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Dienstag, 20. März 2018

Seelen-Kratzer vermeiden

Wie wir mit Papier und Stift unsere Beziehung zum Kind deutlich verbessern können Der Tipp, den ich euch jetzt vorstelle, ist so wirksam, dass ich es kaum erwarten kann, diesen Beitrag zu veröffentlichen. Ihr müsst nur dafür sorgen, dass ihr immer ein Blatt Papier und einen Stift in greifbarer Nä...
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Montag, 9. Januar 2017

"Kleine ICH-Zeiten zelebrieren"

Manchmal bekomme ich Rückmeldungen von Leserinnen und Mamas, die ich gecoacht habe, die mich selbst wieder wachrütteln und auf meinen Weg zurückführen. So ging es mir mit dieser Mail aus Bayern. Hier ein Ausschnitt:
„Ich habe nun den ganzen Dezember über sehr, sehr wenig gearbeitet, habe mi...
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Dienstag, 6. September 2016

Glück - ein gigantischer Anspruch

Geschrieben, gelöscht, geschrieben, gelöscht … wie soll ich euch sagen, dass Alfie Kohn, der amerikanische Erziehungs-Autor, große Verdienste um Kinder erworben hat, mich aber doch nicht ganz überzeugt? Mehrere Menschen, die ich schätze, haben mir sein Buch „Liebe und Eigens...
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Sonntag, 17. April 2016

Der defizitäre Blick auf das Kind

Wie Eltern von Erzieherinnen verunsichert werden können.
Heute möchte ich euch auf einen für mich alarmierenden Beitrag auf dem Blog „Mama chillt“ hinweisen. Die Kölner Journalistin Christina berichtet von ihrem ersten Elterngespräch im Kindergarten und wie schon dort der defizi...
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Montag, 7. März 2016

Raus aus den Ego-Umlaufbahnen

Bei Selbstzweifeln hilft es, die Blickrichtung zu verändern.
Am vorletzten Wochenende war ich zu einer Lesung meines Buches ins Ruhrgebiet unterwegs. Es sollte meine dritte Lesung sein und ich wusste nicht: Kommen 50 Leute oder nur 5? Am Tag vorher befiel mich Lampenfieber. Zwar redete ich mir e...
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Mittwoch, 10. Februar 2016

Von der Kraft der Ermutigung

Unter dem Eindruck eines Lernentwicklungsgespräches.
Anfang der Woche saß ich mit in einem Lernentwicklungsgespräch:
Ein Hamburger Gymnasium. Zwei Lehrer. Eine Mutter. Ein Sohn. Eine Versetzung, die gefährdet ist.
Der Sohn ist keiner, der Null Bock hat. Im Gegenteil. Die Lehrer aber sagen, er hab...
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Mittwoch, 16. April 2014

Glückliche Familie Nr. 213: Kinder loben?


Um Neujahr rum hatte ich geschrieben, dass ich eine Weiterbildung machen will, die von den Ideen Jesper Juuls inspiriert ist. Netterweise bietet das Institut einen Schnuppertag an, damit Interessenten eine Idee bekommen, ob das wirklich was für sie ist. Zum Glück! Denn das Schnuppern ergab: das ist nichts für mich.
So wie ich Jesper Juul in seinen Büchern und bei einem Vortrag kennen gelernt habe, wäre das auch nichts für ihn.

So viel Herumstochern in der eigenen Kindheit, so viel Betroffenheit, so viele Tränen - irgendwann schlurfte auch ich ganz niedergeschlagen durch die Fortbildungsstätte. Und als ich abends mit meiner Reisetasche unterm Arm zur S-Bahn ging, fiel ich immer wieder in den Laufschritt. Ich konnte nicht anders. "Weg, nur weg von hier!"

Ich bin wirklich dafür herauszufinden, wer man ist und woher man kommt. Und wenn man damit abgeschlossen hat, muss man nicht weiter um sich kreisen und sich mit der "Und-was-macht-das-jetzt-mit-dir"-Frage befassen. Denn meistens macht das Tränen.

Dass man selber keine Leiche im Keller haben sollte, wenn man als Familienberater tätig werden will, hatte ich verstanden, als ich eine halbe Stunde geschnuppert hatte. Ich finde auch Supervision gut und alles. Aber wo sind die Ansätze, die uns im Familienalltag weiterhelfen? Wie werden aus Kindern Erwachsene, die nicht in Gedanken an ihre Kindheit Seminarräume fluten? Wie können Eltern ihren Kindern ein gesundes Selbstgefühl mit auf den Weg geben?

Nach der Seminar-Erfahrung hatte ich die Juul-Bücher in den vergangenen Wochen beiseite geschoben. Hatte ich den Dänen falsch verstanden oder nur herausgelesen, was mir genehm war?

Aber gestern wagte ich es und hörte ein Kapitel aus seinem Buch "Familienberatung. Perspektiven und Prozess."  und war wieder ganz begeistert. Denn da sagt er konkret, was für ein gesundes Selbstgefühl von Kindern förderlich ist.

Ich fasse das mal mit eigenen Worten zusammen*:

Juul unterscheidet zwischen Selbstvertrauen und Selbstgefühl.

Selbstgefühl       =   Gefühl dafür, wer ich bin; Fokus liegt auf dem Sein

Selbstvertrauen  =   Gefühl dafür, was ich kann; Fokus liegt auf dem Können


Das Problem beim Selbstvertrauen ist, dass es zusammenbricht, wenn die Erfolge ausbleiben, wenn die Mathearbeit daneben geht, beim Bloggen die Kommentare ausbleiben, der Kuchen misslingt, auf der Party niemand mit einem spricht.

Die meisten Eltern gehen von Klein auf bei ihren Kindern auf die Schiene "Selbstvertrauen".
"Du kannst aber toll schaukeln." - "Mensch, so eine stattliche Burg hast du gebaut." - "Versuche, das Dach noch spitzer zu malen, dann sieht es wirklich aus wie ein Haus."

Das ist gut gemeint (ich habe das auch getrieben, bis Kronprinz sich als bester Burgenbauer, Bobbycar-Pilot und Kletterwandbezwinger aller Zeiten fühlte).

Die Kinder aber wundern sich. "Ich habe doch einfach nur Spaß oder ist das hier auf dem Spielplatz ein Wettbewerb? Na ja, Mama und Papa scheinen das so zu verstehen, dann will ich mich mal tüchtig anstrengen. Einfach buddeln und genießen scheint bei den Großen nicht so anzukommen. Und das ist mir natürlich das Wichtigste, dass Mama und Papa mich toll finden. Also rutsche ich jetzt mal nicht einfach so aus purer Lust an der Geschwindigkeit und an dem Wind um die Ohren, sondern weil die Großen mich dann loben."


"Du kannst aber gut klettern!" Es würde mich nicht wundern, wenn ich damals so etwas gesagt hätte. 

Juul meint, das Kind lerne so, die Aufmerksamkeit von sich selbst wegzulenken und sich nach und nach nur noch auf die Beurteilung der Eltern auszurichten.

Wenn das eine Weile so geht auf dem Spielplatz, bekommt man Kinder mit Selbstvertrauen, aber wenig Selbstgefühl, Kinder, für die später eine Welt zusammenbricht, wenn die Lehrerin sie kritisiert oder eine Arbeit schlecht ausfällt.

Und was stärkt das Selbstgefühl?

* Dem Kind auf der Rutsche zuwinken und rufen: Du hast Spaß, oder? (eine Reaktion als Bestätigung ihres Seins wollen sie schon, aber keine Leistungs-Einstufung)

* Sich Mitfreuen an ihrem Tun, zusammen Spaß haben, kuscheln, kitzeln

* sie nicht ständig warnen: Pass auf, die Rutsche ist steil! Vorsicht, da liegt eine Scherbe! Klettere lieber nicht auf die Mauer, du könntest runterfallen! Ständige Sorgen und Ermahnungen berauben sie der eigenen Erfahrung und schwächen ihr Selbstgefühl.

* sich für das selbstgemalte Bild bedanken, zum Ausdruck bringen, dass man sich freut, vielleicht noch sagen, was man dabei empfindet ("huch, das wirkt auf mich richtig unheimlich"), aber sich nicht als Zeichenlehrer aufspielen ("die Sonne ist aber doch nicht blau", "hier noch eine Linie, dann ist es perfekt").

* im Großen und Ganzen teilhaben an ihrem Erleben, ohne immer gleich zu bewerten, was sie tun

Natürlich ist es gut, das Kind für eine tolle Leistung anzuerkennen und auch mal so Dinge zu sagen wie: "Ich bin wirklich beeindruckt, wie schnell du Radfahren gelernt hast." Aber was man vermeiden sollte, ist dieses Preisen jedes Krikel-Krakel-Bildes und diesen Dauer-Lobe-Modus.

In diesem Modus war ich auch. Und das ist jetzt mal so ein Punkt, den ich wirklich anders machen würde, wenn Kronprinz (16) und Prinzessin (13) noch einmal klein wären. Aber ich muss da jetzt nicht drüber reden, was das mit mir macht. Echt nicht.

Immer fröhlich das Leistungs-Loben lassen und die Ostertage genießen

Eure Uta

* Ich beziehe mich dabei auf "Jesper Juul. Familienberatung. Perspektiven und Prozess. Hörbuch erschienen am 19.12.2013, die Stelle, die man erreicht nach etwa zwei Stunden Hören.

Dienstag, 29. Oktober 2013

Glückliche Familie Nr. 178: Von der "Überverantwortlichkeit"


Was für ein Morgen! Prinzessin (12) und Soßenkönig kollidieren im Badezimmer, weil die eine zur Schule, der andere früh zum Flughafen muss. Das Taxi, das ich für den Flughafen-Transfer bestellt habe, kommt und kommt nicht. Der Kater übergibt sich ins Wohnzimmer. Der Kronprinz hat sieben Minuten vor Schulbeginn noch nicht sein Zimmer verlassen. Soßenkönig sucht eine Wintermütze, die noch in den Koffer soll. Ohne Frühstück springt der Kronprinz auf sein kaputtes Fahrrad und saust die Einfahrt hinunter, wo endlich das Taxi hält. Der Fahrer entschuldigt sich. Seine Mutter fliege heute nach Indien zurück und sie fände ihren Reisepass nicht wieder. Ein Kuss. Die Autotüren knallen. Ich winke. Vor dem Haus treiben Blätter und abgebrochene Äste. Nach diesem hektischen Morgen fühle ich mich zerzaust wie der Garten nach dem Sturm gestern.

Wie froh bin ich, dass ich zu Hause arbeiten und mir erst einmal einen Tee kochen kann. Ich genieße jeden Schluck, als könnte ich Ruhe trinken, schiebe die Zeitung beiseite und lese Juul:

"Wenn man in den ersten fünf, zehn oder dreizehn Lebensjahren seine eigene Persönlichkeit zugunsten der Wünsche und Bedürfnisse seiner Eltern unterdrückt hat, dann wird die Überverantwortlichkeit ein Teil der eigenen Identität, weil man keine andere Möglichkeit kennengelernt hat, für andere Menschen wertvoll zu sein." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Reinbek bei Hamburg 2009, Seite 194, 195) 

Juul meint mit "Überverantwortlichkeit" den Drang, es allen Recht zu machen, sich schuldig sich fühlen, wenn etwas mal nicht funktioniert, ständig ein "sorry" auf der Zunge rumliegen zu haben, im Dauerstress zu sein, weil überall Möglichkeiten lauern, etwas falsch zu machen.

Dafür können wir unseren Eltern keine Schuld geben. Kriegskinder oder -kindeskinder waren es. Erst Überlebenskampf, dann Wiederaufbau. "Persönlichkeit des Kindes", "gesundes Selbstgefühl", "Integrität wahren"? Keine Begriffe, die damals en vogue waren.

Zum Tee ein paar Lampions aus dem Garten.


Erst in den siebziger Jahren setzte eine breite Psychologisierung* unserer Gesellschaft ein und die Menschen begannen, nicht mehr nur Erlittenes im Kessel von Stalingrad als Trauma zu behandeln, sondern auch Erlebnisse in einer durchschnittlichen Kindheit.

Das mit dem Psychologisieren ist mir meistens zu viel. Nicht hinter jeder Ecke lauert ein Trauma.

Aber ich möchte, dass Kinder nicht mehr diese "Überverantwortlichkeit" entwickeln und mit jedem Jahr, das sie älter werden, glauben, mit ihnen sei irgendetwas falsch.

Ich möchte, dass Eltern an sich arbeiten, wenn es zu Hause nicht läuft, statt die Kinder in die Therapie zu schicken.

Ich lasse ab von meiner eigenen "Überverantwortlichkeit" und packe sie fröhlich mit all dem Laub und den abgebrochenen Ästen in die Tonne

Uta


* nach Ursula Nuber: Der Mythos vom frühen Trauma. Über Macht und Einfluss der Kindheit. Frankfurt am Main 1999, Seite 24

Sonntag, 1. September 2013

Glückliche Familie Nr. 165: Kleines Fragezeichen in Perpignan


In unserem Sommerurlaub haben wir auch die südfranzösische Stadt Perpignan besucht.

Stellt euch ein Straßen-Café vor: 30 Grad im Schatten, die Oberschenkel kleben an den Bistrostühlen. Kaum ein Wind in den schmalen Gassen.

Eine deutsche Familie setzt sich an den Nebentisch: Eltern, Großeltern, zwei Mädchen im Alter der großen Zahnlücken. 

"Ich will ein Eiiiiis", ruft das kleinere Mädchen, als die Erwachsenen noch die Stühle rücken. 

"Erdbeer, Zitrone und Schokolade." - 

"Hier gibt es kein Eis, nur Crepes mit Zucker." -

"Menno, ich will aber ein Eis." -

"Du hast doch gehört, es gibt hier keins." Mutter und Oma fächeln sich mit der Speisekarte Luft zu. 

"Setzt dich mal gerade hin. Kaum sind wir ein paar Meter gelaufen, hängst du hier am Tisch wie ein Schluck Wasser in der Kurve." -

"Wir können doch einen Eisladen suchen." -

"'Gerade sitzen', hab' ich gesagt," Mutter drückt dem Mädchen die Hand in den Rücken. 

"Ich habe dir schon mal gesagt, du sollst dich benehmen." Mutter zerrt den Stuhl mit dem kleinen Mädchen näher zum Tisch. "Du kannst dich benehmen, das weiß ich. Aber du willst es nicht."

"Können wir jetzt gehen? Hier gibt's ja doch kein Eis." -

"Du sollst dich benehmen, habe ich gesagt, einfach mal zehn Minuten artig sein. Ist das zu viel verlangt?"

Es folgen weitere Ausführungen über das Benehmen des Mädchens im Urlaub und allgemein.

Wortes-Last und Hitze haben es ganz in sich zusammen sinken lassen. Es hängt am Tisch wie ein kleines, schwitzendes Fragezeichen.

*

"Sich benehmen, artig sein, tun, was sich gehört" - das sind moralische Kategorien, mit denen ein Kind nichts anfangen kann. Es spürt nur diffus, dass irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung ist.

Jesper Juul sagt, wir sollen Kindern nicht dadurch Grenzen setzen, dass wir ihnen abstrakte Normen und Verhaltensregeln referieren. 
"Kinder wollen stets mit ihren Eltern zusammen arbeiten, und das fällt ihnen umso leichter, je persönlicher wir sie ansprechen und je gleichwürdiger wir sie behandeln, statt sie zurecht zu weisen und von oben herab zu behandeln." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Reinbek bei Hamburg, 2010, 3. Auflage, S. 228)

Da scheint es Eis zu geben.

*

Ich hätte der gestressten Mutter gerne einen kleinen Juul zum Soufflieren ins Ohr gesetzt. Etwa so hätte sie dann gesprochen:

"Dir ist es wichtiger, ein Eis zu essen als etwas zu trinken? Es tut mir leid, aber hier gibt es kein Eis." (Wunsch nicht abgebügelt, Bedürfnis anerkannt.)

"Trotzdem werden wir hier bleiben. Oma und Opa haben eben gesagt, dass sie dringend ein Weilchen sitzen müssen, und ich brauche eine Tasse Kaffee." (Wünsche der Erwachsenen klar geäußert.)

"Deshalb will ich, dass wir hier etwas trinken, uns kurz ausruhen und du eine halbe Stunde sitzen bleibst. Ich kann die Bedienung fragen, ob sie Dir Papier und Stifte bringen kann."

"Danach können wir gucken, ob es irgendwo ein Eis gibt." 

*

Wenn Kinder über längere Zeit verlässlich erleben, dass man ihre Bedürfnisse zwar nicht immer erfüllt, aber ernst nimmt, maulen sie in der Regel weniger, als wenn man erst alles abbügelt und sich dann doch "weich-meckern" lässt. 

Und wenn sie meckern, weil wir natürlich nicht immer alle Wünsche berücksichtigen können und wollen, sage ich schon mal: "Wer etwas fragt, muss auch mit einem 'Nein' leben können."

Mein Wort zum Sonntag heute: Moralpredigten vermeiden, immer persönlich mit den Kindern sprechen, ihnen zuhören und eigene Bedürfnisse als Erwachsene klar und fröhlich äußern (Puh, das 'fröhlich' auch noch verwurstet)


Uta


Ps: Das Verhalten der Mutter am Nebentisch in Perpignan war weder falsch noch schlimm. Auch wird das Mädchen deshalb kein Kindheitstrauma davon tragen. Mir fällt nur auf, dass viele Familie es sich unnötig schwer machen und permanent schlechte Stimmung haben. (Nur so zur Einordnung dieses Posts.)

Dienstag, 13. August 2013

Glückliche Familie Nr. 160: Die Reitstunde


Prinzessin (12) wollte wieder mit dem Reiten anfangen. Deshalb waren wir gestern zu einer Probe-Reitstunde in einem großen Stall, den wir nur vom Hören-Sagen kannten.

In der Halle vier Reitschülerinnen zwischen zehn und 13 Jahren, in der Mitte Herr Hohlbein*, der Leiter der Reitschule.

Es wurden Steigbügel nachgezogen, es wurde angetrabt, es wurde geschnaubt und gepupst (die Pferde), es wurde geschimpft (Herr Hohlbein).

Prinzessin musste mit Luna aus der Formation ausscheren und neben dem Reitlehrer halten.

Wie sie denn die Gerte halte und warum sie keine vernünftigen Reithandschuhe hätte und ob sie kein T-Shirt tragen könne, das nicht rutscht. Ein anderes Mädchen musste durchparieren, weil der Gurt unter ihrem Helm zu locker war.

Gut, dachte ich, der Mann legt Wert auf Sicherheit. Das ist wichtig in einem Reitstall.

"Ich habe gesagt 'angaloppieren'. Warum gibst du dem Pferd keine Hilfen? Du sollst hinten reinsitzen. Zügel lockerer." -"Zügel zu stramm." -"Fersen nach unten." - "Was machst du mit der Gerte?" - "Ach", Hohlbein lachte höhnisch, "heute setzten wir die Gerte mal ganz  e-m-o-t-i-o-n-a-l  ein."

In den ersten Runden warf Prinzessin mir ein Lächeln zu. Aber dann war es verloren gegangen in dem Gebrüll, dem braunen Staub, dem Klackern der nass gesabberten Trensen.

Gut, dachte ich, man soll die Kinder nicht in Watte packen, ein bisschen Disziplin und Ordnung kann nicht schaden.

"Soll das ein Zirkel sein, Annabell? Ich habe gesagt, du sollst den Zirkel ausreiten", brüllte Hohlbein, zog seine ärmellose Weste straff über die geschwollene Brust und räusperte sich: "Ich stehe in dem Ruf, dass ich meine, was ich sage..."

Hohlbeins Gebrüll in der ganzen Halle, nur ab und an ein Hufschlag gegen die Bande. Ein Kater schlich sich durch die Tür.

Viele Tiere hier, dachte ich, Pferde, Hunde, Katzen und ein Gockel.

"Der Herr Hohlbein", fragte ich eine Mutter, die neben mir auf der Tribüne saß, "ist der immer so oder hat er einen schlechten Tag?" -

"Das ist ein Reitlehrer der alten Schule. Aber die Kinder lernen viel." -

"Ach, und wie lange reitet ihre Tochter schon bei ihm?"-

"Zwei Jahre." -

"Und wie verträgt sie das so?" -

"Manchmal gibt es Tränen. Aber wir gehen immer zu ihm, weil bei ihm die Pferde so gut parieren."


Ja, "abäppeln" und die Reitlehrer alter Schule aus der Halle räumen! 

Jetzt hatte Hohlbein wieder Prinzessin im Visier. "Du sollst beim Leichttraben nur umsitzen, wenn der Rhythmus nicht stimmt. Nicht, weil ich dich anspreche." - "Okay, mach ich." - "Du sollst auch nicht 'okay' sagen, du sollst machen, was ich sage." - "Okay, ... äh, tschuldigung". "Du sollst mich auch nicht angucken, wenn ich mit dir spreche, sondern gucken, wo du hinreitest."

Mutter litt auf der Tribüne. Ich merkte, wie ich dem alten Gartenstuhl aus Plastik, in dem ich saß Galoppierhilfen gab, ich presste meinen Hintern tief in das schmuddelige Kissen, schlang meine Beine außen um die Stuhlbeine und drückte die Waden entschieden gegen das Plastik. Ich presste die Lippen zusammen, richtete meinen Blick starr auf die Bande. Der Stuhl parierte, aber das Gebrüll ging weiter.

Schließlich trottete ich erschöpft hinter Luna und Prinzessin in die Luna-Box. Prinzessin zerrte den Sattel vom Pferd. "Soll ich eine weitere Probestunde buchen?" fragte ich flüsternd. - "Bist du des Wahnsinns", zischte sie. "Hier komme ich nie wieder hin. Du kannst froh sein, dass ich dem Typen keine gelangt habe."

Mein Mund stand so weit offen, dass ein Strohballen hineingepasst hätte.

Benommen nahm ich den Reithelm, wir verabschiedeten uns.

"Ach, sieh mal einer an: Madame lässt Mama alles tragen und läuft unbeschwert nach Hause." -

In der Stallgasse drehte ich mich um. "Herr Hohlbein", sagte ich, "keine Sorge, diese Dinge regeln wir unter uns."

Dann war endlich Ruhe.

Jeden Tag lerne ich ein bisschen mehr Wehrhaftigkeit von meiner Tochter.

Immer fröhlich sich von den Kindern "eine Scheibe abschneiden" und sich nie abfinden mit dem Drill der "alten Schule", denn Lernen durch Erniedrigung hat noch nie funktioniert, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die daran festhalten

Uta

*Name von der Bloggerin geändert

Mittwoch, 12. Juni 2013

Glückliche Familie Nr. 150: Vom Meister und vom dicken Zeh


Wir machen uns schon seit Jahren Gedanken, weil Prinzessin (12) so wenig liest.
Seit Dienstag, 4. Juni 14:45 Uhr Ortszeit, sieht es in ihrem Bett so aus.




Sie verschlingt einen "Top-Secret"-Band von Robert Muchamore nach dem anderen. Nicht dass ihr jetzt die Bücher kauft und sie wie Köder bei euch auslegt. Das hatten wir längst gemacht. Seit Jahren stehen die Bände drei Meter Luftlinie von Prinzessin im Zimmer ihres Bruders zum Lesen bereit. Aber sie hatte sie nicht angerührt. Es brauchte die Empfehlung ihrer Freundin, um diesen Lektüre-Schub auszulösen.

Vor etwa einem Jahr machten wir uns Gedanken, weil Kronprinz (15) wenig Sport trieb, aber umso mehr Chips aß. Der Soßenkönig brachte schon mal ein Laufmagazin nach Hause und legte es dezent ins Wohnzimmer. Aber wir haben nichts dazu gesagt. Höchstens der Soßenkönig. Der ließ hin und wieder mal eine Bemerkung zum Fettgehalt von Kartoffel-Chips fallen. Aber das liegt nur daran, dass er kein "Vertrauenskärtchen" in der Gesäßtasche mit sich herumträgt wie seine pädagogisch wertvolle Gattin.

Zugegeben, wenn wir Eltern vom Joggen zurück kehrten, konnte es sein, dass wir erwähnten, wie wunderbar wir uns nach dem Laufen fühlten, welche Krebsrisiken wir gesenkt und wie viel Fett wir gerade verbrannt hätten.

Aber damit haben wir auch aufgehört. Denn Prinzessin hat gesagt, dass meine Brauen hoch gehen, die Augäpfel hervortreten und ich furchtbare Falten bekomme, wenn ich so manipulativ-missionarische Bemerkungen mache.

Kronprinz hat gar nicht zugehört, was diese "Wir-leben-ja-so-gesund-Eltern" von sich gaben und verschwand in der Regel mit Chips und Softdrinks nach oben vor den Computer.

Die Monate gingen ins Land. Und bei mir hat das etwas nach gelassen mit dem Laufen, aber seit drei Wochen läuft ... Kronprinz: Viermal die Woche, mindestens zehn Kilometer, inklusive Klimmzüge auf nahegelegenem Sportplatz.

"Was ist passiert?", fragte der Soßenkönig. Schulterzucken bei mir. "Ich habe nicht die geringste Ahnung."





Was sind wir Eltern kleinmütig.

Jeden Tag sind wir zusammen mit Menschen voller Möglichkeiten und wir sehen nur, was noch fehlt.

Wir sollten ihnen Kraft und Zutrauen geben für ihre Vision von Leben und geben uns zufrieden mit Visiönchen für das nächste Schuljahr.

Unser Zusammensein ist oft von Ängstlichkeiten geprägt. "Hast du den Mathezettel dabei? Muss ich die Deutscharbeit noch unterschreiben? Vergiss dein Sportzeug nicht!"

Wir stecken sie an mit unseren Sorgen, statt ihre Begeisterung für was auch immer zu teilen.

In seinem kleinen Buch "Beziehungen" schreibt Neale Donald Walsch an einer Stelle von Menschen, die es im Leben zu Meisterschaft gebracht haben.
Solch eine Person, "sieht Sie an, sie schaut in Ihre Augen und sieht Sie so, wie Sie selbst sich nicht einmal in Ihrer Phantasie sehen. ...Wenn wir eine Beziehung auf diese wunderbare Weise angehen, transformieren wir unsere ganze Erfahrung von uns selbst und unsere Erfahrung mit den von uns geliebten Personen."  
(Neale Donald Walsch: Beziehungen. Wegweisungen für den Alltag. München 2000, S. 35)

Für den Alltagsbezug muss ich an dieser Stelle auf meinen dicken Zeh links zu sprechen kommen.
Er macht mir seit Jahren Probleme, weil sein Nagel immer wieder schmerzhaft einwächst. Deshalb musste ich Fußpflege in Anspruch nehmen.

Unter Fußpflegerinnen wie auch unter Hebammen (auf Französisch heißt Hebamme "sage-femme" = weise Frau) finden sich Meisterinnen der Lebenskunst. Frau A. in Stuttgart war so jemand und meine aktuelle Frau G. ist - was Weisheit angeht - ein ähnliches Kaliber.

Ich kann jetzt gar keine Sprüche von ihr zitieren, kenne auch die Zusammensetzung ihrer Fußsalbe nicht. Aber wenn Frau G. da ist, habe ich nicht nur das Gefühl "Ich bin in Ordnung, so wie ich bin." Nein, viel mehr. Frau G. scheint mehr in mir zu sehen, als ich selbst. Ein unglaublich berauschendes Gefühl.

Können wir nicht selber so sein zu unseren Mitmenschen? Können wir nicht solche Meister sein für unsere Kinder? Können wir nicht die sein, die mehr in ihnen sehen als sie selbst? Was hindert uns bloß?

Immer schön fröhlich ein Meister sein

Uta

Montag, 3. Juni 2013

Glückliche Familie 148: Geträufeltes Gift


Wenn ich etwas mit diesem Blog erreichen möchte, dann

  • dass eure und meine Kinder mit dem Gefühl aufwachsen, sie sind richtig, so wie sie sind
  • dass wir zusammen, ihr, meine lieben Leser, und ich, jeden Tag in dem Wissen leben, dass an unserer Person nichts hinzugefügt oder verändert werden muss, um bis in jede Pore liebenswert zu sein
  • dass wir erkennen, wo wir selber dieses "Du-bist-nicht-gut-genug"-Gift in unsere Kinder träufeln, weitergegeben von Generation zu Generation

Mal wieder Jesper Juul zu dem Thema:
"Das Fundament des Selbstgefühls lässt sich vielleicht am besten beschreiben, wenn man an das Erlebnis frisch gebackener Eltern denkt, die zum ersten Mal ihr schlafendes Baby betrachten. Sie sind durchdrungen von dem Gefühl, dass dieser neue Mensch, allein durch seine Existenz, etwas Wunderbares und Wertvolles ist. Die meisten Eltern bewahren sich dieses Gefühl einige Wochen lang, bevor sie sich bemüßigt fühlen, in dieses Werk der Schöpfung 'korrigierend' einzugreifen." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind. Hamburg 2010, S. 98)

Ja, sollen wir denn gar nicht eingreifen?

Kinder - so heißt es doch immer - brauchen Grenzen. Stimmt das denn nicht?

Ich behaupte: Menschen brauchen Regeln, weil ihre unterschiedlichen Bedürfnisse im Zusammenleben in Konflikt geraten. Das Ganze funktioniert besser, wenn große wie kleine Menschen lernen, sich an Regeln zu halten.
Dass aber Kinder im Besonderen Grenzen brauchen, ist eine Theorie aus dem Giftschrank.

Prinzessin (12) kam am Freitagabend vom Hip-Hop zurück, holte ein knappes Kilo Süßigkeiten aus dem Schrank (vom Taschengeld selbst gekauft), knallte sich damit auf das Sofa, um eine Aufzeichnung von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu sehen. Als sie die Beine übereinander schlug, sah ich, dass sie Waden und Oberschenkel mit Sprüchen beschriftet hatte.

In meinem Inneren führte ich folgende Diskussion mit mir selber:
"Wie furchtbar, das ist ja das komplette Trash-Programm: geistloses Fernsehen, Süßkram und Kugelschreiber-Hautverunreinigung. Kann sie sich nicht mit Oma und Opa unterhalten, die gerade zu Besuch sind?"-
"Komm, Uta, reiße dich zusammen. Sie ist gerade erst nach Hause gekommen. Willst du zur Begrüßung gleich an ihr herummeckern?" -
 "Ja, aber ich muss dem Kind doch Werte vermitteln, erklären, dass Kugelschreiber-Tatoos nicht gut sind für die Haut, dass man den Großeltern Respekt zollt, dass GZSZ was für Gehirnamputierte ist, dass ... -
"Uta, entspanne dich. Sie weiß diese Dinge selber, möchte sich jetzt aber ein wenig ausruhen. Das ist nicht der Untergang des Abendlandes. Nur weil sie Trash futtert oder guckt, wird sie nicht selber zum Trash."

Schließlich handelte ich mit ihr aus, dass sie nach 20 Minuten den Fernseher ausschaltete, weil ich es nicht mag, bei der Arbeit in der Küche die Zickendialoge aus dem Fernseher anhören zu müssen. Außerdem bat ich sie, keine weiteren Süßigkeiten zu essen, weil es mich ärgert, wenn ich mir Mühe gebe, ein gesundes Abendbrot zu machen, und sie schon satt ist von der Tüte Weingummi.

Hier haben wir also wieder unsere Frau Mustermann, die für ihre eigenen Grenzen eintritt, statt das Kind abzuwerten und ihm irgendwelche künstlichen Grenzen zu setzen (weil Fernsehen schädlich ist, Zucker die Zähne angreift ...)

Das Kind zeigte sich kooperativ (vielleicht wegen dem fetten "PEACE" auf dem Oberschenkel).

Oma und Opa zeigten sich auch kooperativ (sogar ohne Tatoos auf den Oberschenkeln) und spielten Rommé mit dem Kind.

Und mir ist klar geworden, was die wichtigste Forschungsfrage dieses Blogs ist:

Wie kommen so viele kleine Menschen, die am Anfang ihres Lebens keine Frage dazu hatten, ob sie ausreichend sind, im Laufe ihres Großwerdens dazu, immer mehr zu denken: 
"Ich bin nicht gut genug" und wie können wir Eltern vermeiden, dass dieser Gedanke sich in ihrem Kopf festsetzt?


Immer schön fröhlich dich selbst und dein Kind "gut genug" finden

Uta

Freitag, 5. April 2013

Glückliche Familie Nr. 136: Toxische Selbsteinschätzung


In der vergangenen Woche war ich auf eine Party eingeladen, auf der ich bis auf die Gastgeber niemanden näher kannte. Ich zog meinen Lieblingsblazer der Marke "Selbstwert-Panzer" an und puderte mein Gesicht, bis sich die Nase auf einer Ebene mit den Wangen befand. Als die Wolken des stärksten Deos mein Spiegelbild umwaberten, sprach ich:

"Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Souveränste im ganzen Land?"

"Frau Uta, Sie sind die Souveränste im ganzen Land. Selbst wenn niemand das Wort an Sie richten sollte, werden Sie lächelnd durch den Raum schweben.

"Spieglein, Spieglein an der Wand. Aber werde ich mich auch nicht allein und unsicher fühlen?"

"Frau Uta, Sie sind die Unabhängigste im ganzen Land. Alle Gäste werden spüren, dass Sie Ihr Bedürfnis, von anderen anerkannt zu werden, längst losgelassen haben."

"Spieglein, Spieglein an der Wand, wenn aber jemand, der von meiner inneren Freiheit magisch angezogen wird, das Wort an mich richtet, werde ich auch geistreich und schlagfertig sein?"

"Frau Uta, Sie können plaudern mit Wortwitz und Charme, aber der Dieter Nuhr zwischen den tausend Buchdeckeln und auf den vielen Fernsehkanälen ist tausendmal geistreicher als Sie."

Da erschrak Frau Uta und ward gelb und grün vor Neid (durch das ganze Make-up durch). Sie zwängte sich in ihren figurbetonenden Blazer, schnürte fest die Stiefel, die Frau Uta satte vier Zentimeter Größe hinzufügten, und hieß ihr Navi, den Weg zur Party zu finden.

Die Party war okay. Es gab kein Bar-Gestehe (ich hasse Bars, kriege Nackenverspannungen vom Hochgucken zu den Gesprächspartnern, höre nicht zu, weil ich fieberhaft überlege, wie ich ohne Seil auf den nächsten Barhocker komme).

Also kein Bar-Gestehe, sondern Tischreihen, bei denen es kein Entkommen für die Gesprächsopfer gibt.

Es war nett, doch.

Wirklich.

Ganz ehrlich.

Trotzdem laugen solche Veranstaltungen mich völlig aus. Müde und abgekämpft kam ich nach Hause. Und mein Mann meinte, dass meine Small-Talk-Aversion fast einer Behinderung gleich käme.
Wie könnte ich annehmen, dass irgend ein Fremder mit mir über Wertevermittlung im 21. Jahrhundert, den Sinn unseres Daseins oder die Existenz Gottes sprechen wolle?

Recht hat er.

Warum kann ich nicht rumblödeln und dabei ein Carpaccio auf der Zunge zergehen lassen?

Wupps, war ich drin in der Selbstabwertungsschleife.

Dabei hatte ich mir beim Lesen des Buches "Die fünf Geheimnisse, die Sie entdecken sollten, bevor Sie sterben" von John Izzo vorgenommen, mich nie, wirklich nieeeee wieder mit dem Thema "Selbstwert" zu beschäftigen, weil es eine solche Energieverschwendung ist "wie hypnotisiert mit einer Art toxischer Selbsteinschätzung" (S. 103, ebd.) herum zu laufen.

Mir ist außerdem klar geworden, dass Menschen, die immer wieder behaupten, sie hätten ein geringes Selbstwertgefühl, furchtbar um sich selber kreisen, statt sich mit all ihren Fähigkeiten in dieses Leben zu schmeißen und Spuren zu hinterlassen.

Jetzt gibt es noch ein Schmuckfoto ...


"Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der entspannteste Kater im ganzen Land?"



... und zwei Schlussfolgerungen:

  1. Ich gehe nicht mehr zu solchen Partys.
  2. Ich lese Prinzessin (12) die nächsten Abende je ein Kapitel aus dem Buch  "Mein Leben ohne Limits. Wenn kein Wunder passiert, sei selbst eins!" von Nick Vujicic vor, weil ich nicht zulassen werde, dass meine Kinder zu einer "toxischen Selbsteinschätzung" kommen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta 

Donnerstag, 7. März 2013

Glückliche Familie Nr. 127: Klare Ansagen


Heute möchte ich mit Nelson Mandela sagen:

"Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun,
wenn du schrumpfst,
damit andere um dich herum
sich nicht verunsichert fühlen."
(aus seiner Antrittsrede 1994) 

In den vergangenen Tagen gab es mehrere Schrumpf-Erlebnisse.

  • Prinzessin (12) wollte unbedingt schwimmen gehen. Sie rief eine Freundin an und verabredete, mit ihr ins Hallenbad zu fahren. Sie hatte gerade voller Vorfreude Flipflops und Duschgel in die Tasche gefeuert, als es klingelte. Theresa kam herein ... ohne Schwimmzeug. Sie sei erkältet und dürfe doch nicht schwimmen gehen. Ich sah, wie Prinzessin die Gesichtszüge entgleisten. Sie sagte aber nichts und spielte den ganzen Nachmittag, was Theresa spielen wollte. 
  • Eine Kollegin kam zu einem Arbeitstreffen zu mir nach Hause und spöttelte über kleine Figuren, die ich zur Dekoration aufgestellt hatte. Ich schluckte meine verletzten Gefühle hinunter und hörte mich am Ende sagen: "Ja, und danke für deinen Besuch." 
  • Meine Schwester hatte sich voller Vorfreude zu einer Fortbildung angemeldet. "Oh, da komme ich mit", sagte eine Kollegin, die sie nicht sonderlich mag. "Ich kann doch sicher bei dir mitfahren." Meine Schwester fand Ausreden, sagte, sie könne aber keinen Umweg fahren, um die Kollegin drei Dörfer weiter abzuholen. "Kein Problem", sagte diese, "dann komme ich am Vorabend zu dir und übernachte bei euch." Da zog meine Schwester die Reißleine und sagte alles ab.

Ich meine damit nicht, dass man nicht gelegentlich auch Kompromisse schließen oder jemandem entgegenkommen sollte. Aber manchmal schließt man einen Kompromiss zu viel und sitzt nicht mehr am Steuerrad seines Lebens, sondern auf der Rückbank und wird ungefragt über alle möglichen Schlaglöcher geschaukelt. 

Da bringt man einen Kuchen zum Klassenbufett, obwohl man keine Lust zum Backen hat und sich sowieso ständig für die Schule engagiert.

Da stimmt man der Übernachtung von Freunden der Kinder zu, obwohl man sich auf einen Abend ganz in Familie freute.

Da kauft man das mittelmäßige T-Shirt, weil die Verkäuferin so nett war.


"Klare Ansage" mein Titel für  diese Hauswand in Soho            Foto: Kronprinz

Was einen noch alles schrumpfen lässt

* Notlügen
* sein Licht unter den Scheffel stellen
* faule Kompromisse
* Talente und Leidenschaften verkümmern lassen
* sich nachlässig kleiden, sich nicht pflegen
* sich ungesund verhalten, schlecht essen, zu wenig schlafen
* aufopferndes Verhalten, um Anerkennung zu bekommen

Häufig sage ich meinen Kindern, sie sollen den Mut haben "nein" zu sagen, wenn sie sich nicht verabreden wollen, statt sich irgendwelche Ausreden oder Notlügen auszudenken. 

"Aber Mama, du hattest als Kind auch nicht immer den Mut, 'nein' zu sagen", sagte Prinzessin neulich zu mir.
"Das stimmt. Und den habe ich auch heute manchmal nicht", habe ich geantwortet, "aber wir arbeiten dran, oder?" 

Immer fröhlich klare Ansagen machen

Uta 

Freitag, 22. Februar 2013

Glückliche Familie Nr. 124: Fasten light


Wir sprachen neulich beim Abendbrot über das Fasten.

Uta: "Es gibt ja Leute, die machen sieben Wochen ohne Süßigkeiten oder ohne Alkohol ..."

Kronprinz (15): "Oh, Gott, nicht das wieder ..."

Uta: "Ich meine ja nur, wir könnten doch auch ..."

Prinzessin (12) zur mir: "Du könntest ja auf Alkohol verzichten und auf Fernsehen."

Uta: "Iiiiiiich?"

Betretenes Schweigen.

Uta (räuspert sich): "Ich wäre bereit zu sieben Wochen ohne .... bügeln."

Ich fand mich witzig.

Die anderen nicht.

Nach diesem Gespräch habe ich am anderen Morgen dieses Bonbon-Glas aufgestellt.




Gemeint ist, dass man sich eine Süßigkeit am Tag nehmen darf.

Nicht in der Minute, Prinzessin!

Das ist Fasten light.

Mehr schaffen wir nicht.

Auch wenn das nach einer Luschi-Aktion aussieht, kennt ihr mich inzwischen gut genug um zu ahnen, dass sich dahinter eine pädagogische Mission ungeahnter Bedeutung verbirgt.

In den 60er Jahren hat der Psychologe Walter Mischel mehrere Versuche zum Thema "aufgeschobene Bedürfnisbefriedigung" gemacht. Er bot Vierjährigen einen Teller mit zwei Marshmallows an. Beim Hinausgehen sagte er, jeder dürfe jetzt einen essen. Wer aber mit dem ersten Bissen bis zu seiner Rückkehr warten könnte, würde sogar beide bekommen.

Mischel beobachtete die Entwicklung dieser Vierjährigen über Jahre und fand heraus, dass die Kinder, die ihr Bedürfnis damals hatten aufschieben können, sehr leistungsstark in der Schule waren. Und als 27jährige waren sie in der Regel erfolgreicher, umgänglicher und weniger anfällig für Drogenprobleme als die spontanen Marshmallow-Vernichter.

Seither weiß man:

Die Fähigkeit, Frust zu bewältigen und Bedürfnisse auf einen späteren Zeitpunkt aufzuschieben, ist wichtiger für das Erreichen von Zielen als Intelligenz. 
( nach Alan Posener: "Charakter ist Schicksal", Essay, Seite 2, in Die Welt, 29.1.2013)

Meine Eltern werden sich freuen, das zu lesen. Neulich stand bei ihnen in der Zeitung ein Leserbrief einer Bekannten, die mit einem ausgeliehenen Kind ein Kindertheater besucht hatte. Die Frau empörte sich darüber, dass man kaum ein Wort von dem Theaterstück verstanden hätte, weil alle mit Kekspackungen und Bonbontüten raschelten.

Ich erinnere mich, dass ich einst mit Kronprinz eine Krabbelgruppe besuchte und mich generalstabsmäßig darauf vorbereiten musste, um nicht als einzige Mutter ohne Muffins, Buchstabenkekse, Flasche mit Flaschenwärmer, Apfelbrei und Roibuschtee in Thermoskanne auf dem Boden zu hocken.

Wenn man über die Versuche von Walter Mischel liest, tut man seinen Kindern sogar einen Gefallen, wenn man die Kekse und die Flasche mal zu Hause vergisst und nicht bei jedem Bäcker ein Brötchen in den Buggy reicht (obwohl ... dann ist erst mal Ruhe).

Und ich hatte mir überlegt, neben dem Bonbonglas in meiner Küche eine Liste aufzuhängen. Wer es geschafft hat, am Tag wirklich nur eine Süßigkeit zu nehmen, dürfte dort einen Strich machen und bekäme an Ostern die doppelte Menge an Süßigkeiten wie er oder sie Striche gesammelt hat.
Dann könnte ich, so meine Überlegung, nicht nur das Befriedigungsaufschubpotential meiner Kinder testen, sondern es auch noch ein wenig trainieren.


Wer nur eins nimmt, darf Ostern doppelt so viel naschen. 

Bis hierher hatte ich gestern geschrieben und heute wird mir klar, wie anstrengend meine pädagogischen Missionen sein können. Und ich hatte noch einmal nachgelesen bei Mischel, Juul und den anderen.

Die entscheidende Frage ist doch: Warum waren einige der Vierjährigen in der Lage, auf den Marshmellow-Genuss zu warten und andere nicht?

Es lag nicht daran, dass sie keine Mutter hatten, die in der Fastenzeit einen Süßigkeiten-Listen-Drill durchführte (ich habe die Liste weggeworfen).

Es lag daran, dass sie gestresst waren durch Umstände wie Armut, große Konflikte in der Familie und Gewalt.

Diese Kinder haben mit so vielem zu kämpfen, dass sie nicht die Kraft haben, ein Bedürfnis aufzuschieben. Das gilt übrigens auch für die, die materiell alles haben, aber keine verlässlichen Beziehungen.

Wir können trotzdem fröhlich bleiben. Der Stress schlägt sich zwar im Gehirn nieder. Die Experten sagen aber, das sei bis ins frühe Erwachsenenalter reparabel durch Liebe und Fürsorge von Eltern und anderen Bezugspersonen.

Also immer schön fröhlich bügel-fasten und sich mit Freude um Kinder kümmern

Uta

PS: Die beiden Aufräum-Labels haben gewonnen
Das Katzenklo-Label geht an Lebemaja (es wollten alle das Aufräum-Label und nur Lebemaja das Katzenklo-Schild. Jetzt habe ich sogar welche über. Ich werde sie bei Nachbarn dran hängen. Mal gucken, ob es wirkt.)

Den Gewinnerinnen herzlichen Glückwunsch!

Schreibt ihr mir bitte eine Mail (unter "Schreib mir" rechts in der Spalte meines Blogs) mit eurer Adresse?! Dann kann ich die Labels los schicken.

Donnerstag, 22. November 2012

Glückliche Familie Nr.102: Morgenröte


Heute morgen 7:30 Uhr in Deutschland. Poltern auf der Treppe. Hünenhafter Teenager erscheint im Esszimmer, setzt sich an den Tisch, nimmt eine Brotscheibe aus dem Korb, streicht Frischkäse und Marmelade darauf.

Sohn: "Ich habe festgestellt, dass es mir besser geht, wenn ich etwas frühstücke."

Mutter: "Ach."

Er nimmt sich einen Apfelschnitz, trinkt ein Glas Orangensaft.

Sohn: "Ich werde demnächst etwas früher aufstehen, mir ein Sandwich machen mit Salat, Käse und Schinken und es mit in die Schule nehmen."

Mutter: "Ach."

Sohn: "Es ist mir einfach zu teuer, mir jeden Mittag, einen Döner zu kaufen."

Mutter: "Ach."

Sohn: "Kannst du knackigen Salat, Schinken und Brötchen für mich beim Einkaufen mitbringen."

Mutter: "Ach, ...äh, ich meine, ja."

Sohn: "Gut, tschüss dann."

Es dämmerte.

Draußen und in meinem Kopf. Hatte ich eine Erscheinung?

Seit Monaten hatte Kronprinz (15) vor der Schule nichts gefrühstückt. Jeden Morgen stellte ich einen Teller an seinen Platz und jeden Morgen räumte ich ihn unbenutzt wieder ab.

Anfangs hatte ich gefragt, ob er wirklich nichts essen wollte, hatte mich erkundigt, ob er vielleicht lieber Müsli möchte statt Brot. Aber ich hatte nie gedrängt oder geschimpft geschweige denn, ihn gezwungen, etwas zu essen oder ein Frühstücksbrot mitzunehmen.

Und jetzt das.

Morgenröte 


Wir haben eine gute Zeit mit unseren Kindern (15 und 11). Und meine größte Passion ist es, herauszufinden, wie es dazu gekommen ist, und meine Leser von meinen Erkenntnissen profitieren zu lassen. In guten wie in schlechten Zeiten.

Beim Laubfegen gestern habe ich darüber nachgedacht, was meine pädagogischen Schlüsselerkenntnisse sind. Ich musste den Rechen nicht lange durch die Blätter ziehen, da fiel mir dieser Satz ein:

... unterstützen statt erziehen ...


Es ist der Untertitel des Buches Kinder der Morgenröte von Hubertus von Schoenebeck. 

Ich habe dieses Buch an einem Samstag im Frühjahr 2008 morgens im Bett gelesen. Und es hat mich wie ein Blitz getroffen. Ich weiß noch, wie ich kurz darauf in den Getränkemarkt fuhr und selig lächelnd Flaschen in den Leergutautomaten schob.

Von Schoenebeck schreibt, dass jede Erziehung - ob autoritär oder antiautoritär, ob Waldorf- oder Montessori, ob Laisser-faire oder demokratisch - immer die Botschaft für das Kind enthält: du musst erst noch ein richtiger Mensch werden, dir muss ich etwas beibringen, du kannst vieles noch nicht tun oder entscheiden, du bist nicht alt genug, nicht groß genug und - im Kern -

du bist nicht ausreichend so wie du bist.

Erziehung könne noch so partnerschaftlich daherkommen, mit Augenhöhe und so einem Gesulze. Letztendlich seien sich die meisten Eltern aber sicher, sie wüssten besser als ihr Kind, was gut ist für das Kind. Schließlich waren ihre Eltern auch so mit ihnen, das gibt man einfach weiter.

Was kann man das vermeiden?

Sich öfter mal fragen: Warum will ich in einer Situation eingreifen?

Variante 1: Will ich eine Grenze ziehen für mich selbst ("Wenn du noch einmal mit deinen Freundinnen mein Rouge benutzt, bekomme ich 20 Euro von dir."), was völlig okay ist und auch gerne laut sein darf.

Variante 2: Bin ich in pädagogischer Mission unterwegs ("Im Grunde brauche ich das Rouge sowieso nicht mehr, aber sie soll lernen, fremdes Eigentum zu respektieren.").

Variante 2 - so von Schoenebeck - ist Gift für die Beziehung zum Kind. Kein sofort Tödliches, aber eines, das Tröpfchen für Tröpfchen unser Miteinander vergiftet, weil unser Ansatz ist: "Du bist nicht gut genug."

"(Im Miteinander, meine Ergänzung ...) geht es nicht um das 'Sieh das ein', nicht um Trotz, den es zu brechen gilt, nicht um das Teufelchen, das man zum Besten des Kindes austreiben muss, nicht um das Abendland, das in der Seele des Kindes gerettet sein will. ... Erziehungsfreie Konflikte verlaufen in anderen Bahnen, jenseits von missionarischem Eifer und inerer Not des Erwachsenen und jenseits von Wut, Hass, und Verzweifelung des Kindes." (von Schoenebeck, S. 57)

Seitdem ich glückstrunken vor dem Getränkeautomaten stand, habe ich diesen Ansatz nie vergessen. Es gelingt uns nicht immer, das umzusetzen. Wir haben auch Konflikte, aber sie erschüttern uns nicht in den Grundfesten der Beziehung zueinander.

Ich habe das Buch schon mehrfach verschenkt und bekam Reaktionen wie: "Das ist ja strange."

Aber vielleicht ist die eine oder andere unter euch, die es so tief berührt, wie mich.

Immer schön glücklich am Getränkeautomaten stehen von Schoenebeck lesen.

Uta

Dienstag, 6. November 2012

Glückliche Familie Nr. 97: Altruismus in Netzstrumpfhosen


Die Grünen in Hamburg fordern, den künftigen Rechtsanspruch für Einjährige auf einen Kita-Platz (gilt von August 2013 an) von fünf auf acht Stunden auszuweiten. (Hamburger Abendblatt vom 5.11.2012)

*
Beim Spazierengehen am Wochenende trafen mein Mann und ich Freunde mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter. "Ich bin ja weiterhin zu Hause", raunte Carolin mir zu, "aber damit bin ich in meinen Mütterkreisen so ziemlich die einzige." - "Wenn es schön ist für euch", raunte ich zurück, "genieße es doch." Wir beide guckten über die Schulter, ob irgend jemand unser konspiratives Gespräch gehört hatte.

*
Bindungsforscher Karl Heinz Brisch schreibt, dass für die Betreuung von Säuglingen in einer Krippe ein Verhältnis von 1:2 zu empfehlen ist. "Das heißt eine Erzieherin betreut maximal zwei Säuglinge. Besteht die Gruppe sowohl aus Säuglingen als auch aus größeren Kindern, kann das Betreuungsverhältnis 1 : 3 sein. ... Die heutigen Betreuungsverhältnisse von 1 : 6 oder gar 1 : 8 und mehr sind nicht akzeptabel." (Karl Heinz Brisch: SAFE. Sichere Ausbildung für Eltern, Stuttgart 2010, S. 137)

*

Am vergangenen Freitag war ich zu Hause und machte im Wechsel Hausarbeit und schrieb, als eine Freundin klingelte, um für die gemeinsame Übernachtung unserer Töchter die Schlafsachen zu bringen. "Trägst du daheim immer solche Schuhe?", fragte sie. Ich stöckelte in Pumps und engem Rock durch meinen Haushalt. "Nicht immer", erwiderte ich, "aber warum sollte ich wie ein verhuschtes Mütterchen aussehen, nur weil ich zu Hause arbeite?" 
Vor zwölf Jahren lernte ich eine Mutter von drei kleinen Töchtern kennen. Sie fiel mir auf, weil sie von Zeit zu Zeit in Kleid und hohen Schuhen mit ihren Kindern auf den Spielplatz kam, sich auf die Bank setzte, in vollendeter Eleganz ein Feinstrumpfbein über das andere schlug und die Keks-Box aufklappte, als sei es eine Puderdose. Unpraktisch? Egal. Wahrscheinlich lag der Haushalt brach, aber sie wahrte ihre Würde als Frau. Ihre Töchter dürften fast erwachsen sein, aber den Auftritt ihrer Mutter auf dem Spielplatz habe ich nie vergessen. (Die Töchter sicher auch nicht.)


Jeans: Esprit-Denim, abgeschnitten, Strumpfhose H&M, Schuhe: aus einem italienischen Schuhladen in Berlin,  Klammerbeutel: Schwiegermutter


*

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT gibt es ein Pro und Contra zu der Frage "Darf man Hausfrau sein?". In ihrem "Pro"-Text schreibt Sabine Rückert:

"Hausfrau kann heute ein ganz und gar politisch nicht korrekter Lebensentwurf sein, ein Widerstand gegen alle Aufdringlichkeiten des Zeitgeists. Die bewusste Hausfrau ist eine Rebellin gegen die Zwänge des Marktes. Sie macht nicht mit beim großen Rattenrennen. ... Sie sitzt am Sandkasten und schaut den Kleinkindern beim Schaufeln zu. Sie hat, was Kinder zum Großwerden brauchen: Zeit. Zeit zum Spazierengehen, zum Plätzchenbacken, zum Basteln, zum Vorlesen. Sie ist eine Entschleunigungsfigur von einer fast philosphischen Dimension. ...Die Hausfrau ist eine merkwürdig altruistische Erscheinung in einer Welt von Egomanen, sie arbeitet nicht an ihrer Selbstoptimierung, sondern am Wohlergehen anderer, Schwächerer. An der Stabilität von Bindungen in einer Zeit der Unverbindlichkeit."


Liebe Sabine Rückert,  herzlichen Dank für diese Worte und herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg in die Chefredaktion der ZEIT. Ich freue mich über ihren Aufstieg und darüber, dass Sie Frauen, die einen anderen Lebensentwurf leben als Sie selbst, den Rücken stärken. Das ist so selten. Danke!


Immer schön fröhlich bleiben

Uta


PS: Eine "altruistische Erscheinung" ist auch meine Mum. Sie hat vier Kinder groß gezogen. Und als das letzte aus dem Haus war, hat sie jahrelang ehrenamtlich beim Kinderschutzbund türkischen Kindern bei den Hausaufgaben geholfen. Danke, Mum!

Montag, 22. Oktober 2012

Glückliche Familie Nr. 93: Einfühlsames Spiegeln


Die Frau blättert in den Blusen am Ständer, das größere Mädchen dreht sich vor dem Spiegel, das kleine Mädchen schwankt langsam auf die Rolltreppe zu, die immer neue Stufen steil nach unten wälzt. Da bewegt sich was, lässt große Menschen kleiner wachsen und verschwinden.

Das kleine Mädchen wird schneller, hat bald den Spalt erreicht, aus dem die Stufen fließen. "Neiiiiiiiiiin!" Das ist Mama, die schreit, und Mamas Arm, der das kleine Mädchen vom oberen Absatz der Rolltreppe reißt.

Schwer atmend hält die Frau das Kind auf dem Arm. Der Buggy mit den aufgespießten Tüten ist umgekippt. Das kleine Mädchen brüllt, aber die Frau drückt es mit beiden Armen an sich.

"Das ist ja gerade noch mal gut gegangen - es ist gut, es ist alles wieder gut."

Das Mädchen weint, die Leute gucken.

"Du wärest mir fast da runter gestürzt. Man war das knapp!"

Der kleine Körper auf dem Arm zieht neue Luft für weiteres Schluchzen.

"Das war ein großer Schreck für dich, oder?"

Das Mädchen weint und weint.

"Mama kann ganz schön laut brüllen, oder?"

Kind weint ein bisschen weniger.

Mutter: "Es ist alles gut." (lässt Kind wieder vom Arm und geht in die Hocke, um es weiter zu trösten)

Kind bekommt Nase geputzt und weint noch ein bisschen vor sich hin.

Mutter streicht ihm über den Rücken. "Jetzt hast du dich wieder beruhigt von dem Schreck, oder?"

Das Kind schluckt letzte Tränen runter, die Frau richtet den Buggy wieder auf. Sie ruft das große Mädchen, setzt sich das kleine Mädchen auf die Hüfte und geht mit den Kindern zur Kasse.



Utas Kurzanalyse einer Erziehungssituation:

Die Frau hat sich super verhalten,
  • weil sie nicht schimpft (völlig normale Entdeckerlust eines Kleinkindes, kein Grund zum Schimpfen)
  • weil sie mit viel Körperkontakt tröstet
  • weil sie die Gefühle des Kindes erkennt und in ihre Worte fasst ("Das war ein großer Schreck für dich, oder?") 

Diese Reaktion ist ideal für den Aufbau einer sicheren Bindung. Das habe ich aus dem Buch des Bindungsforschers Karl Heinz Brisch. Nicht nur, dass die Frau über Körperkontakt tröstet, was die meisten Eltern instinktiv tun würden, sondern dass sie das innere Erleben des Kindes "spiegelt". Sie macht sich Gedanken, was in dem Kind gerade vorgeht, und fasst es für das Kind in Worte. Worte, die dem Kind selber noch nicht zur Verfügung stehen. Das schafft eine intensive Bindung. Das kleine Mädchen fühlt sich verstanden und beruhigt sich schnell wieder. Und wenn die Mutter häufiger so reagiert, lernt es auch, bald Worte zu finden für sein eigenes Gefühlsleben. Das macht Kinder selbstsicher.


"He, du hast Spaß beim Welterkunden, oder? Eine erste kleine Erschöpfung sehe ich in deinem Gesicht, aber ein bisschen geht noch, oder?"

Schade, dass das bei Jugendlichen nicht mehr hilft mit dem "Spiegeln".

Mutter zu ihrem heranwachsenden Sohn: "Du hast so trübe Augen. Es macht dir zu schaffen, so lange vor dem Computer zu sitzen, oder?"

Sohn: (grummel, grummel)

Mutter: "Du fühlst dich leer und seelisch ausgebrannt von den vielen Reizen, oder?"

Sohn: (grummel, grummel)

Mutter: "Es wird alles wieder gut, mein Großer, wir bringen das Ding auf den Elektro-Schrott."

Sohn: (wird handgreiflich)


Bei den Kleinen immer schön fröhlich "spiegeln"

Uta

Montag, 20. August 2012

Glückliche Familie Nr. 72: Beruf oder Berufung?


Neulich bei der Augenärztin machte ich an einem Gerät einen Sehtest. Mein Kinn lag auf einer Halterung, und während ich in den Kasten guckte, nahm die Sprechstundenhilfe Messungen vor und beschoss mich mit Fragen. "Schon einmal eine Brille getragen?" - "Kontaktlinsen?" - "Grüner Star in der Familie?" - "Chronische Krankheiten?"- "Beruf?"

Beruf?

So eine große Frage. Die kann man doch nicht einfach gegen ein Sehstärkenmessgerät werfen.
"Journalistin und Mutter"? Oder lieber "Mutter und Journalistin"? Klingt "Publizistin" besser? Vielleicht "Familienmanagement und Publizistik"? Das hört sich nach einem Unternehmen an mit geprägtem Schild im Aufzug und tiefen Sesseln am Empfang.

Ich kann doch nicht sagen, dass ich eine Journalistin bin, die sich hauptsächlich ihrer Familie verschrieben hat oder noch schlimmer "eine schreibende Hausfrau".

Wie wäre es mit    Private Relations and Public Affairs, Uta A.,Vice-President?      
                                                 
Beruf?

Da muss ich mein Kinn von der Halterung nehmen, dem Mädchen am Tresen tief in die Augen blicken und zurückfragen dürfen: "Meinen Sie Beruf oder Berufung? Wollen Sie meinen Kopf gleich in das nächste Gerät stecken oder haben Sie eine halbe Stunde? Wollen Sie die Kategorie für die Krankenkasse oder wollen Sie wissen, was meinem Leben Inhalt und Ziel gibt?"

Beruf?

Da ist jemand gerade 20, hat seine erste Stelle angetreten, hat abends ein Date mit jemanden, der noch nicht einmal weiß, ob er je Kinder möchte, und meint, einer Veteranin, gestählt im jahrzehntelangen Ringen um die Vereinbarkeitslösung, eine solche Frage entgegenschleudern zu dürfen.


Welche Sehstärke? Welches Auge? Welcher Beruf? 


Ich glaube, die meisten Frauen zwischen 28 und Ende 40, die mehr als die Hälfte ihrer Zeit in die Familie investieren, eiern herum bei der Frage: "Und was machst du so beruflich?"

Bei einer Party trafen mein Mann und ich einen Geschäftspartner meines Mannes und seine Frau. Die Männer vertieften sich in ein Job-Thema. Wir Frauen lächelten uns an. Wetterlage? Büfett-Qualität? Herkunft des Kleides? Der kleine Talk ist nicht meine Stärke. Also fragte ich, was sie so macht in ihrem Leben.
Aua.
Wie ein Kind, das ein Gedicht aufsagen muss, stellte sie sich gerade, schob die Brust raus und sagte: "Ich manage unser familiäres Kleinunternehmen", wirbelte auf ihrem Absatz herum und verließ den Raum.
Äh, ich mein doch bloß ... Ich bin doch auch ... Hallo? Sehe ich aus wie die Schwester von Ursula von der Leyen?

Das Leben von Müttern ist einfach bunt. Das lässt sich nicht reduzieren auf eine Rubrik in den Stellenanzeigen, egal, ob sie irgendwo angestellt sind oder freiberuflich arbeiten, egal, wie viel ihrer Zeit sie in die Familie investieren. Bei den wenigsten, die ich kenne, passt das, was sie tun, auf ein kleines Pappkärtchen.

Wozu der Frust, dass man uns nicht so leicht eine Stellenbeschreibung ans Revers hängen kann?

Mein Lieblingsautor zum Thema Zeitmanagement, Stephen R. Covey, sagt, man müsse den Anfang vom Ende her denken. Was sollen die Leute auf meiner Beerdigung über mich sagen? Wer soll alles dort sein? Was soll als der Inhalt meines Lebens beschrieben werden?

Wenn ich darüber nachdenke, dann komme ich auf keine Stellenbeschreibung, mit der ich auf Partys glänzen könnte. Am Ende sollte über mich gesagt werden, dass ich mein Bestes getan habe, um meinen Mann und meine Kinder zu unterstützen (es ist ein Fehler, schon morgens Wimperntusche zu tragen, schnief) und es sollte erwähnenswert sein, dass ich über die Familie hinaus, andere Menschen durch Schreiben und Coaching ermutigen konnte, ihr ganz eigenes Ding zu tun, und dass ich mein Leben in vollen Zügen genossen habe.

Das war jetzt rasant, oder? Vom Augenarzt über das Party-Gespräch bis ans Grab. Aber manchmal braucht es Umwege, um auf den Punkt zu kommen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta 

Montag, 23. April 2012

Glückliche Familie Nr. 38: Selbstbewusstsein


In einer Fortbildung für Elterntrainer lernte ich eine patente Frau kennen. Sie referiert seit Jahren über das Thema "Erziehung" an Familienbildungsstätten und hielt während der Fortbildung einen kundigen Vortrag über "Freies Spiel".
In der Mittagspause unterhielten wir uns über unsere eigenen Kinder. Und zwischen Chefsalat und Bayrischer Creme meinte sie plötzlich: "Unsere große Tochter hat so gar kein Selbstbewusstsein. Weisst du, was man da machen kann?"

Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen.

In jeder Fußgängerzone könnte man eine Umfrage machen "Wie steht es mir Ihrem Selbstwertgefühl?" Und selbst Zeitgenossen des Typs "Bulldozer" würden wortreich zu Protokoll geben, dass sie von klein auf darunter leiden, nicht genug Selbstwertgefühl zu haben.


Bei einem Elternstammtisch Anfang der fünften Klasse sagte eine Mutter: "Unser Hendrik hat sich in der neuen Klasse gut eingefunden. Dabei ist er ja sooooo ein Sensibelchen."
Die anderen Eltern starrten betreten in ihre Apfelsaftschorle. 
Ja, sind unsere Kinder alle Dumpfbacken?



Amy stellt sich zum Glück nie die Frage: "Bin ich als Katze gut genug?"











Kleine Kinder haben keine Frage zu ihrem Selbstwert.

Steht mir das neue Mützchen? Fahre ich gut genug Bobbycar? Werde ich es schaffen, die Erwartungen meiner Eltern beim Abriss der Bauklotztürme zu erfüllen?

Solche Fragen stellt sich kein Kind.

Solche Fragen lernt es von den Eltern.

Am Anfang schauen wir unser Neugeborenes an, glückselig über sein pures Sein. Dann vergehen die Monate und wir beginnen mit unserer höchstrichterlichen Tätigkeit als Eltern in der Leistungsgesellschaft.

Wir nötigen unser Kind aufs Töpfchen, weil das Nachbarskind ja auch schon trocken ist.
Wenn es im Kindergarten eine blaue Sonne malt, können wir uns nicht verkneifen zu sagen, dass die Sonne gelb ist.
Wenn es stolz mit einer "Drei" in Englisch nach Hause kommt, müssen wir wissen, ob Ann-Kathin wieder eine "Eins" hatte.

Mir persönlich hilft es, einen Unterschied zu machen zwischen Selbstwertgefühl und Selbstgefühl (Jesper Juul).

Um Selbstwertgefühl zu entwickeln, muss ich einen Wert erwirtschaften, eine Leistung vollbringen, etwas über mich beweisen.

Selbstgefühl zu haben, bedeutet, einfach zu wissen, wer ich in meiner Einmaligkeit bin.

Damit Kinder ihr gesundes Selbstgefühl nicht verlieren, ist es gut, wenn sie
  • malen
  • singen
  • musizieren
  • tanzen
  • frei schreiben
  • auch mal allein sind
  • viel draußen sind
  • Stille erleben
  • meditieren lernen
  • Eltern mit Selbstgefühl haben

Das kleine Märchen von Peter Bichsel bringt es auf den Punkt:

Columbin 
Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Mädchen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer fromm und die Küchenmagd fleißig – nur Columbin, Columbin war nichts. Wenn jemand sagte: „Komm, Columbin, kämpf mit mir“, sagte Columbin: „Ich bin schwächer als du.“ Wenn jemand sagte. „Wie viel gibt zwei mal sieben?“, sagte Columbin. „Ich bin dümmer als du.“ Wenn jemand sagte: „Getraust du dich, über den Bach zu springen?“, sagte Columbin. „Nein, ich getraue mich nicht.“ Und wenn der König fragte: „Columbin, was willst du werden?“, antwortete Columbin: „Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Columbin.“ 
(aus dem Kalender "Der Andere Advent", 2010) 

Immer schön fröhlich bleiben

Uta