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Dienstag, 19. Januar 2016

Ne, ganz ehrlich

Wie man seine Lieben unter Druck setzen kann.
Wegen Unterrichtsausfall waren gestern beide Thronfolger zum Mittagessen zu Hause. Ich hatte noch Eintopf von Sonntag, der für uns alle reichen würde. Eine schnelle Sache. Um das Essen aufzuwerten und weil das Leben zu kurz ist, um nicht g...
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Dienstag, 2. September 2014

Glückliche Familie Nr. 239: Der kleine Neophobiker


Es ist passiert. Nach Jahren. Ganz unverhofft. Prinzessin (13) hat eine Scheibe Vollkornbrot gegessen. Einfach so. Ohne Druck, ohne Vortrag über Ballaststoffe. Nach mehr als einem Jahrzehnt mit Toast und knautschigem Kartoffelbrot. Wurden sonst aus Weißbrot noch die Sesamkörner heraus gepult, schluckte sie diesmal ganze Sonnenblumenkerne. Sie sagte nichts. Ich sagte nichts, konzentrierte mich nur darauf, dass mir die Augen nicht aus dem Gesicht fielen.




In solchen Momenten bin ich sehr froh. Froh, dass es geklappt hat mit dem Locker-Bleiben, froh, dass nicht Tod und Verderben eingetreten sind, weil ich die meiste Zeit keinen Druck beim Essen aufgebaut habe.

Mir sind das ja die allerliebsten Erziehungsmethoden, die sich zusammensetzen aus Gelassenheit und Respekt gepaart mit liebevoller Nähe und Interesse.

Die Sache mit dem Vollkornbrot ist deshalb so spektakulär, weil diese vor Körnern strotzende Scheibe das Ende von Prinzessins Neophobie markiert.

Neophobie ist die Angst vor etwas Neuem.

Ich gebe zu, dass wir damit spät dran sind. Mit dem Neophobie-Ende. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster erklärt, dass bei allen Kindern rund um den Globus die Angst vor unbekannten Nahrungsmitteln  etwa mit 18 Monaten einsetzt und zwischen acht und zwölf Jahren wieder nachlässt.

Lasst euch nicht aus dem Konzept bringen von der Mutter, die beim Latte erwähnt, dass ihre Tilda-Sophie schon Oliven lutscht. Kleine Babys schlucken fast alles, was ihnen die Mutter reicht, Brust, Flaschennahrung, was auch immer. Denn sie wissen evolutionsbedingt, dass sie als Nesthocker nur überleben, wenn sie verzehren, was die Eltern bringen.

Wenn Kleinkinder allerdings laufen lernen und immer selbständiger in Wald und Flur Küche und Kita herumrennen, schützt sie die angeborene Abneigung gegen Grünes, Bitteres und Saures davor, etwas zu essen, was ihnen nicht bekommt.

"Ein vorbehaltlos von Gemüse, Früchten und Beeren begeistertes Kleinkind wäre zu 99 Prozent unserer Geschichte bald ein totes Kind gewesen!", schreibt Renz-Polster. 

Es kann sein, dass eure Kinder beim Essen überhaupt keine Probleme machen. Dann könnt ihr euch zurücklehnen und auf den nächsten Post warten. Aber die, die sich damit herumschlagen, dass ihr Kind Brokkoli, Rosenkohl und Erbsen für Teufelszeug halten, denen sei gesagt, dass ihr Kind völlig gesund und sehr evolutionsbewusst ist. Im späten Kleinkind- und Kindergartenalter erreicht die Neophobie gerne ihren Höhepunkt. Besonders bei ängstlichen und schüchternen Kindern.

Was ich damit sagen will: entspannt euch, es geht vorbei.

Trotz Neophobie gibt es Möglichkeiten, Kinder an gesundes Essen heranzuführen. Diese habe ich aus dem Buch "Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt" von Herbert Renz-Polster. Dieser ist nicht nur Kinderarzt, sondern auch Dozent am Mannheimer Institut für Public Health, wo er seit Jahren forscht, wie die Entwicklung von Kindern mit Hilfe der Evolutionstheorie besser verstanden werden kann. Ich bin erst im ersten Kapitel über Ernährung, konnte es aber nicht abwarten, gleich davon zu schreiben.

Hier also, was ich an Tipps daraus mitnehme:

  • Wichtig sind Vorbilder und Gewöhnung. "Kinder essen ... bestimmte Nahrungsmittel nicht deshalb, weil sie ihnen schmecken, sondern sie schmecken ihnen, weil sie immer wieder davon essen." (a.a.O., Seite 23)
  • Experimente zeigen, dass Kleinkinder Nahrungsmittel schließlich annehmen, wenn sie ihnen an aufeinanderfolgenden Tagen noch etwa zehn weitere Male angeboten werden. (Also, wenn euch das sehr wichtig ist mit dem Spinat ...)
  • Nicht anfangen, für Tilda-Sophie ein Extra-Essen zu kochen. Mal eine Lieblingsspeise, klar, und bei uns gab es neben Vollkornbrot meistens auch eines ohne Körner. Aber gewöhnt euch nicht an, immer zusätzlich ein Spezial-Essen für den kleinen Neophobiker zu kochen. So zieht ihr euch  - und das sage ich jetzt - keine selbstbewussten Kinder, sondern Aufmerksamkeits-Junkies heran, die glauben, das Leben hinge für sie voller Extra-Würste. 
und jetzt kommen meine Lieblingspunkte
  • Kein Zwang, kein Druck, bleibt locker und vor allem freundlich. "Studien bestätigen das: Ein- bis Vierjährige probieren ein neues Nahrungsmittel doppelt so häufig, wenn ein freundlicher Erwachsener davon zuerst nimmt!" (a.a.O., Seite 23)
  • Sorgt für Geschwister, ladet die etwas älteren Cousins oder Cousinen eurer Kinder ein, verbringt Zeit mit anderen Familien, deren Kinder gute Esser sind. Denn - so unser Evolutionsforscher: "Jeder weiß, dass kleine Kinder den etwas älteren Kindern ins Meer folgen würden - sie werden auch das essen, was diese essen." (a.a.O., Seite 28) 

Hier habe ich schon mal über meine Anstrengungen geschrieben, meinen Kindern gesundes Essen nahe zu bringen.

Immer fröhlich ein freundlicher Erwachsener sein, der vor der Nase der Kinder ein gutes Essen genießt.

Eure Uta

Dienstag, 6. Mai 2014

Glückliche Familie Nr. 217: Kratz-Eis


Dies ist kein Food-Blog und ich bin keine Köchin. Immer wieder lese ich von Menschen, die kochen oder backen, um zu entspannen.

Entspannen? Die Bohnen müssen blanchiert und warm gehalten werden, während das Fleisch, das ich zu marinieren versäumte, in der Pfanne zwischen den verkohlten Zwiebeln austrocknet. Der Blätterteig will noch mit Eigelb bepinselt werden, ein Schalenstück treibt im gelben Glibber und will nicht auf den kleinen Löffel, mit dem ich nach ihm angele. Und wer kann zu den Nachbarn laufen und fragen, ob die noch eine Bio-Zitrone haben? Jetzt kommen die Fleischtomaten dran. Ich soll Fleischtomaten häuten? Ich? Ich habe so viele Dosen-Tomaten im Keller, als drohe morgen ein atomarer Erstschlag. Hier wird nix gehäutet.

Besser geht es beim Backen, weil da alles so schön der Reihe nach kommt. Die erste Wut aber kriege ich, wenn Leute ein Rezept mit dem Satz beginnen: "Den Ofen auf 200 Grad vorheizen". Eigentlich ein harmloser Satz. Aber das ist ja das Perfide. Diese Leute wollen einem das Gefühl geben, als ließe sich der Teig in der Zeit vorbereiten, die der Ofen zum Vorheizen braucht. Nie, nie komme ich hin mit dieser Zeit. Angeberisch piepst die Vorheiz-Uhr am Ofen: "Ich war schneller fertig, ätsch!" Ich reibe die Zitronenschale durch bis zum Fruchtfleisch. Der Verantwortung für den Klimawandel durch leer vor sich hin heizende Backöfen drückt mich nieder. Ich habe vergessen, die Springform einzufetten. Also die Betonbutter aus dem Kühlschrank in die Mikrowelle stellen, den Backpinsel aus der Spülmaschine klauben... Wenn ich die Form endlich in die heiße Luft schiebe, tue ich das mit letzter Kraft und sinke danach mit beschlagener Brille in den Lesesessel.

Entspannen beim Kochen und Backen? Nicht für mich.

Dabei lege ich, seitdem ich das erste Mal schwanger war, großen Wert auf gesunde Ernährung. Ich kaufte Mörser und Getreidemühle, schleppte kiloweise Vollkornmehl nach Hause und dekorierte das Küchenfenster mit Kräutern und Knoblauchzöpfen. Gemüse wurde nur noch dampfgegart, und als Schwangere aß ich mehr Sonnenblumenkerne als die Schwarzdrossel draußen im Futterhäuschen.

Gesund und lecker zu essen, ist auch eine Frage der Selbstliebe und Achtung vor dem eigenen Körper. Das möchte ich unbedingt den Kindern durch mein leuchtendes Vorbild vermitteln.

Trotz der Kämpfe in der Küche hat es das leuchtende Vorbild nicht geschafft, Kronprinz (16) und Prinzessin (13) ihre Lust auf "Kratz-Eis" auszutreiben. Kennt ihr "Kratz-Eis"?
Kaum nähern wir uns dem Sommer, halten sie in Supermärkten Ausschau nach den Bechern, deren Inhalt wie Frostschutzmittel aussieht: giftgrün, Tankstellen-blau und ein Rosa wie das vom Nagellackentferner. Meist kaufen sie sich eine ganze Palette davon und verstauen die Becher einmütig im Gefrierschrank. Wenige Stunden später könnt ihr sie auf der Terrasse oder in ihrem Bett sitzen sehen, ein Handtuch um den eisigen Becher geschlungen, schaben sie versonnen mit dem Löffel auf der kleinen Eisfläche herum.

Wenig später finde ich dann die Becher im gelben Sack und will gar nicht lesen, wie viele Farbstoffe und Geschmacksverstärker darin stecken.

Aber ich bin nicht die Mutter, die belehrende Vorträge hält. Meine Antwort ist: eigenes Kratz-Eis.




Und nach der Vorgeschichte könnt ihr sicher sein, dass es ein einfaches Rezept ist. Kein tagelanges Marinieren, kein Vorheizen von Backöfen, keine Eier, die man zimmerwarm stellen muss.

Und weil es alle Kinder lieben, die ich kenne, gibt es hier ausnahmsweise ein Rezept.



Himbeer-Kratz-Eis

300g Bio-Himbeeren tiefgekühlt

50g Puderzucker

2 Esslöffel Zitronensaft

6 Minzeblättchen (kann man weglassen, wenn man keine hat)

100g Sahnejoghurt

1-2 Esslöffel Limettensaft

1 Esslöffel flüssiger Honig


Die Himbeeren so lange in einem schmalen, hohen Becher auftauen, dass sie pürierfähig sind. Puderzucker und Zitronensaft hinzufügen und mit dem Pürierstab pürieren. 
Die Minzeblättchen fein schneiden und mit den übrigen Zutaten unterrühren.
Das Himbeer-Mousse in kleine Glasbecher füllen (ich habe die gesammelt, in denen beim Möbelschweden die Vanille-Kerzen verkauft werden) und einfrieren.
Die Menge ergibt fünf Gläser wie abgebildet.

Etwa 20 Minuten vor dem Essen herausnehmen. 



Keine Vitamin-Vorträge halten, sondern immer fröhlich Kratz-Eis produzieren.

Eure Uta

Donnerstag, 21. November 2013

Glückliche Familie Nr. 183: Der Zucker-Dealer


Kronprinz (16) fragte mich, ob ich ihm blaue Lebensmittelfarbe besorgen könnte. Er hätte ein Video gesehen, in dem mit einem Kilogramm Zucker und Lebensmittelfarbe Kristalle hergestellt würden, die wie die Designer-Droge „Crystal Meth“ aussähen.

„Crystal Meth?“


Ich schluckte.


Ja, man sähe kaum einen Unterschied.


Will er meinen Einmachzucker tütchenweise in der Unterführung am S-Bahnhof verkaufen oder will er sich bei „Jugend forscht“ bewerben?


Mich beunruhigt, dass mein Kronprinz weiß, wie „Crystal Meth“ aussieht.


Mich tröstet, dass er mich in die Drogen-Herstellung einbeziehen will.

Wie immer in Situationen elterlicher Zerrissenheit, die wohl auch dann nicht aufhört, wenn die kleine Kartoffel vom ersten Ultraschallbild uns mit Piemont-Kirschen im Seniorenstift besucht, entscheide ich mich für Vertrauen: Ich suche im Supermarkt nach Lebensmittelfarbe.



Plätzchen-Ausstechen war gestern: Pseudo-Droge auf meinem Backblech.
Die blaue Lebensmittelfarbe verlor sich bei der enormen Zuckermenge.

Nicht nur Zucker, der nach Droge aussieht, sondern Zucker überhaupt gehört zu den Erzfeinden von Eltern. Der andere Erzfeind ist der Bildschirm. Zu viel Zucker, zu viel Bildschirm – an diesen beiden Fronten kämpfen alle Eltern.


Bei uns in der Küche liegen Süßigkeiten in den oberen Schränken. Je größer die Kinder wurden, desto höher wanderte alles, was zum Naschen ist: Schokoriegel und Pralinen oben neben den verstaubten Fleischwolf, bunte Zuckerstreusel hinter die Paniermehldose, Chips und Flips hinter den Karton mit dem Raclette-Gerät.


Unser Küchenprinzip „Immer höher, immer ungesünder“ hat aus den Kindern wahre Kletterkünstler gemacht. Prinzessin (12) bewegt sich auf der Arbeitsfläche wie eine Katze auf dem heißen Blechdach. Sie hangelt sich an den Oberschränken entlang, balanciert auf dem schmalen Grat zwischen Spüle und Abgrund und angelt mit dem Kartoffelstampfer die Lakritzen-Schnecken aus dem höchsten Oberschrank. Wenn sie meine Schritte im Flur hört, springt sie hinunter und hopst zwischen Geschirrspüler und Backofen, als müsste sie für die nächste Hip-Hop-Aufführung üben. Nur Liedpfeifen geht nicht wegen der Lakritz-Schnecken in den Backen.


Mit Süßigkeiten bin ich nicht so streng, weil ich bei Felicitas aus meiner Klasse gesehen habe, was passiert, wenn Eltern Süßigkeiten total verbieten. Felicitas Vater war damals Chefarzt der örtlichen Kinderklinik und sie durfte zu Hause überhaupt nichts naschen. Ihren Ausgleich fand sie am Kiosk neben dem Schulhof. Nie werde ich vergessen, wie sie zitternd da stand und sich mit beiden Händen Schokoküsse in den Mund stopfte. Diese Schaumküsse hatten für Felicitas mindestens ein Suchtpotenzial wie „Crystal Meth“.


Bei uns darf man sogar vor dem Mittagessen etwas aus den Oberschränken holen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Kohlrabi noch hart sind oder das Fleisch nicht ganz durch, weil ich mit einem Text fertig werden musste. Wenn ich dann in der Küche wirbele, brauche ich Nervennahrung. Und die will ich den Kindern nach einem anstrengenden Schultag auch nicht verbieten.


Auf einem meiner Backbleche ist die Zuckerpampe inzwischen bretthart geworden. Mit einem Messer hat Kronprinz die ersten Brocken gelöst und in Tütchen abgefüllt. Es sieht verboten aus.

Drei Beutel stopft er sich in die Innentasche seiner Jacke, steigt auf sein Fahrrad und winkt mir zu. Versonnen lecke ich an dem Messer mit den Resten von Pseudo-Crystal-Meth.

In die U-Haft werde ich ihm Lakritzschnecken mitbringen.

Immer fröhlich in Beziehung bleiben

Eure Uta

Donnerstag, 22. November 2012

Glückliche Familie Nr.102: Morgenröte


Heute morgen 7:30 Uhr in Deutschland. Poltern auf der Treppe. Hünenhafter Teenager erscheint im Esszimmer, setzt sich an den Tisch, nimmt eine Brotscheibe aus dem Korb, streicht Frischkäse und Marmelade darauf.

Sohn: "Ich habe festgestellt, dass es mir besser geht, wenn ich etwas frühstücke."

Mutter: "Ach."

Er nimmt sich einen Apfelschnitz, trinkt ein Glas Orangensaft.

Sohn: "Ich werde demnächst etwas früher aufstehen, mir ein Sandwich machen mit Salat, Käse und Schinken und es mit in die Schule nehmen."

Mutter: "Ach."

Sohn: "Es ist mir einfach zu teuer, mir jeden Mittag, einen Döner zu kaufen."

Mutter: "Ach."

Sohn: "Kannst du knackigen Salat, Schinken und Brötchen für mich beim Einkaufen mitbringen."

Mutter: "Ach, ...äh, ich meine, ja."

Sohn: "Gut, tschüss dann."

Es dämmerte.

Draußen und in meinem Kopf. Hatte ich eine Erscheinung?

Seit Monaten hatte Kronprinz (15) vor der Schule nichts gefrühstückt. Jeden Morgen stellte ich einen Teller an seinen Platz und jeden Morgen räumte ich ihn unbenutzt wieder ab.

Anfangs hatte ich gefragt, ob er wirklich nichts essen wollte, hatte mich erkundigt, ob er vielleicht lieber Müsli möchte statt Brot. Aber ich hatte nie gedrängt oder geschimpft geschweige denn, ihn gezwungen, etwas zu essen oder ein Frühstücksbrot mitzunehmen.

Und jetzt das.

Morgenröte 


Wir haben eine gute Zeit mit unseren Kindern (15 und 11). Und meine größte Passion ist es, herauszufinden, wie es dazu gekommen ist, und meine Leser von meinen Erkenntnissen profitieren zu lassen. In guten wie in schlechten Zeiten.

Beim Laubfegen gestern habe ich darüber nachgedacht, was meine pädagogischen Schlüsselerkenntnisse sind. Ich musste den Rechen nicht lange durch die Blätter ziehen, da fiel mir dieser Satz ein:

... unterstützen statt erziehen ...


Es ist der Untertitel des Buches Kinder der Morgenröte von Hubertus von Schoenebeck. 

Ich habe dieses Buch an einem Samstag im Frühjahr 2008 morgens im Bett gelesen. Und es hat mich wie ein Blitz getroffen. Ich weiß noch, wie ich kurz darauf in den Getränkemarkt fuhr und selig lächelnd Flaschen in den Leergutautomaten schob.

Von Schoenebeck schreibt, dass jede Erziehung - ob autoritär oder antiautoritär, ob Waldorf- oder Montessori, ob Laisser-faire oder demokratisch - immer die Botschaft für das Kind enthält: du musst erst noch ein richtiger Mensch werden, dir muss ich etwas beibringen, du kannst vieles noch nicht tun oder entscheiden, du bist nicht alt genug, nicht groß genug und - im Kern -

du bist nicht ausreichend so wie du bist.

Erziehung könne noch so partnerschaftlich daherkommen, mit Augenhöhe und so einem Gesulze. Letztendlich seien sich die meisten Eltern aber sicher, sie wüssten besser als ihr Kind, was gut ist für das Kind. Schließlich waren ihre Eltern auch so mit ihnen, das gibt man einfach weiter.

Was kann man das vermeiden?

Sich öfter mal fragen: Warum will ich in einer Situation eingreifen?

Variante 1: Will ich eine Grenze ziehen für mich selbst ("Wenn du noch einmal mit deinen Freundinnen mein Rouge benutzt, bekomme ich 20 Euro von dir."), was völlig okay ist und auch gerne laut sein darf.

Variante 2: Bin ich in pädagogischer Mission unterwegs ("Im Grunde brauche ich das Rouge sowieso nicht mehr, aber sie soll lernen, fremdes Eigentum zu respektieren.").

Variante 2 - so von Schoenebeck - ist Gift für die Beziehung zum Kind. Kein sofort Tödliches, aber eines, das Tröpfchen für Tröpfchen unser Miteinander vergiftet, weil unser Ansatz ist: "Du bist nicht gut genug."

"(Im Miteinander, meine Ergänzung ...) geht es nicht um das 'Sieh das ein', nicht um Trotz, den es zu brechen gilt, nicht um das Teufelchen, das man zum Besten des Kindes austreiben muss, nicht um das Abendland, das in der Seele des Kindes gerettet sein will. ... Erziehungsfreie Konflikte verlaufen in anderen Bahnen, jenseits von missionarischem Eifer und inerer Not des Erwachsenen und jenseits von Wut, Hass, und Verzweifelung des Kindes." (von Schoenebeck, S. 57)

Seitdem ich glückstrunken vor dem Getränkeautomaten stand, habe ich diesen Ansatz nie vergessen. Es gelingt uns nicht immer, das umzusetzen. Wir haben auch Konflikte, aber sie erschüttern uns nicht in den Grundfesten der Beziehung zueinander.

Ich habe das Buch schon mehrfach verschenkt und bekam Reaktionen wie: "Das ist ja strange."

Aber vielleicht ist die eine oder andere unter euch, die es so tief berührt, wie mich.

Immer schön glücklich am Getränkeautomaten stehen von Schoenebeck lesen.

Uta

Montag, 24. September 2012

Glückliche Familie Nr. 83: Viehtrieb und Familienessen



Wenn ihr die Nase davon voll habt, jeden Tag neues Essen heran zu schleppen, solltet ihr euch diesen Satz an den Kühlschrank hängen:

Kinder und Jugendliche, die mindestens 7x in der Woche mit der Familie zusammen essen, haben auffallend bessere Schulnoten als die, die das nur 2x oder seltener tun. Außerdem weisen sie ein niedrigeres Drogenrisiko auf, leiden weniger an Essstörungen und besitzen eine deutlich bessere Allgemeinverfassung.
(Untersuchung der Kinderärztin Maria Eisenberg zitiert in: Joachim Bauer, Lob der Schule. Hamburg 2007, S. 99f.)


Es würde mich nicht wundern, wenn die Familienesser später auch noch glücklichere Ehen führen, ihr Risiko für Darmkrebs niedriger ist und sie durchschnittlich häufiger zur Kommunalwahl gehen als die, die eine Allein-Esser-Kindheit hatten.

Ich bin ja nicht so wissenschaftsgläubig. Aber wenn mir ein Ergebnis ins Weltbild passt, muss ich das sofort bloggen.

Und wenn ich mal keine Lust habe, wieder für ein Essen zu sorgen, denke ich an das Zitat der Kinderärztin.

... oder ich denke an eine Szene aus dem Film "Der Pferdeflüsterer". Dort sitzt die ganze Verwandtschaft von Tom Booker, dem Pferdeflüsterer (gespielt von Robert Redford, schmacht) an einer langen Tafel draußen auf der Farm und feiert das Ende des Viehtriebs. Alle sind glücklich erschöpft von der Arbeit und genießen ein herrliches Barbecue unter einem alten Baum.

Leckeres Essen, Familie, Freunde, Lachen, Grillenzirpen, ... Braucht es mehr zum Glück?

So etwa:

Tafel in unserem Garten, das Vieh grast auf der Weide dahinter :-)


Nun reichen unsere zwei Katzen nicht für einen Viehtrieb. Und wenn ich den Kater einfangen und ihm das Brandzeichen unserer kleinen Doppelhaus-Gemarkung zischend auf den Hintern drücken würde, würde Prinzessin (11) nicht nur das anschließende Barbecue, sondern die Familienessen des nächsten Jahrzehnts boykottieren.

Auch ohne Viehtrieb habe ich mir Farm-Feeling ins Haus geholt: eine große Glocke aus Gusseisen. Ich habe sie unten an die Wand zum Treppenaufgang geschraubt und jedes Mal, wenn das Essen fertig war, kräftig geläutet. Ich habe kurz die Augen geschlossen und sah im Geiste alle aus den Stallungen und den Feldern herbei rennen. Und als meine Lieben vor der dampfenden Suppe saßen, habe ich den Brotlaib an den Busen gepresst und für jeden eine dicke Schnitte abgeschnitten.

Okay, ich habe so viel Oberweite, dass jedes Brot an meinen Rippen hart aufschlagen würde. Unsere Stallungen bestehen aus einem kleinen Gartenhaus für vier Drahtesel. Und das Geläut sorgte nicht für das Herbeirennen eine Großfamilie, sondern nur für Tinnitus bei zwei Großstadtkindern.

Aber das Feeling ...

Eines Mittags habe ich so heftig geläutet, dass die Verankerung aus der Wand gerissen ist und die Glocke eine tiefe Kerbe in eine Holzstufe geschlagen hat. Seither bimmele ich mit einem kleinen Glöckchen.

Also, was wollte ich sagen ... ach so:

Wegen der Schulnoten, der Drogen und der Allgemeinverfassung immer schön fröhlich Essen kochen und gemeinsam genießen

Uta

Dienstag, 14. August 2012

Glückliche Familie Nr. 71: Der Elternautomat


Früher war es die Strickjacke, heute ist es der Fleece-Pulli. Jede Zeit hat ihr Besorgte-Mutter-Kleidungsstück.

Gerade haben wir wieder ein Klassenfest am Elbstrand gefeiert. Klassenfeste sind ein gefundenes Fressen für die Bloggerin. Selten hat man so viele Mütter, Väter, Kinder, Geschwisterkinder und so viele Momente, wo jemand erzogen werden soll, auf einen Haufen.

Als wir am Abend mit Sand zwischen den Zehen und mit der Erinnerung von Sonne auf der Haut wieder aufbrachen, war ich Zeuge davon, wie mehrere Mütter die Fleece-Pulli-Debatte führten. "Wo ist dein Pulli?" - "Keine Ahnung, im Rucksack?" - "Zieh ihn bitte an, bevor wir losradeln." - "Du bist verschwitzt, du wirst dich erkälten." - "Man, mir ist voll warm." - "Lisa, Lara, Ann-Sophie, Till, Tom, Jasper ... ich fahre nicht los, bevor ...."

Prinzessin (11) trug eine dünne Leggings, T-Shirt und Ballerinas. Ich trug Jeans, warme Strümpfe, Schnürstiefel, Bluse, Pulli und Trenchcoat.

Prinzessin hat eine große innere Hitze. Ich trage selbst im Sommer Socken im Bett.

Prinzessin und ich, wir geraten manchmal aneinander, aber nicht in Fleece-Pulli-Fragen.

"Oh, Prinzessin hat wohl beschlossen, dass jetzt Sommer ist", scherzte eine Mutter, die Pullis an ihre Kinder verteilte.

Prinzessin und ich guckten uns an. Das sind die Momente für "Immer lächeln und winken".

Ein neuralgischer Punkt in der Eltern-Kind-Beziehung ist neben der Erkältungsgefahr, die Gefahr, sich den Magen zu verderben. Mütter stellen eine Köstlichkeit neben der anderen auf den Tapeziertisch: Datteln im Speckmantel, selbst gebackene Minibaguettes, Schüsseln voller Weinbtrauben, herrlich klebrige Brownies, Süßigkeiten-Igel, deren Stachel sich biegen unter der Last von Weingummi und Lakritz. Wenn aber das eigene Kind in einer Spielpause angesaust kommt, um sich zu stärken, ergießen sich ökotrophologische Vorträge über das Kind. "Davon würde ich jetzt nicht so viel essen." -"Guck mal, hier sind auch Weintrauben." - "Nicht den Mäusespeck, du und Tim, ihr wollt doch heute im Garten zelten. Ich habe keine Lust, dass ihr mir ins Zelt spuckt." ....

Es ist die Dreifaltigkeit der Themen Anziehen, Essen und auch noch Schlafen, die vor allem bei uns Müttern anspringen lässt, was Jesper Juul den "Elternautomaten" nennt.

Wortreich dozieren wir über drohende Gefahren, wir klingen wie ein Text aus der Apotheken-Umschau, springen mit Mützen, Halstüchern und Hausschuhen hinter dem Nachwuchs her ... und handeln uns jede Menge Konflikte ein.

"Elternautomat" deshalb, weil wir wie auf Knopfdruck aktiv werden und die immer gleichen Phrasen abspulen.

Ich behaupte, wir hätten weniger Streit und bessere Ergebnisse, wenn wir häufiger innehalten und nichts sagen würden.

Stephen R. Covey entdeckte als Student in einem Buch den Satz:

"Es gibt einen Raum zwischen Reiz und Reaktion."

In seinem Hörbuch "Der Weg zum Wesentlichen" beschreibt Covey, wie bedeutsam der Satz in seinem Leben geworden ist.


Skulptur von Hilde Würtheim: "Innehalten" wäre mein Titel für dieses Werk


Im Umgang mit den Kindern hilft es mir sehr, den Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusst zu machen. Meiner Beobachtung nach entstehen viele Konflikte zwischen Eltern und Kindern daraus, dass sie diesen Raum nicht nutzen.

  • Viel häufiger innehalten und nichts sagen. Ich erlebe immer öfter, dass meine Kinder fünf Minuten später von selber tun, was ich mir kurz vorher zu sagen verkniffen habe. 
  • Bei den Themen Essen, Sich-Anziehen und Schlafen nichts erzwingen. Es ist wichtig, dass die Kinder ein Gespür für ihre eigenen Bedürfnisse entwickeln und dafür Verantwortung übernehmen. (Kleine Kinder brauchen, was Essen und Schlafen angeht, ein klar strukturiertes Angebot und Führung, aber keinen Zwang oder Schimpfen!) 
  • Schon Babys kein Essen aufdrängen, sondern warten, ob es Signale gibt, dass sie noch einmal zulangen möchten Nie wieder "und noch ein Löffelchen für Onkel Dieter"! Die Nachkriegszeiten sind endgültig vorbei. 
  • Das berühmte Thema "Grenzen ziehen" gilt im Miteinander (Was du nicht willst, was man dir tut, das ...), aber nicht bei den Entscheidungen, ob jemand friert, schwitzt, Hunger hat oder müde ist. 
  • Bei wichtigeren Fragen ("Darf ich ohne Helm fahren?", "Darf ich in den Film ab 12, obwohl ich erst 11 bin?" ...)  ruhig sagen, dass man erst nachdenken, eine Nacht darüber schlafen oder es mit Papa besprechen muss. Das schafft Raum. Wenn man zu schnell reagiert, kann man oft nicht mehr zurück rudern.

In der Pubertät erntet man die Früchte des frühen Innehaltens. Ich habe manches "falsch" gemacht, aber der Fleece-Pulli-Debatte bin ich nicht in die Falle gegangen. Schon in der Grundschule habe ich es meinen Kindern überlassen, wie warm oder kalt angezogen sie das Haus verlassen wollten. Ich habe sie nicht gezwungen, eine Mütze aufzusetzen oder Handschuhe zu tragen. Das war auch nicht nötig, weil sie aus eigenen Stücken nach wenigen Metern zurückkamen, wenn es ihnen zu kalt war.
Heute - und da bin ich richtig stolz - fragen sie mich im Zweifel um Rat, was das richtige Kleidungsstück für die aktuelle Wetterlage ist. Streit haben wir deshalb nicht.


Immer schön innehalten und fröhlich bleiben

Uta

Dienstag, 17. Juli 2012

Glückliche Familie Nr. 62: Jetlag einer Verkniffenen


Kronprinz (14) war gerade das erste Mal nach unserer Rückkehr aus L.A. wieder im Supermarkt. "Hier gibt es ja nichts zu essen", hatte er mit Blick in unsere Küchenschränke gesagt und sich mit Rucksack und Fahrrad auf den Weg gemacht. Mit "nichts" meinte er keine Chips und keinen Eistee, seine aktuellen Grundnahrungsmittel.

In solchen Situationen pflegt mein Mann zu sagen: "Was ist da schief gelaufen?"

Und ich pflege zu antworten: "Nichts!"

Man muss wissen, dass mein Mann leidenschaftlich gern kocht und großen Wert auf gesunde und frische Zutaten legt.

Prinzessin (11) sieht lieber eine schlechte Fernsehsendung als dass sie ein gutes Buch liest. Und sie liebt Langstreckenflüge. Da kann sie sich in die Polyesterdecke kuscheln, Cola bestellen und dreimal den gleichen Actionfilm gucken.

In Situationen wie der im Flieger pflege ich zu meinem Mann zu sagen: "Was ist da schief gelaufen?"

Und er pflegt zu antworten: "Nichts!"

Man muss wissen, dass ich so gut wie nie fernsehe und als Studentin davon überzeugt war, dass bewegte Bilder im Kinderzimmer die Kindheit zerstören. Außerdem habe ich aus Protest gegen die Digitalisierung unserer Welt meine Diplomarbeit statt auf dem Computer auf einer Schreibmaschine getippt, mehrere hundert Seiten, Tag und Nacht. Nur damit ihr wisst, aus welcher ideologischen Ecke ich komme.




In der vergangenen Nacht lag ich wegen des Jetlags stundenlang wach und überlegte mir ein Regelwerk für den Rest der Ferien. Unsere Nachbarn hatten in ihrem Frankreich-Urlaub keinen Internet-Anschluss, was ihre Kinder in kürzester Zeit in Bücherwürmer verwandelte. Und als ich meine Schwester Nummer Drei in ihrem kleinen Wohnwagen auf der dänischen Insel Rømø erreichte, rief mein Neffe aus dem Hintergrund: "Ich schaffe hier jeden Tag 80 Seiten."

So konnte das mit unseren Kindern nicht weitergehen, beschloss ich, als ich schlaflos an die Zimmerdecke starrte. Als ich eine Weile auf der linken Seite lag, entwickelte ich ein strenges Leseförderprogramm für die nächsten Tage, auf der rechten Seite liegend überlegte ich mir Sanktionen gegen den Chipskonsum und machte einen ballaststoffreichen Speiseplan für die ganze Woche, auf dem Bauch liegend formulierte ich Listen für fällige Gemeinschaftsarbeiten in Haus und Garten.

Jetzt musste ich nur noch einschlafen können, damit Super-Mama am nächsten Morgen das ehrgeizige Programm starten konnte. Je länger ich da lag, je mehr Listen in meinem Kopf entstanden, desto weniger konnte ich schlafen. Verkniffene Mütter sind fette Beute für den Jetlag. Noch um 3 Uhr früh war ich so fit, dass ich im Mondlicht den ganzen Garten hätte umgraben können.

Schließlich stand ich auf und las in dem Buch "Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht" von Jesper Juul. Wie wohl mir das tat. Neulich schrieb mir meine Leserin Saskia in einem Kommentar "Eine höhere Dosis 'Jesper Juul' täglich führt unweigerlich zum Glücklichsein aller Familienmitglieder." Wie recht sie hat.

Ich fand Stellen wieder wie diese:
Es ist für Jugendliche sehr wichtig zu wissen: Was denkt mein Vater? Was denkt meine Mutter? 99 Prozent der Jugendlichen nehmen die Meinung ihrer Eltern sehr ernst, wenn sich die Eltern die ersten Jahre in der Familie auch nur ein bisschen qualifiziert haben. Jedoch gibt es kaum Jugendliche, die ihren Eltern gegenüber offen zugeben, was sie denken. Wenn also der Vater sagt: "Mit dem, was du da tun willst, bin ich absolut nicht einverstanden. Das will ich auf keinen Fall!", dann wird der Jugendliche nicht dastehen und sagen: "Hm, wenn ich so darüber nachdenke, hast du eigentlich Recht, Papa, danke." Sie müssen ihr Gesicht wahren. Das heißt jedoch nicht, dass die Worte der Eltern keinen Einfluss haben.  aus: Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht, München 2010, S. 19/20

Weiter schreibt Juul, dass es weniger darauf ankommt, was wir unseren Kindern vermitteln, sondern vielmehr wie wir miteinander sind.

Das, worauf es ankommt, geschieht häufig ... zwischen den Zeilen. Es ist die Stimmung, wie wir als Eltern miteinander umgehen, wir wir mit anderen Menschen in unserer Umgebung umgehen, der Prozess, wir wir als Familie miteinander sind: All das erzieht.                                                                                            Jesper Juul, ebenda, S. 22

Kronprinz weiß natürlich, wie wir zu Chips stehen. Wir müssen nicht jeden Tag dozieren über deren Fettgehalt und die Wirkungen von Glutamat. Und Prinzessin weiß, was wir von stundenlangem  Fernsehen halten. Neulich stand sie am Küchenfenster und sah, dass die Kinder von gegenüber einen Zeichentrickfilm sahen. "Ich würde meine Kinder ja nicht so viel fernsehen lassen", sagte sie und guckte ganz verkniffen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Dienstag, 5. Juni 2012

Glückliche Familie Nr. 50: Koch und Klön


Heute starte ich ein Pilot-Projekt. Es heißt "Koch und Klön" und ist aus der Absicht entstanden, mich mit meiner Freundin Christiane zu verabreden. Wir fanden so recht keinen Termin für Kino, Glas Wein oder Latte Macchiato. Da kamen wir auf die Idee, uns am späten Vormittag zu treffen und zusammen Mittagessen zu kochen. Ich stelle die Zutaten, sie bringt noch einen Topf mit. Dann können wir zusammen schnibbeln, dabei klönen und haben - wenn wir uns ausgequatscht haben - ein super Mittagessen fertig. Christiane fährt mit dem fertigen Eintopf wieder nach Hause. Die Kinder werden nach der Schule einer entspannten Christiane um den Hals fallen, die auf die Frage "Was gibt es, Mama?" wie aus der Pistole geschossen antworten wird: "Garnelen-Curry mit Chilli mit einem Hauch Kurkuma an Basmati-Reis". In der Küche wird sich der Duft einer chinesischen Garküche entfalten und trotzdem wird es sein, als wäre Christiane nie weg gewesen.


Jetzt fällt mir auf, es gibt kaum etwas zu schnibbeln. Aber es ist ja auch unser erstes "Koch und Klön". Und wenn wir alle Dosen aufgemacht und miteinander verrührt haben, werden wir wohl doch ausgiebig Kaffee trinken.

Ihr fragt Euch, wieso es bei uns schon wieder schnelles Garnelen-Curry mit Chilli gibt. Das liegt daran, dass ich noch erschöpft bin von der Spargelpfanne neulich. Und das Garnelen-Curry, das kann ich jetzt, die Kinder essen es und ich werde es gnadenlos variieren mit Pute, Hühnchen, Hackbällchen, Rindfleisch, Seelachs, Pferd .... Wenn Christianes Kinder das auch essen, wird das ganze Viertel mit Garnelen-Curry überzogen. Ich nehme heute übrigens die kleinen Garnelen in Salzlake aus dem Supermarkt, die sind nicht so teuer.

Die zweite Folge von "Koch und Klön" wird bei Christiane stattfinden. Sie will einen portugiesischen Eintopf kochen. Ich werde berichten.

"Koch und Klön" ist übrigens meine Antwort auf die Betreuungsgeld-Debatte.

Aber dazu morgen mehr.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Freitag, 25. Mai 2012

Glückliche Familie Nr. 47: Gemüse mit Vernunftsoße


Gestern stand ich vor dem Spargel an unserem Marktstand. "Ich bin ja die einzige bei uns, die Spargel mag." Ich seufzte in den Berg mit den sahneweißen Stangen.
"Meine Tochter isst auch keinen Spargel", sagte die Marktfrau. "Wirklich schade."
Sie nahm ein paar Stangen in die Hand und knirschte damit herum.
"Und Spargel soll ja den Körper entgiften, habe ich in einer Talk-Show gehört."
"Ja, das kann nur Spargel."

Ich fasste einen Entschluss. Sollen andere ihre Familie vergiften, ich werde sie entgiften.

"Wenn Sie die Stangen schälen und schräg in dünne Scheiben schneiden", sagte die Marktfrau, "und mit einer Hand voll Petersilie in Olivenöl in der Pfanne dünsten, Sahne darüber kippen und über Farfalle-Nudeln gießen, mag das jeder."
"Wirklich?"
"Ja, hinter den Schleifchennudeln sieht keiner den Spargel."
"Aber der Geschmack."
"Gecovert von der Petersilie."
"Sie meinen, damit kriege ich sie." -
"Damit kriegen Sie sie."

Marktfrau, give me five!

Jetzt war ich so eine Frau aus der Live-Style-Zeitschrift. Spargelköpfe lugten aus meinem Weidenkorb am Fahrrad, mein Rock und die glatte Petersilie flatterten im Wind.
"Seht her, ihr Tütensuppen-Mamis, in dieser Familie wird frisch gekocht, mit Ökostrom geheizt, Regenwasser gesammelt und mit Spargel entgiftet. In dieser Familie zerreiben die Kinder Küchenkräuter zwischen ihren kleinen Fingern und saugen das Aroma ein von Kerbel, Liebstöckel, Minze, Petersilie.... Diese Familie hat zwar kein Segelboot, aber wenn sie tagelang mit dem Tretboot auf der Alster unterwegs ist, bekommt keiner, wirklich keiner aus der Besatzung Skorbut."




(Meine Kinder haben von klein auf Angst vor Skorbut, weil ich ihnen eingetrichtert habe, dass einem dabei auf einen Schlag das ganze Gebiss aus dem Mund fällt und dass das die einzige Form von Zahnverlust ist, auf den die Zahnfee nicht reagiert - weil selbst verschuldet durch Vitamin-Boykott.)

Zu Hause gab ich meiner Teflonpfanne das Gefühl, sie sei aus Kupfer und tue ihren Dienst in einer weitläufigen Landhausküche. Ich goss den Ökotest-Sieger Olivenöl hinein, schubste die Spargelscheibchen in das spritzende Öl, schüttelte das Wasser aus der Petersilie. Dass ich nur noch H-Sahne hatte, sorgte für einen kleinen Einbruch meines Lifestyle-Feelings. Lässig warf ich provencialisches Meersalz in die Pfanne. Bin ich Sarah Wiener oder bin ich Sarah Wiener?

Kurz bevor ich das Schleifchen-Nudel-Wasser abgoss, fasste ich einen Vorsatz: Ich werde die Kinder beim Essen zu nichts überreden. Kein Referat über den Vitamin-C-Gehalt von Petersilie, kein "Probier doch wenigstens mal", keine Erpressung mit "Eis zum Nachtisch", kein Wort vom Entgiften.

Prinzessin (11) war in den vergangenen Sommerferien auf einem Ponyhof. Dort galt die Regel, jedes Kind müsse jedes Essen zumindest probieren. Was für eine blöde Regel! Da verkümmern einem doch die Geschmacksknospen. Ich möchte nur von einem Fall hören, in dem ein Kind nach dem Probelöffel gerufen hat. "Mmmmmmmh, du hast Recht, Mama, Papa, Oma, Ponyhofköchin ..., es schmeckt ja doch ganz gut. Da habe ich alter Trotzkopf mich aber gründlich getäuscht. " Nennt mir einen Fall, nur einen einzigen und ich esse Zitronat (brrrr, würg ...).
Eines Mittags gab es auf dem Ponyhof Sauerkraut. Prinzessin (11) hat sich den Probierlöffel reingestopft und es damit gerade noch bis zur Toilette geschafft.

Ich verteilte die Teller, stellte ein Schüsselchen mit Parmesan, eine Flasche Ketchup und Butter auf den Tisch. Für den höchst unwahrscheinlichen Fall, dass jemand nur Nudeln und keine Spargel-Petersilien-Sahne-Pfanne möchte, war ich gerüstet. Zu meinem Lifestyle-Gefühl gesellte sich eine Stimmung der Toleranz und Menschenfreundlichkeit. Die petersiliengesprenkelte Sahne in der Pfanne schäumte mit meiner Lebensfreude um die Wette. Das musste die Kinder doch mitreißen.

Ich mache es kurz.
Prinzessin lehnte meine Kreation ab, nahm Ketchup.
Kronprinz (14) kostete Spargelpfanne in homöopathischer Dosis und verlangte einen neuen Teller.
Ich aß die ganze Spargelpfanne allein. Mensch, bin ich entgiftet.

Trotzdem bereue ich nichts. Mein Weg wird weiterhin sein:
  • Mit Freude gut kochen.
  • Die Kinder nie dazu überreden, etwas zu essen, was sie nicht möchten. 
Ein Satz von Stephan und Maria Craemer viel mir noch ein: "Kinder würden mehr Gemüse essen, wenn es nicht mit moralischer Vernunftsoße serviert würde." 

Bei dem Rezept "Garnelen-Curry mit Chili" (hier, statt Garnelen geht auch Hühnchenfleisch) hat es wunderbar geklappt. Da wollten meine Kinder Nachschlag beim Hauptgang. Das war das erste Mal seit Jahren.

Immer fröhlich kochen und ohne Vernunftsoße genießen.

Uta

Freitag, 17. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 10: Klare Ansagen


Gestern war ein Tag, da war ich "im Fluss". Jetzt will ich von vorgestern schreiben, da ging alles den Bach runter.

Ich darf das nicht unterschlagen. Sonst wird es zu harmonisch. Dann meldet sich "Frei Öl" bei mir und will bei mir Werbung posten mit Fotos von schwangeren Bäuchen.

Mitglieder dieser Familie hatten ungesund gelebt. Man hatte ganze Dosen voll mit Chips gegessen, zu wenig geschlafen und sich mehr in "Minecraft"-Welten bewegt als in der realen Welt. Man bekam Bauchschmerzen und Kopfschmerzen und sah sich nicht in der Lage, zum Instrumentalunterricht zu radeln oder Sport zu treiben.

Andere Mitglieder dieser Familie fanden das Versteck für die leeren Kohlenhydrate und plünderten es. Man jagte mit einer Freundin im Haus über Tisch und Bänke und benutzte Worte, die mir das Gefühl gaben, ich sei auf dem Kiez.

Bauch- und Kopfschmerzen können eine ernste Sache sein. Ich war aber nicht in Stimmung für die Florence-Nightingale-Nummer.


Nicht in Stimmung für die Nightingale-Nummer


Ich machte Apfelschnitz, um den leeren Kohlenhydraten die Stirn zu bieten. Ich holte eine Brotbackmischung aus dem Schrank, um ein Beispiel zu geben für ein sinnvoll werktätiges Mitglied dieser Familie.

Ich verhängte ein Medienverbot, setzte Fristen, baute noch Bananentürme zwischen die Apfelstücke ... und wartete.

"Ja, gleich", aus allen Zimmern. "Ja, gleich" bedeutet in der Praxis: in etwa einer Stunde. Als auch noch die Brotbackmischung abstruse Zeiten des Wartens und Gehenlassens von mir verlangte,  fasste ich einen Beschluss: Jetzt werden Grenzen gezogen, nein, Stracheldraht ausgerollt, Mauern gebaut,  Glasscherben einbetoniert.

Ich pfefferte die Backmischung zurück in den Schrank (soll der Teig doch weiß-ich-wohin gehen), las Liebesbotschaft und während ich nasse Wäscheklumpen in den Trockner feuerte, bereitete ich ein ernstes Gespräch für den Abend vor.

Dieses Gespräch wurde geführt. Mein Mann und ich machten deutlich, was alles für uns nicht geht:

* Von anderen Hilfe sofort zu erwarten, aber umgekehrt seine Liebsten in die "Ja-gleich"-Warteschleife zu schicken. Geht nicht.

* Die Maus zu bewegen statt sich selber. Geht nicht.

* Sich Mama gegenüber respektlos zu verhalten, weil das so cool ist vor den Freunden. Geht gar nicht.

* Verantwortungslos mit seinem Körper umzugehen, krank zu werden und so einen Vorwand dafür zu bekommen, seine Jobs nicht zu machen. Geht gar nicht.


Die Mitglieder der Familie, denen diese Ansagen galten, waren "not amused". Es wurde wütend und beleidigt dagegen argumentiert. (Wenn man sich nicht im Wäschekeller vorbereitet, fallen die Argumente allerdings nicht sehr überzeugend aus.) 

Und als das Gewitter vorbei war, sogen alle die frische Regenluft ein und waren glücklich.

 Ja, okay, die Kinder gaben sich noch eine Weile pikiert. Aber kennt Ihr das, dass man merkt, tief in ihrem Inneren finden sie es gut zu wissen, wo der Hammer hängt? Zumindest ab und an.

Der dänische Familien-Therapeut Jesper Juul sagt, dass Eltern für Kinder in der Pubertät "Sparringspartner" sein sollten. Erziehen könne man dann nicht mehr, aber eine Reibungsfläche bieten anstatt sich resigniert aus dem Erziehungsjob zurückzuziehen. Wenn man "Sparringspartner" ist, ist es zwar nicht immer kuschelig, aber die Nähe zum Kind bleibt erhalten.

Juuls Buch über Pubertät, aber auch seine anderen Werke sind sehr zu empfehlen. 

Immer schön fröhlich bleiben

Uta