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Sonntag, 21. Mai 2017

Genesung im Zeitraffer

Wie Sadia nur knapp eine Woche in der Klinik verbrachte. Heute vor einer Woche haben wir einen Dolmetscher mit Sadia telefonieren lassen. Er sollte ihr sagen, dass ihr Herz am anderen Tag operiert werden würde. Wir fanden es sinnvoll, es sie erst am Abend vorher wissen zu lassen, damit sie das...
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Dienstag, 23. Dezember 2014

Glückliche Familie 259: Glühwein am Bett


Bevor der Blog eine kleine Weihnachtspause einlegt, gibt es eine Zusammenstellung von dem, was mich in den vergangenen Tagen bewegt hat:


Jörg, der Vater von Linus, der nicht mehr in den Kindergarten gehen wollte, hat sich noch mal gemeldet. Er schreibt:

Liebe Uta,
so, jetzt habe ich ein bisschen Zeit, dir zu schreiben, wie es uns geht:
Deine Tipps haben mir sehr geholfen. Einfach weil sie mir zum Teil gezeigt haben, dass wir doch einiges richtig machen (Exklusiv-Zeit mit Mama z.B.), andererseits waren auch gute Denkanstöße dabei.
Wir haben dann beschlossen, Linus jeden Tag hinzubringen, dafür aber schon deutlich früher zu holen. Konkret von 14:00/14:30 Uhr bis 16:30, also vor dem Abendessen. 
Das ging am Anfang zwar nur mit viel Überreden, dann aber immer besser. Wenn wir ihn jetzt abholen, dann schläft er uns ... im Kinderwagen ein. Also ist es sicher gut, ihn nicht länger dort zu lassen. Er macht nämlich auch seit 2-3 Wochen keinen Mittagsschlaf mehr... (Als gäbe es nicht schon genug Veränderungen zur Zeit;)
Außerdem haben wir mit den Erzieherinnen kommuniziert, dass wir ihn nicht schreiend abgeben und sie uns bitte die Zeit lassen, die wir brauchen, bis er freiwillig dableiben möchte. Das akzeptieren sie auch einigermaßen.

Insgesamt hat sich das Thema deutlich entspannt. Die Zwillinge werden größer/robuster, Mama kann sich wieder etwas mehr Zeit für ihn nehmen und wir lernen einfach auch dazu, dass sein Schreien seine letzte und sicherste Möglichkeit ist, unsere Aufmerksamkeit zu bekommen. Meistens versucht er ja alles andere zuerst, aber mit zwei kleinen Babys wird der Größere nicht immer sofort beachtet. Leider.

Noch ist nicht alles immer super, aber wir fühlen uns wieder auf einem guten Weg.
Wenn der Wechsel nächsten September in die "richtige" Kindergartengruppe ansteht, dann erwägen wir evtl. einen Wechsel in einen Waldkindergarten. Wir denken, dass er da einfach eher der Typ für ist.
Muss man sehen wie eng die Freundschaften im Waldorfkindergarten dann gewachsen sind etc...
Vielen Dank nochmal!!
Liebe Grüße,

Jörg
*


Noch nicht gemeldet hat sich das "Wolkenschaf", das bei mir das Buch "Manchmal bin ich wütend" gewonnen hat. Könnte ein Vorsatz für das neue Jahr werden: Immer fröhlich sich bei Uta melden.

Engel an "Wolkenschaf": "Bitte melden und Adresse senden!"

*

Gestern Abend habe ich im WDR einen Film über Udo Jürgens gesehen: große Auftritte, Interview-Ausschnitte und vieles mehr. Er blickt auf sein Leben zurück und auf die immer größer werdenden Erfolge. An einer Stelle ist er plötzlich ganz bewegt und hat Tränen in den Augen. Nicht als er vom Grand Prix erzählt, nicht vom Bambi oder vom Deutschen Musikpreis, sondern davon, wie seine Eltern kamen, als er sie eingeladen hat, seine Plattenaufnahme mit den Berliner Philharmonikern zu erleben. Endlich, so Jürgens sinngemäß, konnte er seinen Eltern zeigen, dass er mehr war als "nur" ein Schlagersänger.

Anerkennung von den eigenen Eltern - für wie viele Menschen ist das ein Lebensthema! Und weil sie davon nicht lassen können, bleibt es bis zum Ende ein Fass ohne Boden. Auch Jürgens war - wenn ich das richtig recherchiert habe - schon 44, als er die Eltern zu den Aufnahmen einlud. Ob Kronprinz (17) und Prinzessin (13) auch mal einen solchen inneren Mangel mit sich herumschleppen? Ich hoffe nicht. Also, für mich müssen es nicht die Berliner Philharmoniker sein. Mir reicht es, wenn wir uns auch in zehn oder zwanzig Jahren regelmäßig treffen und Nähe erleben dürfen.

*

Der Vater meiner Freundin ist schwer krank. Er wird wahrscheinlich in den nächsten Monaten sterben. Seine Frau ist da, seine drei Kinder sind angereist, zwischendurch auch die Enkel und Schwiegerkinder, gestern kam noch seine Schwester. Mal sind sie gemeinsam an seinem Bett, mal wechseln sie sich ab. Meine Freundin schreibt:
"Gestern war soo ein schöner Tag. Mit ganz viel Nähe und Verbundenheit. Heute merken wir, dass er schon wieder einen Schritt weiter gegangen ist. Er weiß es. Schmerzen hat er keine. Er steht auch noch auf und geht alleine zum WC. Gestern haben wir an seinem Bett Glühwein getrunken. Wir weinen und wir machen Witze. Es ist traurig, aber nicht schrecklich. Alles ist gut."

und einen Tag später:

"Er wird durchhalten, bis Greta und Hanna nach Weihnachten kommen. Er steht noch auf und geht selbständig ins Bad. Er isst auch noch. Aber er hat sich auf den Weg gemacht. Gestern haben wir über unseren Kontext über Sterben nachgedacht. ... Er geht voran, so, wie er das immer gemacht hat, in den nächsten Raum, die nächste Ebene, ins Licht ...Und wir alle werden ihm folgen. Irgendwann. Kein Aufgeben, kein Mangel, kein Fehlen, sondern Mut und Vorangehen. Sein Leben ist einfach vollständig. Das Bild hat ihn erreicht, das fand er gut. Dass er jetzt der Erste ist, findet er allerdings scheiße." 
*

Geboren werden, sterben, Witze machen, traurig sein - alles darf nebeneinander sein. Euch allen schöne Weihnachten!

Eure Uta,

die "danke" sagt für die vielen persönlichen Rückmeldungen und lieben Kommentare 2014! 

Donnerstag, 6. November 2014

Glückliche Familie Nr. 250: Gegen das Amputieren


Ich kann nicht behaupten, dass mir Joggen Spaß macht. Tanzen macht mir Spaß, ja, aber Laufen ist öde. Seit Jahren, ja Jahren, warte ich auf das berühmte "Runner's High", diese Ausschüttung von Glückshormonen, von denen passionierte Läufer berichten. Manchmal denke ich: "Uta, komm, noch eine Hausecke weiter, dann hast du auch eine Ausschüttung." Aber nix.

Ich laufe ohne Ehrgeiz. Ich will keine bestimmte Kilometer-Zeit erreichen, und dass ich die Treppe im Park nicht schaffe, ohne mehrmals die Aussicht sehr gründlich zu genießen, stört mich nicht.

Eine gute Freundin von mir läuft auch. Aber eher langsam. Vor einiger Zeit hat sie ein Geher überholt.

Wer mich sieht, wundert sich vielleicht über meinen Laufstil: Ich hebe die Füße höher als nötig, damit ich nicht in die nächste Pfütze schlage, wenn ich gucke, wie die Nachbarin das Fenster dekoriert hat oder wie vor der Jugendstilvilla die Kürbisse arrangiert sind. Es kann auch sein, dass ich eine Vollbremsung einlege und zurück trippele, weil ich eine Balkonbepflanzung so schön finde oder einen knorrigen Ast aus dem Park mitnehmen muss. Einmal habe ich mich frühmorgens auf einem Friedhof verlaufen, weil um die nächste Ecke wieder ein Engel war, der so zauberhaft verwittert war.

Auch wenn mir das Laufen als Sport keinen Spaß macht, gehe ich seit zehn Jahren laufen, weil ich dabei so schöne Dinge entdecke und weil ich einfach weniger zum Arzt muss. Wenn mir jemand sagt, er habe keine Zeit dafür, sage ich immer: "Und ich habe keine Zeit, in Wartezimmern rumzuhängen." Denn seit ich laufe (zweimal pro Woche 30 Minuten früh am Morgen) habe ich im Winter höchstens mal einen Schnupfen.
Bronchitis oder Lungenentzündung, seit meiner Kindheit bis Mitte 30 mehrfach gehabt, kenne ich nur noch aus der "Apotheken-Umschau".



Als ich die Schuhe kaufte, gab sich der Verkäufer viel Mühe, mit der Video-Analyse auf dem Laufband herauszufinden, wie ich den Fuß abrolle und welches Fußbett ich brauche. Dabei war mir von vorne herein klar, dass ich die will, wo das Pink so schön heraus blitzt :-)

Vorgestern Abend war ich bei einem Vortrag eines Sportmediziners in unserer Schule. Der Professor jagte uns durch eine Präsentation mit Grafiken, die zeigten, woran die Kinder erkranken können, wenn sie nicht von klein auf daran gewöhnt sind, sich viel zu bewegen: Adipositas, Depressionen, unerklärliche Kopfschmerzen, Diabetes schon bei Jugendlichen... Spätestens als der Professor erwähnte, dass alle paar Sekunden weltweit ein Körperteil amputiert wird, weil die Leute durch Bewegungsmangel und zu viel Essen Diabetes bekommen, rutschten die ganzen Mütter und die zwei Väter im Geo-Raum auf ihren Stühlen rum und waren sofort bereit, die gezeigte Übung für die Rückenmuskulatur zu machen.

In der Regel zerbrechen sich Eltern den Kopf, wenn die Mathe-, Deutsch- oder die Englisch-Stunden ausfallen. Hat man aber die Kernspin-Aufnahmen eines Gehirns vor und nach dem Sport gesehen, bekommt man Lust, die Schule zu verklagen, wenn der Sportunterricht ausfällt: Hohe Aktivität der Nervenzellen in verschiedenen Hirnarealen, bessere Verarbeitung verschiedener Informationen gleichzeitig, besseres räumliches Denken, Stimmungsaufhellung .... Die Aufnahmen zeigen Hirnmasse, die nach dem Sport wie ein Kürbis leuchtet, während das Hirn ohne Sport wie ein grauer Klumpen aussieht.

Das hat mich überzeugt: Ich habe Kronprinz (17) und Prinzessin (13) beim Frühstück (heute aus aktuellem Anlass Müsli-Bar mit Obst) von dem Vortrag erzählt, worauf sie gar nicht wagten zu fragen, ob ich sie bei dem Bindfadenregen zur Schule chauffieren würde.
Ich bin unter den Matschhimmel getreten und bin Laufen gegangen, obwohl das für heute gar nicht auf dem Plan stand. Und nach Regenlauf, Pfützenhüpfen und heißer Dusche hatte ich eine Gehirnaktivität, die mich verleitete, dieses hier zu schreiben.

Wie kriegt man Kinder in Bewegung? Ein Brain-Storming:

  • Sie bei längeren Hausaufgaben zwischendurch einmal das Treppenhaus hoch und runter oder um das Haus oder den Block jagen. (Ich habe dann gerne ihre Zeit gestoppt. Das war immer ein Anreiz.)
  • Bei der Wahl der Schule der Frage "Kann mein Kind da alleine hinlaufen oder mit dem Fahrrad hinfahren?" ein viel größeres Gewicht geben, als die meisten Eltern es tun. Wer vor dem Unterricht eine längere Strecke gelaufen oder Rad gefahren ist, ist deutlich aufnahmefähiger als die Kinder, die mit dem Bus oder dem Auto gekommen sind. (Das wiegt vieles auf, was vielleicht für die Schule spricht, die weiter entfernt ist.)
  • Selber Sport treiben.
  • Korb mit Schaumstoffbällen, Jonglierbällen und Springseil in die Wohnung stellen. (Selbst Teenager greifen gerne darein und kommen schnell in Bewegung.)
  • Stange für Klimmzüge über dem Türsturz, Ballettstange und Spiegel im Zimmer, Hula-Hoop-Reifen
  • für draußen: Schaukel, Turnstange, Trampolin, Fußballtore, Basketballkorb
  • Für Jugendliche besonders klasse: Tischtennisplatte. Wir haben in diesem Sommer eine angeschafft und hatten die vergangenen Monate sehr viel Spaß damit. An milden Abenden sind Kronprinz und Prinzessin oft spontan nach draußen gegangen, um noch eine Runde zu spielen oder sich beim Rundlauf mit Freunden um die Platte zu hetzen.

Was habe ich vergessen? Her mit der Schwarm-Intelligenz!

Immer fröhlich sich bewegen.

Eure Uta


PS: Eine Frage in eigener Blog-Sache: Wenn ich vor ihrer Veröffentlichung Kommentare lese, werden sie mir nur bis zu einer bestimmten Länge angezeigt. Was darüber hinaus geht, kann ich erst sehen, wenn es veröffentlich ist. Hat jemand eine Ahnung, wie ich das ändern kann? Ich habe mich schon quer durch die Foren gelesen, aber keine Lösung gefunden. Für einen Tipp wäre ich echt dankbar!

Samstag, 31. Mai 2014

Glückliche Familie Nr. 222: Mein lieber Tinnitus


Gestern Abend begann es in meinem linken Ohr zu pfeifen. Hoch frequent, Dauerton. Ich bat Prinzessin (13), den Fernseher auszuschalten. Sie schaute einen Film, in dem computer-animierte Erdhörnchen tanzten und sangen. Die Erdhörnchen verstummten, in meinem Schädel phiebte es weiter. Ich richtete die Rotlicht-Lampe auf mein Ohr. Bei beginnenden Ohrenschmerzen hilft mir Rotlicht immer. Aber durch die Wärme schien die Pfeife in meinem Kopf erst so richtig zu Höchstform aufzulaufen.

Ich legte mich ins Bett. Ich dachte, wenn die Pfeife mitkriegt 'Jetzt ist Schlafenszeit' wird sie verstummen. Das ist das mit der Vorbildfunktion. Ist ja schließlich ein Erziehungs-Blog hier.

Aber die Pfeife war ein kleiner Tyrann und verstand nicht. Ich versuchte, das Geräusch im Kissen zu dämpfen. Das machte es nur schlimmer. Beim Tinnitus hat jemand den Bock zum Gärtner gemacht. Das Ohr produziert selber das Geräusch, unter dem es leidet. Ich wäre gerne ohne meinen Kopf aus dem Schlafzimmer gegangen. Nur wenigstens einmal kurz zur Toilette. Bitte.

Nichts zu machen.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein, erwachte aber im Morgengrauen zusammen mit der Pfeife. Immer noch dieser Ton. Ich schlich mich aus dem Bett ins Arbeitszimmer und googelte Hörsturz und Tinnitus. Mehrere Beiträge behandelten auch die seelischen Ursachen. Ich las und las. Und mir wurde klar, wie sehr ich mir in den vergangenen Tagen das Hirn zermartert hatte, ob ich eine bestimmte Zusatzausbildung in Eltern-Coaching machen soll oder nicht, ob der Soßenkönig das nun unterstützt oder nicht, ob er ein Schuft ist oder ein Held, ob ich noch wahnsinnig werde, weil ich nicht weiß, ob die Entscheidung falsch ist oder mir einfach nur der Mut fehlt.

Beim Lesen über die seelischen Ursachen wurde ich plötzlich dankbar. Dankbar für die Pfeife, dankbar für den Körper, der genial ist und einem völlig kostenlos die besten Hinweise gibt. Der schrille Ton war wie ein Reset für meinen Kopf: "Aufhören zu denken, leben!" - "Du musst nicht den großen Durchbruch schaffen, nichts beweisen, einfach leben." - "Mache die Arbeit, die du liebst, und wenn die Fortbildung passt, dann passt sie."

Es war kurz nach sechs, als ich den Computer endlich ausschaltete. Ich hörte das Ticken der Uhr auf dem Schreibtisch, sonst nichts. Nichts!!!!!!

Ich war selig, bin selig und schreibe dies hier.

In dem Buch "Das Polaris-Prinzip. Entdecke, wozu Du bestimmt bist - und tue es!" von Martha Beck gibt es eine Stelle, die dazu passt:

"Ein alte daoistische  Geschichte erzählt von einer Gruppe konfuzianistischer Gelehrter beim Spaziergang am Fluss. Bei einem Katarakt (Wasserfall, Anm. der Bloggerin) entdecken sie plötzlich einen menschlichen Körper in den wild über die Felsen schäumenden, tosenden Fluten. Entsetzt laufen sie ans Ufer, um den Leichnam herauszufischen und dann zu bestatten, wie es sich gehört. Wie staunen sie, als ein alter Mann dem Wasser entsteigt, sich abtrocknet und davongeht. Als die gelehrten Männer sich wieder fassen, laufen sie dem Alten nach und fragen: 'Wie hast du das gemacht? Niemand kann in diesem Wasser schwimmen, ohne sein Leben zu verlieren.' - 'Ach', sagt der alte Mann, 'das ist eigentlich ganz einfach. Man bewegt sich aufwärts, wo das Wasser aufwärts strömt, und abwärts, wo es abwärts strömt." (S. 25/26)

Daoisten - so schreibt Martha Beck weiter - glauben an eine unermessliche wohlwollende Kraft, die in allem wirkt. Und wir seien ebenfalls ein Teil dieser Kraft.


Warten auch auf die richtige Strömung - Fischerboote am Strand von Loenstrup, Dänemark (eigentlich durchgestrichenes o, finde ich aber nicht auf meinem Laptop)


Immer dankbar auf die Signale des Körpers hören und fröhlich auf die Strömungen im eigenen Leben achten.

Eure Uta

Mittwoch, 27. November 2013

Glückliche Familie Nr. 184: Party der Erleichterung


Vor zwei Wochen war ich zu einer Krebs-Vorsorge-Untersuchung. Das Ergebnis war unklar und verlangte weitere Untersuchungen. Die zweite Untersuchung konnte den Verdacht nicht klären und in mir breitete sich von Tag zu Tag etwas mehr Angst aus. Das dritte Verfahren schließlich brachte Klarheit und noch ein paar Tage später einen erlösenden Anruf. Alles gut! Danke!

Ich stieß einen Schrei aus, der - wie Prinzessin (12) berichtete - Vibrationen bis hoch in ihr Zimmer auslöste.
Ich kaufte Prosecco, Süßigkeiten, Chips, Lieblingslimonaden, das ganze Programm, drehte die Musik laut und alle tanzten, der Soßenkönig, Kronprinz, Prinzessin und am wildesten Königin Mutter. Wir lernten die Polka aus dem Tanzkurs vom Kronprinz ("Hacke-spitze, hacke-spitze - eins, zwei, drei"), wir tanzten "Memphis", schneller, immer schneller, wir lachten, prosteten uns zu, tanzten wieder und sackten erschöpft, verschwitzt und glücklich auf das Sofa.

"So einen schönen Abend hatten wir lange nicht mehr", sagte Prinzessin, als ich sie später ins Bett brachte.

Warum brauchen wir bloß immer einen Warnschuss, um unser Leben auszuschöpfen?


Strand-Tanz mit meinem Neffen und meinen Kindern vor Jahren am Hennestrand in Dänemark.
 Foto von meiner Schwester Nummer 3.

Warum tanzen wir nicht häufiger einfach mal so?

Warum bewundern wir Sonnenuntergänge nur im Urlaub?

Warum haben wir nicht immer einen Witz auf Lager?

Warum fragen wir unsere Kinder "Hast du deine Hausaufgaben fertig?" statt "Hat dich heute schon mal jemand durch gekitzelt?" oder "Habe ich erwähnt, dass ich dich liebe?"

Klar, "immer schön fröhlich sein", wie ich euch penetrant dazu auffordere, das ist nicht möglich. Das Leben braucht das Auf und Ab, um wirklich erfüllt zu sein. Trauer gehört genauso dazu wie überschäumende Freude, Angst genauso wie Leichtigkeit. So einen permanenten Ballermann-Spaß hält keiner aus. Krankheit, Verlust, Tod - das führt uns in die Tiefe, zum Wesentlichen.

Aber dieses diffuse negative Dazwischen, das könnten wir uns doch sparen, oder? Dieser Ärger über das Internet, das nicht funktioniert, über das Wetter, das uns nicht passt, über Parklücken, die sich nicht auftun, schlechte Noten in der Schule, Zahnbeläge ... Oder am schlimmsten diese schmutziggraue Suppe aus diffusen Ängsten und Sorgen über Dinge, die in 90 Prozent aller Fälle sowieso nicht eintreffen.

Apropos Zahnbeläge. Montag war ich mit Prinzessin bei der Zahnärztin. Während der Zahnreinigung saß ich im Wartezimmer, als die Prophylaxe-Helferin mich mit Leichenbitter-Miene in das Behandlungszimmer bat: "Ich möchte, dass Sie sich das mal ansehen."

Wurzelfäule, Zahn verschluckt, Parodontose im letzten Stadium?

Ich trat neben meine Tochter, die auf dem Behandlungsstuhl lag. Das schwenkbare Licht stand dicht über ihrem Gesicht und ihre Schneidezähne strahlten in einem grellen Pink. Das kam von der Farbe, die die Beläge sichtbar machen sollte. Pink, eigentlich überall.
Ich musste herzhaft lachen. So ein Textmarker-Grinsen. Ich liebte meine Tochter und sogar ihre Zahnbeläge noch mehr als sonst und strich ihr über die Stirn.

Die arme Prophylaxe-Helferin, die mich geholt hatte, damit ich meiner Tochter eine Standpauke halte! Sie sah mich an, als wäre ich nicht ganz dicht. Sie wollte ja auch bloß gründlich sein und konnte nicht ahnen, dass sich bei mir gerade eine paar Maßstäbe verschoben hatten.

Wart ihr auch mal so erleichtert? Hat euch das wachgerüttelt? Habt ihr was verändert? Wann habt ihr zuletzt eine Polka getanzt?

Immer fröhlich euer Leben ausschöpfen mit allen Höhen und Tiefen, häufiger mal die Musik aufdrehen und richtig ausgelassen sein

Eure Uta

Donnerstag, 7. November 2013

Glückliche Familie Nr. 180: Unser Kinderarzt


Heute bringe ich eine Karte zu unserem Kinderarzt. Eine Dankes-Karte.

Kronprinz (16) und Prinzessin (12) sind seiner Praxis entwachsen, dem Wartezimmer mit dem Holzpferd in der Mitte und den anthroposophisch-bunten Bilderbüchern im Regal, dem Aquarium mit dem  Schiffswrack und der Dose mit dem Delfin, der immer schnattert, wenn man sich einen Traubenzucker nimmt.

Einfach wegbleiben ohne ein Wort, das möchte ich nicht.
Denn dem Mann mit der Halbglatze und dem jungenhaften Grinsen verdanke ich viel.




Kaum verließ man das Wartezimmer mit dem bronchitischen Bellen auf mehreren Schößen, kaum schloss sich hinter einem die Tür zum Sprechzimmer, wurde alles gut.

Doktor B. nahm sich Zeit, machte Mut und strahlte meine röchelnden Kinder an, als wären sie die zauberhaftesten Wesen, die seinem Stethoskop je untergekommen waren. Er impfte, nähte Platzwunden, jagte Kopfläuse und besänftigte eines der irrationalsten Geschöpfe, die es auf dem Planeten gibt: die besorgte Mutter.

Meine Spezies also.

War ich erschöpft von durchwachten Nächten und vom Betupfen der Windpocken, reichten zehn Minuten bei Doktor B., um zu wissen, dass ich alles richtig gemacht hatte. Doktor B. und seine Herman-Van-Veen-Stimme waren unser wichtigstes Placebo.

Einmal beichtete ich, dass ich Kronprinz Waffeln gebacken hätte, weil er "Magen-Darm" hatte und nichts anderes essen wollte. Da strich Doktor B. mir über die Schulter und berichtete, er sei gerade von einem Kongress mit der Erkenntnis zurückgekehrt, dass der Körper in Notsituationen zielsicher Signale aussenden würde, welche Nahrung er in diesem Moment bräuchte. Ich hätte - wissenschaftlich betrachtet - also genau das Richtige getan.

So ist Doktor B.

Ich bin mir sicher, er hatte mir zuliebe die Kongress-Ergebnisse stark verkürzt. Aber jedes Mal zog ich mit neuer Kraft an dem schnatternden Delfin vorbei wieder nach Hause.

Gibt es jemanden, dem ihr sehr dankbar seid? Kinderarzt, Hebamme, Säuglingsschwester?

Ich bringe jetzt mal die Karte zum Briefkasten.

Immer fröhlich "Danke" sagen, wenn es irgendwo so eine Seele gibt

Uta

Donnerstag, 26. Januar 2012

Zungenturnen




Bei meinem Neffen stellte ein Arzt einen insgesamt schwachen Muskeltonus fest. Ein ausführlicher Therapieplan ist jetzt in Arbeit, jede Menge Termine, die die Nachmittage eines Zwölfjährigen verstopfen. Bei unserer Tochter diagnostizierte die Kieferorthopädin einen schwachen Zungentonus. Wir bekamen ein Rezept für eine Logopädie-Praxis. Bei der Vorbesprechung beulten sich ihre Backen von der ganzen Turnerei im Mund. Zum Schluss gab die Logopädin ihr bunte Klebepunkte mit. Einen könne sie sich an den Fahrradsattel kleben, einen anderen an die Schreibtischlampe, die Restlichen im ganzen Haushalt. Die Punkte würden sie daran erinnern, ihre zungengymnastischen Übungen zu machen. Als ich dann eine Einladung für einen Elternabend bekam, zu dem alle Mütter und Väter kommen sollten, deren Kind von einer Tonusschwäche der Zunge betroffen seien, habe ich das Zungenturnenrezept zerrissen.

Hey Leute, seht euch das Kind an, kümmert euch um den Menschen, nicht um seine Mängel.

So mache ich es auch, wenn meine Kinder krank sind. Klar gibt es Pflaster, Umschläge, Fiebersaft oder was es eben so braucht. Ich gucke aber immer,  dass ich mich nicht zu sehr von der Krankheit mit ihren Symptomen in Beschlag nehmen lasse, sondern gucke, was mit dem Kind ist. Ich will mich nicht auf Betroffenenseiten im Internet herunterziehen lassen, sondern nutze die Zeit lieber zum Nacken Kraulen.

Das ist ein kleiner, feiner, letztlich aber großer Unterschied.

Guckt mal dieses Video dazu:





Immer fröhlich bleiben

Uta