Warum es wichtig ist, eine gute Verbindung zu den ersten Erziehern und Lehrern zu pflegen.
Mit dem Kronprinzen war ich neulich in unserem Stadtteil unterwegs, als wir Frau B., langjährige Sekretärin in seiner alten Grundschule trafen. Es gab ein großes „Hallo“, sie erinnerte sich noc...
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Sonntag, 15. Januar 2017
Wie ein Segen
Dienstag, 26. Januar 2016
Mehr Schulfreude durch Lernsoftware
Über die Chancen von E-Learning.
Mein Mann hat Prinzessin (15) und eine Freundin vom Fitnessboxen abgeholt. Auf der Heimfahrt sprachen sie über die Schule und mein Mann wunderte sich, wie ungern die Mädchen in die Schule gingen.
Gerade lese ich in einem Buch*, in dem die Autoren das Gymnasium he...
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Freitag, 30. Januar 2015
Glückliche Familie Nr. 266: Kinder stark lassen
Oma rief an und sagte, sie hätte schwere Beklemmungen gespürt, als sie las, wir wollten Prinzessin ins Ausland schicken. "Nicht jetzt wird sie gehen", beschwichtigte ich sie, "vielleicht im Sommer 2016."
"Gerade Prinzessin", meinte Oma weiter, "die ist doch so anlehnungsbedürftig." Und ihr sei eingefallen, dass Prinzessin das mit dem Ausland vielleicht nur gesagt hätte, weil Prinzessin wohlmöglich Angst vor dem Zeugnis habe.
Anlehnungsbedürftig? Angst vor dem Zeugnis? Jetzt spürte ich auch Beklemmungen. Ich schrieb hier ein paar Zeilen. Das half aber nicht und ich löschte alles wieder.
Mittags ging mir auf, dass ich - angesteckt von Omas aufrichtiger Sorge - begonnen hatte, mein Kind als schwach anzusehen.
Fühlte sie sich vielleicht weniger begabt, weil der große Bruder schulisch gerade so eine Erfolgssträhne hat?
Ich begann, mich zu sorgen, hatte Mitleid bei der Vorstellung, sie könne sich weniger wertvoll fühlen.
Beim Hack-Anbraten für das Zeugnis-Essen stand ich unterm Dunst-Abzug und es war, als hätte der nicht nur die fettige Dämpfe abgesaugt, sondern auch meine blöden Gedanken.
Weg damit! Mitleid für Prinzessin? Das passt überhaupt nicht. Wir sprechen hier über die Person, die richtig wütend wurde, als meine Schwester ihr beim Tischtennis-Rundlauf im Sommer leichte Bälle zuspielte, damit sie ihren Rückstand aufholen konnte. "Das hat mich tierisch aufgeregt", sagte sie mir später, "ich will keine Punkte geschenkt haben, ich will das selber schaffen." Sie fauchte und gewann die nächste Runde.
Wir sprechen von der Person, die sich Schleife-Binden und Radfahren selber beigebracht hat.
*
Wenn Mütter mehrere Kinder haben, kann es passieren, dass sie eines als schwächer ansehen als das andere oder die anderen. Häufig bleiben sie diesem Kind gegenüber bis weit ins Erwachsenenalter hinein nachgiebiger als den Geschwistern, was dem vermeintlich schwachen Kind nicht gut tut, weil diese Art von Unterstützung aus Mitleid es mehr und mehr in eine Opferrolle bringt.
Helfen kann hilfsbedürftig machen.
Häufig steckt dahinter ein oft unbewusstes Bedürfnis der Mutter oder auch des Vaters, sich unentbehrlich zu machen - manchmal sogar ein Leben lang.
Tief beeindruckt hat mich die Geschichte des körperbehinderten Christian Lohr, die ich in dem Buch "Die Kraft der Ermutigung" von Jürg Frick gelesen habe. Lohr war 1962 ohne Arme und mit missgebildeten Beinen auf die Welt gekommen, weil seiner Mutter in der Schwangerschaft ein Medikament aus der Contergan-Gruppe verschrieben worden war. Trotz seiner Einschränkungen machte er Abitur, studierte Volkswirtschaft, wurde Redakteur bei einer Tageszeitung, engagiert sich politisch und pflegt seine Hobbys Schwimmen, Reisen und Lesen.
"Christian Lohr spürte, dass die Eltern ihn sehr ernst nahmen und die gleichen Anforderungen an ihn stellten wie an den Bruder - er sich aber auch nicht mehr Freiheiten herausnehmen durfte als der Bruder. Zudem waren seine Eltern nicht ängstlich darauf bedacht, ihm möglichst alle Gefahren aus dem Weg zu räumen." (Jürg Frick: Die Kraft der Ermutigung. Grundlagen und Beispiele zur Hilfe und Selbsthilfe. Bern 2007, Seite 153)
Das Beispiel des körperbehinderten Journalisten, bei dem die Eltern offenbar die Kraft hatten, sich nicht in Mitleid und Ängsten zu verlieren, bildet einen starken Kontrast zu immer mehr Eltern, die sich bei ihren völlig gesunden Kindern in größte Sorgen wegen ihrer Schulleistungen, ihrer Selbstbehauptung und beruflichen Chancen hinein steigern.
Vielleicht kommt ein Kind mit dem "System Schule" nicht so zurecht, glänzt aber in anderen Lebensbereichen.
Immer fröhlich vermeiden, eines seiner Kinder in die Schublade "schwach" zu stecken.
Eure Uta
PS1: Liebe Oma, ich weiß, dass du Prinzessin in keiner Weise als "schwach" siehst. Die Vorstellung, das jüngste Enkelkind allein im Ausland zu sehen, ist wohl einfach ungewohnt. Ich kann es mir ja auch noch nicht so richtig vorstellen.
PS2: Das Pixi-Buch "Thomas Schneeanzug" geht ins Allgäu. Herzliche Glückwünsche, Martina! Bitte maile mir deine Adresse, dann kann ich es losschicken.
Ich hatte übrigens eine falsche Erinnerung an die Geschichte. Am Ende steckt nicht die Mutter, sondern die Lehrerin in Thomas Schneeanzug.
| Illustration von Michael Martchenko für das Pixi-Buch "Thomas Schneeanzug" von Robert Munsch (Text). |
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Mittwoch, 28. Januar 2015
Glückliche Familie Nr. 265: Lernen im Ausland
Wir waren mit Prinzessin (14) auf einem Info-Abend über Auslandsaufenthalte für Schüler. Auf der Heimfahrt im Auto habe ich sie noch einmal gefragt, warum sie ins Ausland gehen möchte.
"Ich finde das gut mit so einer festen Struktur im Internat, mit diesen gemeinsamen Zeiten zum Lernen. Meinetwegen darf man mir auch mit einem Löffel auf den Kopf hauen, wenn ich mich wieder ablenken lasse." -
"Hallo?"-
"Ja, zu Hause ist immer so viel Ablenkung." -
"Aber ich könnte dir auch eine feste Struktur bieten und ganz streng werden. Und Löffel haben wir auch." -
"Du? Tut mir leid, Mama, aber dich kann ich einfach nicht ernst nehmen." -
"Was?????"
Fast verlor ich die Kontrolle über das Auto.
"Ich meine das nicht böse. Wir sind eine lustige Familie und das ist auch gut so. Aber vielleicht brauche ich mal was anderes."
Sehnsucht nach Struktur.
Michaela Schonhöft schreibt in ihrem Buch "Kindheiten. Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden", dass Jugendliche in Japan einen durchgeplanten Tagesablauf haben:
"Japaner setzen neben der frühen Deeskalations-Erziehung auch auf Beschäftigungs-Therapie. ... Die Schulen bieten ein umfangreiches AG- und Clubprogramm und sorgen auch in den Ferien für Entertainment. Die Jugendlichen bewegen sich also in einem engen Rahmen, ohne dass die Eltern sich groß um Kontrolle kümmern müssen. Ganztagsschulen, Nachhilfe am Wochenende und Ferienkurse sind also vielleicht gar keine so schlechte Idee, um Teenager nicht zu sehr in Versuchung zu bringen, über die Stränge zu schlagen." (Schonhöft, Seite 323)
Ich bin dagegen, Kinder (besonders kleine Kinder) zu verplanen und ihre Nachmittage mit Kursen voll zu stopfen. Aber dass es manchen Jugendlichen Halt gibt, zusammen mit Gleichaltrigen eine klare Tagesstruktur mit einem Wechsel aus Pflichten und Freizeit zu erleben, kann ich mir gut vorstellen.
Wer mit Jugendlichen zu tun hat, jongliert mit diesen drei "Bällen".
Nähe - Freiheit - Struktur
Wir brauchen also ein Internat, das nicht nur Struktur bietet (gemeinsame Phasen des Lernens, klare Regeln, kein WLAN), sondern auch eins, das Nähe zu festen Bezugspersonen bietet. Man hört immer wieder, dass Lehrer in angelsächsischen Ländern einen persönlicheren Kontakt zu ihren Schülern pflegen. Das bestätigten auch Paulina und Johannes, zwei Schüler, die an dem Info-Abend über ihre Erfahrungen in Neuseeland und USA berichteten. "Mein Lehrer dort", erzählte Johannes von seiner Zeit in Idaho, "hat sich eher verhalten wie ein Freund als wie ein Lehrer."
"Sie haben immer wieder gefragt", so Paulina, "ob ich im Unterricht auch mitkomme oder ob ich noch Material oder Hilfe brauche."
Noten für mündliche Beteiligung gab es dort nicht. Johannes: "Im Zeugnis stand bei jedem eine 1 für Anwesenheit."
Eine 1, einfach weil du da bist. Was ist das denn für eine schöne Idee?!
Johannes erzählte auch, dass jeder Lehrer an seiner Schule in Idaho ein eigenes Büro hat. Welch eine Wohltat für alle Beteiligten! So haben Schüler eine Anlaufstelle für ein persönliches Gespräch und ein Lehrer kann sich im Schultrubel mal zurückziehen, kann sein Material und seine Bücher sicher deponieren und die Freistunden zum Arbeiten nutzen. Wäre das nicht wunderbar, wenn es das auch in Deutschland gäbe?
(Ihr merkt schon, dass ich auf meinem Blog die wesentlichen Schulreformen anstoße: Yoga im Stundenplan und Rückzugsräume für Lehrer.)
Aber zurück zu den Plänen von Prinzessin.
Wenn wir im englisch-sprachigen Raum eine Schule finden mit einer klaren Struktur, einem starken Gemeinschaftsgefühl und Lehrern mit persönlichem Engagement für ihre Schüler, wären wir im nächsten Jahr bereit, Prinzessin ein paar Monate zu entbehren.
Immer fröhlich jonglieren mit Freiheit und Struktur und vor allem (das passiert leicht in der Pubertät) die Nähe* nicht vergessen.
Eure Uta
*zusammen essen, kochen, Film gucken, joggen, mit dem Hund gehen, backen, lange Auto fahren, ....
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Freitag, 31. Oktober 2014
Glückliche Familie Nr. 249: Die Sitzordnung
Prinzessin (13) erzählte am Anfang der Woche, dass ihre neue Klassenlehrerin die Klassensprecher beauftragt hätte, für eine neue Sitzordnung zu sorgen. Also machten die beiden, weil sie sich nicht anders zu helfen wussten, eine schriftliche und (eigentlich geheime) Umfrage unter ihren Mitschülern.
Wer ist dein Wunsch-Nachbar?
Wen könntest du auch noch akzeptieren?
Wer geht gar nicht?
Wie bei allem, was als "top secret" gehandelt wird, sickerte in der Klasse durch, wer besonders viele "Geht-gar-nicht"-Nennungen hatte. Prinzessin bekam mit, wie ein Mitschüler einem Mädchen zuraunte, dass acht Mitschüler sie als diejenige genannt hätten, neben der sie partout nicht sitzen wollten.
Prinzessin fand das unmöglich.
Ich war entsetzt.
Das sind so Ereignisse im Leben, die einem ewig anhaften und einen runterziehen können: "Damals in der Schule war ich das Kind mit den meisten Ablehnungen in meiner Klasse." Schluck.
Ihr könnt eine Umfrage machen in Altersheimen. Es sind solche hoch-emotionalen Erlebnisse, die Menschen in allen Details erinnern, selbst wenn sie 100 sind, Alzheimer haben und ihnen das Wort für "Fernbedienung" nicht mehr einfällt.
Ihr könnt Greise nachts wecken, sie werden den Namen der Lehrerin wissen und den Namen des Schülers, der es raunte, und die Kerben im Tisch, an dem sie gerade saßen, und die drei Fusseln vorne auf ihrem Faltenrock.
Ich war sehr aufgebracht.
Sollte ich die Elternvertreterin anrufen oder die Lehrerin direkt?
Prinzessin war dagegen. Das musste ich respektieren. Und ich konnte das Geschehen ja auch nicht mehr rückgängig machen.
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| Ganz zufrieden mit dem Sitzpartner - "Pumpkin-people" vor einer Tankstelle in New London (USA). |
Am Abend traf ich - in einem anderen Zusammenhang - die Mutter von Thea*, eine der beiden Klassensprecher. Ich sprach sie auf die Vorkommnisse an und sie erzählte, dass ihre Tochter an dem Tag heulend nach Hause gekommen sei, weil einige Mitschüler aus Unzufriedenheit mit ihrem neuen Platz ihr Vorwürfe gemacht hätten. Thea und der andere Klassensprecher waren - kein Wunder - völlig überfordert mit der Situation.
Theas Mutter und ich waren uns einig, dass eine Klassenlehrerin die Verantwortung für die Sitzordnung nicht auf die Klassensprecher abschieben darf. Ein Klassenlehrer ist verantwortlich für die Stimmung in seiner Klasse. Er/sie muss in der Lage sein, diese Gemeinschaft von Kindern zu führen. Das ist tausendmal wichtiger, als dass sie die Umformung ganzrationaler Terme in all ihren Verästelungen beherrschen oder das Gerundium vom Gerundivum unterscheiden können. (Leider haben wenige Gymnasiallehrer diese Auffassung von ihrem Beruf.)
Für einen Menschen in der Hochpubertät ist die Sitzordnung und alle damit verbundenen Fragen der eigenen Beliebtheit in der Klasse so wichtig wie sonst nichts in der Schule. Gar nichts.
Kathrin* gab jedoch zu bedenken, wie jung die Lehrerin sei. (Erste Stelle nach der Referendarzeit.) Wahrscheinlich habe diese es für eine besonders gute Idee gehalten und glaube, sie habe mit der Aktion das Demokratie-Verständnis der Klasse geweckt. Den Einwand fand ich berechtigt.
Auch Kathrin wollte nicht die Lehrerin anrufen. Erstens sei sie keine "Interventions-Mama". Zweitens stimme sie immer mit Thea ab, ob sie sich schulisch einmische, und Thea sei dagegen.
Ich bin auch keine Interventions-Mama. Das habe ich mir mühsam abgewöhnt seit etwa der zweiten Klasse Grundschule meiner Kinder. (Dabei ist es so befriedigend, Lehrer genüsslich ins Unrecht zu setzen.)
Aber gibt es nicht gelegentlich Situationen, in denen man den Mund aufmachen muss, damit sich ein solches Ereignis nicht wiederholt?
Ich hasse es, wenn die Realität so komplex ist.
Ich werde mit Prinzessin darüber im Gespräch bleiben. Vielleicht darf ich der Lehrerin mal unter vier Augen erzählen, was die "Aktion Sitzordnung" ausgelöst hat, wenn ich ihr mal über den Weg laufe. Ganz zufällig.
Was mir zu diesem Thema noch so durch den Kopf geht:
- Beim Googeln fand ich folgenden Tipp für Lehrer: Sie sollten die Schüler dazu ermuntern, sich zu überlegen: Nicht "Wer ist meine beste Freundin?"/"Wer ist mein bester Kumpel?", sondern "Wer ist in der Klasse ein guter Lernpartner für mich?" Das ist häufig ein großer Unterschied.
- Das Buch "Fehler übersehen sie nicht - bloß Menschen. Eine Schulgeschichte" von Irmela Wendt fiel mir wieder ein. Es erzählt aus der Sicht eines Jungen in der Grundschule, wie er die mitmenschlichen Konflikte dort erlebt und in welche Zwickmühle Eltern und Lehrer so einen Grundschüler bringen können. Das Buch ist von 1982 und es wirkt auch etwas angestaubt, trotzdem würde ich immer noch empfehlen, es entweder selbst oder mit einem acht- bis 11jährigen Kind zu lesen. Meiner Schwester Nummer Zwei bin ich immer noch dankbar, dass sie mir dieses Buch im März 2004 geschenkt hat.
- An meine Freundin Irmgard, inzwischen pensionierte Lehrerin, musste ich wieder denken. Ich glaube, ich habe es schon einmal geschrieben. Macht aber nichts. Auf jeden Fall hat Irmgard mal einer Schülerin, die große Schwierigkeiten mit dem Rechnen hatte, die Postkarte "Mathe ist ein Arschloch" geschenkt. Solche menschenfreundlichen Lehrer brauchen wir!
- ... und wir brauchen eine Lehrerausbildung, in der Unterrichtsmanagement, das Führen einer Klasse, Persönlichkeitsbildung für Lehrer und soziales Lernen ganz wesentliche Bestandteile der Ausbildung sind.
- An meine Schwester Nummer 1, die auch Lehrerin ist, musste ich denken. Sie erzählte mir neulich, wie sehr es den Zusammenhalt der Klasse fördert, wenn man einen Ausflug in eine "Halfpipe" macht. Sie hätte es sehr anrührend gefunden zu beobachten, wie sich die Schüler gegenseitig die Hand gereicht hätten, wenn der Schwung fehlte, um oben die Plattform zu erreichen.
Immer fröhlich die Fehler übersehen, aber nicht die Menschen.
Eure Uta
* Namen der Beteiligten geändert.
Eure Uta
* Namen der Beteiligten geändert.
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Dienstag, 16. September 2014
Glückliche Familie Nr. 241: Nicht mehr bei der Eltern-Polizei
Vor mehr als einem Jahr habe ich darüber berichtet, dass wir Prinzessin (jetzt 13) nicht mehr kontrollieren bei den Hausaufgaben und beim Medienkonsum (hier und hier).
Die neue Freiheit ist Gewohnheit geworden, schöne Gewohnheit. Wenn Prinzessin Hilfe braucht, fragt sie uns gelegentlich. Und weil sie es dann ist, die die Initiative ergriffen hat, ist die Stimmung gleich ganz anders.
Schulisch hat sich kaum etwas verändert. Ohne unsere Kontrolle läuft es genauso wie vorher mit Kontrolle. Nur dass wir es zu Hause viel schöner haben.
Ich finde es wunderbar, nicht mehr bei der Eltern-Polizei zu sein. Ich kenne so viele Mütter und Väter, deren Verhalten gegenüber ihren Schulkindern durchtränkt ist von der Haltung: "Ohne mich läuft das nicht für Marie/Lukas/Carl/Leopold ... in der Schule." - "Wenn ich nicht den Turnbeutel packe, fehlt wieder die Hälfte." - "Wenn ich nicht ans Vokabel-Lernen erinnern würde, würde mein Kind in Englisch völlig absacken." "Wenn ich nicht ..." Um wen geht es hier eigentlich?
Auf Elternabenden selbst von Teenagern erlebt man Eltern, deren Wortbeiträge verraten, dass sie genau im Bilde sind, welches Buch in Englisch oder Geschichte gerade verwendet wird.
Je gebildeter die Eltern sind, desto schlimmer, weil sie fachlich dann erst abgehängt werden, wenn wir uns dem Abitur nähern.
Oder es endet früher, wenn man gesunde Kinder hat, die irgendwann bockig werden wegen ihrer übergriffigen Eltern. "Da habe ich für Tim alles herausgesucht über die Pharaonen und die Grabbeilagen und was ist der Dank dafür? Pampig wurde er, weil er meine Schrift nicht lesen konnte."
Das mit dem Helfen ist ja verständlich. Laut einer Bertelsmann-Umfrage helfen 80 Prozent der Eltern in Deutschland ihren Kindern beim Lernen für die Schule. Jeder hat Angst, dass das eigene Kind abhängt würde, wenn man nicht hilft. Weil ja alle helfen ...
Gegen helfen spricht ja auch nichts. Wenn man sein Kind irgendwie unterstützen kann, ist das doch schön. Das machen wir - auf Anfrage - auch. Ich möchte aber nicht wissen, wie viel Stress und Streit es in Millionen Familien wegen der Schule gibt.
Jemand Kluges hat mal gesagt, es gibt nur zwei Gefühle: Liebe und Angst.
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| Pastorales Schmuckbild. |
Wenn also die Angst (vor der nächsten Prüfung, vor schlechten Noten ...) alles bestimmt, kann es gleichzeitig keine Liebe geben.
Amen.
Ehe das Pastorale mit mir durchgeht, schreibe ich mal auf, was mir geholfen hat, bei Schulsachen loszulassen:
- Bei Kindern über 12 Jahren nur helfen, wenn sie darum bitten.
- Fragen, welche Form von Unterstützung sie möchten.
- Jüngeren Schulkindern helfen, den richtigen Ort, die richtige Zeit und Dauer für Hausaufgaben zu finden.
- Wenn man hilft, dann den Humor dabei nicht verlieren. Wenn es zu verbissen wird, unbedingt Quatsch machen zwischendurch (Stift quer im Mund und singen, ablästern über die Leute auf den Schulbuchfotos, englische Texte in katastrophaler Ausprache lesen, philosophieren über den tieferen Unsinn mathematischer Textaufgaben ... )
- Lern-Ende und Belohnung vereinbaren (ich meine jetzt keine Rolex und keinen Zirkusbesuch, sondern einen Keks, eine Runde tanzen, eine Massage, eine halbe Stunde Chatten)
- Wenn mehrere Klassenarbeiten bevorstehen, macht Prinzessin einen Wochenplan, in dem sie sich einträgt, an welchem Tag sie für welches Fach lernen will. Oft besteht die einzige Unterstützung, nach der sie fragt, darin: "Machst du mit mir einen Wochenplan?" Ich bin nämlich bekannt dafür, dass ich freie Zeit, Erholung und Spaß großzügig schraffiere.
- In der Grundschulzeit vom Kronprinzen (heute 16) habe ich mir großen Stress gemacht, weil er kaum stillsitzen konnte und sich das Rechnen von zwei Mathepäckchen über Stunden hinziehen konnte. Im Rückblick würde ich sagen, dass ich das viel zu wichtig genommen habe und der Bursche genau wusste, dass er mit diesem Thema meine Aufmerksamkeit bekommt, leider negative Aufmerksamkeit.
- Daraus habe ich gelernt: Wenn ein Grundschulkind seine Hausaufgaben nachmittags zu Hause macht und es läuft nicht, muss ich als Eltern eine Zeit dafür festlegen und ein klares Ende setzen.
- Der Lerneffekt von Hausaufgaben in der Grundschule ist höchst umstritten. Die große Studie über Unterrichtsqualität des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie hat gezeigt, dass Hausaufgaben in der Grundschule wenig bringen und erst in höheren Klassen den Lernerfolg fördern. (Martin Spiewak: "Hettie-Studie: Ich bin superwichtig!", ZEIT-online, 14.1.2013). Also ruhig Blut in der Grundschul-Zeit.
- Mir hat geholfen, mit der Lehrerin von Kronprinz zu sprechen und ihr unseren Stress zu schildern. Sie war eine sehr erfahrene und mütterliche Lehrerin, die ihre letzte Klasse vor der Pensionierung hatte, und sie meinte: "Sie sorgen dafür, dass er sich eine halbe Stunde hinsetzt und seine Aufgaben macht. Und was er nicht schafft, schafft er nicht. Dann schreiben sie einfach eine Notiz ins Heft: 'heute ging einfach nicht mehr, das Wetter war zu schön, die Freunde klingelten, es hatte plötzlich geschneit, was auch immer." Das hat uns total entlastet. Danach ging es besser.
Immer fröhlich darauf achten, dass man als Mama oder Papa kein ängstlicher Lern-Polizist wird.
Eure Uta
PS: Ich möchte euch dringend in der aktuellen ZEIT den Artikel "Wir sind keine Sorgenkinder! Schulstress, Bewegungsmangel, Computersucht - und dann noch überforderte Eltern: Ist es wirklich so furchtbar in Deutschland aufzuwachsen? Keineswegs. Den Kindern geht es so gut wie nie zuvor" von Martin Spiewak ans Herz legen. Ganz, ganz spannend, wie wir Deutschen die Kinder und die Eltern schlecht reden.
Meine Lieblingsstelle: "Die Flut der Erziehungsratgeber wird stets als Ausdruck einer Verunsicherung der Eltern interpretiert. Man kann aber auch sagen: Eltern halten Erziehung für wichtig. Sie sind lernbereit. Es gibt seit Jahren eine Flut von Kochbüchern. Niemand würde sie als Zeichen für den Verfall der Kochkünste anführen. "
PS: Ich möchte euch dringend in der aktuellen ZEIT den Artikel "Wir sind keine Sorgenkinder! Schulstress, Bewegungsmangel, Computersucht - und dann noch überforderte Eltern: Ist es wirklich so furchtbar in Deutschland aufzuwachsen? Keineswegs. Den Kindern geht es so gut wie nie zuvor" von Martin Spiewak ans Herz legen. Ganz, ganz spannend, wie wir Deutschen die Kinder und die Eltern schlecht reden.
Meine Lieblingsstelle: "Die Flut der Erziehungsratgeber wird stets als Ausdruck einer Verunsicherung der Eltern interpretiert. Man kann aber auch sagen: Eltern halten Erziehung für wichtig. Sie sind lernbereit. Es gibt seit Jahren eine Flut von Kochbüchern. Niemand würde sie als Zeichen für den Verfall der Kochkünste anführen. "
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Mittwoch, 18. Juni 2014
Glückliche Familie Nr. 226: Leichtigkeit und Liebe nähren
Heute morgen 7:30 Uhr in Hamburg. Ich wecke Prinzessin (13) und sehe im Augenwinkel meine geliebten Ohrstecker, die ich ihr am Wochenende geliehen hatte, zwischen Nagellackfläschchen, "Best-friend-for-ever"-Briefchen und Kopfhörerkabeln auf der Fensterbank liegen.
Ich lege die Stecker zurück in ihr Kästchen und in meinem Kopf den Ärger-Schalter um.
Ich stürme mit einem Schlachtruf zurück in ihr Zimmer. "Wer hat meine Ohrstecker vergammelt? Wer gehört mal so richtig durchgekitzelt?"
Ich reiße die Bettdecke weg, rufe, dass meine Finger die Beine sind von riesigen, haarigen Spinnen und lasse sie überall hinkrabbeln: in den Nacken, unter die Arme, in die Kniekehlen ... Prinzessin quiekt, ich quieke. Wir haben Spaß.
Leben darf leicht sein.
Leben ist keine Pisa-Studie, kein Wettkampf, kein Gipfeltreffen für Moralapostel.
Leben ist ein Spiel.
"Das Spiel kann man nicht gewinnen, nur spielen." (aus dem Film "Die Legende von Bagger Vance")
| Kronprinz und Prinzessin auf dänischer Wanderdüne. |
Ben, der Sohn einer Freundin, ist einer der Besten seiner Klasse in Englisch. Seine Mutter hat mir erzählt, woran das liegt.
Bens Oma hat viel im Bett gelegen, weil sie Multiple-Sklerose hatte. Ben durfte sich dazu kuscheln, und seine Oma hat ihm Reime und Lieder vorgetragen. Alles auf Englisch, weil sie in der Nähe von London geboren und aufgewachsen war.
Die Oma ist gestorben, als Ben noch klein war, aber ihre Reime und Lieder sind wie ein belebendes Erbe für sein Sprachzentrum.
Lernen geht fast nur in guter Beziehung und mit guten Gefühlen. Dann verbinden sich Gehirnzellen in Rekordtempo, Synapsen entwickeln sich vom Trampelpfad zur Autobahn, sechsspurig.
Ist das nicht genial von der Natur? Sie ist so angelegt, dass sie uns mit Erfolg belohnt, wenn wir gute Gefühle haben und in liebevoller Gemeinschaft leben.
Vergesst den Englisch-Kurs für Klein-Kinder, pfeift auf jedes sogenannte "Bildungsprogramm" in der Vorschule. Guckt nach Menschen, die eure Kinder mögen und das Leben lieben. Was die ihnen beibringen, ist viel wirksamer als all das Zeug aus den Bildungsplänen.
Beschwert euch in der Schule nicht über den unfähigen Geo-Lehrer oder den Stundenausfall. Meldet euch im Festkomitee und hängt die Girlanden auf! So wie wir das machen bei dem Fest von Kronprinz (16) zum Abschied aus dem Klassenverband der 10. Klasse. Wir bauen am Elbstrand eine festliche lange Tafel auf für 80 Leute und werden feiern, bis uns die Kinder heimschicken.
Immer fröhlich Leichtigkeit und Liebe nähren.
Eure Uta
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Donnerstag, 3. April 2014
Glückliche Familie Nr. 210: Die Über-Psychologisierung
Meine jüngste Buch-Anschaffung stammt von einer Österreicherin, die ein Lern- und Beratungsinstitut für Familien gegründet hat. In dem Buch hat sie Gespräche mit Eltern aufgezeichnet. Es sind Mütter - zum Teil auch Väter - , die erzählen, wie es ihren Kindern in der Schule ergeht und was sie unternommen haben, um sie zu unterstützen.
So weit, so gut.
Bis ich zu dem Kapitel kam, in dem eine Frau schildert, dass ihre sechsjährige Tochter Rebecca häufig nicht zur Vorschule gehen möchte.
"Ich habe zu ihr gesagt, dass es in Ordnung ist, dass sie nicht in die Schule gehen will. Ich will auch mehr darüber wissen, warum das so ist. Das heißt nicht, dass sie gleich zu Hause bleiben darf, es heißt lediglich, dass ich mich für das Nein meines Kindes interessiere."
Das klingt gut, "sich für das Nein meines Kindes interessieren". Aber je mehr ich las, desto häufiger kritzelte mein Bleistift Comik-Blasen an den Rand des Textes:
"Äh?" - "Oh, mein Gott." - "Kreisch". - "Ich kriege die Krätze."
Von Satz zu Satz wurde deutlicher, dass diese Mutter das "System Schule" ablehnt und dass das Mädchen die Schul-Ablehnung der Mutter übernimmt.
"Jeden Tag, wenn sie in der Früh aufwacht und sagt: 'Ach, ich will nicht in diese Babyschule gehen. Die lassen mich nicht Rebecca sein. Ich will dort nicht hin....' wenn sie das sagt, dann denke ich mir: 'Bleib lieber zu Hause und schlaf noch ein bisschen.'"
Die Mutter berichtet schließlich, dass das Mädchen schon seit drei Wochen immer häufiger nicht zur Schule will.
Wundert uns das?
Und auf einen Satz wie "Die lassen mich nicht Rebecca sein" kommt keine Sechsjährige von alleine. Da findet eine Über-Psychologisierung statt, die das Kind überfordert und ihm massiv schadet.
Da platzt mir echt der Kragen.
Dieses Kind darf nicht Rebecca sein, weil es so sehr wie Mama sein muss, weil es in erster Linie mit seiner Mutter kooperiert und spürt, dass deren Weltbild schwer erschüttert würde, wenn Klein-Rebecca die Hände in die Hüfte stemmen und rufen würde: "Komm, Mama, reiß dich zusammen, ich schaffe das schon!"
Ihr wisst, wie wichtig es mir ist, dass ein Kind der Mensch werden darf, der in ihm angelegt ist.
Ihr wisst auch, dass ich nicht alles toll finde, was in unseren Schulen läuft.
Aber wenn ein Kind damit aufwächst, dass seine Eltern von Schule sprechen, als wäre das ein Einsatzort für Amnesty International, sind die Schwierigkeiten vorprogrammiert.
Und wenn - laut Aufzeichnung - die Beraterin nur die Äußerungen der Mutter spiegelt und am Ende des Gesprächs lediglich sagt: "Das wünscht du dir sehr, dass Rebecca Mensch sein darf in der Schule, die sie gerade besucht, oder?" finde ich, dass manchen Leuten wirklich die Maßstäbe verloren gehen.
Als Beraterin hätte ich schwer an mich halten müssen, um bei der Frau nicht Methoden anzuwenden, die Amnesty doch noch auf den Plan gerufen hätte.
Denn was die Mutter an der Vorschule störte, waren so Dinge wie, dass die Erzieherin dem Mädchen beim Gang auf die Toilette zu viel Unterstützung aufgedrängt hätte. Und deshalb werde das Kind nicht in seiner Individualität wahr genommen. Ja, geht's noch?
Gerade die Mütter, die sich so sehr Stärke und Selbstbewusstsein für ihr Kind wünschen, schwächen es mit diesem übersteigertem Schutzbedürfnis.
| Kuscheltiere gewaschen, damit ich mich nicht so aufrege. |
Ich wünsche Rebecca,
- dass ihre Eltern sie in Ruhe lassen mit all ihren Bedenken und Sorgen
- dass sie ihr zutrauen, auch mit Situationen oder Lehrern zurecht zu kommen, die nicht optimal sind
- dass ihre Eltern ein Gespür dafür entwickeln, wann sie wirklich Partei für ihr Kind ergreifen müssen
- dass das Leben für Rebecca kinderleicht sein darf
Immer fröhlich den Kindern ein Halt sein und kein überempfindlicher Seismograph ihrer Befindlichkeiten
Eure Uta
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Mittwoch, 29. Januar 2014
Glückliche Familie Nr. 196: Die Schule leichter nehmen
Obwohl der Weihnachtsbaum längst abgeholt wurde, habe ich noch eine Tannennadel gefunden. Sie hatte sich unter der Fußleiste versteckt, dann klebte sie am Handfeger, klammerte sich an den Rand des Mülleimers, schaffte es irgendwie, sich an meinen Socken zu hängen, war mit den Fingern schwer zu greifen, harzklebrig und flutschig zu gleich.
Mit dem "Ich-bin-nicht-gut-genug"-Gefühl verhält es sich genauso. Es ist auch so eine Klette.
Da hat man alle Nadeln von der Terrasse und alle schlechten Meinungen über sich selbst aus dem Hirn gefegt, hängt da wieder eine kleine Nadel auf der Fußmatte und ein kleiner schmutziggrauer Zweifel am eigenen Selbstgefühl.
"Hey, Zweifel, wo kommst du jetzt wieder her und verbreitest ungefragt so eine Mattigkeit in mir?"
Das mit den "Nicht-gut-genug"-Gefühlen, die einen piksen wie alte Tannennadeln, ist wichtig, weil dieser Blog seinem Forschungsauftrag treu bleiben möchte. Und der lautet:
Wie kommen so viele kleine Menschen, die am Anfang ihres Lebens keine Frage dazu hatten, ob sie ausreichend sind, im Laufe ihres Großwerdens dazu, immer mehr zu denken:
"Ich bin nicht gut genug" und wie können wir Eltern vermeiden, dass dieser Gedanke sich in ihrem Kopf festsetzt?
Eine, wenn nicht die entscheidende Antwort lautet:
Es ist das "Nicht-gut-genug"-Gefühl ihrer Eltern, es ist eigentlich ihr Ding, das diese treibt, die Kinder anzutreiben, mehr für die Schule zu tun, den Ranzen zu kontrollieren, sie herunter zu putzen, wenn die Hausaufgaben nicht ordentlich sind, ihnen das Schwimmzeug zu packen ("sonst fehlt da sowieso wieder die Hälfte"), sie dann später zur Studienberatung zu schicken, ihnen die Bewerbung zu tippen ...
Unsere Kinder treiben dann wieder ihre Kinder an oder sie bekommen gar keine mehr, weil sie an ihren eigenen Eltern abschreckend erlebt haben, wie diese ausbrennen über die Jahre wegen all der Sorgen und Ängste um die Kinder. Das fängt an bei der Wahl des "richtigen" Geburtsvorbereitungskurses und hört noch nicht auf, wenn der Farbauslöser vom Schwangerschaftstest einen Ausbildungsplatz sucht.
Wenn mehrere Eltern an einem Ort zusammen treffen, bei Elternabenden oder ähnlichen Veranstaltungen, ist die Stimmung so gut wie nie ausgelassen und unbekümmert. Von "Leichtigkeit" weit und breit keine Spur.
Kurz vor Weihnachten traf ich die Klassenlehrerin meiner Tochter. Sie wünschte mir ein frohes Fest und meinte: "Wie sehen uns ja im Februar beim Elterngespräch, dann reden wir mal ausführlich."
Ups, sofort hatte ich einen Kloß im Hals.
Was meinte sie mit "ausführlich"? Hatte das "dann reden wir mal" nicht einen bedrohlichen Unterton? Guckte sie nicht irgendwie besorgt?
Ja, und wenn? Selbst wenn den Lehrern etwas nicht passt an meinen Kindern, weiß ich doch, dass sie absolut vollkommen sind, selbst wenn der Schulsenator persönlich bei uns klingeln und etwas anderes behaupten sollte.
Oder die Lehrerin hat vielleicht sehr konstruktive Vorschläge, wie sich mein Kind besser in der Schule einbringen kann. Auf jeden Fall kann mein Hirn die Abteilung "Sorgen machen" oder "ein Problem erschaffen" gleich wieder dicht machen.
Ich bin es wirklich leid, dass ich diesem Schuldruck, diesen diffusen eigenen Kinderheitsängsten immer wieder auf den Leim gehe.
Wenn ich nicht aufhöre mit meinem "Nicht-gut-genug", ziehe ich meine Kinder mit da hinein. Und dann können wir über Generationen so weitermachen und haben keine Kraft für die entscheidenden Dinge (mal eben kurz die Welt retten).
Jetzt habe ich nicht den durchschlagenen Tipp für die Vernichtung der gemeinen kleinen Tannennadel in meinem Selbstgefühl außer
Kurz vor Weihnachten traf ich die Klassenlehrerin meiner Tochter. Sie wünschte mir ein frohes Fest und meinte: "Wie sehen uns ja im Februar beim Elterngespräch, dann reden wir mal ausführlich."
Ups, sofort hatte ich einen Kloß im Hals.
Was meinte sie mit "ausführlich"? Hatte das "dann reden wir mal" nicht einen bedrohlichen Unterton? Guckte sie nicht irgendwie besorgt?
Ja, und wenn? Selbst wenn den Lehrern etwas nicht passt an meinen Kindern, weiß ich doch, dass sie absolut vollkommen sind, selbst wenn der Schulsenator persönlich bei uns klingeln und etwas anderes behaupten sollte.
Oder die Lehrerin hat vielleicht sehr konstruktive Vorschläge, wie sich mein Kind besser in der Schule einbringen kann. Auf jeden Fall kann mein Hirn die Abteilung "Sorgen machen" oder "ein Problem erschaffen" gleich wieder dicht machen.
Ich bin es wirklich leid, dass ich diesem Schuldruck, diesen diffusen eigenen Kinderheitsängsten immer wieder auf den Leim gehe.
Wenn ich nicht aufhöre mit meinem "Nicht-gut-genug", ziehe ich meine Kinder mit da hinein. Und dann können wir über Generationen so weitermachen und haben keine Kraft für die entscheidenden Dinge (mal eben kurz die Welt retten).
Jetzt habe ich nicht den durchschlagenen Tipp für die Vernichtung der gemeinen kleinen Tannennadel in meinem Selbstgefühl außer
- sich jeden Tag neu für das Gefühl "ich bin vollkommen" entscheiden und die Wohnung mit entsprechenden Post-its zu pflastern
- Musik auflegen, das hilft mir immer. Ich habe eine CD gebrannt mit heiterer Entspannungs-Musik. Die lege ich ab und an zum Frühstück auf. Dann startet die Katzenklo-Familie gleich viel leichter in den Tag und ich freue mich riesig, wenn ich Prinzessin (13) den letzten Titel summen höre, während sie den Schulrucksack schultert und in die dunkle Kälte tritt.
In dem Coaching, an dem ich teilgenommen habe, hieß es:
"Das größte Geschenk, das Eltern ihren Kindern machen können, ist, selber glücklich zu sein."
Was verhilft euch zu mehr Leichtigkeit im Alltag?
Immer fröhlich Musik auflegen und die Schule leichter nehmen
Eure Uta
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Samstag, 11. Januar 2014
Glückliche Familie Nr. 192: Das Kann-Kind
Ich hatte hier versprochen, unsere Schulgeschichte zu erzählen.
Der Kronprinz (heute 16) war ein "Kann-Kind". Nicht nur ein Kind, das in den Augen seiner verliebten (und deshalb unzurechnungsfähigen) Eltern alles kann, sondern auch im Oktober geboren ist und deshalb im Alter von fünf Jahren eingeschult werden "konnte".
Wie alle Eltern fanden und finden wir unseren Kronprinzen ganz besonders begabt und waren fest davon überzeugt, dass sich dieses Kind nicht länger mit dem Babykram im Kindergarten herumschlagen und deshalb früher eingeschult werden sollte.
Der Leiter der Grundschule ließ den Prinzen ein Bild malen und befand ihn nach wenigen Strichen für schulreif, was wohl auch damit zusammenhing, dass der Mann Argumente brauchte für die Schulerweiterung von zwei- auf dreizügig.
Später erfuhren wir, dass er jeden Fünfjährigen für schulreif erklärte, der ihm unter die Buntstifte kam. Aber wir waren so gebauchpinselt (siehe elterliche Unzurechnungsfähigkeit), dass wir den Rektor für scharfsinnig hielten.
Bei der Einschulungsfeier stand der kleine Prinz mit seiner Schultüte auf der Bühne und sah aus wie ein Gulliver, der für einen Riesen die Eiswaffel hält.
Die Schule begann. Unser Sohn bekam eine Lehrerin, deren Methoden uns an eine Kaderschmiede östlicher Prägung erinnerten. Kaum hatten die Kinder die ersten Buchstaben gelernt, veranstaltete die Lehrerin Lesewettbewerbe. Jungen und Mädchen mussten nach vorne kommen und Wörter lesen. Und die, die schon vor Beginn der Schule lesen konnten, wurden mit Medaillen in Gold, Silber oder Bronze dekoriert.
Lesen für Olympia.
Der Kronprinz bekam Albträume, wachte nachts schreiend auf, malte Bilder von Hexen, die stark nach "Madame Lesewettbewerb" aussahen.
Ich versuchte, ihm mit Üben zu helfen.
Klebte ein großes "L" an die Lllllllampe, ein "K" ans Kkkkkkklavier und ein "P" an den Pppppapa, dachte mir eine Buchstaben-Schnitzel-Jagd aus, versteckte "Wort-Schätze" im Garten und "Silben-Salat" im Heizungskeller.
Uta war zwar verzweifelt, aber auch ganz in ihrem Element.
Das Üben half jedoch nichts.
Der kleine Prinz, der schon im Alter von drei Jahren elegant den Konjunktiv einsetzte, wollte weder Lesen noch Schreiben lernen.
Nach nur zweieinhalb Monaten nahmen wir ihn von der Schule. In den alten Kindergarten konnte er aus Platzgründen nicht zurück, eine nahe gelegene Vorschule war auch voll. Mit Mühe fanden wir noch einmal einen Kindergartenplatz für unseren "Großen".
Das Schönste in dieser Zeit war der Moment, als wir beide seine Bilder von "Madame Lesewettbewerb" in den Feuerkorb auf der Terrasse steckten und sie verbrannten.
Danach ging es uns besser.
Ein Jahr später wurde er in der benachbarten Grundschule eingeschult und bekam eine mütterlich-liebevolle Lehrerin. Seit diesem Neustart ging er gerne zur Schule. Lesen, Schreiben, Rechnen war kein Problem mehr.
Und war dieser verpatzte Start Fluch oder Segen?
Heute sagen wir, dass es ein Segen war. Hätte er nicht diese Drill-Dame bekommen, hätten wir ihn nicht um ein Jahr zurück genommen. Dann hätte er sich weiter durchbeißen müssen und die Qual wäre mit hoch gewachsen bis zum Schulabschluss.
"In eigenen Untersuchungen zur Frage, ob Kinder mit fünf Jahren schon schulreif sind, haben wir in großer Breite festgestellt, dass die intellektuelle Reife oft schon da ist, nicht aber die soziale Reife, um im System Schule zu überleben",schreibt Hans-Dietrich Raapke in seinem Buch "Montessori heute. Eine moderne Pädagogik für Familie, Kindergarten und Schule", Reinbek 2001. Damals habe ich mir dieses Buch gekauft, weil ich Maria Montessoris Erkenntnisse über die "sensiblen Phasen" der Entwicklung bei Kindern sehr erhellend fand.
Abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen heute die soziale Reife im Blick haben, hat man als Eltern eines Fünfjährigen auch die Pubertät noch nicht auf dem Schirm, macht sich nicht klar, dass die vorzeitig Eingeschulten als Jugendliche früher in Berührung kommen mit Themen wie "Allein abends ausgehen", "Sexualität", "Alkohol" und "Rauchen", dass sie als die "Kleinen in der Klasse" unter besonderen Druck geraten können, sich bei diesen Themen als cool zu erweisen.
Da denkt doch kein Mensch dran, wenn er aus Moosgummi die Raketen für die Schultüte ausschneidet.
Es ist aber enorm wichtig.
Immer vorsichtig damit sein, Kinder früh einzuschulen. Wenn man einmal in dem System Schule steckt, kommt man schwer wieder raus und dann kann mein "immer fröhlich bleiben" harte Arbeit werden
Uta
Montag, 9. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 187: Sog der alten Elternrolle
Bei Familie Klatzenklo läuft ja ein Experiment mit Freiheit und Vertrauen. Viele Wochen hat es mich jetzt schon entlastet, dass ich Prinzessin (12) nicht mehr im Nacken sitze und sie antreibe, das iPad wegzulegen, Hausaufgaben zu machen, Vokabeln zu lernen "oder wenigstens mal an die frische Luft zu gehen".
Schulische Abstürze gab es nicht. Und doch hatte ich am Samstag eine Krise, eine Freiheits- und Vertrauenskrise.
Ich schreibe mal auf, welche Gedanken so in mir aufstiegen, als ich den Leucht-Stern, den ich vor Orkan "Xaver" in den Keller gerettet hatte, wieder in den Gartenhaus-Giebel hängen wollte. Die Gedanken wurden übrigens nicht besser, als ich den Nagel in der Fuge zwischen den Platten verlor, es anfing zu regnen, das Kabel sich im Lavendel verhedderte und nicht mehr bis zur Steckdose am Haus reichen wollte.
Also die Gedanken:
- Prinzessin mag zwar jetzt noch in der Schule zurechtkommen, aber irgendwann werden ihr die Grundlagen fehlen und ich bin schuld, weil ich pädagogisch so weichgespült bin.
- Bei vielen Kindern ist heute alles so passiv: ein You-Tube-Video nach dem anderen sehen, nur konsumieren, statt selber etwas zu machen, eigene Weihnachtsgeschichten zu schreiben, Fröbel-Sterne zu falten ...
Ja, wenn ich auf einer Leiter im abklingenden "Xaver" stehe und mit klammen Fingern an einem Stern herumfummele, können schlimme Werte-Debatten in mir toben.
- Kann ich es verantworten, dass Prinzessin schulisch nicht zeigt, was sie eigentlich drauf hat? Vertun wir wichtige Chancen? Liegt es vielleicht einfach daran, dass ich mal wieder zu konfliktscheu bin?
- Seit Beginn der neuen Freiheit stieg die Küsschen-für-Mama-Quote zwar exponentiell, aber zeigt das nicht bloß, dass ich mich damit zu dem Kumpel-Typ gemacht habe, den Experten wie Bernhard Bueb und Michael Winterhoff so verabscheuen?
Eine weichgeregnete Kumpel-Mama trat ins Haus, die Brille beschlug, die Leiter-Füße hinterließen ein Dreck-Graffiti an der Wand im Flur.
Vergangene Woche hatte Prinzessin mich gefragt, ob wir zusammen Mathe üben könnten. Klar, sagte ich, ließ die diebische Freude über die Frage nicht so durchscheinen, blieb ganz cool. Ich spitzte Bleistifte, holte zwei Kilo Schmierpapier, stellte Nüsse auf den Tisch für die Synapsenölung.
Eine Stunde haben wir gerechnet. Und es lief immer besser. Weil die Mathe-Arbeit am nächsten Tag wegen sturmfrei ausfiel, frohlockte ich: Jetzt würden wir jede Menge Zeit haben, weiter zu üben. "Nur eine halbe Stunde jeden Tag und sie könnte es schaffen, eine richtig gute Note zu schreiben.
Uta hatte Lunte gerochen und geriet in den Sog der alten Elternrolle.
"Ich kann dir anbieten, dass wir heute wieder eine halbe Stunde Mathe üben", sagte ich am Freitag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Freitag.
"Ich kann dir anbieten, dass wir am Wochenende zusammen für die Arbeiten nächste Woche lernen. Du musst einfach nur auf mich zukommen", sagte ich am Samstag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Samstag.
Voller Frust, dass die neue Freiheit vielleicht doch nicht funktioniert, bin ich dann lieber gegangen, um den Stern aufzuhängen. Siehe oben.
Erst am Sonntagmorgen kam ich wieder zur Besinnung. In Jesper Juuls Pubertäts-Buch las ich, was der Däne zu den Kämpfen sagt, die so viele Eltern fechten wegen der Schule und der Medien. Er beschreibt, wie wir uns abstrampeln, um unsere Kinder zu unterstützen. Und wie wir, die Eltern und die Kinder, dabei einander verfehlen.
Uta hatte Lunte gerochen und geriet in den Sog der alten Elternrolle.
"Ich kann dir anbieten, dass wir heute wieder eine halbe Stunde Mathe üben", sagte ich am Freitag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Freitag.
"Ich kann dir anbieten, dass wir am Wochenende zusammen für die Arbeiten nächste Woche lernen. Du musst einfach nur auf mich zukommen", sagte ich am Samstag.
"Gut, können wir machen", sagte Prinzessin und machte sich einen schönen Samstag.
Voller Frust, dass die neue Freiheit vielleicht doch nicht funktioniert, bin ich dann lieber gegangen, um den Stern aufzuhängen. Siehe oben.
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| Jetzt leuchtet er wieder. |
Erst am Sonntagmorgen kam ich wieder zur Besinnung. In Jesper Juuls Pubertäts-Buch las ich, was der Däne zu den Kämpfen sagt, die so viele Eltern fechten wegen der Schule und der Medien. Er beschreibt, wie wir uns abstrampeln, um unsere Kinder zu unterstützen. Und wie wir, die Eltern und die Kinder, dabei einander verfehlen.
"Man fühlt sich als Eltern nicht wertvoll, ist aber auch nicht wertvoll, und als Kind fühlt man sich auch irgendwie falsch oder alleine." (Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht, München 2010, S. 178)
Jetzt fühlte ich mich wieder wertvoll und sagte zu Prinzessin
- dass er wieder in mir angesprungen sei, dieser Ehrgeiz, den ich als Schülerin hatte, immer und überall überdurchschnittlich zu sein
- dass ich endlich kapiert habe, dass sie anders ist als ich und dass das seelisch auch viel gesünder sei
- dass ich verstehe, dass sie die Wochenenden wirklich frei haben wolle
- dass ich als Mutter aber zur Verfügung stehen würde, wenn sie meine Unterstützung möchte
Wir waren beide ganz erleichtert.
Immer fröhlich forschen, was eigene Erwartungen sind und was der andere wirklich braucht
Eure Uta
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Schule
Dienstag, 3. Dezember 2013
Glückliche Familie Nr. 185: Welche Schule für mein Kind?
Als ich beim Nikolaus-Markt in unserem Gymnasium die vielen Eltern sah, die sich die Schule anguckten, weil sie ihr Kind im Januar vielleicht dort anmelden möchten, beschloss ich, etwas über Schul-Wahl zu schreiben.
Wie entscheide ich mich für die richtige Schule für mein Kind?
Jetzt merke ich, dass das eine große Frage ist. Da kann einen in diesen Tagen ganz schön der Nikolaus-Stiefel drücken.
Wegen eines Wechsels haben wir uns schon sechsmal für oder gegen eine Schule entscheiden müssen. Das sollte mir eine gewisse Kompetenz in dieser Frage geben.
Aber ich bemühe erst einmal die Wissenschaft. Die Hettie-Studie* ist ja in aller Munde. Der Neuseeländer John Hettie hat in 15jähriger Fleißarbeit tausende internationale Studien** ausgewertet, die sich unter verschiedenen Aspekten mit der Frage befassen: Was sind die entscheidenden Faktoren für den Lernerfolg?
Das Ergebnis: Der entscheidende Faktor ist der Lehrer. Der Lehrer und nochmals der Lehrer. Seine fachliche Kompetenz, seine Persönlichkeit. Dann kommt lange nichts.
Der Meta-Studie zufolge spielen so gut wie keine Rolle
- die Klassengröße
- die Art der Schule, ob privat oder staatlich
- die finanzielle Ausstattung der Schule
- ob man jahrgangsübergreifend lernt oder nicht
- ob es offenen Unterricht (im Gegensatz zur klassischen Frontal-Methode) gibt oder nicht
Hetties Forschungen haben gezeigt, dass die Leistungs-Unterschiede zwischen zwei Parallelklassen ein und derselben Schule größer sein können (bis zu einer Klassenstufe) als zwischen gleichaltrigen Schülern verschiedener Schulen. Der einzelne Lehrer ist also entscheidend, nicht die Schule.
Und was macht laut Hettie den guten Lehrer aus?
- stringente Klassenführung
- Mischung aus Strenge und Humor
- Klarheit (dass die Schüler verstehen, was er oder sie von ihnen in der Stunde erwartet)
- breites Repertoire an Unterrichtsstilen (sowohl frontalen als auch offenen Unterricht beherrschen)
- kleine Tests zwischendurch, um prüfen zu können, ob die Methoden bei den Schülern greifen
- sich und seine Arbeit selber in Frage stellen können; den Unterricht aus der Sicht des Schülers reflektieren können
- ausbleibende Lernerfolge zunächst sich selber zuschreiben, nicht dem Schüler, dem Elternhaus, dem Medienkonsum ...
- Schüler systematisch rückmelden lassen, ob sie den Stoff verstehen, sich konzentrieren können ...
- Warmherzigkeit; am einzelnen Kind und seiner Weiterentwicklung interessiert sein
- Begeisterung fürs Fach
Aber wie finden wir als Eltern solche Lehrer für unser Kind?
Wir können uns ja nur die Schule aussuchen. Und selbst wenn wir wissen sollten, dass ein guter Lehrer eine neue erste oder fünfte Klasse übernimmt, wird kein Schulleiter bereit sein, uns zu garantieren, dass unser Kind genau in diese Klasse kommt.
Jetzt starre ich schon eine ganze Weile auf das Zicklein, das im Moos neben der Adventskerze No. 1 weidet, und weiß nicht, welchen Rat ich euch geben soll.
Immer fröhlich alle Tage der offenen Tür an den Schulen ignorieren und beim Bleigießen an Sylvester eine Entscheidung treffen?
Jenseits von Hettie und seinen Auswertungen fallen mir als Mutter noch mehr Faktoren ein:
- besonders für Grundschüler ist es gut, wenn die Schule so nah ist, dass sie hinlaufen können (gibt es wenig Verkehr, wenig Straßen, die zu überqueren sind, wunderbare Pfützen, in die man hineinspringen kann, Sträucher mit Knallerbsen, Mauern zum Balancieren ...?)
- auch Jugendliche sollten (wenn man denn die Wahl hat) nicht stundenlang mit Bus oder Bahnen fahren müssen. In der heute fast überall verdichteten Schulzeit bis zu den Abschlüssen ist die Freizeit so knapp, dass sie nicht auf der Strecke bleiben sollte.
- Was höre ich über die Atmosphäre im Kollegium? Ist der Krankenstand hoch? Finden gute Lehrer auch gute Bedingungen vor oder werden sie zurechtgestutzt?
- Hängt in den Fluren Kinder-Kunst oder sieht man Null-acht-fünfzehn-Schablonen-Werke?
Der Hirnforscher Manfred Spitzer sagte mal in einem Vortrag, dass es kein Bauchgefühl gebe. In der Körpermitte sei weder ein emotionales Schaltzentrum noch eine einzige Hirnzelle zu finden. Und doch wissen wir alle, was gemeint ist, wenn wir von "Bauchgefühl" sprechen.
Und auf dieses sollten wir hören, wenn wir eine Schule für unser Kind suchen. Wir sollten uns nicht blenden lassen von Hochglanzflyern, von klangvollen Sprach-Angeboten, hochgerüsteten Computer-Räumen oder Hüpfburgen an Tagen der offenen Türen, sondern mit den Menschen reden, die dort arbeiten, die Atmosphäre schnuppern und auf unser Bauchgefühl achten.
Lasst euch wegen einer Schulentscheidung nicht verrückt machen und trefft fröhlich eine Wahl, die man - wie ich euch das nächste Mal erzählen werde - auch wieder ändern kann
Uta
Und auf dieses sollten wir hören, wenn wir eine Schule für unser Kind suchen. Wir sollten uns nicht blenden lassen von Hochglanzflyern, von klangvollen Sprach-Angeboten, hochgerüsteten Computer-Räumen oder Hüpfburgen an Tagen der offenen Türen, sondern mit den Menschen reden, die dort arbeiten, die Atmosphäre schnuppern und auf unser Bauchgefühl achten.
Lasst euch wegen einer Schulentscheidung nicht verrückt machen und trefft fröhlich eine Wahl, die man - wie ich euch das nächste Mal erzählen werde - auch wieder ändern kann
Uta
* Meinen Informationen über die Hettie-Studie liegt der Artikel "Ich bin superwichtig! Kleine Klassen bringen nichts, offener Unterricht auch nicht. Entscheidend ist: Der Lehrer, die Lehrerin ..." von Martin Spiewak auf ZEIT-online zugrunde.
**ausschließlich englischsprachige Studien; nicht alles lässt sich eins zu eins auf das deutsche Schulsystem übertragen
Sonntag, 17. November 2013
Glückliche Familie 182: Mobbing und wie es weiterging
Ich wollte euch berichten, wie diese Mobbing-Geschichte ausgegangen ist.
Meine Schwester erzählte am Telefon, dass der Schüler tatsächlich eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen wurde und außerdem - als soziale Tat - Scheinwerfer schleppen muss für die Theateraufführung einer anderen Klasse.
Ich muss noch korrigieren, dass es sich um einen Schüler der Klasse 9, nicht der Klasse 7 handelt, wie ich fälschlich geschrieben hatte.
Um "den Fall" wirklich beurteilen zu können, müsste man ihn genau kennen. Deshalb möchte ich ihn auch nicht weiter verfolgen. Uns fehlen einfach die Details.
*
Mein Neffe (14), Sohn von Schwester Nummer 3, ist vor ein paar Monaten bei einer Übernachtung in der Schule auch von einem Mitschüler fotografiert worden: schlafend mit einem Pommes im Ohr.
Der Mitschüler hat das Bild nicht ins Netz gestellt. Meine Schwester hat bei den Eltern angerufen. Der Vater konnte glaubhaft beteuern, dass ihm der Vorfall leid tue und er mit seinem Sohn darüber sprechen werde.
Für meinen Neffen ist die Sache damit erledigt. Und meine Schwester sagt, dass sie - von den Schwingungen, die sie von ihm empfange - sicher ist, dass es ihm gerade gut gehe in der Klasse, er neue Freundschaften im Lateinkurs vertiefen konnte und begeistert zum Rudern gehe.
Pommes und Demütigung war gestern, heute wachsen ihm und den Freunden, die auch zum Rudern gehen, breite Schultern.
Jemand Kluges hat mal gesagt: Es sind nicht die Ereignisse, die uns Kummer bereiten, sondern die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen.
*
Als mein Mann die dritte Klasse seiner Dorfschule besuchte, lauerte ihm eine Zeit lang ein Mitschüler auf dem Nachhauseweg auf und verprügelte ihn.
Mein Schwiegervater nahm sich einen Vormittag frei, suchte seinen Sohn auf dem Schulhof und ging mit ihm zu dem Prügler. "Wenn du diesen Jungen noch einmal anrührst", sagte mein Schwiegervater und zeigte auf seinen Sohn, "wirst du nicht mehr wissen, an welche Stelle am Kopf die Ohren sitzen."
Es ist nie wieder etwas vorgefallen. Und der Soßenkönig erinnert sich bis heute gerne (ach, bei so was kommen mir immer die Tränen), wie sein Vater beherzt für ihn eingeschritten ist.
*
Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich eine schlimme Lungenentzündung. Ich kam schließlich ins Krankenhaus, weil die Antibiotika nicht halfen. Als der Chefarzt kam und mir und meiner Mutter sagte, ich müsse operiert werden, habe ich geweint. Worauf der Chefarzt mich anfuhr, dass es auf der Welt Kinder gebe, die viel schlimmere Krankheiten hätten als ich.
Meine Mutter hat viel Respekt vor Würdenträgern aller Art, aber da explodierte sie. Ich weiß nicht mehr, was sie alles sagte. Aber die Druckwelle, die durch das Zimmer ging, habe ich in warmer Erinnerung.
*
Das waren kleine Geschichten von vorsichtigem und von beherztem Einschreiten, aber auch davon, es dann auf sich beruhen zu lassen.
Ich glaube, wir brauchen
- Eltern und Lehrer mit Führungskompetenz, Menschen, die schnell und beherzt eingreifen können
- Eltern, die ein Gespür dafür haben, wie es ihrem Kind geht
- Eltern, die Kinder nicht bestätigen in einer Opferhaltung, sondern beim Rudern, Karate, Kickboxen .... anmelden
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| Stark werden bei Abenteuern oder beim Sport. |
Weg mit dem Moralisieren, Dramatisieren, Psychologisieren und lange Konferieren und den Mut haben, fröhlich einzuschreiten
Uta
PS: Erinnert ihr euch an Situationen, wo sich jemand in einem Konflikt beherzt für euch eingesetzt hat?
Oder vielleicht auch an den anderen Fall: Ihr musstet es alleine regeln und habt dabei viel gelernt?
PS: Erinnert ihr euch an Situationen, wo sich jemand in einem Konflikt beherzt für euch eingesetzt hat?
Oder vielleicht auch an den anderen Fall: Ihr musstet es alleine regeln und habt dabei viel gelernt?
Freitag, 1. November 2013
Glückliche Familie Nr. 179: Mobbing beenden
Ein Telefonat, das ich gestern mit meiner ältesten Schwester führte, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Meine Schwester ist Lehrerin an einem Gymnasium, sehr engagiert, kreativ, voller Ideen und auch Manns genug, eine Meute von 30 Kindern souverän durch ein Schuljahr zu führen.
Zu dieser Stunde sitzt sie in einer Konferenz mit dem Schulleiter und mehreren Kollegen, die einberufen wurde, weil ein Schüler einer siebten Klasse ein brisantes Foto ins Internet gestellt hat. Er hat es aufgenommen von einem Mitschüler, als dieser sich gerade im Klassenzimmer übergeben musste. Mittels digitaler Bildbearbeitung fügte der Schüler dem Foto eine braune Sprechblase mit dem Wort "Kacki" hinzu.
Der "Täter" und seine Eltern sind auch zu der Konferenz bestellt. Und meine Schwester berichtete, dass der Schulleiter erwägt, den Jungen eine Woche vom Unterricht auszuschließen. Dem anderen Jungen ginge es schlecht. Dessen Eltern hätten es schwer, ihn zu bewegen, überhaupt noch zur Schule zu gehen.
Meine Schwester klang erschöpft und ratlos. Auch der Schulleiter und die Kollegen wüssten nicht so recht, was zu tun sei.
Ich übrigens auch nicht. "Bin ich der master oder was?" würde Prinzessin (12) in einer solchen Situation sagen.
Und ich habe größten Respekt vor Menschen, die 30 Zwölf- bis Vierzehnjährige so durch eine Schulstunde führen können, dass sie selber keinen Tinnitus, "Burn out" oder "Rad ab" erleiden und die Kinder auch noch was lernen.
Heisst: Ich habe größten Respekt vor Lehrern, auch wenn nicht jeder, der meinen Kindern bisher begegnet ist, "my very best friend" ist, um wieder mit Prinzessin zu sprechen.
Da ich nicht zerschlissen bin vom Schulbetrieb, befinde ich mich in der glücklichen Lage, in aller Muße (heute morgen während der professionellen Zahnreinigung beim Zahnarzt) nachdenken zu können.
| auch nachdenklich ... Amy |
Was kann eine Schule in solch einem Mobbing-Fall tun?
"Master" hat blitzblanke Zähne und einen Vorschlag:
- der Klassenlehrer fährt am gleichen Tag mit dem Übeltäter zum "Opfer" nach Hause
- dort entschuldigt sich der Schüler in aller Form und in Anwesenheit der Eltern des "Opfers"
- und er fragt, in welcher Weise er das Geschehen wieder gutmachen könne
- Wiedergutmachung vereinbaren
- danach keine Konferenzen, kein Unterrichtsausschluss oder dergleichen
- sollte Ähnliches noch einmal vorfallen, wieder sofort so handeln
Die Tat gehört in den Mittelpunkt, nicht der "Täter".
Es ist ein wichtiger Unterschied, ob wir sagen "Wir dulden so etwas nicht an unserer Schule" oder "wir dulden dich nicht an unserer Schule".
Wir sollten Kinder nicht aufteilen in "Opfer" und "Täter", sie nicht festlegen auf Rollen, die beide zweifelhafte Aufmerksamkeit mit sich bringen.
Es braucht klare Regeln und schnelles Handeln, keine langen Konferenzen, kein Diskutieren, Dramatisieren, Moralisieren.
Die Konsequenz sollte sozialer Stress sein, nämlich der, dem gedemütigten Jungen und seinen Eltern in ihrem vertrauten Umfeld gegenüber stehen zu müssen. (Das bringt auf jeden Fall keine "Out-law"-Anerkennung bei den Kumpels in der Schule wie andere Maßnahmen).
Und solch ein privater Wiedergutmachungs-Besuch zeigt bestimmt mehr Wirkung als eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen zu werden und in Ruhe "Playstation" spielen zu können.
So, und jetzt seid ihr dran. Ich brauche einen Praxis-Check. Was meinst du, Schwesterherz? Könnte das ein brauchbares Verfahren sein? Was denken die anderen Lehrer unter euch? Habt ihr noch andere Ideen, die hier weiterhelfen könnten?
Wie schlimm alles ist, möchte ich nicht lesen. Aber für Ideen bin ich immer zu haben.
Immer die Tat sofort mit Sanktionen belegen und dann (hoffentlich) wieder fröhlich Unterricht machen,
eure Uta
Mittwoch, 23. Oktober 2013
Glückliche Familie Nr. 177: Die Hausaufgaben-Falle
Gestern Abend war ich bei einem Vortrag über Hausaufgaben in unserer Schule. Die Aula war fast voll.
Hausaufgaben sind ein Hass-Thema für Eltern.
80 Prozent aller Eltern in Deutschland helfen bei den Hausaufgaben, sagt die Lern-Trainerin, die den Vortrag hielt.
80 Prozent von all dem Stress, den es in Familien gibt, hat mit Hausaufgaben zu tun, sagt Uta.
Hausaufgaben kommen in der Streit- und Stress-Statistik wahrscheinlich noch vor Aufräumen, Zähneputzen und Katzenklo saubermachen.
Die Lern-Trainerin machte deutlich, dass Eltern schnell in eine Hausaufgaben-Falle gerieten. Irgendwann fangen sie an zu helfen, helfen dann immer mehr (Papa hat sich ja auch so gut in das Thema eingearbeitet, Mama hatte schließlich auch mal Latein) und sitzen plötzlich in der Falle.
Trotz all der Hilfe wird es in der Schule auch nicht besser oder höchstens ein bisschen. Also hilft man noch mehr und streitet noch mehr ... eine Falle, wie gesagt.
Zuviel Hilfe ist also schädlich, aber sein Kind gar nicht zu unterstützen, kommt auch nicht in Frage.
Deshalb hier ein paar Ideen für einen gesunden Mittelweg:
- dem Kind Hilfe anbieten, aber ihm nicht kontrollierend im Nacken sitzen
- bei älteren Kindern Sprechzeiten vereinbaren: z.B. "wenn du Fragen hast, nehme ich mir von 18 bis 19 Uhr Zeit, sie mit dir durchzugehen"
- die eigene Haltung überprüfen: Erlebt mich mein Kind als Mensch gewordenes Misstrauensvotum?
- bei Grundschulkindern nach Mittagessen und Erholungspause (Toben, Trampolin, Fußball ...) Schulaufgabenzeit mit Ritual eröffnen (immer wenn der Wecker geklingelt hat, geht es los mit Hausaufgaben; immer wenn Mama mir einen Kakao kocht, hole ich meine Schulsachen heraus; immer wenn ...)
- Anfangs- und Endpunkt der Schularbeiten festlegen und besprechen, was das Kind danach Schönes tun könnte
- wenn das Kind sich schwer tut, mit der Arbeit zu beginnen, zusammen schätzen, wie viel Zeit es wohl benötigen wird und auf einem Timer einstellen; die meisten Kinder lieben diese Art von Wettbewerb, zumal sie meistens weniger Zeit brauchen werden als gedacht: "Mensch, nur 20 Minuten, dann mache ich das schnell."
- nie auf dem Arbeitsplatz des Kindes sitzen, sondern neben ihm
- nie in die Hefte des Kindes hineinschreiben oder etwas radieren; Hefte, Bücher und Ranzen sind Autonomie-Gebiet des Kindes
- bei der Hausaufgabenhilfe nur reden, was die Aufgabe gerade verlangt. Die meisten Eltern reden viel zu viel und stören die Konzentration des Kindes: "Warum hast du nur stumpfe Bleistifte? Kannst du dich nicht mal gerade hinsetzen? Weißt du schon, wann ihr die nächste Arbeit schreibt? Bei dieser Unordnung hier könnte ich ja gar nicht lernen ..." Nicht machen!
Bei Prinzessin (12) läuft es gerade gut mit den Hausaufgaben. Das verdanken wir der neuen Freiheit. Es hat zwar ein paar Wochen gedauert, aber jetzt schafft sie es immer häufiger, sich ihre Arbeit selbst einzuteilen.
In den Noten schlägt sich das noch nicht nieder, aber als Person wirkt sie stärker als vorher.
Und ehrlich, das ist mir viel wichtiger als alles andere.
In den Noten schlägt sich das noch nicht nieder, aber als Person wirkt sie stärker als vorher.
Und ehrlich, das ist mir viel wichtiger als alles andere.
Immer fröhlich den Mittelweg bei der Hausaufgabenhilfe suchen
eure Uta.
PS: Da ich Gelassenheit und Humor in der Liste oben vergessen habe, kommt jetzt noch ein Witz hinterher, den ich in der Zeitung gelesen habe.
Zwei Zahnstocher laufen eine Straße entlang, als sie plötzlich ein Igel überholt. Sagt der eine Zahnstocher zum anderen: "Ich wusste gar nicht, dass hier ein Bus fährt."
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Dienstag, 8. Oktober 2013
Glückliche Familie Nr. 173: Machos im weiblichen Biotop Schule
Wir sind wieder zu Hause, aber ich konnte nicht bloggen, weil unsere Fritzbox kollabiert ist. Kaum habe ich die Kiste gelobt, bricht sie zusammen. War vielleicht doch zuviel mit dem ganzen Jugendschutz.
Ich habe dafür Verständnis. Die meiste Zeit fühle ich mich auch überfordert vom Jugendschutz.
Dass ich nicht ins Internet konnte, war trotzdem blöd, weil ich euch dringend von einem Text schreiben wollte, den meine süddeutsche Schwägerin für mich kopiert hatte.
Wenn mich ein Artikel oder ein Buch begeistert, dann möchte ich am liebsten mit tausend Exemplaren über das Land fliegen und Kopien aus dem Hubschrauber abwerfen.
Dieser Text ist so einer.
Er stammt von dem Schweizer Allan Guggenbühl und heißt: "Die Schule - ein weibliches Biotop? Psychologische Hintergründe der Schulprobleme von Jungen". (erschienen in: Handbuch Jungen-Pädagogik von Michael Metzner und Wolfang Tischner, 2008, S. 150 - 167)
Guggenbühl schreibt, dass die Schulen es gut gemeint hätten, als sie in den 80er und 90er Jahren die Geschlechterrollen abschaffen wollten. Ein Mädchen sollte nicht darauf festgelegt werden, ein Mädchen zu sein, ein Junge nicht darauf, ein Junge zu sein. Mädchen sollten für Naturwissenschaften begeistert werden, Jungen für Handarbeiten und den Frieden.
Was gut gemeint war, so Guggenbühl, war letztlich eine Ideologisierung und ginge an der Realität von Kindern vorbei. Zwischen den Geschlechtern gebe es Unterschiede, die wir nicht leugnen könnten. Und wenn wir sie leugneten, würden wir den Schülern nicht gerecht. Vor allen den Jungen nicht, die inzwischen viel häufiger die Schule abbrechen oder zur Therapie geschickten werden als die Mädchen.
"Die überwiegende Mehrzahl der Kinder will sich als Junge oder Mädchen ins Leben einbringen, will die geschlechtliche Identität ausbauen und entwickeln. ... Auch wenn die Erwachsenen sich strikt geschlechtsneutral verhalten, entwickeln sich die Geschlechtsunterschiede. ... Wenn die Schule Geschlechtsunterschiede negiert, dann werden aus den Schülerinnen Tussis und aus den Schülern Machos!" (S. 153)
In dem Artikel wird mit Methoden aufgeräumt, die ich bis letzte Woche für toll hielt.
Individualisierter Unterricht zum Beispiel.
Guggenbühl macht klar, dass es für einen Jungen Stress bedeutet, wenn sich eine wohlmeinende Lehrerin an seinen Tisch setzt, ihm tief in die Augen blickt und nach seinen Interessen fragt.
"Wieso setzt sie sich wieder an meinen Tisch, spricht mit leiser Stimme und betroffenem Gesicht?"Über Worte Nähe zu erzeugen, ist ein sehr weibliches Verhalten. Jungen irritiert das eher. Sie stellen Nähe mehr über Taten her. Wenn sie jemanden zeigen wollten, dass sie sie mögen, würden Jungen ihr neustes Handy vorführen, eine Schachtel voller Würmer zeigen oder erklären, wie man den Stuhl verstellt, so Guggenbühl.
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| Das Tun ist für Jungen noch wichtiger als für Mädchen - Kronprinz vor Jahren an der Nordsee |
Auch bei uns an der Schule gibt es seit einiger Zeit sogenannte "Lernzielgespräche".
Meistens sieht das so aus: Lehrerin, Uta und Sohn sitzen zu einem vereinbarten Termin im leeren Klassenzimmer. Lehrerin und Uta sind begeistert über so viel Gelegenheit zum Quatschen, Sohn sitzt muffig daneben.
Danach auf dem Weg zum Auto.
Uta: "War doch toll, wie Frau Wagner auf uns eingegangen ist und wie differenziert sie dich sieht, oder?"
Kronprinz (15): "Mmmmpf".
Uta: "Eigentlich ist sie ja doch ganz nett, die Frau Wagner."
Kronprinz: "Mmmmpf".
Uta: "Du musst dich einfach nur ein bisschen häufiger melden und dich mehr bei der Gruppenarbeit einbringen."
Kronprinz: "Mmmmpf".
Uta: "Ja, fandest du das Gespräch denn nicht gut?"
Kronprinz: "Kriegen wir jetzt eigentlich einen Internetverstärker?"
Ende des Gesprächs.
Auch Prinzessin ist keine Freundin von Lernzielgesprächen. Aber sie reagiert - typisch Frau - ganz anders darauf. Sie sucht Augenkontakt zur Lehrperson, trägt eifrig neue Lernziele ein und sitzt mit einem charmantem Dauerlächeln auf ihrem Stuhl.
Als wir nach dem jüngsten Lernzielgespräch die Treppe zum Parkplatz hinaufgingen, knetete sie ihre Wangen.
"Was machst du da?" - "Ich massiere mein Gesicht. Dieses Dauergrinsen ist so mega-anstrengend."
Ich bin vom Thema abgekommen.
Es ging darum, dass Allan Guggenbühl eine zu starke Individualisierung des Unterrichts für Jungen nicht gutheißt. Phasen des Frontalunterrichts seien wichtig für Jungen.
Ich zitiere: "Wenn die Lehrperson vor einer Schülerschar steht, auf sie einspricht und etwas verlangt, dann präsentiert sie sich als Oberbandenführer". Das bräuchten Jungs von Zeit zu Zeit. Überhaupt bräuchten sie die Gruppe oder Klasse, weil sie sich viel mehr in Hierarchien einsortierten als Mädchen. Die Klasse und ihre Struktur sei für sie eine wichtige Motivation (Besser in Mathe sein als Tim und fast so gut wie Leon). Bei zuviel Individualisierung und ständigem Werkstattunterricht, wo jeder an seinen Themen vor sich hinarbeitet, verlören Jungen ihren inneren Halt.
Ein typisches Gewächs des "weiblichen Biotops Schule" ist die Note für soziales Verhalten, die es inzwischen in vielen Bundesländern gibt. Dem Artikel zufolge sind zumindest die Kriterien, nach denen sie vergeben werden, zutiefst weiblich.
"...das Sozialverhalten ist inzwischen zur schulischen Schlüsselkompetenz aufgestiegen. Schüler und Schülerinnen sollen lernen, eigene Gefühle in Worte zu kleiden, Konflikte verbal zu meistern, zu kooperieren und sich in eine Gruppe einzufügen. ... Die Standards, durch die soziale Kompetenzen genauer festgelegt werden, entsprechen dem Sozialverhalten der Mädchen und nicht jenem der Jungen." (S. 165)Jungen reagieren körperlicher, sie provozieren gerne, machen Witze und prahlen gerne, um Kontakt zur Gruppe aufzunehmen. Sie brauchen als Lehrer oder Lehrerin einen "Oberbandenführer", der das durchschaut, mal darüber lachen, es aber auch eindämmen kann, statt den Jungen gedanklich und im Zeugnis abzuwerten.
Ach, ich könnte noch so vieles aufgreifen aus dem Text. Aber das führt zu weit.
Für Zuhause noch den Tipp:
Wenn ihr mit eurem Sohn ein wichtiges Gespräch führen wollt, macht nicht die "Schau-mir-in-die-Augen-Kleiner-Nummer". Ihr kommt ihm viel näher, wenn ihr zusammen wandert, joggt oder etwas werkelt.
Immer fröhlich einen Jungen einen Jungen sein lassen
eure Uta
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Donnerstag, 26. September 2013
Glückliche Familie Nr. 171: Losglück und Lebenshunger
Mein Mann meinte, ich könne nicht immer Juul zitieren.
Recht hat er.
Obwohl ich Juuls Gelassenheits-Pädagogik schon sehr verfallen bin: seinem Einfühlen ins Kind, seinem rührenden dänischen Akzent bei seinen Vorträgen und seinem Verständnis für familiäres Chaos. Ein Verständnis so breit wie sein Grinsen und so hoch wie die Dünen am Hennestrand.
Ich ging also in den örtlichen Buchladen und bestellte ein Buch von Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram.
"Die meisten bestellen ja Juul", sagte die Buchhändlerin und tippte Suchbegriffe ein. Ich sagte nichts und drehte am Ständer mit den Kunstkarten.
"'Wie Erziehung garantiert misslingt''', meinen Sie den Titel?" Der Kartenständer quietschte. "Ja, genau das Buch will ich haben."
Rogge und Bartram stellen fünf Erziehungsirrtümer an Beispielen dar und zeigen, wie man aus der jeweiligen Falle wieder heraus kommen kann.
Als Irrtümer werden genannt, wenn Eltern ...
- glauben, sie könnten ihr Kind dazu bringen, im Leben etwas zu erreichen
- daran fest halten, dass die Kinder ihnen gehorchen müssten
- glauben, sie kämen ganz ohne Strenge aus
- überzeugt sind, sie müssten immer für ihr Kind da sein
- glauben, sie sollten ihre Kinder glücklich machen
Das sind zum Teil einander widersprechende Erziehungs-Tendenzen. Zu jeder Falle, in die man tappen kann, wird die Geschichte einer Familie erzählt. Die Autoren beschreiben, wie eine Strategie, an der sich Eltern festgebissen haben, zu wiederkehrenden Konflikten führt und das Miteinander sehr mühsam macht.
Ich kann noch keine Empfehlung für das ganze Buch aussprechen, weil ich noch nicht damit durch bin. Aber der Anfang ist vielversprechend.
Da ist Pia, die nach der Trennung von ihrem Mann den Schwiegereltern, sich und der Welt beweisen will, dass sie es auch alleine schafft mit den beiden Kindern. Ihr Mantra sind solche Sätze wie "Im Leben wird einem nichts geschenkt" oder "Wer nicht hören will, muss fühlen."
Mit dieser Einstellung - so Rogge und Bartram - blieben die Eltern nicht im Jetzt, sondern wollten ihr Kind auf ein "imaginäres Später" vorbereiten. Und weil sie ihr Kind nicht in seiner Ganzheit sähen, sondern nur Talente, die sie so gern bei ihm entdecken würden, entstünde permanent Stress in ihrer Beziehung.
Ich möchte hier nicht im Einzelnen aufführen, welche Kurskorrekturen in dem Buch vorgeschlagen werden, um die Lage zu entspannen. Einen Satz aber, der mir besonders gefallen hat, möchte ich herausgreifen:
"Jeder abstrakten Erfahrung geht eine körperliche voraus."
Nicht nur Nele und Mario aus dem Buch, fast alle Eltern verfallen immer wieder einer viel zu akademischen Vorstellung vom Lernen: Schreibtisch, Bücher, Heft, Schönschreiben, Stillsitzen - das erfreut das Elternherz.
Nicht daran gedacht, dass Schaukeln bis in den Himmel die Gehirnhälften besser verdrahtet?
Schon vergessen, dass Klettern das räumliche Vorstellungsvermögen ausbildet?
Nicht gewusst, dass Balancieren eine wichtige Grundlage für das Matheverständnis ist?
Nicht selber schon gespürt, dass die Seele dürstet nach Singen, Tanzen und sich um sich selber drehen?
Kinder brauchen vor allem in den ersten zehn Jahres ihres Lebens folgende Möglichkeiten:
- Seil springen
- mit Bauklötzen bauen
- Ball spielen
- mit Sand spielen
- rutschen, rennen, hüpfen
- schaukeln
- Höhlen bauen (draußen mit Zweigen oder drinnen mit Kissen und Decken)
- balancieren
- schnitzen
- Nägel einschlagen
- in Pfützen springen
- malen, malen und malen
- Tiere erleben/versorgen
- sich um eine Puppe kümmern
- trommeln
- singen
- sich verstecken
- Geschichten hören
![]() |
| Tiere erleben: Prinzessin vor Jahren auf einem Bauernhof im Allgäu |
Noch ein Tipp: Meine Elterntrainer-Kollegin hatte mal bei Baumfäll-Arbeiten in ihrer Nachbarschaft einen Stamm gerettet und auf ihre kleine Terrasse gelegt. Daneben immer griffbereit mehrere Hämmer und Nägel. Das war über Wochen die größte Attraktion für ihren Sohn und seine Freunde.
Solche Angebote sind viel wichtiger als Früh-Englisch, Vorschul-Chinesisch oder sonstige Attentate, verübt von verkopften Erwachsenen auf lebenshungrige Kinder.
Mir bitte immer fröhlich schreiben, was ich in der Liste noch vergessen habe.
Uta
PS: Das Glückswindlicht aus Papier hat Sabrina von "Alltagssüß" gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
Schreibst Du mir bitte eine Mail mit Deiner Postanschrift? Dann kann ich das Glück eintüten.
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Sonntag, 28. April 2013
Glückliche Familie Nr. 141: Lernen mit Toni
Ich stehe für eine Pädagogik des Vertrauens.
Menschen mit dem Motto "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" sind mir höchst suspekt.
Aber auch mein Vertrauen ist Erschütterungen ausgesetzt. Zumindest sometimes.
Prinzessin (12) lernte zusammen mit unserer Nachbarin Toni (16) Englisch. Ich hatte in der Küche zu tun und bekam ein paar Fetzen mit. "Was heißt denn 'sometimes'?" - "Weisinich." - "Manchmal". "Und was heißt 'still'?" - "Äh, keine Ahnung."
Unter Schock vergaß ich, den Druck auf die Spüli-Flasche zu lockern. Berge aus Schaum und Selbstzweifeln wuchsen aus dem Spülbecken. Sechste Klasse und kein Grundwortschatz?
Ist mein Weg ein Holzweg? Ist mein Vertrauen vielleicht Blindheit? Ist meine sonnige Gelassenheit eine Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit meiner Kinder?
Auf dem Wohnzimmertisch lag "Der Spiegel". Vom Titelbild schaute mich ein bekümmertes Mädchen an. "Ich kann nicht mehr" stand in weißen Buchstaben auf ihrem Pulli und in einem Kasten daneben "Generation Stress. Wenn Schule krank macht".
Ich warf das Heft zurück auf den Tisch. Zumindest dieses Problem haben wir nicht.
| Lernen mit Toni - da kann es passieren, dass auch noch die Nägel neu lackiert werden. |
"Komm, Toni, eine Runde Abtanzen." Prinzessin alberte herum, stupfte die neonpinke Spitze ihres Zeigefingers in Tonis Seite.
Aber Toni zog ihren Pulli glatt, blieb hart, ließ Prinzessin 'sometimes' und 'up to now' und 'ago' auf Zettel schreiben und hängte sie in Prinzessins Zimmer an den Kleiderschrank. "Das sind die Signal-Wörter für 'simple past'. Hast du das verstanden?" - "Alles klar, gecheckt", Prinzessin flog durch ihr Zimmer und landete mit einer Arschbombe in ihrem Sitzsack. Toni seufzte und grinste.
Überhaupt Toni. Sie wohnt im Haus nebenan. Und wenn es nach Prinzessin ginge, brächen wir die Kellerwand durch für ein gemeinsames Schwimmbad, das Wohnzimmer für eine Disco, das Bad für ein Beauty-Studio mit Toni.
Als ich neulich jammerte, dass ich keine Lust hätte, ständig der Antreiber beim Lernen zu sein, meinte der Soßenkönig: "Können wir nicht Toni fragen, ob sie Prinzessin unterstützt? Sie spart doch für ein iPhone. Dann kann sie sich ein bisschen Geld verdienen und alle sind glücklich."
Gelernt wird auf der Bank in der Sonne vor dem Haus oder bäuchlings auf dem Teppich im Zimmer. Und wenn der Kopf schwirrt von Present Perfect, Past Progressive und Simple Past, hängen beide an der Turnstange ab.
"Das war der perfekte Tag", sagte Prinzessin neulich, nachdem sie den halben Nachmittag mit Toni verbracht hatte. "Obwohl ihr lernen musstet?" fragte ich ungläubig. "Ja, mit Toni passt es einfach. Sie ist streng, aber man hat trotzdem seinen Spaß."
So beschwingt, tippte sie noch eine halbe Stunde Französisch-Vokabeln in ein Computer-Lernprogramm (auch zu empfehlen), übte Spagat und schaufelte noch schnell die Klumpen aus dem Katzenklo.
Hätte ich mit ihr gelernt, hätten wir uns spätestens nach einer halben Stunde in die Haare bekommen.
Deshalb mein Eltern-Entspannungs-Tipp für heute:
Wenn ihr einen Schüler in eurer Nachbarschaft habt, der drei oder vier Jahre älter ist als euer Kind und sich etwas Geld dazu verdienen möchte, engagiert ihn oder sie als Lerncoach. So lernt es sich effektiver und bringt sogar Spaß.
"In Deutschland", sagt der Neurobiologe Martin Korte, " wird Schule vor allem mit Arbeit und Entbehrung gleichgesetzt."
Und wie sagen die Amerikaner?
The brain runs on fun.
Also mein Weg bleibt der des Vertrauens und der Freude. Yesterday, up to now, for ever.
Immer schön fröhlich bleiben
Uta
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