Was für Menschenkinder „artgerecht“ ist.
Als ich in der vergangenen Nacht auf den ersten Anruf des Kronprinzen aus Kanada wartete, erlaubte ich mir, den Brief zu lesen, den unsere Nachbarin ihm zum Abschied geschrieben hat.
Wir können uns noch sehr gut daran erinnern, als du vor fün...
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Dienstag, 11. Oktober 2016
Einfacher leben in einem Clan
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Freitag, 22. August 2014
Glückliche Familie Nr. 237: Betreuung, wirklich ganztags?
"Hast du das gelesen?" Der Soßenkönig schob mir dieser Tage die Zeitung über den Tisch. "Schon drei von vier Grundschülern in der Ganztagsbetreuung", lautete eine Überschrift.
Was dort als Erfolg für Hamburg gefeiert wurde, deprimierte uns beide. Als Grundschüler schon den ganzen Tag in der Schule?
Klar, das ist in manchen Fällen besser als allein oder verwahrlost zu Hause, besser als allein vor dem Fernseher oder Computer.
Aber als Kind in dem Alter immer unter Erwachsenenaufsicht? Immer kontrolliert, immer in einer vorgegebenen Struktur, immer pädagogisch angeleitet, immer beschäftigt von Erwachsenen?
Auf dem Schulhof ist aus Gründen der Haftung und Versicherung nicht einmal eine Schneeballschlacht erlaubt.
Kinder-Winter ohne Schneeballschlacht?
Gibt es für Kinder nicht mehr die Möglichkeit, nachmittags mit Freunden herumzustromern?
Banden bilden, Buden bauen, sich kloppen?
Im Gebüsch kauern und das alte Portemonnaie am Nylonfaden wegziehen, wenn sich ein Passant danach bückt?
Klingelstreiche, brettharte Kekse backen, Mehlschlacht?
Mit dem Rollbrett den Berg runterrasen, Verstecken spielen auf der Brachfläche, Spontanflohmarkt mit den staubigen Barbie-Puppen auf dem Bürgersteig?
Der Soßenkönig nahm einen Schluck Tee und erinnerte sich, wie er als Kind auf dem benachbarten Bauernhof zwischen den Heuballen gespielt hat. Und der alte Bauer durfte nicht wissen, dass er und die Mädchen vom Hof dort mit den Wachhund-Welpen spielten. Das war aufregend, anrührend, das stand in keinem Bildungsplan.
Meine Mutter hatte die beste Zeit ihres Lebens, als sie während des Krieges mit der Kinderlandverschickung auf einen Bauernhof im Münsterland gebracht wurde und dort mehr oder weniger sich selbst überlassen war. Noch heute erzählt sie am liebsten aus dieser Zeit.
Ich habe als Kind mit Freunden Unkrautsamen an der Bushaltestelle verkauft, Marmelade gekocht, bis die ganze Küche klebte, auf einer Wiese eine Schatzkiste mit rostigen Kronkorken verbuddelt und eine Seifekiste gezimmert, die in der ersten Kurve auseinander fiel.
Aber Vorstadtkrokodile scheint es nur noch auf DVD zu geben.
Selbst Eltern, die nachmittags daheim sind und Stützpunkt sein könnten für solche Abenteuer, lassen ihre Kinder nicht mehr zu Hause, weil diese auf der Straße niemanden zum Spielen finden. "Fast alle ihre Freunde sind ja in irgendeiner Betreuung", klagte meine Nachbarin, Mutter von zwei Grundschulkindern, mal.
Und den betreuten Kindern fehlt nicht nur der Kitzel des Lebens ohne Erwachsene, sondern auch Zeit für sich ganz allein. Keine Zeit mehr, sich mit der "Bravo" tagsüber im Zimmer einzuschließen, einen Ball selbstvergessen gegen die Mauer zu treten oder hinterm Schuppen zu träumen.
In der Schule ist man wegen der Aufsichtspflicht nie wirklich allein. Nicht einmal auf dem Klo. Jederzeit kann jemand unter den Türspalt gucken oder auf die Klinke hämmern.
Und wie ist das mit Trost und Nähe? Ist denn der Betreuungsschlüssel wenigstens so gut, dass das gegeben ist?
Meine Stepptanzlehrerin hat ihr Studio gegenüber einer Grundschule und bestreitet mit Kindertanz einen Teil des Programms der schulischen Nachmittagsbetreuung. "Du", sagte sie neulich, "die kleinen Mäusen wollen gar nicht mehr tanzen, die wollen alle nur auf meinen Schoß."
Ja, über die Schlagzeile "Schon drei von vier Gundschülern in der Ganztagsbetreuung" kann ich mich nicht recht freuen.
Ich habe mal überlegt, wie wir dem entgegensteuern können, selbst wenn Ganztagsbetreuung zum Standard werden sollte.
Tipps für mehr Freiräume für Kinder:
- Wenn schon Ganztags-Betreuung dann mit großem Schulhof und viel Grün.
- Im Garten verwunschene Ecken lassen, Büsche zum Verstecken sind wichtig und Bäume zum Klettern. Den englischen Garten kann man anlegen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.
- Wer keinen Garten hat, könnte vielleicht einen Schrebergarten pachten.
- Im Urlaub sind Campingplätze ideal. Meine Schwester Nummer 3 wohnt mit ihrem Sohn mitten in der Großstadt, aber seit Jahren fahren sie jedes Jahr im Sommer für drei Wochen auf einen Camping-Platz mit vielen Kindern. Dort kann mein Neffe von morgens bis nachts herumstromern, ohne dass sich meine Schwester Sorgen machen muss. Wenn die beiden zurück kommen, ist mein Neffe jedes Mal wie ausgewechselt: braun gebrannt, strohblond und hat jede Menge neuer Freunde.
- So ein kesseldruck-imprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette aus dem Gartencenter ist gut und schön, aber warum nicht eine Kiste mit Brettern, Seilen, alten Tüchern, Nägeln und Werkzeug in den Garten stellen und gucken, was passiert. (Das wäre auch eine Idee für die Nachmittagsbetreuung in der Schule, ich will mir aber nicht ausmalen, ob nicht wieder versicherungstechnische Gründe dagegen sprechen oder der Hausmeister ausrastet.)
- Das Buch "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson enthält jede Menge Anregungen für mehr Freiräume für Kinder und Eltern.
- Sich fragen, ob volle Berufstätigkeit beider Eltern in der Phase Null bis 10 Jahre unabdingbar ist, ob wir wirklich einem Herzenswunsch folgen oder uns nur einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Erwartung beugen. Wir werden doch sowieso immer länger arbeiten müssen. Warum dann dieser Stress? Die Jobs werden bleiben, aber die Kinder gehen garantiert aus dem Haus.
Immer fröhlich Freiräume für Kinder schaffen.
Eure Uta
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Donnerstag, 19. September 2013
Glückliche Familie Nr. 169: Familienpolitische Ereiferung
Die Bundestagswahl rückt näher und ich wollte mich schlau machen über die familienpolitischen Vorsätze der einzelnen Parteien. Ja, wollte ich ... wirklich.
Dann bin ich aber hängen geblieben bei einem Interview mit der Soziologin Jutta Allmendinger, die sagt, dass wir Lebenszeitkonten brauchen für Erwerbsarbeit.
Wenn jeder so ein Konto hat, dann darf er in Phasen mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen gar nicht oder wenig Erwerbsarbeit leisten. Und wenn man später Halbwüchsige zu Hause hat und die alten Eltern um die Welt kreuzfahren, dann stürzt man sich mit Freude ins Geldverdienen und füllt sein Arbeitzeitkonto wieder auf.
Die Idee finde ich toll.
Leider steht Frau Allmendinger nicht zur Wahl.
Allerdings stimme ich auch nicht in allen Punkten mit ihr überein. (Die Welt ist häufig komplexer als mir lieb ist.)
Jutta A. findet das Betreuungsgeld doof, Uta A. findet das gut. (Habe ich erwähnt, dass ich es nicht leiden kann, wenn Leute nicht voll auf meiner Linie sind?)
Die Soziologie-Professorin sagt, dass Erziehung der eigenen Kinder damit der Erwerbsarbeit gleichgestellt werde, allerdings auf einem ganz, ganz niedrigen Niveau. Und dass das umgerechnet 3 Euro am Tag seien.
Ja, das ist erschütternd. Dennoch finde ich, dass diese 3 Euro ein wichtiges Zeichen sind, ein Zeichen für junge Mütter und Väter, dass sie - zumindest theoretisch - die Wahl haben, ihre Kleinsten selbst zu betreuen oder in eine Krippe zu geben.
Man sollte wählen können. Ist es neuerdings emanzipiert, wenn man Freiheiten beschneidet?
Dann ist da noch das Argument, die Kleinen würden in einer Krippe besser gebildet als zu Hause.
Abgesehen davon, dass es bei Babys zuerst um Bindung und viel später erst um Bildung geht, kann dieses Argument erst eingesetzt werden, wenn die Qualität der Einrichtungen gewährleistet ist, der Betreuungsschlüssel stimmt und Erzieherinnen besser ausgebildet und bezahlt werden als es heute der Fall ist.
Jesper Juul schreibt:
"Etwa 10% aller Kinder wären in der Tat besser gestellt, wenn sie so viel Zeit außerhalb ihres Elternhauses wie möglich verbrächten - das sagt uns die Statistik."*Und die anderen 90%?
Ja, darunter sind auch die Kinder, die aus Migrantenfamilien kommen. Für diese halte ich es für wichtig, dass sie mit drei Jahren in eine gute Kita kommen. Aber in der Zeit davor sollten Eltern, egal wie gut sie Deutsch sprechen oder nicht, wählen können, was sie für sich und ihr Kind für das Beste halten.
Ich beginne mich zu ereifern. Das ist gefährlich.
Will ich bloß Recht behalten über meinen eigenen Lebensentwurf?
Der sah so aus, dass ich als Redakteurin einer Frauenzeitschrift eine Reportage-Reise zum Thema "Mit dem Flugzeug in fünf Tagen um die Welt" antreten sollte. Anfang 30 war ich damals. Kurz vor dem Kofferpacken aber stellte ich fest, dass ich schwanger war und sagte alles ab.
War ich sauer oder enttäuscht?
Nein, riesig gefreut habe ich mich, dass die Zeit endlich anbrach mit Ultraschallbildern im Portemonnaie, mit Laternebasteln (später) und Pflasterkleben auf aufgeschürfte Jungsknie.
Dürfte ich das heute nicht mehr? Mich so freuen, wo meine Karriere doch gerade einen ordentlichen Knick erlitten hatte?
Mein Mann ist dann beruflich an mir vorbeigezogen. Was mich übrigens überhaupt nicht grämte, weil ich das tat, was ich tun wollte.
Dürfte ich das heute nicht mehr? Mich freuen, dass ich zu Hause mein Ding machen konnte?
Weil der Soßenkönig seinen Job wechselte, sind wir mit dem kleinen Kronprinzen nach Frankreich gezogen. Dort habe ich mich ziemlich allein gefühlt, weil ich auf den Spielplätzen nur Nannys traf, die überwiegend aus Marokko kamen und auf den Bänken am Rand zusammengluckten.
In Frankreich, heißt es immer, hätten es die Frauen viel einfacher, berufstätig zu sein, weil sie ihre Babys schon wenige Monate nach der Geburt in eine Krippe geben können.
Es ist richtig, dass man bei unseren Nachbarn seine Kinder komplett weg organisieren kann. Das kommt von der langen Ammentradition Frankreichs. Früher war es üblich, dass betuchte Franzosen in der Stadt ihren Nachwuchs für die ersten Jahre gegen kleines Geld an arme Bauersfrauen abgaben und in den ersten Jahren nur selten besuchten. Darauf ist es wohl zurückzuführen, dass es bis heute in Frankreich als niedere Arbeit gilt, sich um Babys und kleine Kinder zu kümmern.**
In Frankreich leben viele Kinder und Erwachsene voneinander getrennte Leben. Das kann man gut finden oder schlecht.
Mein Ding wäre es nicht.
Wenn man von einer Lebenserwartung von durchschnittlich etwas mehr als 80 Jahren ausgeht, macht die Zeit, die Eltern mit ihren Kindern in der Phase Null bis drei verbringen können, etwa ein Zehntel ihres gesamten Erwachsenenlebens aus (bei zwei Kindern). Ein Zehntel!
Dieses Zehntel und weit darüber hinaus konnte ich auskosten mit meinen Kindern. Dafür bin ich sehr dankbar.
| Erinnerung an ein anstrengendes, aber sehr schönes Zehntel meines Lebens |
Auch wenn keine Partei hierzulande so viel Geld in frühe, gesunde Bindungen pumpen will, wie ich mir das wünschen würde, bin ich trotzdem dankbar für die familienpolitischen Leistungen, die es in Deutschland schon gibt (in Frankreich gibt es Kindergeld erst ab dem zweiten Kind und weniger Elterngeld als bei uns).
Und auch wenn ich noch nicht ganz sicher bin, wo ich meine Kreuze am Sonntag hinsetzen werde, werde ich auf jeden Fall wählen gehen, weil ich froh bin, in einem Land zu leben, in dem niemand wegen unbequemer Ansichten ins Arbeitslager geschickt wird (nicht in Frankreich, aber ihr wisst schon wo). Man darf wirklich die Maßstäbe nicht verlieren.
Immer fröhlich wählen gehen und die Idee mit den Lebensarbeitszeitkonten weiter entwickeln
Uta
* (Jesper Juul: Wem gehören unsere Kinder?Dem Staat, den Eltern oder sich selbst? Ansichten zur Frühbetreuung, Weinheim und Basel 2012, S. 11)
** aus eigener Erfahrung und mit Hintergründen aus dieser Radiosendung, auf die mich der Newsletter von "familylab" hingewiesen hat
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Donnerstag, 15. November 2012
Glückliche Familie Nr. 100: Verlosung
Zur Feier des 100. Posts möchte ich heute zwei Büchlein verschenken. Und zwar zwei Exemplare einer neuen Veröffentlichung von Jesper Juul.
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Weinheim und Basel 2012 |
Für mich ist Juul der Dalai Lama der Pädagogik.
Mir gefällt, dass er nicht zündelt zwischen den Müttern mit den verschiedenen Lebensmodellen.
Mir gefällt, dass er die skandinavische Familienpolitik nicht idealisiert.
Mir gefällt es, wenn er sagt, dass das Wohlergehen des Kindes untrennbar mit dem Wohlergehen der Eltern verbunden ist.
Und ich liebe Sätze wie diese:
"Ein robustes Kind kann etwa 6 bis 7 Stunden Pädagogik am Tag aushalten!"
Wer das Buch bestellen möchte, kann es hier tun:
http://shop.famlab.de/Wem_gehoeren_unsere_Kinder.
Oder ihr macht bei meiner Verlosung mit. Ihr braucht zu diesem Post nur einen kurzen Kommentar mit eurer Ansicht zur Frühbetreuung zu schreiben. Zwei davon werde ich auslosen und den Verfassern das kleine Buch schicken. Die Verlosung endet am Sonntag.
Immer fröhlich die Frühbetreuung verbessern
Uta
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Dienstag, 6. November 2012
Glückliche Familie Nr. 97: Altruismus in Netzstrumpfhosen
Die Grünen in Hamburg fordern, den künftigen Rechtsanspruch für Einjährige auf einen Kita-Platz (gilt von August 2013 an) von fünf auf acht Stunden auszuweiten. (Hamburger Abendblatt vom 5.11.2012)
*
Beim Spazierengehen am Wochenende trafen mein Mann und ich Freunde mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter. "Ich bin ja weiterhin zu Hause", raunte Carolin mir zu, "aber damit bin ich in meinen Mütterkreisen so ziemlich die einzige." - "Wenn es schön ist für euch", raunte ich zurück, "genieße es doch." Wir beide guckten über die Schulter, ob irgend jemand unser konspiratives Gespräch gehört hatte.
*
Bindungsforscher Karl Heinz Brisch schreibt, dass für die Betreuung von Säuglingen in einer Krippe ein Verhältnis von 1:2 zu empfehlen ist. "Das heißt eine Erzieherin betreut maximal zwei Säuglinge. Besteht die Gruppe sowohl aus Säuglingen als auch aus größeren Kindern, kann das Betreuungsverhältnis 1 : 3 sein. ... Die heutigen Betreuungsverhältnisse von 1 : 6 oder gar 1 : 8 und mehr sind nicht akzeptabel." (Karl Heinz Brisch: SAFE. Sichere Ausbildung für Eltern, Stuttgart 2010, S. 137)
*
Am vergangenen Freitag war ich zu Hause und machte im Wechsel Hausarbeit und schrieb, als eine Freundin klingelte, um für die gemeinsame Übernachtung unserer Töchter die Schlafsachen zu bringen. "Trägst du daheim immer solche Schuhe?", fragte sie. Ich stöckelte in Pumps und engem Rock durch meinen Haushalt. "Nicht immer", erwiderte ich, "aber warum sollte ich wie ein verhuschtes Mütterchen aussehen, nur weil ich zu Hause arbeite?"
Vor zwölf Jahren lernte ich eine Mutter von drei kleinen Töchtern kennen. Sie fiel mir auf, weil sie von Zeit zu Zeit in Kleid und hohen Schuhen mit ihren Kindern auf den Spielplatz kam, sich auf die Bank setzte, in vollendeter Eleganz ein Feinstrumpfbein über das andere schlug und die Keks-Box aufklappte, als sei es eine Puderdose. Unpraktisch? Egal. Wahrscheinlich lag der Haushalt brach, aber sie wahrte ihre Würde als Frau. Ihre Töchter dürften fast erwachsen sein, aber den Auftritt ihrer Mutter auf dem Spielplatz habe ich nie vergessen. (Die Töchter sicher auch nicht.)
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Mittwoch, 8. August 2012
Glückliche Familie Nr. 69: Die Vereinbarkeits-Lüge
Gestern las ich in der Zeitung einen Artikel über eine Frau, die zusammen mit ihrem Mann eine Immobilienfirma besitzt. Beide sind voll berufstätig. Er kümmert sich um "Strategie und Marketing", sie um das "operative Geschäft". Das Paar lebt mit seinen drei Söhnen vor den Toren Hamburgs. Die beiden Jüngsten, Zwillinge, reiten gerne und tun dies auf dem hauseigenen Parcours. Als die Kinder ganz klein waren, beschäftigte die Familie ein Au-Pair-Mädchen aus Guatemala. "Drei Kinder kommen innerhalb von zwei Jahren auf die Welt", heißt es in dem Artikel. "Eine Pause vom Beruf hat Kirsten D. nie eingelegt. Sie schafft seit Jahren den Spagat zwischen Karriere und Familie."
Ich finde es total wichtig, dass wir Frauen uns nicht gegenseitig niedermachen. Karrierefrau gegen Hausmütterchen - pah, völlig überholt dieser Konflikt. Stutenbissigkeit war nie mein Ding. (Bleck die Zähne!)
Wir sollten zulassen, dass jede von uns anders tickt. Dafür haben wir schließlich die Postmoderne.
Und Neid? Neidisch auf eine Frau, die sich mit ihrem Jil-Sander-Blazer abends erschöpft, aber glücklich an das Pony-Gatter lehnt und ihren Immenhof-Buben zuwinkt?
Ich doch nicht.
Das Blut der Himbeere spritzt an den Rand der Müsli-Schale. So heftig habe ich meinen Löffel in die Schüssel gestoßen.
Jetzt mal ehrlich, bin ich wirklich neidisch?
Ein bisschen. Schließlich sieht die Karriere-Kirsten auf dem Foto gut aus, nett, sogar warmherzig, könnte eine Freundin sein. Sie lehnt sich in ihrem schicken Büro in einen sandfarbenen Designsessel. Und sie hat bei all dem auch noch ein Kind mehr als ich. Grrrrrrrrrrrrrrrrr.
Übrigens musste ich vor fünf Zeilen das Schreiben unterbrechen, weil unser Kater sein Frühstück in den Flur erbrochen hatte.
Jetzt müsst ihr noch einmal warten, weil ich Wäsche aufhängen muss. Die wird nämlich- wie ich neulich las - zum Bakterien-Treffpunkt, wenn ich sie noch länger nass in der Waschmaschine liegen lasse.
Hat Kirsten D. in ihrem sandfarbenen Sessel auch solche Unterbrechungen?
Nein, hat sie nicht, weil sie den Haushalt und die Kinderbetreuung, weil sie das Kümmern und Sorgen, das Präsentsein und Einspringen deligiert hat an andere Menschen.
Eine Familie mit zwei voll berufstätigen Eltern, drei Kindern, eigenem Haus und Ponys braucht
- einen gut funktionieren Hort oder eine Ganztagsschule mit warmem Mittagstisch
- eine Haushälterin oder mindestens eine Putzhilfe, die mehrmals pro Woche kommt
- am besten noch ein oder zwei Omas oder eine wohlmeinende Nachbarin
- auf jeden Fall jemanden, der die Kinder zum Fußball-Training oder zum Kieferorthopäden fahren kann, wenn es aus Kübeln gießt
- jemanden, der von jetzt auf gleich bei einem Kind bleiben kann, wenn es krank ist
- jemanden, der wartet, bis der Tierarzt kommt, weil eines der Ponys eine Kolik hat
- jemanden, der wartet, bis der Handwerker vorfährt, weil die Heizung nicht anspringt, ein Abfluss verstopft ist, das Dachfenster nicht schließt
- jemanden, der bei den Hausaufgaben helfen kann
- einen Nachhilfelehrer
- jemanden, der ein Fahrrad reparieren oder es zur Reparatur bringen kann
- einen Gärtner für das Gröbste
- andere Mütter und Väter, die ehrenamtlich in Schulkantinen, Sportvereinen, als Schülerlotsen oder Chauffeur eines Kindertaxis arbeiten
Von all dem in dem Artikel kein Wort.
Erwähnt wurde nur
- das guatemaltekische Aupair-Mädchen (so jemand bleibt nur ein Jahr und hat den halben Tag Sprachunterricht)
Es ist diese Verschleierung von Arbeit, die mich auf die Himbeere einstechen ließ.
Es ist die Vereinbarkeits-Lüge, die mich auf die Palme bringt.
Lasst uns doch ehrlich sagen, wie viel Arbeit es macht, wenn Kinder gut betreut werden sollen und was es kostet, wenn man es deligiert.
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
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Freitag, 15. Juni 2012
Glückliche Familie Nr. 54: Die Kita-Frage
Neulich haben Prinzessin (11) und ihre Freundin Toni einen Vormittag in ihrer alten Kita verbracht. In der Schule war "Sozialer Tag" und sie durften in den Kindergarten, um dort zu helfen und für ein soziales Projekt ein bisschen Geld zu verdienen.
Als die beiden mittags zurück kamen, waren sie - nennen wir es - irritiert. Sie waren in unterschiedlichen Gruppen und hatten beide eine ähnliche Erfahrung gemacht. Toni fand einen knapp Dreijährigen "so süüüüüüüß" und kümmerte sich um ihn. Aber als er einmal weinte und sie ihn auf den Arm nehmen und trösten wollte, sagte die Erzieherin, sie sollte das bitte lassen.
Prinzessin hatte ihr Herz an Klein-Augustin verloren. Er wollte immerzu an ihrer Hand gehen, auch als sie von einem Besuch der Kirche in die Kita zurückkehrten. Aber Augustin durfte nicht. Die Erzieherin, diesmal eine andere, griff ein. Prinzessin musste ein anderes Kind an die Hand nehmen.
Vielleicht tue ich den Erzieherinnen unrecht. Vielleicht fürchteten sie, Toni könne einen Bandscheibenvorfall erleiden und Prinzessin eine chronische Handverkrampfung.
Trotzdem, ich martere mein Hirn, ich versuche, neue Synapsen zu bilden, aber mir will kein Grund einfallen, warum man einen knapp Dreijährigen, der weint, nicht trösten sollte. Und können kleine Kinder, die zu lange an der gleichen Hand gehalten werden, verweichlichen?
Vielleicht sollte das passieren, damit ich Anlass habe, auf einen Artikel des dänischen Erziehungsexperten Jesper Juul in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Juni 2012 hinzuweisen. Dort schreibt er:
"Nach meiner Erfahrung hängt die Qualität, die ein Kind im Kindergarten erlebt, wesentlich von drei Aspekten ab:
- Verlangt das Kind nach Trost, Fürsorge oder Sicherheit, müssen Erwachsene da sein. Allein, um dieses Bedürfnis wahrnehmen zu können, braucht es mehr Personal in den Kitas: einen Betreuer für je vier Ein- bis Dreijährige, einen Betreuer für je sechs Drei- bis Sechsjährige;
- Ein Kind muss die Freiheit haben, zu tun, wofür es sich begeistern kann. Und das so lange, wie es das möchte;
- Eine Kita braucht ausreichend Platz, also mehrere Räume und die Möglichkeit, nach draußen zu gehen."
Ferner schreibt er von der gerade grassierenden "Plage, Kinderbetreuungseinrichtungen als eine Art Mini-Schulen zu betreiben" und nennt einen weiteren Aspekt, den es aus seiner Sicht zu verbessern gilt:
"In einer Gesellschaft, in der Kinder den Großteil des Tages mit professionellen Betreuern verbringen, haben diese Menschen und deren Arbeitgeber eine wesentlich größere Verantwortung für die persönliche und soziale Entwicklung jedes einzelnen Kindes. Diese Verantwortung muss mit den Eltern geteilt werden. Aber keine der in Frage kommenden Ausbildungswege bereitet die Betreuungspersonen auf diese zentrale Aufgabe vor."
Ich habe eine Kopie des Artikels bekommen über den "Familylab"-Newsletter, den ich beziehe. "Familylab" gibt Informationen rund um die Arbeit von Jesper Juul, bietet Familienwerkstätten an, vertreibt seine Bücher und ermöglicht einem, Interviews, die Juul, in den verschiedensten Medien gegeben hat, noch einmal nachzulesen. Hier könnt ihr den Newsletter bestellen. Wenn ihr den ganzen Artikel aus der SZ lesen möchtet, müsst ihr die PDF ("Der sichere ... PDF) im Anhang des aktuellen Newsletters herunter laden.
Auch mit chronischer Handverkrampfung immer schön fröhlich bleiben
Uta
Mittwoch, 6. Juni 2012
Glückliche Familie Nr. 51: Betreuungsgeld für Indianer
Ich suche ja immer nach den Dingen, die uns glücklich machen. Was mich sehr glücklich macht, ist einmal in der Woche abends zum Stepptanzen zu gehen. "Riverdance" im Vorort bei Astrid, die unten im Keller ihres Hauses ein privates Tanzstudio betreibt und oben vier Kinder groß zieht.
Das Tanzen ist schön. Fast genauso schön ist es, dass wir danach zusammen sitzen und Fruchtgummi-Herzen essen oder die leckeren Balsamico-Chips, die Brigitte manchmal mitbringt.
Wir leben wirklich in Balance. Die Kalorien, die beim Tanzen verloren gingen, knuspern wir schnell wieder drauf.
Vergangene Woche sprachen wir dabei über den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Carina meinte, dass sie früher dagegen gewesen wäre, Kinder in die Betreuung zu geben, aber heute würden das ja alle machen. Und es bleibe einem nur noch, dafür zu sorgen, dass die Betreuung wenigstens qualitativ gut sei.
Wir starrten in die Chips-Reste in der Tupperschüssel. Selten habe ich nach dem Tanzen einen solchen Trübsinn empfunden.
Ich konnte es nicht lassen über Bindungstheorie zu referieren und auszurufen, dass unsere Gesellschaft immer kränker werde, immer mehr Leute Depressionen entwickeln oder Burn out haben, weil wir nicht mehr im Einklang mit unseren sozialen und gesundheitlichen Bedürfnissen leben.
Es ist nicht gut, wenn mich der missionarische Eifer packt. Ich werde moralinsauer und besserwisserisch. Nicht machen, Uta. Stopfe dir lieber den Mund voll mit Fruchtgummi-Herzen.
Außerdem brauchte ich niemanden zu überzeugen. Meine Mittänzer waren alle bei ihren Kindern zu Hause, als sie klein waren.
Wir saßen um die Tupperschüssel rum als wäre das ein Lagerfeuer und wir wären steinalte Indianer, die nicht verhindern können, dass die Eisenbahn in die Prärie kommt.
Zu Hause suchte ich ein Buch heraus: Jean Liedloff "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück. Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit."
Die Amerikanerin Jean Liedloff hat als Model in Paris gearbeitet, hat diese Arbeit aufgegeben, um mehrere Expeditionen in den südamerikanischen Urwald zu unternehmen. Dort traf sie auf die Yequana-Indianer und lebte insgesamt zweieinhalb Jahre bei ihnen. In ihrem Buch beschreibt sie, wie eng und selbstverständlich die Yequana mit ihren Kindern zusammen leben und arbeiten, dass die Kleinsten bei ihren Eltern schlafen, ständig getragen würden von Mama, Tante, Oma oder Freundin und alle fröhlich ihren Aufgaben nachgingen.
"Der zwanglose, selbstverständliche Kontakt von Kindern zu Frauen, die einer nicht-kindbezogenen Arbeit nachgehen ..., zu Männern sowie zu anderen Altersgruppen ist in zivilisierten Gesellschaften unüblich. Diese Fülle bzw. dieser Mangel spiegele sich wider im Verhalten sowie der Gesundheit der Menschen (nicht nur der Kinder) in evolvierten bzw. zivilisierten Gesellschaften." (aus einem Wikipedia-Artikel über Jean Liedloff, aber lest lieber das ganze Buch, es lohnt sich)
Nennt mich eine Sozialromantikerin, schreibt mir, dass wir nun mal nicht leben können wie venezuelanische Indianer. Das ist alles richtig.
Aber wir "Zivilisierten" dürfen uns auch nicht verleiten lassen, unser Gespür für unsere Bedürfnisse und für die Bedürfnisse unserer Kinder verschütten zu lassen von der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Erwartung, dass immer mehr Eltern Vollzeit arbeiten und selbst Kleinstkinder ganztägig in eine Krippe geben sollen.
| Großstadtindianerin Uta vor 14 Jahren mit Kronprinz auf dem Weg zur Wasserstelle (Getränkemarkt). |
Wir gut ausgebildeten Frauen wollen zu Hause nicht versauern. Wir wollen Kinder haben und unserer Berufung nachgehen dürfen.
Aber wenn wir meinen, wir müssten alle auf Gedeih und Verderb bald nach der Geburt eines Kindes wieder Vollzeit arbeiten, fallen wir von dem Pferd, auf das wir gestiegen sind, auf der anderen Seite wieder herunter.
Lasst uns kreativ sein und wirklich neue Ideen entwickeln anstatt zu Männern zu mutieren, die irgendwann in ihrer Karriere auch mal ein Kind entbunden haben.
Ich habe gelesen, dass Mütter in Schweden einen Betreuungsgutschein bekommen. Sie können entscheiden, ob sie diesen einsetzen, um eine Tagesmutter zu beschäftigen, ihr Kind zeitweise in eine Krippe geben oder sich das Geld auszahlen lassen, weil sie ihr Kind selbst betreuen möchten.
Das nenne ich Wahlfreiheit.
Und natürlich brauchen Kinder aus Migrantenfamilien eine hochwertige und frühe Förderung in einer Krippe oder Kita. Aber das ist doch ein ganz anderes Thema. Das würde ich komplett entkoppeln vom Betreuungsgeld.
Als junge Journalistin waren ich zusammen mit einer schwangeren Fotografin auf Recherche-Reise. Ehrgeizig und kinderlos wie ich war, fragte ich sie: "Du willst doch sicher bald nach der Geburt deines Kindes wieder arbeiten, oder?" Daraufhin sie: "Ich weiß es nicht. Ich weiß ja noch nicht, was für ein Kind ich bekomme."
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
PS: Ich schlage das Wort "Herdprämie" als Unwort des Jahres 2012 vor.
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Donnerstag, 26. April 2012
Glückliche Familie Nr. 39: Keine Rabenmutter weit und breit
Friseurin schneidet Kundin die Haare.
Friseurin ist selbständig mit eigenem Salon und drei Mitarbeiterinnen.
Kundin arbeitet hauptberuflich in der Familie.
Friseurin hat eine kleine Tochter, gerade 1 Jahr alt, die seit neustem von 9 bis 17 Uhr in einer Kita betreut wird.
Kundin hat mit Freude ihren Beruf als Zeitschriftenredakteurin aufgegeben, als das erste Kind kam. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, die noch nie einen Hort von innen gesehen haben.
Die kleine Tochter der Friseurin freut sich schon wenige Meter vor dem Kita-Gebäude auf die anderen Kinder.
Als der kleine Sohn der Kundin mit zweieinhalb Jahren in eine Spielgruppe gehen sollte, zitterte das Spielgruppen-Gebäude von seinem Geschrei.
Die Tochter der Friseurin hat gerade ihre ersten Schritte gemacht. Die Friseurin konnte nicht dabei sein, was traurig ist.
Der Sohn (14) der Kundin lernt Latein. Häufig stolpert er über die Unterschiede in den Deklinationen. Die Kundin ist häufig dabei, was nervig ist.
Die Friseurin liebt ihren Laden. Sie ist die Beauty-Queen. Sie muss andere Menschen schön machen.
Die Kundin liebt ihr Leben mit den Kindern und deren Freunden, mit Aufräumen und Schreiben, mit Backen, Basteln und Bloggen.
Wenn das Kind der Friseurin im Laden ist, wird es geherzt von allen Mitarbeitern und von einem Kundinnen-Schoß zum nächsten gereicht.
Wenn die Kinder der Kundin aus der Schule kommen, ist (fast) immer jemand da ... zum Erzählen, gemeinsam Essen, zum Nerven, zum Trösten.
Zwei Leben, zwei Konzepte.
Keine Rabenmutter weit und breit.
"Kinder können sich anpassen an alle Arten des Bemutterns: es gibt nicht den besten Weg... Zum Beispiel in Großbritannien werden Frauen heute bestärkt, Vollzeitstellen anzunehmen und ihre Babies in eine Krippe zu geben. Gar nicht so viel früher wurden sie bestärkt, zu Hause zu bleiben, während die Männer Geld verdienen gingen. Keinem der beiden Fälle kann man eine absolute Tugend zuschreiben, bloß einen wirtschaftlichen Vorteil, kaschiert als ethischer Wert.
Diese Entscheidungen müssen die Eltern treffen und so lange das Kind von genug Liebe umgeben ist, kann es sich an fast alles Denkbare anpassen. Wir sollten aufhören, uns selbst zu quälen. Es gibt keine ideale Mutter und schon die Idee von perfekter Mütterlichkeit ist ein tyrannisches Konzept, missbraucht von Menschen an der Macht." (Tom Hodgkinson: The idle parent. Why less means more when raising kids, London 2009, S. 36 - 37, übersetzt von mir)
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
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Freitag, 20. April 2012
Glückliche Familie Nr. 37: Mütterlichkeit leben
Heute muss ich politisch werden. Das Thema "Frauenquote" springt mir aus allen Medien entgegen. Ich zappe durch die Talkshows, überfliege die Artikel und denke:
"Mädels, ist das wirklich unser Thema?"
Ich sehe bei Spiegel-Online all die Überschriften ("Frauen in Vorständen", "Frauen im Management", "Frauendiskussion in der Union") und möchte dick drunter schreiben: "Thema verfehlt."
Brauchen wir Frauen diesen Dirigismus? Sind wir nicht mächtig genug, die Dinge zu erreichen, die wir mit ganzem Herzen wollen?
Ich zum Beispiel schreibe gerne (ach) und habe früher als Zeitschriftenredakteurin gearbeitet. Wenn mich heute eine Frauenquote in die Chefredaktion einer Zeitschrift katapultieren würde und ich meine Kinder nur in einem "Zeitfenster" am Abend erleben dürfte, wäre ich das heulende Elend.
Ich würde die Pumps in die Ecke feuern, den riesigen Schreibtisch umwerfen und mit Heinz Rudolf Kunze schmettern:
"Ich bin weit gekommen, doch was will ich hier!?"
Frauen dürfen für mich alles werden: Bankvorstand, Hausfrau, Bundeskanzlerin, Galeristin, Unipräsidentin, Kindergärtnerin, Managerin, Altenpflegerin, General, Fingernageldesignerin, Chefärztin ...Aber müssen wir sie dahin drängen?
Die Diskussion über die Frauenquote erinnert mich an einen Bekannten, der körperbehindert ist. Immer wieder muss er sich dagegen wehren, dass ihn gut meinende Menschen über Straßen schieben, die er gar nicht überqueren will.
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| Frau geht ihren Weg |
Was ist, wenn ich meine Mütterlichkeit leben will?
Was ist, wenn ich glücklich bin fünf Ebenen unter dem Vorstand, weil mir das Zeit lässt, mit meinem Sohn am Teich neben der Kita Steine über das Wasser springen zu lassen?
Was ist mit Menschen, die den inneren Auftrag haben, andere zu hegen und pflegen ... nicht nur ihre eigenen Kinder, sondern auch andere Kinder oder kranke oder alte Menschen?
Muss ich erst Nadelstreifen und Pokerface tragen, um als moderne Frau zu gelten?
Es fehlt doch nicht an Chefs mit Busen und Gebärmutter, sondern an gelebter Mütterlichkeit (gerne auch von Männern).
Meine Forderungen:
- bessere Ausbildung und Bezahlung für Erzieherinnen
- saftige Provisionen für jede Nachtschicht, die eine Krankenschwester auf der Intensivstation arbeitet
- Lustreisen für Altpflegerinnen und -pfleger, die mit Hingabe ihre Arbeit tun
- Managergehälter für Hebammen
Und nicht, dass Frau Dr. Dr. Sowieso nicht den Vorsitz des Vorstandes übernimmt.
Egal ob Frauen oder Männer - Menschen, die sich an entscheidender Stelle für eine Aufwertung der "helfenden" Berufe einsetzen, würde ich mit jeder Quote unterstützen.
Damit erreichen wir viel mehr Frauen und ihre Familien als mit einer starren Frauenquote.
Her mit den Plakaten! Dafür gehen wir auf die Straße.
Kinder haben oder Mutter sein, ist ein riesiger Unterschied*.
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
* Diese Unterscheidung verdanke ich Maria B. Craemer von der CoachingAcademie in Bielefeld.
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Montag, 6. Februar 2012
Glückliche Familie Nr. 2: "Spiritsapping"
Ich hatte neulich schon das Buch über entspannte Elternschaft "The idle parent" von Tom Hodgkinson erwähnt. Auch wenn wunderliche Dinge darin stehen wie zum Beispiel, dass Eltern die besten Erzieher seien, wenn sie leicht alkoholisiert sind, lohnt sich das Buch schon wegen seiner Umschlagillustration:
Die Flecken links sind nicht von meinem letzten Cocktail, sondern von denen des Vorbesitzers. Ich habe das Buch hier gebraucht gekauft.
Auf Seite 25 habe ich eine Stelle entdeckt, die mich sehr beglückt.
"Die entspannte Mutter", schreibt Hodgkinson, "meidet Arbeit eigentlich nicht . Im Gegenteil, wie auch der entspannte Vater, liebt sie sie. Eine Aufgabe ihrer Wahl, das ist es, unabhängige Arbeit, selbst gestaltete Arbeit, kreative Arbeit. Was sie vermeidet, ist diese schreckliche, Furcht einflößende, den Geist schwächende Erfindung des industriellen Zeitalters: der Vollzeitjob. Was sie meidet, ist die schreckliche Sklaverei des Angestelltseins. Für die entspannte Mutter geht es nicht um die Frage 'Gehe ich zurück in den Job oder bleibe ich zu Hause?'. Sie erkundet das weite und reiche Terrain zwischen diesen beiden unproduktiven Polen. Sie kreiert ihren eigenen Job, einen, den sie mitten im Leben mit ihren Kindern ausüben kann oder sie hört sogar für einige Jahre zu arbeiten auf. Und weil sie sich für beides bewusst entschieden hat, für die Arbeit und das Zusammensein mit ihren Kindern, genießt sie beides. Es ist unsere Gewohnheit, das Leben als eine Serie von Lasten zu betrachten, die man uns von außen aufbürdet. Diese Sichtweise erzeugt das Elend. Wenn wir einmal erkannt haben, dass wir freie und verantwortliche Kreaturen sind, werden wir von den Lasten befreit sein. Wir müssen den künstlichen Dualismus (zwischen Vollzeitjob und Vollzeitmutter, Anmerkung Uta) zerschlagen."
"Spiritsapping" ist für mich das Wort des Tages. Wann immer wir merken, dass wir einer Arbeit nachgehen, die "spiritsapping" ist, die uns auswringt, unseren Geist austrocknet, den Körper schwächt, die Lebensgeister ausrottet, hören wir damit auf. Einfach so. Stop it!
Das geht nicht? Wohl! Zum Beispiel mit dem Pareto-Gesetz. Der italienische Wirtschaftswissenschaftler Pareto hat herausgefunden, dass wir 80 Prozent all unserer Resultate mit 20 Prozent unseres Einsatzes schaffen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir 80 Prozent unserer Energie völlig nutzlos vergeuden. Das macht einen doch ganz kribbelig, die goldenen 20 Prozent zu finden, oder? Die Antwort ist wie immer banal: Wir müssen das tun, was uns liegt. Dann sind wir effektiv.
Jetzt kommt noch ein Glücklichmacher, ein paar Worte des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer:
"Das Glücksempfinden des Menschen hat gar nicht die Funktion, uns dauerhaft glücklich zu machen, sondern hat die Funktion, uns alles, was gut für uns ist, rasch aneignen zu lassen. Wir lernen also vor allem mit Freude und mit Glück, ..." (Manfred Spitzer: Kritik der Disziplin aus (neuro-)biologischer Sicht, S. 202 in: Micha Brumlik (Hg.): Vom Missbrauch der Disziplin. Weinheim und Basel 2007)
Also immer fröhlich bleiben, das ist so was von effektiv.
Uta
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