlust der Freunde, eine neue Schule ....

Noch Fragen?

Man kann froh sein, dass der Junge nur ein paar Arbeitsunterlagen versteckt hat und nicht Amok gelaufen ist.

Juul sagt, Kinder von alleinerziehenden Eltern würden sich schnell zu viel Verantwortung aufbürden, aber aufhören zu kooperieren, wenn sie nicht mehr können.

Das gelte besonders für das älteste oder das einzige Kind.

Nicht mehr kooperieren heißt: sie machen ihre Hausaufgaben nicht mehr, verweigern ganz die Schule, halten sich nicht an Abmachungen, werden aggressiv oder krank.

Ich beziehe mich hier auf das Hörbuch Familienberatung. Perspektiven und Prozess, von Jesper Juul, erschienen im Dezember 2013. (Das gibt es auch als Buch, aber ich nutze Hörbücher gerne beim Zusammenlegen der Wäsche).

Welche Hilfen kann man ableiten aus dem Hörbuch:
  • Eltern in einer alleinerziehenden Situation sind extrem beansprucht. Juul zufolge gibt es zwei ebenso extreme Antworten auf diese Überbeanspruchung: 1) totales Negieren eigener Bedürfnisse und sich ganz aufgeben für die Kinder oder 2) abstumpfen und taub werden für die Nöte und das Befinden der Kinder. Weil beides schädlich ist, ist es wichtig, die Verantwortung für sein eigenes  Leben und seine eigene Gesundheit zu übernehmen, ein Netzwerk aus anderen Erwachsenen zu gründen, sich Unterstützung zu holen.
  • sehen und anerkennen, welche Kooperationsleistung das Kind vollbringt; es in Entscheidungen mit einbeziehen (Ja, wir gehen in eine neue Stadt. Was könnte es dir erleichtern, die Umstellung zu bewältigen? Soll ich die Eltern deines Freundes fragen, ob er bald nach dem Umzug ein Wochenende bei uns verbringen darf? ...) Und wenn Mutter mit ihrem Freund zusammen ziehen möchte, muss sie ihren Sohn fragen, wie und unter welchen Bedingungen er wohnen möchte. 
  • Nicht einfach abstrakte Grenzen setzen (iPad wegschließen). Das bleibt zu sehr an der Oberfläche und verhärtet die Situation nur. Sich als Mensch aus Fleisch und Blut einbringen, sagen, was geht für mich persönlich und unter welchen Bedingungen. z.B. "Ich weiß, der Umzug ist ein großer Einschnitt für dich. Wenn dir Computerspiele Entspannung bringen, kann ich akzeptieren, dass du das im Moment brauchst. Mir ist nur wichtig, dass du in der Schule den Anschluss nicht verpasst und für die neue Schule nicht so ein schlechtes Zeugnis hast. Was kann dir dabei helfen?....

Huch, das war jetzt viel Text. Könnt ihr noch einigermaßen fröhlich bleiben?

Das wünscht euch auf jeden Fall

Eure

Uta 

Donnerstag, 21. November 2013

Glückliche Familie Nr. 183: Der Zucker-Dealer


Kronprinz (16) fragte mich, ob ich ihm blaue Lebensmittelfarbe besorgen könnte. Er hätte ein Video gesehen, in dem mit einem Kilogramm Zucker und Lebensmittelfarbe Kristalle hergestellt würden, die wie die Designer-Droge „Crystal Meth“ aussähen.

„Crystal Meth?“


Ich schluckte.


Ja, man sähe kaum einen Unterschied.


Will er meinen Einmachzucker tütchenweise in der Unterführung am S-Bahnhof verkaufen oder will er sich bei „Jugend forscht“ bewerben?


Mich beunruhigt, dass mein Kronprinz weiß, wie „Crystal Meth“ aussieht.


Mich tröstet, dass er mich in die Drogen-Herstellung einbeziehen will.

Wie immer in Situationen elterlicher Zerrissenheit, die wohl auch dann nicht aufhört, wenn die kleine Kartoffel vom ersten Ultraschallbild uns mit Piemont-Kirschen im Seniorenstift besucht, entscheide ich mich für Vertrauen: Ich suche im Supermarkt nach Lebensmittelfarbe.



Plätzchen-Ausstechen war gestern: Pseudo-Droge auf meinem Backblech.
Die blaue Lebensmittelfarbe verlor sich bei der enormen Zuckermenge.

Nicht nur Zucker, der nach Droge aussieht, sondern Zucker überhaupt gehört zu den Erzfeinden von Eltern. Der andere Erzfeind ist der Bildschirm. Zu viel Zucker, zu viel Bildschirm – an diesen beiden Fronten kämpfen alle Eltern.


Bei uns in der Küche liegen Süßigkeiten in den oberen Schränken. Je größer die Kinder wurden, desto höher wanderte alles, was zum Naschen ist: Schokoriegel und Pralinen oben neben den verstaubten Fleischwolf, bunte Zuckerstreusel hinter die Paniermehldose, Chips und Flips hinter den Karton mit dem Raclette-Gerät.


Unser Küchenprinzip „Immer höher, immer ungesünder“ hat aus den Kindern wahre Kletterkünstler gemacht. Prinzessin (12) bewegt sich auf der Arbeitsfläche wie eine Katze auf dem heißen Blechdach. Sie hangelt sich an den Oberschränken entlang, balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Spüle und Abgrund und angelt mit dem Kartoffelstampfer die Lakritzen-Schnecken aus dem höchsten Oberschrank. Wenn sie meine Schritte im Flur hört, springt sie hinunter und hopst zwischen Geschirrspüler und Backofen, als müsste sie für die nächste Hip-Hop-Aufführung üben. Nur Liedpfeifen geht nicht wegen der Lakritz-Schnecken in den Backen.


Mit Süßigkeiten bin ich nicht so streng, weil ich bei Felicitas aus meiner Klasse gesehen habe, was passiert, wenn Eltern Süßigkeiten total verbieten. Felicitas Vater war damals Chefarzt der örtlichen Kinderklinik und sie durfte zu Hause überhaupt nichts naschen. Ihren Ausgleich fand sie am Kiosk neben dem Schulhof. Nie werde ich vergessen, wie sie zitternd da stand und sich mit beiden Händen Schokoküsse in den Mund stopfte. Diese Schaumküsse hatten für Felicitas mindestens ein Suchtpotenzial wie „Crystal Meth“.


Bei uns darf man sogar vor dem Mittagessen etwas aus den Oberschränken holen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Kohlrabi noch hart sind oder das Fleisch nicht ganz durch, weil ich mit einem Text fertig werden musste. Wenn ich dann in der Küche wirbele, brauche ich Nervennahrung. Und die will ich den Kindern nach einem anstrengenden Schultag auch nicht verbieten.


Auf einem meiner Backbleche ist die Zuckerpampe inzwischen bretthart geworden. Mit einem Messer hat Kronprinz die ersten Brocken gelöst und in Tütchen abgefüllt. Es sieht verboten aus.

Drei Beutel stopft er sich in die Innentasche seiner Jacke, steigt auf sein Fahrrad und winkt mir zu. Versonnen lecke ich an dem Messer mit den Resten von Pseudo-Crystal-Meth.

In die U-Haft werde ich ihm Lakritzschnecken mitbringen.

Immer fröhlich in Beziehung bleiben

Eure Uta

Dienstag, 8. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 173: Machos im weiblichen Biotop Schule


Wir sind wieder zu Hause, aber ich konnte nicht bloggen, weil unsere Fritzbox kollabiert ist. Kaum habe ich die Kiste gelobt, bricht sie zusammen. War vielleicht doch zuviel mit dem ganzen Jugendschutz.
Ich habe dafür Verständnis. Die meiste Zeit fühle ich mich auch überfordert vom Jugendschutz.

Dass ich nicht ins Internet konnte, war trotzdem blöd, weil ich euch dringend von einem Text schreiben wollte, den meine süddeutsche Schwägerin für mich kopiert hatte.

Wenn mich ein Artikel oder ein Buch begeistert, dann möchte ich am liebsten mit tausend Exemplaren über das Land fliegen und Kopien aus dem Hubschrauber abwerfen.

Dieser Text ist so einer.

Er stammt von dem Schweizer Allan Guggenbühl und heißt: "Die Schule - ein weibliches Biotop? Psychologische Hintergründe der Schulprobleme von Jungen". (erschienen in: Handbuch Jungen-Pädagogik von Michael Metzner und Wolfang Tischner, 2008, S. 150 - 167)

Guggenbühl schreibt, dass die Schulen es gut gemeint hätten, als sie in den 80er und 90er Jahren die Geschlechterrollen abschaffen wollten. Ein Mädchen sollte nicht darauf festgelegt werden, ein Mädchen zu sein, ein Junge nicht darauf, ein Junge zu sein. Mädchen sollten für Naturwissenschaften begeistert werden, Jungen für Handarbeiten und den Frieden.

Was gut gemeint war, so Guggenbühl, war letztlich eine Ideologisierung und ginge an der Realität von Kindern vorbei. Zwischen den Geschlechtern gebe es Unterschiede, die wir nicht leugnen könnten. Und wenn wir sie leugneten, würden wir den Schülern nicht gerecht. Vor allen den Jungen nicht, die inzwischen viel häufiger die Schule abbrechen oder zur Therapie geschickten werden als die Mädchen.

"Die überwiegende Mehrzahl der Kinder will sich als Junge oder Mädchen ins Leben einbringen, will die geschlechtliche Identität ausbauen und entwickeln. ... Auch wenn die Erwachsenen sich strikt geschlechtsneutral verhalten, entwickeln sich die Geschlechtsunterschiede. ... Wenn die Schule Geschlechtsunterschiede negiert, dann werden aus den Schülerinnen Tussis und aus den Schülern Machos!" (S. 153) 

In dem Artikel wird mit Methoden aufgeräumt, die ich bis letzte Woche für toll hielt.

Individualisierter Unterricht zum Beispiel.

Guggenbühl macht klar, dass es für einen Jungen Stress bedeutet, wenn sich eine wohlmeinende Lehrerin an seinen Tisch setzt, ihm tief in die Augen blickt und nach seinen Interessen fragt.
"Wieso setzt sie sich wieder an meinen Tisch, spricht mit leiser Stimme und betroffenem Gesicht?" 
Über Worte Nähe zu erzeugen, ist ein sehr weibliches Verhalten. Jungen irritiert das eher. Sie stellen Nähe mehr über Taten her. Wenn sie jemanden zeigen wollten, dass sie sie mögen, würden Jungen ihr neustes Handy vorführen, eine Schachtel voller Würmer zeigen oder erklären, wie man den Stuhl verstellt, so Guggenbühl.


Das Tun ist für Jungen noch wichtiger als für Mädchen - Kronprinz vor Jahren an der Nordsee

Auch bei uns an der Schule gibt es seit einiger Zeit sogenannte "Lernzielgespräche".
Meistens sieht das so aus: Lehrerin, Uta und Sohn sitzen zu einem vereinbarten Termin im leeren Klassenzimmer. Lehrerin und Uta sind begeistert über so viel Gelegenheit zum Quatschen, Sohn sitzt muffig daneben.

Danach auf dem Weg zum Auto.

Uta: "War doch toll, wie Frau Wagner auf uns eingegangen ist und wie differenziert sie dich sieht, oder?"

Kronprinz (15): "Mmmmpf".

Uta: "Eigentlich ist sie ja doch ganz nett, die Frau Wagner."

Kronprinz: "Mmmmpf".

Uta: "Du musst dich einfach nur ein bisschen häufiger melden und dich mehr bei der Gruppenarbeit einbringen."

Kronprinz: "Mmmmpf".

Uta: "Ja, fandest du das Gespräch denn nicht gut?"

Kronprinz: "Kriegen wir jetzt eigentlich einen Internetverstärker?"

Ende des Gesprächs.

Auch Prinzessin ist keine Freundin von Lernzielgesprächen. Aber sie reagiert - typisch Frau - ganz anders darauf. Sie sucht Augenkontakt zur Lehrperson, trägt eifrig neue Lernziele ein und sitzt mit einem charmantem Dauerlächeln auf ihrem Stuhl.
Als wir nach dem jüngsten Lernzielgespräch die Treppe zum Parkplatz hinaufgingen, knetete sie ihre Wangen.

"Was machst du da?" - "Ich massiere mein Gesicht. Dieses Dauergrinsen ist so mega-anstrengend."

Ich bin vom Thema abgekommen.

Es ging darum, dass Allan Guggenbühl eine zu starke Individualisierung des Unterrichts für Jungen nicht gutheißt. Phasen des Frontalunterrichts seien wichtig für Jungen.
Ich zitiere: "Wenn die Lehrperson vor einer Schülerschar steht, auf sie einspricht und etwas verlangt, dann präsentiert sie sich als Oberbandenführer". Das bräuchten Jungs von Zeit zu Zeit. Überhaupt bräuchten sie die Gruppe oder Klasse, weil sie sich viel mehr in Hierarchien einsortierten als Mädchen. Die Klasse und ihre Struktur sei für sie eine wichtige Motivation (Besser in Mathe sein als Tim und fast so gut wie Leon). Bei zuviel Individualisierung und ständigem Werkstattunterricht, wo jeder an seinen Themen vor sich hinarbeitet, verlören Jungen ihren inneren Halt.

Ein typisches Gewächs des "weiblichen Biotops Schule" ist die Note für soziales Verhalten, die es inzwischen in vielen Bundesländern gibt. Dem Artikel zufolge sind zumindest die Kriterien, nach denen sie vergeben werden, zutiefst weiblich.
"...das Sozialverhalten ist inzwischen zur schulischen Schlüsselkompetenz aufgestiegen. Schüler und Schülerinnen sollen lernen, eigene Gefühle in Worte zu kleiden, Konflikte verbal zu meistern, zu kooperieren und sich in eine Gruppe einzufügen. ... Die Standards, durch die soziale Kompetenzen genauer festgelegt werden, entsprechen dem Sozialverhalten der Mädchen und nicht jenem der Jungen." (S. 165)
Jungen reagieren körperlicher, sie provozieren gerne, machen Witze und prahlen gerne, um Kontakt zur Gruppe aufzunehmen. Sie brauchen als Lehrer oder Lehrerin einen "Oberbandenführer", der das durchschaut, mal darüber lachen, es aber auch eindämmen kann, statt den Jungen gedanklich und im Zeugnis abzuwerten.

Ach, ich könnte noch so vieles aufgreifen aus dem Text. Aber das führt zu weit.

Für Zuhause noch den Tipp:

Wenn ihr mit eurem Sohn ein wichtiges Gespräch führen wollt, macht nicht die "Schau-mir-in-die-Augen-Kleiner-Nummer". Ihr kommt ihm viel näher, wenn ihr zusammen wandert, joggt oder etwas werkelt.

Immer fröhlich einen Jungen einen Jungen sein lassen

eure Uta

Freitag, 24. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 146: Fluch oder Segen


In dem Buch "Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks" von Joel ben Izzy gibt es eine Geschichte über einen weisen Mann.
Als dieser ein besonders schönes Pferd erwarb, gratulierten alle Nachbarn und waren sich darin einig, dass der Mann gesegnet sei.

"Mag sein", erwiderte er. "Aber was wie ein Segen aussieht, könnte auch ein Fluch sein."

Wenig später ritt sein Sohn auf dem Prachthengst, fiel herunter und brach sich ein Bein. Diesmal kamen die Nachbarn und bedauerten den Mann.

 "Mag sein", erwiderte er. "Aber was wie ein Fluch aussieht, könnte auch ein Segen sein."

Kurz darauf brach ein Krieg aus. Alle jungen Männer des Dorfes wurden für den Wehrdienst eingezogen. Allein der Sohn des weisen Mannes durfte wegen seines gebrochenen Beines zu Hause bleiben. Er war schließlich der einzige, der überlebte. (stark verkürzt aus "Der Geschichtenerzähler ....", S. 16)

Was wie ein Fluch aussieht, könnte auch ein Segen sein. 

Dieser Satz fällt mir immer ein, wenn ich mich in einer misslichen Lage befinde.

Misslich ist ja auch dieser Regen da draußen.

Die Perlhyazinthen ersaufen in ihrem Topf ohne Abfluss. Die verwelkten Blüten des Apfelbaums liegen wie nasser Schnee auf dem Rasen.

Wollen wir alle dieses Frühjahr Reis anbauen und mit riesigen Hüten durch unsere terrassenartig angelegten Gärten waten?

Dieses Dauer-Tief ist aber auch ein Segen. Und jetzt kommen wir über Rasse-Pferde und Reis-Terrassen zu dem, was ich eigentlich sagen wollte:

Wegen der Wetterlage gab es bisher kein Schulschwimmen. Und das ist ein Segen.

Zu der Schule unserer Kinder gehört ein altes Freischwimmbecken, in dessen kaltes Wasser kernige Sportlehrer die Kinder schicken, kaum hat das Quecksilber die 10-Grad-Marke überwunden. Auch für Prinzessin (12) rückte dieser Tag bedrohlich nahe. Bedrohlich deshalb, weil die einzige Schwimmbekleidung, die sie mag, ein putziger Bikini ist. Bei seiner Herstellung wurde Millimeterware verwendet. Das meiste davon für die Rüschen, die an Po und Oberteil noch stärker zur Geltung bringen, was pubertierende Jungen um den Schlaf bringt.

Ich habe mich dieser Tage nicht nur mit Geschichtenerzählern befasst, sondern auch mit den Fakten aus dem Buch "Das männliche Gehirn" der Neuropsychiaterin Louann Brizendine. In dem Kapitel "Das Gehirn des Teenagers" schreibt sie, "dass das Testosteron im ... Hypothalamus die Schaltkreise für sexuelles Verlangen (bei Jungen, Anmerk. der Bloggerin) ungefähr doppelt so groß werden lässt wie im Gehirn eines Mädchens. Von nun an ist das männliche Gehirn so strukturiert, dass sexuelle Bestrebungen an vorderster Front stehen. ... Diese intensive Beschäftigung mit Sexualität ähnelt dem Großbildfernseher in einer Sportbar: Sie läuft ständig im Hintergrund."

Professor Brizendine meint, dass die meisten Mütter nicht das ganze Ausmaß der Veränderungen begreifen würden, die sich im Gehirn ihres heranwachsenden Sohnes abspielen würden.

Okay, ich habe begriffen. Und ich habe nicht nur einen Sohn, bei dem einschlägige Sendungen auf dem Hypothalamus laufen, sondern auch eine Tochter, die es vor Mitschülern zu schützen gilt.

Besonders seit sich Schüler als Sportassistenten ausbilden lassen können und bei Turnfesten Hilfestellung am Reck oder Barren geben. Eigentlich geht es diesen Jungs aber um die Bay-Watch-Nummer am schulischen Freischwimmbecken.


Das Blickfeld eines männlichen Teenagers in den Zeiten des "Testosteron-Tsunamis".

Als Prinzessin mir im vergangenen Sommer erzählte, ein Junge aus den höheren Jahrgängen habe sie am Rande des Schwimmbeckens gefragt, in welche Klasse sie ginge, gab es für mich kein Halten mehr.  Ich tippte "Sportbadeanzug mit Rollkragen" in die Google-Leiste ein. Die Suchmaschine brauchte ungewöhnlich lange. Schließlich spuckte sie Hersteller aus, die sowohl Badeanzüge als auch Rollkragenpullover führen. Aber keiner hatte den modischen Mut, beides zu kombinieren.
Ob Prinzessin bereit wäre, einen Neopren-Anzug zu tragen?

Ich klapperte Sportgeschäfte und Kaufhäuser ab, aber kein Modell fand die Gunst von Madame Meerjungfrau. Es wurde Herbst, Winter und noch mal Winter. Kaum war es ein bisschen wärmer, eröffnete die Klasse von Kronprinz (15) die Freibadsaison. Es wurde immer enger. Im Rüschen-Bikini und auch zeitlich.

Aber dann kam der Regen. Tagelang. Und endlich entdeckte ich in einem örtlichen Sportgeschäft einen Badanzug, der Gnade vor Prinzessin fand.

Jetzt kann der Sommer und das Schulschwimmen kommen.

Immer fröhlich im Fluch auch den Segen sehen

Uta

Sonntag, 19. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 145: Heilsame Bockigkeit


In seinem Buch "Dein kompetentes Kind" schreibt Jesper Juul, dass jeder Mensch um eine Balance zwischen Kooperation und Integrität ringe.

Wann passe ich mich anderen Menschen an, wann muss ich Partei ergreifen für mich selbst, für den Menschen, der einmalig in mir angelegt ist?

Die Kooperations-Fotos vom Bügeln, Mit-Fußball-Gucken, Aufräumen der Kinderzimmer und Addieren von Steuererklärungs-Belegen erspare ich euch. Aber was für meine Integrität wichtig ist, zeigen folgende Fotos.

In diesen Situationen erblüht mein Selbst.

Es zu Hause schön machen.

Mit Tieren leben.

Im Garten arbeiten.
Zum Stepptanzen gehen. 

Sehr viel stärker als Menschen in der Lebensmitte (so wie ich) ringen Kinder um die Balance von Kooperation und Integration.

Das Kleinkind, das die Lippen zusammenpresst, weil es nicht mehr essen mag, der Junge, der im Torwart-Dress in den Kindergarten möchte, das Mädchen, das Lina nicht zu ihrem Kindergeburtstag einladen möchte, nur weil es die Tochter von Mutters Freundin ist, der Teenager, der nicht konfirmiert werden möchte ...
"Inzwischen wissen wir, dass Kinder im Konflikt zwischen Integrität und Kooperation - in den sie, wie die Erwachsenen, jeden Tag Dutzende von Malen geraten - sich in neun von zehn Fällen für die Kooperation entscheiden. Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen beibringen, wie man sich anpasst oder kooperiert. Sie haben hingegen einen dringenden Bedarf an Erwachsenen, die ihnen zeigen, wie man im Zusammenspiel mit anderen seine Integrität wahrt." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Hamburg 2003, S. 48)

Sehr erhellend finde ich, wie Juul darlegt, dass Kinder, die wir als bockig und höchst unkooperativ empfinden, im Grunde einer Familie einen großen Dienst erweisen können, wenn die Erwachsenen endlich genauer hinschauen würden.

Ich habe das mit Kronprinz (heute 15) erlebt in der Zeit, als er zwischen 6 und 9 Jahre alt war. Einmal rannte er im Streit aus dem Haus, geradewegs in Richtung der vierspurigen Hauptstraße. "Du kannst mich mal!"
Ein anderes Mal sprang er fast aus dem fahrenden Auto, warf draußen die Mülltonnen um oder trat nach mir.

Häufig war ich ratlos und verzweifelt.

Schließlich meldete ich mich in einem Seminar zur Persönlichkeitsbildung an und stellte fest, dass ich ein Männer-Bild mit mir herumtrug, mit dem mein Mann sich irgendwie arrangiert hatte, gegen das unser Sohn aber offensichtlich rebellierte. Meine Ablehnung von Gewalt, mein überhöhter Harmonie-Anspruch, mein Nett-Sein-Syndrom, meine tief sitzende Einstellung, dass wir Frauen mit unseren sozialen Werten und unserem Desinteresse für schnelle Autos, Geld und Macht irgendwie die besseren Menschen seien ...

Als ich zurückkehrte, hatte ich mich wohl so sehr verändert, dass die Konflikte mit Kronprinz wie weggeblasen waren. Ein Quantensprung in unserer Beziehung.

Ich bin heilfroh, dass ich irgendwann damit aufgehört habe, dem Jungen das Gefühl zu geben, wir Erwachsenen seien perfekt, nur mit ihm sei etwas nicht in Ordnung.
Ich bin heilfroh, dass ich ihn nicht zu einem Kinderpsychologen gezerrt oder sonst einer Therapie ausgesetzt habe.

Im Grunde hat er mit seiner Bockigkeit mir und der ganzen Familie einen großen Dienst erwiesen.

Juul würde sagen: Er war in höchstem Maße kooperativ.

Danke Kronprinz, danke Jesper Juul.

Immer fröhlich hingucken: Kämpft da mein Kind vielleicht um unser aller Integrität?

Uta

Freitag, 15. Februar 2013

Glückliche Familie Nr. 122: Konferieren to go


Schwester Nr. 3 meinte, das mit dem Konferieren im letzten Post sei nicht hilfreich für sie. Sie befände sich mit ihrem Sohn sowieso in einem Zustand des Dauerkonferierens.

Meine Schwester ist allein erziehende Mutter eines 13jährigen Sohnes.

Das mit dem Allein-Erziehen ist wirklich eine Crux. In meinen Unterlagen vom "Lions-Quest"Seminar fand ich eine gute Stelle dazu.

"Mädchen und Jungen erleben Familie aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Für beide Geschlechter ist meistens die Mutter erste und häufigste Ansprechpartnerin für ihre Sorgen und Nöte. Väter sind häufiger abwesend, haben meist einen geringeren Anteil an der Erziehungsarbeit und sind für ihre Söhne als Beispiel für die Entwicklung einer männlichen Identität nur begrenzt präsent. Deswegen bleibt Jungen auf der Suche nach ihrer Männlichkeit manchmal nur die Abgrenzung vom Weiblichen." ("Lions-Quest - Erwachsen werden", Kapitel 5, Seite 3)

Ich beziehe dieses Zitat hier mal auf die Situation von allein erziehenden Müttern mit Söhnen.

Ansonsten finde ich, dass heutige Väter (von Ausnahmen abgesehen) deutlich präsenter in den Familien sind als in den Generationen davor.


(Kleine Valentins-Gedenk-Minute für den Soßenkönig.)


Jetzt dürft ihr wieder sprechen oder mit den Tasten klappern, Minute ist vorbei.

Mir kommt es auf den Satz an:
"Deswegen bleibt Jungen auf der Suche nach ihrer Männlichkeit manchmal nur die Abgrenzung vom Weiblichen."
Das macht mich sprachlos.

Dann ist Mama nur eine Negativfolie für die eigene Identität. Weil die heranwachsenden Männer kein positives Rollenvorbild haben, muss Mama herhalten als der Mensch, der man auf keinen Fall werden will. Und das nur, weil sie zum anderen Geschlecht gehört.

Das ist bitter.

Schwesterherz hat aber einen guten Tipp, um die Situation zu mildern:

Sie und ihr Sohn sitzen sich nicht am Tisch gegenüber wie der kleine Lord und sein Großvater. Sie haben nebenbei gesagt auch kein Personal, das die Karten mit den Lösungsvorschlägen von einem Tischende zum anderen tragen könnte. Nein, meine Schwester geht mit ihrem Kronprinz zum Problemlösen nach draußen. Sie reden im Gehen. Besonders schön im Dunkeln mit Taschenlampe.

Das ist neu: "Konferieren to go".

Meine Schwester sagt, dass sie dann beide nicht so ausrasten, weil sie sich in einem öffentlichen Raum bewegen würden. Zudem sei es entspannter, nebeneinander her zu gehen als sich eins zu eins gegenüber zu sitzen.

Wir wissen ja:

Männliche Körper können nicht still sitzen.
Männliche Hirne wollen nicht von vorne zugetextet werden.

Darüber schrieb ich hier.

Deshalb empfiehlt auch Frank Beuster, der Autor der "Jungenkatastrophe", mit heranwachsenden Jungen joggen zu gehen, wenn es etwas zu besprechen gibt. So kann man Probleme beiläufig lösen.

Meine Schwester löst nicht nur laufend Probleme, sie hat auch Ausschau gehalten nach männlichen Vorbildern für meinen Neffen.
Als sie ihn vor Jahren beim Fußball anmeldete, habe ich mich sehr gefreut. Ich sah gedanklich einen Mann im Trainingsanzug vor mir, die Haare schütter von den vielen Kopfbällen, Waden wie Gert Müller und ein Herz groß wie ein Torwarthandschuh. Einer, der die Jungs zum Sieg brüllt und ihnen nach der Niederlage väterlich die Haare rauft.
Ich brannte darauf zu erfahren, wie es war beim ersten Training. "Ganz okay", sagte meine Schwester. "Und der Trainer?" - "Der Trainer ist eine Frau."

Habt ihr "Karate-Kid" gesehen, den mit Jackie Chan und Jaden Smith in den Hauptrollen?
Da geht es auch um eine allein erziehende Mutter und ihren Sohn. Permanenter Kleinkrieg zermürbt ihren Alltag. Mutter muss beruflich in einem neuen Land Fuß fassen, der Sohn sich behaupten als Neuling in der Schule. Dem Jungen ist nicht mal beizubringen, dass er nach der Schule seine Jacke aufhängt, bis der Hausmeister Mister Han in sein Leben tritt. Er macht den Jungen zu seinem Karate-Schüler. Und nicht nur das. Er lehrt ihn, seine Mutter zu respektieren und sich im Leben aus eigener Kraft zu behaupten.


"Häng die Jacke auf!" Szene aus dem Film "Karate Kid" aus dem Jahr 2010 mit Jackie Chan und Jaden Smith.


Ich gehe dann mal für meinen Neffen einen Schwarz-Gurt-Hausmeister suchen.

Immer schön beiläufig Probleme lösen, männliche Vorbilder aufspüren und fröhlich bleiben

Uta

Freitag, 18. Januar 2013

Glückliche Familie Nr. 115: Das Beziehungskonto


Ich war in dieser Woche bei einer Elternratsversammlung unseres Gymnasiums mit dem Schwerpunktthema "Mittelstufe", also alle Belange der Klassen sieben bis 10.

Hätte ich nicht gewusst, was es war, hätte ich es für ein Treffen der "Selbsthilfegruppe Pubertät" gehalten.

"Unser Sohn ist in der achten Klasse. Und neuerdings ist es, als wäre der Kontakt zu ihm abgebrochen." - "Wir erfahren gar nicht mehr, was in der Schule läuft, ob er eine Klassenarbeit zurückbekommen hat oder nicht."- "Mein Sohn", so eine andere Mutter, "will überhaupt der Coolste von allen sein. Ich kann gar nicht mehr auf ihn einwirken, er findet mich nur nervig." - "Wir haben eigentlich nur noch Streit."

Kopfnicken, verdrehte Augen und solidarisches Lachen von den anderen Eltern.

Ich saß da und suchte in meinem Innersten, ob mir auch eine Klage einfiele.

Wenn man als Eltern Pubertät nicht als schwere Störung erlebt, fühlt man sich als Sonderling.

"Ich heiße Uta und habe eine gute Beziehung zu meinem Sohn."

Wäre ich aufgestanden und hätte einen solchen Satz gesagt, wäre ich wahrscheinlich mit Kulis beworfen worden.

Man hat in diesem Alter keine gute Beziehung zu seinem Kind, schon gar nicht zu Söhnen.

Die sind ja später und länger in der Pubertät, wie die Schulleiterin erklärte.

Die Schulleiterin ist Pubertäts-Veteranin. Sie hat zwei Söhne. Aber die sind längst erwachsen. Sie erzählt davon, als sei sie eine der wenigen Überlebenden dieser Zeit.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, setzt man auf Kontrolle.

Es wird von Lehrern in der Mittelstufe berichtet, die Eltern nicht nur die Liste der anstehenden Klassenarbeiten mailen, sondern auch immer ein Signal senden, wenn die Rückgabe einer Arbeit zu erwarten ist.

Das gefiel den versammelten Müttern und Vätern und man fragte, ob nicht alle Lehrer diesen Service bieten könnten.

Zum Glück hielt die Schulleiterin das für nicht praktikabel.

Auf dem Nachhauseweg fiel mir eine Erkenntnis ein, die mir in mehreren Erziehungsratgebern begegnet ist.

In der Pubertät bekommen die Eltern die Quittung für ihr 
Verhalten in den Jahren davor. 

Ja, aber was denn für ein Verhalten?

Mir hat ein Bild sehr geholfen, das der amerikanische Management-Berater und neunfache Vater Stephen R. Covey benutzt.

Covey sagt, es gibt "Einzahlungen und Abhebungen auf dem Beziehungskonto". Wenn wir viel einzahlen würden, bekämen wir später mit Zinsen zurück, was wir an Nähe und Zeit in unsere Kinder investiert haben.






Einzahlungen sind zum Beispiel:
  • körperliche Nähe vor allem zu Babys, etwas später: Vorlesen mit Körperkontakt, Kinder an der Hand halten, auch Jugendliche spontan in den Arm nehmen (nur nicht in der Öffentlichkeit oder vor Freunden), Kuscheln auf dem Sofa, anbieten, dass man den Rücken kratzt oder eincremt, die Beine massiert
  • regelmäßige Familienzeiten, gemeinsame Unternehmungen, gemeinsame Mahlzeiten
  • gelegentlich eine schöne Zeit mit einem Kind allein
  • Respekt, z.B. ab dem Alter von 10 Jahren anklopfen an der Zimmertür, Kind nicht vor anderen bloß stellen, nicht zwingen, etwas zu essen oder anzuziehen
  • nicht immer das Kind optimieren wollen, sondern sich fragen: Liegt der Fehler vielleicht bei mir?

Pubertät ist eine wichtige Zeit der Abgrenzung von und der Auseinandersetzung mit den Eltern, aber es muss kein kriegerischer Ausnahmezustand werden.

Immer schön fröhlich einzahlen

Uta 

Sonntag, 16. September 2012

Glückliche Familie Nr. 80: Federmäppchen-Splitterbombe


Ich habe eine Leserzuschrift bekommen. Bettina schreibt:

Unser Sohn wird nächsten Monat 10 und geht in die 4. Klasse. Bei meiner Frage geht es um die Hausaufgaben. Wie kann man es schaffen, dass ein kleiner Träumer konzentriert seine Hausaufgaben macht. Unser Prinz lässt sich so schnell ablenken - ich denke von seinen Gedanken, er hat immer irgendwie etwas anderes zu tun und es fehlt ihm einfach die Motivation und Konzentration seine Hausaufgaben zügiger zu machen. Er kann natürlich gerne zwischen den Fächern Pausen machen, aber die Hausaufgaben halten sich doch hier in Grenzen und es sind selten richtig viel. Es tut mir immer so leid, wenn er vor ein paar Matheaufgaben so lange sitzt und die Zeit eigentlich vertrödelt. Er hat keine Schwierigkeiten mit Mathe an sich - da hat er eine gute 2 - …..weißt Du ein bisschen was ich meine? 


Ein bisschen?

Als Kronprinz in die Grundschule ging, blieb er nur unter der Bedingung vor seinen Hausaufgaben sitzen, wenn ich ihn zwischen den Schulterblättern kratzte. Dann döste er selig über dem Heft, und wenn ich Glück hatte, rechnete er mal ein Päckchen Aufgaben.

Warum sollte er sich abgeben mit 82 : 9 = 9 R 1, wenn die Grundlagenforschung über die Hüpfhöhe von Radiergummis noch in den Kinderschuhen steckt?

Was ist mit den Flugeigenschaften von Löschpapier? Mit Tesafilm am Cockpit verstärkt, schafft es der A-380 von "Kronprinz-Air" solide bis zum Terminal 2 auf dem Sideboard.

"Du kannst doch Mathe schnell fertig machen und dann hast du alle Zeit der Welt, Flieger zu basteln", sagte ich mit mütterlicher Restgeduld. "Ich stelle dir die Digitaluhr auf den Tisch und wette, dass du keine fünf Minuten brauchst, um die Seite fertig zu rechnen."

Oh, meine Güte, die Digitaluhr. Unsereiner benützt sie beim Backen. Aber für einen Neunjährigen ist sie der Zeitzünder der Federmäppchen-Splitterbombe.
"Krass, Mama, danke! Was meinst du, sollte das Mäppchen nach 60 Sekunden explodieren oder schon nach 20 Sekunden?"


Hausaufgaben? Da habe ich noch ein paar andere Ideen - Kronprinz mit 9 Jahren


Bettina, was soll ich dir raten?

Ich kann dir eine Faustregel nennen:
Kinder können sich nur so lange konzentrieren wie das Zweifache ihre Alters, 9jährige also nur ungefähr 18 Minuten am Stück. Danach brauchen sie eine kleine Entspannung oder Abwechslung.  
(nach Adolf Timm in "Gesetze des Schulerfolgs")

Lass deinen Junior nach der Schule 20 Minuten Hausaufgaben machen und schicke ihn nach draußen zu seinen Freunden. Wenn die 20 Minuten nicht gereicht haben, darf er den Rest am Vorabend vor seiner KiKa-Lieblingssendung erledigen.

Mit einer 2 in Mathe ist er ein guter Schüler. Also kein Grund zur Sorge. 

Freue dich an deinem Träumer und macht euch keinen Stress.

Den wichtigsten Rat habe ich damals von der Grundschullehrerin meines Sohnes bekommen, eine warmherzige Frau in ihrem letzten Jahr vor der Pensionierung: 

"Lassen Sie sich von den Hausaufgaben nicht die Beziehung zu Ihrem Kind kaputt machen."

Im Elterngespräch hatten wir vereinbart, dass ich ihr eine kleine Notiz ins Heft lege, wenn Hausaufgaben nicht fertig wurden wegen der Freunde, den Papier-Airbus-Aufträgen oder den Splitterbomben.

Und in der Schule hatte sie ihm ein kleines Heftchen auf den Tisch gelegt, damit er sich die Ideen für den Nachmittag hineinschreiben und dann wieder besser auf den Unterricht konzentrieren konnte.

Liebe Frau Groß, an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön von Ihrer

heute immer fröhlich bleibenden

Uta

PS: Aus Kronprinz (heute fast 15) ist ein Gymnasiast geworden mit einem guten Zwei-Schnitt.



Donnerstag, 2. August 2012

Glückliche Familie Nr. 67: Das Sorgen-Abo


Am Gartenzaun sprach ich mit meiner Nachbarin von gegenüber. Sie hätte da noch eine Frage, sagte sie und die zarte Falte zwischen ihren Augenbrauen geriet zum Canyon. "Nils", seufzte sie und machte eine Pause, als sei das nicht der Name für ihr Kind, sondern eine Diagnose.

Nils, über den sich schon die Kindergärtnerin wegen seines Schimpfwortschatzes beklagte.
Nils, über den eine Ergotherapeutin einen Bericht schrieb, der den Eltern die Tränen in die Augen trieb.
Nils, dessen Mutter von einem Professor für Kinderheilkunde den Rat bekam, die Ergotherapeutin zum Teufel und den Jungen zum Toben auf den nächsten Baum zu schicken.
Nils, der normalste Junge der Welt.

"Ich mache mir Sorgen wegen Nils in der Schule", sagte Martina. Er habe ja jetzt sein erstes Zeugnis bekommen und da stehe drin, dass er unruhig sei und besser zuhören müsse. Und die Lehrerin hätte auch gesagt, dass sie Nils alles zweimal sagen müsse.

Ich wollte meiner Nachbarin schon auf das Heftigste die Hand schütteln und sie im Club der Normale-Jungs-Eltern begrüßen. Aber Martina war nicht nach Feiern zumute.
Und lesen wolle Nils auch nicht freiwillig. Immer müsse sie eine Belohnung in Aussicht stellen, damit er mal zwei Seiten lesen würde. Das klang so richtig nach Spaß und ich hatte Lust, mit Nils starke Ritter mit Riesenschwertern in langweilige Erstlese-Bücher zu kritzeln.
Neulich war ich mit Kronprinz (14) in Hamburg in einer Fotoausstellung. Dort lief ein kleiner Film, in dem ein Künstler ein aufgeschlagenes Buch mit Schlamm bestrich, Kiesel darauf kippte, das alles festkloppte und wieder abkratzte. Das ergab einen sehr schönen Effekt. Nils hätte das gefallen.

Es gibt eine unter Eltern weit verbreitete Krankheit: die Sorgeritis.

Die Krankheit kann auftreten, selbst wenn Menschen körperlich gesund und von den prächtigsten Kindern umgeben sind.

Symptomatisch ist, dass sie klagen, ihr Kind sei
  • in der Schule schlecht
  • in der Schule gut und werde deshalb gemobbt
  • habe keine Freunde
  • habe die falschen Freunde
  • schlafe zu lange, zu wenig, zu unruhig, nicht bei anderen
  • treibe keinen Sport, habe nur Fußball im Kopf
  • esse zu wenig, esse zu viel, zu viel Süßes, zu viel Salziges ...
  • sei hochbegabt und unterfordert 
  • bewege sich zu viel, zu wenig, zu hektisch ...

Wenn die eine Sorge sich erledigt hat, tanzen wir dann durch den Garten, schmeißen wir eine Party, kitzeln wir die Kinder durch und freuen uns ein Loch ins Bein?

Nein, wir suchen uns schnell die nächste Sorge. Manche Leute leben als hätten sie ein Sorgen-Abo. Pünktlich wie die Zeitung morgens holen sie die nächste Sorge aus dem Kasten.


So kann Leben auch sein.

Vor mehr als einem Jahr lebte ich wenige Wochen in der Sorge, ernsthaft krank zu sein. Wenn die Diagnose sich nicht bestätigen würde, dann würde ich es in meinem Leben mit meinen Lieben so richtig krachen lassen, schwor ich mir eines nachts.
Die Diagnose hat sich nicht bestätigt. Ich hüpfte kerngesund aus der Praxis und umarmte und beschenkte den ersten Obdachlosen, der mir unten auf der Straße begegnete.

Und heute? Lasse ich es so richtig krachen?

Na, zwischendurch krächelt es eher, selber schuld.

Bei Wolfgang Herrndorf, dem Autor des Romans "tschick" (den Kronprinz verschlungen hat und ich noch unbedingt lesen will), wurde 2010 ein Hirntumor entdeckt. Auf die Frage, wie er mit der Krankheit umgehe, antwortete er in einem Interview: "Die Sonne geht immer hinter der nächsten Düne unter."

Der Satz hat mich umgehauen.

Und damit wir Kinder nicht mit unseren vermeintlichen "Sorgen" erdrücken, zeige ich euch noch mal dieses kleine Video. Ich hatte es reingestellt, als ich drei Leser hatte. Deshalb haben einige es vielleicht noch nicht gesehen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Sonntag, 29. Juli 2012

Glückliche Familie Nr. 66: Eine Herde Fohlen


Wusstet ihr, ...

  • dass die Kinder in den Jahren vor der Pubertät nur wenig wachsen, aber dass es dann einen Wachstumsspurt von bis zu zwölf Zentimetern pro Jahr gibt
  • dass besonders die Extremitäten schnell wachsen: Jungs kriegen plötzlich so große Füße und watscheln wie Enten, bei Mädchen wachsen die Beine besonders. Nie wieder sind ihre Beine im Verhältnis zum Rumpf so lang wie in dieser Zeit. Guckt euch mal Mädchen einer sechsten oder siebten Klasse an: eine ganze Herde Fohlen.
  • dass bei mehr als 50 Prozent der Mädchen das Erscheinen der Schamhaare das erste Zeichen für den Beginn der Pubertät ist (auch die Brust entwickelt sich meist in der Startphase)
  • dass bei den Mädels nie Achselhaare und Regelblutung als Erstes auftreten
  • dass die Pubertät bei den Jungs diskreter beginnt und sie die ersten Anzeichen meist selber nicht bemerken
  • dass die Jungs eher an Körpergröße und Muskelmasse zunehmen, bevor sich die Geschlechtsorgane ausbilden
  • dass sich bei den Mädchen das Wachstum nach der ersten Regelblutung deutlich verlangsamt und sie im Durchschnitt zwei Jahre danach ausgewachsen sein werden
  • dass sie nach der Menarche im Mittel noch 7,8 Zentimeter wachsen


Kronprinz (14) mit Kaugummi-Zigarette


Das alles habe ich in dem Buch Jugendjahre von Remo Largo und Monika Czernin gelernt. Ich bin noch am Anfang und werde euch auf dem Laufenden halten, wenn mich wieder etwas anspringt. Das Buch ist im vergangenen Herbst erschienen und es gibt es bisher nur gebunden und teuer. Ich finde aber, dass es sich jetzt schon gelohnt hat.

Viele Eltern, so Largo/Czernin auf Seite 25, "nehmen die körperlichen Veränderungen, die in der Pubertät auftreten, als Bruch in der Beziehung wahr". Plötzlich wird das Badezimmer abgeschlossen, man darf beim Shoppen nicht mehr mit in die Umkleide und selbst der trockenste kleine Kuss von Mama oder Papa wird weggewischt (Prinzessin ist kurz davor, die Stelle großräumig zu desinfizieren, nur die Katzen, die werden von ihr geküsst, egal ob sie gerade in den Wechseljahren sind oder nicht).

Ein wichtiges Merkmal der Pubertät, schreiben die Autoren, sei "die zunehmende körperliche Distanz zu den Eltern. "Die Eltern sollten diesen Wandel ... aber nicht als Ablehnung und Kränkung empfinden, sondern als Aufforderung verstehen, die Beziehung zu ihrem Kind neu zu gestalten."

Prinzessin (11) hat am Wochenende von ihrer Tante ein Buch geschenkt bekommen. "Hör mal, was da vorne drin steht", rief sie und las mir die Widmung der Autorin vor: "Für meine Mutter, die auch meine beste Freundin ist."        Stille         "Jetzt sei nicht traurig oder so. Aber mal ehrlich. Ich mag dich schon, aber meine beste Freundin bist du wirklich nicht."

Ich glaube, das ist eine gesunde Entwicklung, und werde ...

immer schön fröhlich bleiben

Uta

Montag, 2. April 2012

Glückliche Familie Nr. 30: Jungs verstehen,Teil 2



Ich setze das Thema "Jungs verstehen" fort, weil ich im vergangenen Sommerurlaub zwei Bücher über Jungen gelesen habe, von denen ich bis heute profitiere. Im letzten Post waren es einige Erkenntnisse von Vera Birkenbihl. Diesmal kommt Frank Beuster zu Wort. Frank Beuster: Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht. Reinbeck bei Hamburg 2007.

Die Sonne brannte mir aufs Hirn, ich hatte Sand im Kugelschreiber, aber eine Stelle musste ich mir komplett rausschreiben. Hier das Originalzitat:
Jungen haben in den Augen von Frauen oftmals viele Schwächen. Sie sind ... so vergesslich, besonders bei den Dingen, die andere von ihnen wollen. Ihre eigenen Interessen haben sie dagegen immer im Kopf. Mein Sohn Fabian baut die aufwändigsten Holz- und Metallkonstruktionen, dabei denkt er an alle Details. ... Doch wenn seine Mutter ihn auffordert, auf dem Weg in sein Zimmer noch eben der Katze Futter zu geben, die Schultasche im Flug wegzustellen und oben im Bad das Fenster zuzumachen, ist er damit überfordert. Sie, als Frau, kann nicht begreifen, dass er das nicht hinbekommt. Sie macht den ganzen Tag mehrere Dinge gleichzeitig ... Warum tut er das nicht? 
Sie hat das Gefühl, "er will mich ärgern, er nimmt mich nicht ernst, er will, dass ich alles mache, er belastet mich". Er hört den Klang der Stimme seiner Mutter wohl, doch die Worte erreichen ihn nicht. Nicht aus Bösartigkeit! 
Mütter, die ihrem Sohn das Gefühl geben, er sei vergesslich, zu faul oder ignorant, sollten bedenken, dass ein Junge sich viel mit anderen vergleicht, sich oft in Konkurrenz zu anderen befindet (bei Jungs gibt es eine viele härtere Rangordnung als bei Mädchen, Anmerkung der Bloggerin). Doch gegen eine berufstätige Mutter, die nebenbei einen komplexen Haushalt führt und das Leben einer Kleinfamilie managt, fühlt sich der Junge nicht konkurrenzfähig." (Die Jungenkatastrophe, S. 29/30)



Bei so vielen Details können die häuslichen Pflichten schon mal auf der Strecke bleiben. "Querschnitt eines Mehrfamilienhauses in der Großstadt", Kronprinz 2009


Was hilft, damit Mutter und Sohn glücklich zusammen leben können:
  • es nicht zu genau nehmen mit der Ordnung
  • für viel Kontakt mit männlichen Vorbildern sorgen: Vater, Onkel, Opa, Trainer, Nachbar ...
  • Kuscheln (vor allem Mamas Rolle)
  • Rangeln, Kämpfen und sagen, wo der Hammer hängt (Papas Rolle)
  • sich auch mal interessieren für das neue Computerspiel und sich Erfolge darin zeigen lassen 
  • Anerkennung (Prof. Peter Struck, Erziehungswissenschaftler: "Jungen brauchen fünfmal mehr Lob als Mädchen.")
  • Jobzettel hier oder Türklinkenschilder hier

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Freitag, 30. März 2012

Glückliche Familie Nr. 29: Jungs verstehen


Wenn ich unsere Regentonne sehe, muss ich immer daran denken, wie Kronprinz damit experimentiert hat, als er elf oder zwölf Jahre alt war. Am unteren Rand ist ein durchsichtiger Schlauch befestigt. Er ist nach oben gebogen und dort festgeklemmt. Am Schlauch kann man immer den aktuellen Wasserstand in der Tonne ablesen. Unser Sohn musste den Schlauch oben lösen und sehen bei welchem Neigungswinkel das Wasser daraus schießt. Häufig stand unsere halbe Einfahrt unter Wasser. An seinen brackigen Hosenbeinen war ebenfalls der Wasserstand in der Tonne ablesbar. Aber als in Physik das Gesetz von den kommunizierenden Röhren dran kam, hatte er damit keine Schwierigkeiten.

Jungen entdecken die Welt durch Handeln, schreibt die Lerntrainerin Vera Birkenbihl.

Bei Mädchen gilt:
  1. sich auskennen
  2. dann damit experimentieren
Bei Jungen gilt:
  1. experimentieren
  2. sich dann damit auskennen
In Schwaben sagte man früher zu Kindern, die alles anfassten: "Gucken tut man mit den Augen."
Liebe Schwaben! Kinder sind so. Die müssen mit den Händen gucken dürfen, besonders die "Buben". 

Dass Jungen nicht genug experimentieren können, ist einer von mehreren Gründen, warum Jungs im Durchschnitt mehr Schwierigkeiten in der Schule haben als Mädchen.

Ich könnte zehn weitere Blogs füllen mit den Erfahrungen von Eltern, deren Söhne phasenweise in der Grundschule nicht zurecht kamen.

"Unser Lasse kann sich einfach nicht konzentrieren." "Stillsitzen ist für meinen Tim die Hölle." "Im Ranzen von Paul sieht es aus als wäre er ein tragbarer Mülleimer."

Ein weiterer Grund für die Schulschwierigkeiten von Jungs ist, dass sie sich dort nicht genug bewegen können. Bei Jungen beträgt der Anteil der Muskeln an der Körpermasse 40 Prozent, bei Mädchen sind es nur 24 Prozent. Besonders Jungen im Grundschulalter sind programmiert auf Bewegung. Tun sie es nicht, verkümmern ihre Muskeln.

Vera Birkenbihl nennt Jungs "Augentiere". Noch aus ihren Zeiten als Jäger seien sie auf Spurenlesen eingestellt und bis heute viel besser darin, Informationen aus Bildern aufzunehmen als zu hören. Hier liegt der dritte Grund für Schulschwierigkeiten unserer Söhne. Mit Vorträgen können sie nicht viel anfangen. Sie bekommen nicht genug visuelles Futter.

Die Erkenntnisse lassen sich auf folgenden Nenner bringen:

Männliche Körper wollen nicht stillsitzen.
Männliche Hirne wollen nicht von vorne zu gequatscht werden. 

Leider genau das, was in der Grundschule überwiegend passiert.


Was können wir als Eltern zum Ausgleich tun:
  • erst einmal ruhig Blut: Wenn man weiß, wie Jungen ticken, kommt man viel besser damit klar. 
  • Zu Hause in einem Korb bereitliegen haben zum Beispiel:




Außerdem: Jonglierbälle, Softball, Eimer, in den man hineintreffen muss, kleiner Basketballkorb für die Zimmerwand, Hula Hoop.

Der Kronprinz fährt gerne mit dem Waveboard um den großen Esstisch. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Meine eigentlich auch nicht.

Immer fröhlich vor allem die Jungs in Bewegung halten.

Eure Uta