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Donnerstag, 6. November 2014

Glückliche Familie Nr. 250: Gegen das Amputieren


Ich kann nicht behaupten, dass mir Joggen Spaß macht. Tanzen macht mir Spaß, ja, aber Laufen ist öde. Seit Jahren, ja Jahren, warte ich auf das berühmte "Runner's High", diese Ausschüttung von Glückshormonen, von denen passionierte Läufer berichten. Manchmal denke ich: "Uta, komm, noch eine Hausecke weiter, dann hast du auch eine Ausschüttung." Aber nix.

Ich laufe ohne Ehrgeiz. Ich will keine bestimmte Kilometer-Zeit erreichen, und dass ich die Treppe im Park nicht schaffe, ohne mehrmals die Aussicht sehr gründlich zu genießen, stört mich nicht.

Eine gute Freundin von mir läuft auch. Aber eher langsam. Vor einiger Zeit hat sie ein Geher überholt.

Wer mich sieht, wundert sich vielleicht über meinen Laufstil: Ich hebe die Füße höher als nötig, damit ich nicht in die nächste Pfütze schlage, wenn ich gucke, wie die Nachbarin das Fenster dekoriert hat oder wie vor der Jugendstilvilla die Kürbisse arrangiert sind. Es kann auch sein, dass ich eine Vollbremsung einlege und zurück trippele, weil ich eine Balkonbepflanzung so schön finde oder einen knorrigen Ast aus dem Park mitnehmen muss. Einmal habe ich mich frühmorgens auf einem Friedhof verlaufen, weil um die nächste Ecke wieder ein Engel war, der so zauberhaft verwittert war.

Auch wenn mir das Laufen als Sport keinen Spaß macht, gehe ich seit zehn Jahren laufen, weil ich dabei so schöne Dinge entdecke und weil ich einfach weniger zum Arzt muss. Wenn mir jemand sagt, er habe keine Zeit dafür, sage ich immer: "Und ich habe keine Zeit, in Wartezimmern rumzuhängen." Denn seit ich laufe (zweimal pro Woche 30 Minuten früh am Morgen) habe ich im Winter höchstens mal einen Schnupfen.
Bronchitis oder Lungenentzündung, seit meiner Kindheit bis Mitte 30 mehrfach gehabt, kenne ich nur noch aus der "Apotheken-Umschau".



Als ich die Schuhe kaufte, gab sich der Verkäufer viel Mühe, mit der Video-Analyse auf dem Laufband herauszufinden, wie ich den Fuß abrolle und welches Fußbett ich brauche. Dabei war mir von vorne herein klar, dass ich die will, wo das Pink so schön heraus blitzt :-)

Vorgestern Abend war ich bei einem Vortrag eines Sportmediziners in unserer Schule. Der Professor jagte uns durch eine Präsentation mit Grafiken, die zeigten, woran die Kinder erkranken können, wenn sie nicht von klein auf daran gewöhnt sind, sich viel zu bewegen: Adipositas, Depressionen, unerklärliche Kopfschmerzen, Diabetes schon bei Jugendlichen... Spätestens als der Professor erwähnte, dass alle paar Sekunden weltweit ein Körperteil amputiert wird, weil die Leute durch Bewegungsmangel und zu viel Essen Diabetes bekommen, rutschten die ganzen Mütter und die zwei Väter im Geo-Raum auf ihren Stühlen rum und waren sofort bereit, die gezeigte Übung für die Rückenmuskulatur zu machen.

In der Regel zerbrechen sich Eltern den Kopf, wenn die Mathe-, Deutsch- oder die Englisch-Stunden ausfallen. Hat man aber die Kernspin-Aufnahmen eines Gehirns vor und nach dem Sport gesehen, bekommt man Lust, die Schule zu verklagen, wenn der Sportunterricht ausfällt: Hohe Aktivität der Nervenzellen in verschiedenen Hirnarealen, bessere Verarbeitung verschiedener Informationen gleichzeitig, besseres räumliches Denken, Stimmungsaufhellung .... Die Aufnahmen zeigen Hirnmasse, die nach dem Sport wie ein Kürbis leuchtet, während das Hirn ohne Sport wie ein grauer Klumpen aussieht.

Das hat mich überzeugt: Ich habe Kronprinz (17) und Prinzessin (13) beim Frühstück (heute aus aktuellem Anlass Müsli-Bar mit Obst) von dem Vortrag erzählt, worauf sie gar nicht wagten zu fragen, ob ich sie bei dem Bindfadenregen zur Schule chauffieren würde.
Ich bin unter den Matschhimmel getreten und bin Laufen gegangen, obwohl das für heute gar nicht auf dem Plan stand. Und nach Regenlauf, Pfützenhüpfen und heißer Dusche hatte ich eine Gehirnaktivität, die mich verleitete, dieses hier zu schreiben.

Wie kriegt man Kinder in Bewegung? Ein Brain-Storming:

  • Sie bei längeren Hausaufgaben zwischendurch einmal das Treppenhaus hoch und runter oder um das Haus oder den Block jagen. (Ich habe dann gerne ihre Zeit gestoppt. Das war immer ein Anreiz.)
  • Bei der Wahl der Schule der Frage "Kann mein Kind da alleine hinlaufen oder mit dem Fahrrad hinfahren?" ein viel größeres Gewicht geben, als die meisten Eltern es tun. Wer vor dem Unterricht eine längere Strecke gelaufen oder Rad gefahren ist, ist deutlich aufnahmefähiger als die Kinder, die mit dem Bus oder dem Auto gekommen sind. (Das wiegt vieles auf, was vielleicht für die Schule spricht, die weiter entfernt ist.)
  • Selber Sport treiben.
  • Korb mit Schaumstoffbällen, Jonglierbällen und Springseil in die Wohnung stellen. (Selbst Teenager greifen gerne darein und kommen schnell in Bewegung.)
  • Stange für Klimmzüge über dem Türsturz, Ballettstange und Spiegel im Zimmer, Hula-Hoop-Reifen
  • für draußen: Schaukel, Turnstange, Trampolin, Fußballtore, Basketballkorb
  • Für Jugendliche besonders klasse: Tischtennisplatte. Wir haben in diesem Sommer eine angeschafft und hatten die vergangenen Monate sehr viel Spaß damit. An milden Abenden sind Kronprinz und Prinzessin oft spontan nach draußen gegangen, um noch eine Runde zu spielen oder sich beim Rundlauf mit Freunden um die Platte zu hetzen.

Was habe ich vergessen? Her mit der Schwarm-Intelligenz!

Immer fröhlich sich bewegen.

Eure Uta


PS: Eine Frage in eigener Blog-Sache: Wenn ich vor ihrer Veröffentlichung Kommentare lese, werden sie mir nur bis zu einer bestimmten Länge angezeigt. Was darüber hinaus geht, kann ich erst sehen, wenn es veröffentlich ist. Hat jemand eine Ahnung, wie ich das ändern kann? Ich habe mich schon quer durch die Foren gelesen, aber keine Lösung gefunden. Für einen Tipp wäre ich echt dankbar!

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 245: Babys richtig lagern, Verlosung


In einem meiner Bücher habe ich gelesen, dass Frauen heute einen "Kaltstart" erleben, wenn sie ihr erstes Baby bekommen, weil sie als Kind nicht mehr von so vielen Müttern mit Säuglingen umgeben waren, wie das früher der Fall war, und ihnen die Vorbilder fehlen.

Bei Affen mag das diese Auswirkungen haben. Affenmütter, die isoliert aufgezogen wurden und sich den Umgang mit Babys nicht abgucken konnten, wissen mit ihrem Jungen kaum etwas anzufangen und weisen es sogar brutal ab. (Harry Harlow nach Herbert Renz-Polster: "Kinder verstehen", Seite 254)

Aber gilt das auch für Menschen?

Ich bin zwar in einer größeren Sippe groß geworden (drei Geschwister, 26 Cousins und Cousinen), aber als der Kronprinz auf die Welt kam, habe ich das trotzdem als Kaltstart empfunden.

Nach Studium und ersten Berufsjahren, nach jahrelangen Kopfgeburten war mir die richtige Geburt entschieden zu körperlich: Dammriss, Klammer auf dem Babynabel, Kindspech, Milcheinschuss ...

Hilfe, wo ist meine saubere Schreibtischwelt, meine Bücher, mein Computer, Briefablage? Wo sind sie, die coolen Frauen in den Konferenzen? In der Klinik sah ich nur Morgenmäntel, die zum Kaffeespender watschelten.

Als die größten Körperlichkeiten überwunden waren, wurde der Kaltstart wärmer. Es gab einen Kronprinzen, der im Nacken duftete.

Leicht war es am Anfang trotzdem nicht. Irgendwann wurde der Duft von einem säuerlichen Gestank überdeckt, weil ich übersehen hatte, dass man die Halsfalten waschen muss. Der kleine Kerl hatte ein wundes Doppelkinn. Kein Wunder, dass er so unruhig war.

Meine berufliche Coolness wieder zu erlangen, war auch nicht so einfach. Wenn der Redaktions-Bote bei uns klingelte, um die nächsten Texte abzuholen, öffnete ein Schatten meiner Selbst die Tür. In Jogginghose, Spucktuch über der Schulter, Augen tief in ihren Höhlen, das Baby mechanisch wippend auf dem Unterarm.

Habe ich schon mal beschrieben, wie seine Majestät, mein Mann, und ich den Thronfolger föhnten, damit er endlich einschlief, und wie wir rückwärts auf dem Boden robbten, um den laufenden Föhn am Kabel aus dem Schlafzimmer zu ziehen?

Heute möchte ich etwas verlosen. Nein, keinen Föhn, sondern das Buch "Baby-Nöte verstehen" von der Kinder-Osteopathin Karin Ritter. Ich habe es zur Besprechung zugeschickt bekommen und musste nach dem Lesen denken, dass ich mir bei meinem Kaltstart damals ein solches Buch gewünscht hätte.


Luftaufnahme vom Kronprinzen im Alter von fünf Monaten. Auch wenn seit Mitte der 90er Jahre von der Bauchlage als Schlafposition abgeraten wird, schreibt die Kinder-Osteopathin, dass die Bauchlage "ein wichtiger Baustein in der Bewegungsentwicklung" des Kindes sei. Babys sollten "täglich ein bis zwei Stunden unter Beobachtung in dieser Lage liegen". 

In dem Buch erfährt man,
  • dass es nicht immer Koliken oder Blähungen sein müssen, die ein Baby schreien lassen
  • dass der Stress des Kindes durch falsche Lagerung im Bettchen ausgelöst werden kann
  • dass sich Säuglinge durch Lagerung der Beine auf ein Kissen viel wohler fühlen können und man so die Überstreckung des Kopfes vermeidet (verschiedene Lagerungen auf Fotos dokumentiert)
  • dass man ein Baby nicht mit dem Achselgriff hoch nimmt, weil das die Schultern zu sehr nach oben quetscht 
  • wie man es statt dessen hoch nimmt (zahlreiche Fotos)
  • mit welchen Griffen man es am besten trägt, wickelt, umzieht ...
  • dass man ein Baby ruhig im Autositz schlafen lassen kann, wenn man es darin in die Wohnung getragen hat, weil die Schalensitze ihm guten Halt geben, allerdings sollte man etwas unter den Sitz schieben, damit das Baby weniger aufrecht liegt
  • dass man kein Spielzeug an den Tragegriff des Autositzes hängen sollte, weil es dort für die Wahrnehmung des Babys zu tief hängt (kann zu Nackenverspannungen führen, Abstand zu den Augen mindestens 80 cm)
  • dass man den Autositz als Schaukel benutzen und an die Decke hängen kann (sanftes Schaukeln beruhigt immer) 
  • wie man ein Baby "puckt" (Pucken = zeitweiliges Einwickeln von Armen und Oberkörper des Babys, um ihm Halt zu geben und es damit zu beruhigen) plus Nähanleitung für einen "Puckschal" 

Karin Ritter nennt ihre Vorschläge "Glücksgriffe" und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Tipp mehr Frieden in die Kaltstart-Familien bringt.

Zudem enthält das Buch eine DVD, auf der die Handgriffe, das richtige Lagern, Hochnehmen und Tragen gezeigt werden.

Wer das Buch gewinnen möchte, schicke mir bitte einen Kommentar, in dem ihr mir kurz eure Lebenssituation als Eltern oder werdende Eltern beschreibt.

Einsendeschluss ist diesmal schon morgen, 10. Oktober, um 12 Uhr mittags. Dann kann ich es am Samstag schon zur Post bringen.

Immer fröhlich nach neuen Möglichkeiten für friedliche Thronfolger suchen

Eure Uta        


Die Zettel nehme ich wieder raus, dann ist es fast wie neu.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Glückliche Familie Nr. 244: Yoga in den Stundenplan


Nachdem die glückliche, aber verspannte Familie diesen Geo-Artikel gelesen hat, haben wir eine Yoga-Lehrerin unseres Vertrauens gebeten, an einem Sonntagmittag zu uns nach Hause zu kommen und der ganzen Familie eine Yoga-Stunde zu geben. Der Esszimmertisch wurde verrückt und Matten ausgerollt. Und dann gingen wir "in den Hund" und "in die Kobra" und wurden menschliche Brezeln und ließen den Atem fließen oder gingen mit der Atmung dahin, wo unsere Körper dringend gedehnt werden sollten. Also überall.




Ich habe in meinem Leben schon den einen oder anderen Yoga-Kurs gemacht, aber jedes Mal denke ich wieder: "Bei all den Anweisungen, die ich befolgen soll,  - Beine strecken, Beckenboden anheben, Finger spreizen, Kopf locker zwischen den Schultern, Atem fließen lassen - fehlt nur noch, dass ich die Ohrläppchen anheben soll."

Und jedes Mal ist es eine große Wohltat für Leib und Seele.

Es ist, als würde mein Inneres wieder mit meiner äußeren Welt in Einklang kommen, als würden zwei Folien übereinander geschoben und ein stimmiges Bild ergeben. So schön.

Dieses schöne Gefühl wollten mein Mann und ich unseren Kindern vermitteln. Dazu hätten wir auch in einen Kurs gehen können. Aber da wir es für aussichtslos hielten, dass unsere Teenager sich mit Elternteilen, die in Jerseyhosen stecken und beim Sonnengruß von der Matte kippen, in der Öffentlichkeit zeigen, initiierten wir die Yoga-Stunde in unserem Wohnzimmer.

Als ich zwischen zwei Asanas auf der Matte lag und meine Gedanken unerlaubterweise abschweiften, musste ich an die Leute denken, die in diesen Tagen in Hamburg dafür Unterschriften sammeln, dass die Gymnasien parallel zu G8 wieder auch G9 anbieten sollen (also in neun, statt in acht Jahren zum Abitur). Und ihr fragt euch jetzt, was das mit Yoga zu tun hat.

Der Zusammenhang ist der, dass ich fest davon überzeugt bin, dass die einzige Reform, die wir - außer besserer Lehrerausbildung, strengerer Eignungstests für Pädagogen, mehr Unterstützung und Supervision für Lehrer an Schulen, mehr Fachkräfte in Kitas ... - also (fast) die einzige Reform, die wir wirklich brauchen, "Yoga in der Schule" ist.

Das sagt auch der Neurowissenschaftler Sat Bir Khalsa aus Harvard.

"Wir werden zunehmend mit Stressoren bombardiert, Hektik und Druck im Arbeitsleben, stetig präsentes Fernsehen und Internet. Unsere Welt ist sehr herausfordernd. Aber uns wird nicht vermittelt, wie man damit zurechtkommt, nicht in der Schule, nicht von den Eltern. Die leiden ja selbst. Yoga ist eine Technik, die hilft, mit Stress umzugehen."       Brand 1, Wirtschaftsmagazin, Ausgabe 04/2014: "Eine Sache der Disziplin"

Und weil es bisher überwiegend Frauen, Wohlhabende und Gebildete sind, die von Yoga profitieren, setzt sich Sat Bir Khalsa "für die flächendeckende Einführung von Yoga in öffentlichen Schulen ein".

Sat Bir Khalsa, wo sind deine Unterschriftenlisten?

Für Yoga in der Schule braucht es gar nicht viel. Die Grundschullehrerin vom Kronprinzen (heute 16) hat täglich vor Unterrichtsbeginn mit den Kindern eine Yoga-Übung gemacht, weil sie festgestellt hatte, dass es ihnen hilft, konzentrierter zu arbeiten. So standen dann 28 kleine "Bäume" im Klassenzimmer, das rechte Bein angewinkelt, den rechten Fuß an die Innenseite des linken Oberschenkels gedrückt, die Arme über dem Kopf gestreckt, den Blick fest auf einen Punkt an der Tafel geheftet.

Mein Mann und ich werden jetzt wieder regelmäßig Yoga üben. Ob die Kinder mitmachen werden, wird sich zeigen. Uns war es wichtig, dass sie es kennen lernen und als Möglichkeit mit in ihr Leben nehmen.

Unsere sonntägliche Yoga-Stunde endete damit, dass Familie Katzenklo ausgestreckt zwischen Klavier  und Sofa lag. Alle mit Tüchern bedeckt, als hätte es ein Massaker gegeben. Aber uns ging es gut. Sehr gut sogar. Antje, die Yoga-Lehrerin, stieg über uns drüber, um hier noch eine Hand zu lockern, dort noch eine Decke bis unters Kinn zu ziehen. "Mein Leben ist so wie es sein soll", sagte Antje sanft, "ich habe nichts gegen das, was gerade ist."

Immer fröhlich Yoga üben.

Eure Uta

Freitag, 22. August 2014

Glückliche Familie Nr. 237: Betreuung, wirklich ganztags?


"Hast du das gelesen?" Der Soßenkönig schob mir dieser Tage die Zeitung über den Tisch. "Schon drei von vier Grundschülern in der Ganztagsbetreuung", lautete eine Überschrift.

Was dort als Erfolg für Hamburg gefeiert wurde, deprimierte uns beide. Als Grundschüler schon den ganzen Tag in der Schule?
Klar, das ist in manchen Fällen besser als allein oder verwahrlost zu Hause, besser als allein vor dem Fernseher oder Computer.
Aber als Kind in dem Alter immer unter Erwachsenenaufsicht? Immer kontrolliert, immer in einer vorgegebenen Struktur, immer pädagogisch angeleitet, immer beschäftigt von Erwachsenen?

Auf dem Schulhof ist aus Gründen der Haftung und Versicherung nicht einmal eine Schneeballschlacht erlaubt.

Kinder-Winter ohne Schneeballschlacht?

Gibt es für Kinder nicht mehr die Möglichkeit, nachmittags mit Freunden herumzustromern?

Banden bilden, Buden bauen, sich kloppen?

Im Gebüsch kauern und das alte Portemonnaie am Nylonfaden wegziehen, wenn sich ein Passant danach bückt?

Klingelstreiche, brettharte Kekse backen, Mehlschlacht?

Mit dem Rollbrett den Berg runterrasen, Verstecken spielen auf der Brachfläche, Spontanflohmarkt mit den staubigen Barbie-Puppen auf dem Bürgersteig?

Der Soßenkönig nahm einen Schluck Tee und erinnerte sich, wie er als Kind auf dem benachbarten Bauernhof zwischen den Heuballen gespielt hat. Und der alte Bauer durfte nicht wissen, dass er und die Mädchen vom Hof dort mit den Wachhund-Welpen spielten. Das war aufregend, anrührend, das stand in keinem Bildungsplan.

Meine Mutter hatte die beste Zeit ihres Lebens, als sie während des Krieges mit der Kinderlandverschickung auf einen Bauernhof im Münsterland gebracht wurde und dort mehr oder weniger sich selbst überlassen war. Noch heute erzählt sie am liebsten aus dieser Zeit.

Ich habe als Kind mit Freunden Unkrautsamen an der Bushaltestelle verkauft, Marmelade gekocht, bis die ganze Küche klebte, auf einer Wiese eine Schatzkiste mit rostigen Kronkorken verbuddelt und eine Seifekiste gezimmert, die in der ersten Kurve auseinander fiel.

Aber Vorstadtkrokodile scheint es nur noch auf DVD zu geben.

Selbst Eltern, die nachmittags daheim sind und Stützpunkt sein könnten für solche Abenteuer, lassen ihre Kinder nicht mehr zu Hause, weil diese auf der Straße niemanden zum Spielen finden. "Fast alle ihre Freunde sind ja in irgendeiner Betreuung", klagte meine Nachbarin, Mutter von zwei Grundschulkindern, mal.

Und den betreuten Kindern fehlt nicht nur der Kitzel des Lebens ohne Erwachsene, sondern auch Zeit für sich ganz allein. Keine Zeit mehr, sich mit der "Bravo" tagsüber im Zimmer einzuschließen, einen Ball selbstvergessen gegen die Mauer zu treten oder hinterm Schuppen zu träumen.
In der Schule ist man wegen der Aufsichtspflicht nie wirklich allein. Nicht einmal auf dem Klo. Jederzeit kann jemand unter den Türspalt gucken oder auf die Klinke hämmern.

Und wie ist das mit Trost und Nähe? Ist denn der Betreuungsschlüssel wenigstens so gut, dass das gegeben ist?

Meine Stepptanzlehrerin hat ihr Studio gegenüber einer Grundschule und bestreitet mit Kindertanz einen Teil des Programms der schulischen Nachmittagsbetreuung. "Du", sagte sie neulich, "die kleinen Mäusen wollen gar nicht mehr tanzen, die wollen alle nur auf meinen Schoß."

Ja, über die Schlagzeile "Schon drei von vier Gundschülern in der Ganztagsbetreuung" kann ich mich nicht recht freuen.











Ich habe mal überlegt, wie wir dem entgegensteuern können, selbst wenn Ganztagsbetreuung zum Standard werden sollte.

Tipps für mehr Freiräume für Kinder:

  • Wenn schon Ganztags-Betreuung dann mit großem Schulhof und viel Grün.
  • Im Garten verwunschene Ecken lassen, Büsche zum Verstecken sind wichtig und Bäume zum Klettern. Den englischen Garten kann man anlegen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.
  • Wer keinen Garten hat, könnte vielleicht einen Schrebergarten pachten.
  • Im Urlaub sind Campingplätze ideal. Meine Schwester Nummer 3 wohnt mit ihrem Sohn mitten in der Großstadt, aber seit Jahren fahren sie jedes Jahr im Sommer für drei Wochen auf einen Camping-Platz mit vielen Kindern. Dort kann mein Neffe von morgens bis nachts herumstromern, ohne dass sich meine Schwester Sorgen machen muss. Wenn die beiden zurück kommen, ist mein Neffe jedes Mal wie ausgewechselt: braun gebrannt, strohblond und hat jede Menge neuer Freunde. 
  • So ein kesseldruck-imprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette aus dem Gartencenter ist gut und schön, aber warum nicht eine Kiste mit Brettern, Seilen, alten Tüchern, Nägeln und Werkzeug in den Garten stellen und gucken, was passiert. (Das wäre auch eine Idee für die Nachmittagsbetreuung in der Schule, ich will mir aber nicht ausmalen, ob nicht wieder versicherungstechnische Gründe dagegen sprechen oder der Hausmeister ausrastet.) 
  • Das Buch "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson enthält jede Menge Anregungen für mehr Freiräume für Kinder und Eltern.  
  • Sich fragen, ob volle Berufstätigkeit beider Eltern in der Phase Null bis 10 Jahre unabdingbar ist, ob wir wirklich einem Herzenswunsch folgen oder uns nur einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Erwartung beugen. Wir werden doch sowieso immer länger arbeiten müssen. Warum dann dieser Stress? Die Jobs werden bleiben, aber die Kinder gehen garantiert aus dem Haus. 

Habt ihr zu Hause noch ein Vorstadtkrokodil? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir von verwunschenen Ecken in eurem Garten oder selbst gezimmerten Baumhäusern und Buden in der Nachbarschaft berichtet oder Fotos schickt.

Immer fröhlich Freiräume für Kinder schaffen.

Eure Uta

Dienstag, 25. Februar 2014

Glückliche Familie Nr. 201: Aufklärung in Brandenburg


Meine Kinder sind ja nicht mehr im Bullerbü-Alter. Mit 13 und 16einhalb lässt man keine Borkenschiffchen mehr schwimmen oder liest dem blinden Großvater aus der Zeitung vor.

Als Eltern hat man sich mit so Themen wie Alkohol, Rauchen und erste sexuelle Erfahrungen zu befassen. Themen, bei denen ich mich gerne locker gebe, es aber absolut nicht bin.

Kleiner Beispiel-Dialog mit Prinzessin, nachdem ich mir vorgenommen hatte, etwas Heikles anzusprechen:

"Was guckst du so komisch?"-
"Ich gucke komisch?" -
"Ja, du ziehst die Augenbrauen mega-hoch und darüber ist alles voller Falten."-

 Uta kneift sich in die Wangen, lässt das ganze Gesicht schwabbeln und grunzt ein paar Urlaute.

"Besser?"-
"Na, ja."

Meistens bin ich dann so aus dem Konzept, dass ich das heikle Thema lieber fallen lasse.

Neulich aber war ich sehr erleichtert. Da habe ich von Remo Largo, dem Leiter der Abteilung "Wachstum und Entwicklung" am Kinderspital Zürich, Folgendes gelesen:
"Eltern spielen für ihre Söhne und Töchter mit ihrem partnerschaftlichen Verhalten und dem Austausch von Zärtlichkeiten als Vorbilder eine wichtige Rolle. ... Ich bin aber nicht der Meinung, dass die Eltern in der Aufklärung die Hauptrolle spielen sollten, auch wenn sie sich kompetent fühlen und der Ansicht sind, dass sie diese Aufgabe gut erfüllen können." Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. München 2011, S. 55) 
Lieber Remo Largo, ich bin sowas von Ihrer Meinung. Danke! Außerdem bin ich überhaupt nicht der Ansicht, dass ich diese Aufgabe gut erfüllen könnte. Dieses Zitat hänge ich in den nächsten Shabby-Bilderrahmen, der mir unter die Finger kommt. So ein kleiner Freibrief gleich im Flur.

Denn ich bin nicht so kühn wie meine Freundin Britta, die beim Abendessen mit ihren beiden Kindern nicht nur über Aids sprach, sondern auch über die drohende Unfruchtbarkeit (Verkleben der Eierstöcke) durch eine Chlamydieninfektion bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Chapeau, Britta!

Oder wie unser Freund Jochen, der im Auftrag seiner Frau und Mutter seiner bald erwachsenen Kinder zwei Packungen Kondome kaufte und jedem eines in die Hand drückte als wären es Überraschungseier.

Oder wie Bettina, die mit ihrer Tochter im Auto durch Brandenburg fuhr und so leidenschaftlich darüber referierte, wie wichtig es sei, mit dem "ersten Mal" zu warten, bis man sich gut kennt und vertraut, dass sie richtig Gas gab und ein Knöllchen bekam.

Oder wie Claudia, die sich ihren 16jährigen Sohn zur Brust nahm und ihm einschärfte, nie, aber auch wirklich nie ein Mädel anzufassen, das alkoholisiert ist.


Hatte gerade kein Chlamydien-Foto :-)


Aus dem, was ich bei Largo gelesen und von unseren Freunden gehört habe, ergeben sich für mich folgende Erkenntnisse:

  • Jugendliche ziehen beim Thema Sexualität vor allem die beste Freundin oder den besten Freund ins Vertrauen. "Sexualität ist ... Teil des Erwachsenenseins und gehört nicht mehr in das gemeinsame Familienleben. Eltern berichten ihrem Sohn am Frühstückstisch auch nicht, dass sie vergangene Nacht miteinander geschlafen haben." (Largo, Czernin, S. 55)
  • Die Aufgabe von Eltern ist es eher, dafür zu sorgen, dass die Jugendlichen eine gute Beratung bekommen, zum Beispiel von einer verständnisvollen Frauenärztin. Kronprinz (16) habe ich gerade zu einem Check-Up bei unserem Hausarzt angemeldet, weil dieser in einem Gespräch mit meinem Mann angeboten hatte, auch sexuelle Fragen mit dem Prinzen zu besprechen. So eine Vertrauensperson außerhalb der Familie eignet sich viel besser dazu als Mama oder Papa. 
  • Die Kondome werden in unserem Haus beizeiten neben den Wattestäbchen im Bad stehen.
  • Hier ist ein guter Artikel über Chlamydieninfektionen und wie Jugendliche sich davor schützen können. Ich werde den Artikel ausdrucken und ins Gäste-WC hängen. Dort wird früher oder später alles gelesen. (Die Klo-Lektüre wird als erzieherisches Medium häufig unterschätzt.)
  • Maßnahmen wie Verbote, Kontrollen und Strafen gehen bei Jugendlichen meist nach hinten los. Das heißt aber nicht, dass Eltern sich gar nicht um das Thema kümmern sollten. Jesper Juul zufolge brauchen Kinder in der Pubertät ihre Eltern als "Sparringspartner". Sie wollen kein Wischiwaschi oder - noch schlimmer - Desinteresse, sondern Erwachsene, die einen klaren Standpunkt haben und dafür einstehen. Dann können die Jugendlicher selber gucken: Wer will ich in Bezug auf diesen Standpunkt sein? 
  • In eine gute Beziehung zum Kind investieren und in irgendeiner Form immer in Kontakt bleiben. Meine Freundin Lisa erzählte, dass häufig gute Gespräche entstehen, wenn sie ihren 17jährigen Sohn vom Schlagzeugunterricht abholt. Im Auto neben einander zu sitzen, habe so etwas entspannt Beiläufiges. Außerdem meinte sie, dass das Musikmachen seine Gehirnhälften besser vernetze. 

Noch ein Zitat von Largo, das ich so schön fand (wo kriege ich bloß die ganzen Shabby-Rahmen her?):
"Oft kommen mir Jugendliche mit ihren Ansprüchen, die sie etwa bezüglich Treue und gegenseitiger Unterstützung an sich selbst und ihren Partner stellen, moralischer vor als viele Erwachsene."

Immer fröhlich bei der Aufklärung im Hintergrund präsent sein

Eure Uta

Dienstag, 12. November 2013

Glückliche Familie Nr. 181: Königin der Körperzellen


Gestern las ich ein älteres "Brigitte"-Dossier. Dort ging es darum, welches Verhältnis wir zu unserem Körper haben. Dass wir kontrollwütig mit einem Gerät joggen, das die Anzahl der verbrauchten Kalorien zählt. Dass es sogar Leute gibt, die mit einem kleinen Monitor am Körper überwachen, wie viele Tiefschlafphasen sie nachts hatten. Vom permanenten Auf-der-Waage-Stehen ganz zu Schweigen.

Kontrolle ist das eine, Wut und Hass auf den eigenen Körper das andere Phänomen.
Die Autorin erzählte von einer Yoga-Stunde, in der der Yoga-Lehrer die Gruppe bat, sich am Ende auf der Matte auszustrecken, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, man trete als Herrscher seiner Körperzellen auf einen Verkündigungsbalkon und richte eine Ansprache an sein Volk.

Bei dieser Vorstellung bekam die Journalistin Herzrasen. Denn sie stellte mit großem Schrecken fest, dass ihre Rede aus Hass-Tiraden bestand. Sie beschimpfte ihre Untertanen, dass sie versagen würden beim Abbau der Fettpolster, Straffen der Haut, Abwehr der Grippe-Attacken und vielem anderen mehr.

Es war eine lange Liste. Bei mir wäre es Haarausfall, krumme Beine, Augenringe und Halskratzen. Und richtig ausfällig wurde ich neulich, als ich beim Ausknipsen der Nachttischlampe erstes Winkfleisch am Oberarm erblickte.



Ja, ja, dass man sich selber lieben soll, ist bekannt. Aber dieses Bild von den Abermillionen Körperzellen, die unter dem Verkündigungsbalkon stehen und auf meinen Zuspruch und meine Fürsorge warten, ging mir richtig unter die Haut, ... die Straffe, die Wunderbare, die mit Sommersprossen gesprenkelte, die an manchen Stellen charaktervoll Erschlaffende.

Eine Königin der Herzen will ich sein für meine Körperzellen und begann sogleich, tiefer zu atmen. Jeder Zug eine Audienz für meine Lungenbläschen, jedes Gliederrecken eine Aufwartung bei den Gelenken. Dankbar gedachte ich all der Angriffe, die dieser Körper schon abgewehrt hatte, der Kinder, die er geboren, den Sportarten, die er absolviert hatte.

Den Rest des Tages war ich tiefenentspannt. Beim Großeinkauf legte ich auch eine Flasche Wasser in den Einkaufswagen und trank sie noch im Auto aus, weil ich so durstig war (ohne Dossier hätte ich das auf Zuhause verschoben). Daheim ließ ich Einkäufe und Küchen-Chaos links liegen, weil Prinzessin (12) Hilfe brauchte bei ihrem Vortrag über das Atemsystem der Weinbergschnecke.
 "Wir sind das Volk", riefen die Körperzellen, "gönn' uns eine Pause und mach' dir einen Tee." Das war ein Volksentscheid. Dem musste ich folgen. Ich ignorierte das Küchen-Chaos und las einen schönen Text. Wohlig müde lag ich später im Bett, reckte meinen Arm zur Nachttischlampe und zwinkerte dem Winkfleisch zu.

Immer fröhlich Freundschaft schließen mit dem eigenen Körper

Uta

Freitag, 24. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 146: Fluch oder Segen


In dem Buch "Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks" von Joel ben Izzy gibt es eine Geschichte über einen weisen Mann.
Als dieser ein besonders schönes Pferd erwarb, gratulierten alle Nachbarn und waren sich darin einig, dass der Mann gesegnet sei.

"Mag sein", erwiderte er. "Aber was wie ein Segen aussieht, könnte auch ein Fluch sein."

Wenig später ritt sein Sohn auf dem Prachthengst, fiel herunter und brach sich ein Bein. Diesmal kamen die Nachbarn und bedauerten den Mann.

 "Mag sein", erwiderte er. "Aber was wie ein Fluch aussieht, könnte auch ein Segen sein."

Kurz darauf brach ein Krieg aus. Alle jungen Männer des Dorfes wurden für den Wehrdienst eingezogen. Allein der Sohn des weisen Mannes durfte wegen seines gebrochenen Beines zu Hause bleiben. Er war schließlich der einzige, der überlebte. (stark verkürzt aus "Der Geschichtenerzähler ....", S. 16)

Was wie ein Fluch aussieht, könnte auch ein Segen sein. 

Dieser Satz fällt mir immer ein, wenn ich mich in einer misslichen Lage befinde.

Misslich ist ja auch dieser Regen da draußen.

Die Perlhyazinthen ersaufen in ihrem Topf ohne Abfluss. Die verwelkten Blüten des Apfelbaums liegen wie nasser Schnee auf dem Rasen.

Wollen wir alle dieses Frühjahr Reis anbauen und mit riesigen Hüten durch unsere terrassenartig angelegten Gärten waten?

Dieses Dauer-Tief ist aber auch ein Segen. Und jetzt kommen wir über Rasse-Pferde und Reis-Terrassen zu dem, was ich eigentlich sagen wollte:

Wegen der Wetterlage gab es bisher kein Schulschwimmen. Und das ist ein Segen.

Zu der Schule unserer Kinder gehört ein altes Freischwimmbecken, in dessen kaltes Wasser kernige Sportlehrer die Kinder schicken, kaum hat das Quecksilber die 10-Grad-Marke überwunden. Auch für Prinzessin (12) rückte dieser Tag bedrohlich nahe. Bedrohlich deshalb, weil die einzige Schwimmbekleidung, die sie mag, ein putziger Bikini ist. Bei seiner Herstellung wurde Millimeterware verwendet. Das meiste davon für die Rüschen, die an Po und Oberteil noch stärker zur Geltung bringen, was pubertierende Jungen um den Schlaf bringt.

Ich habe mich dieser Tage nicht nur mit Geschichtenerzählern befasst, sondern auch mit den Fakten aus dem Buch "Das männliche Gehirn" der Neuropsychiaterin Louann Brizendine. In dem Kapitel "Das Gehirn des Teenagers" schreibt sie, "dass das Testosteron im ... Hypothalamus die Schaltkreise für sexuelles Verlangen (bei Jungen, Anmerk. der Bloggerin) ungefähr doppelt so groß werden lässt wie im Gehirn eines Mädchens. Von nun an ist das männliche Gehirn so strukturiert, dass sexuelle Bestrebungen an vorderster Front stehen. ... Diese intensive Beschäftigung mit Sexualität ähnelt dem Großbildfernseher in einer Sportbar: Sie läuft ständig im Hintergrund."

Professor Brizendine meint, dass die meisten Mütter nicht das ganze Ausmaß der Veränderungen begreifen würden, die sich im Gehirn ihres heranwachsenden Sohnes abspielen würden.

Okay, ich habe begriffen. Und ich habe nicht nur einen Sohn, bei dem einschlägige Sendungen auf dem Hypothalamus laufen, sondern auch eine Tochter, die es vor Mitschülern zu schützen gilt.

Besonders seit sich Schüler als Sportassistenten ausbilden lassen können und bei Turnfesten Hilfestellung am Reck oder Barren geben. Eigentlich geht es diesen Jungs aber um die Bay-Watch-Nummer am schulischen Freischwimmbecken.


Das Blickfeld eines männlichen Teenagers in den Zeiten des "Testosteron-Tsunamis".

Als Prinzessin mir im vergangenen Sommer erzählte, ein Junge aus den höheren Jahrgängen habe sie am Rande des Schwimmbeckens gefragt, in welche Klasse sie ginge, gab es für mich kein Halten mehr.  Ich tippte "Sportbadeanzug mit Rollkragen" in die Google-Leiste ein. Die Suchmaschine brauchte ungewöhnlich lange. Schließlich spuckte sie Hersteller aus, die sowohl Badeanzüge als auch Rollkragenpullover führen. Aber keiner hatte den modischen Mut, beides zu kombinieren.
Ob Prinzessin bereit wäre, einen Neopren-Anzug zu tragen?

Ich klapperte Sportgeschäfte und Kaufhäuser ab, aber kein Modell fand die Gunst von Madame Meerjungfrau. Es wurde Herbst, Winter und noch mal Winter. Kaum war es ein bisschen wärmer, eröffnete die Klasse von Kronprinz (15) die Freibadsaison. Es wurde immer enger. Im Rüschen-Bikini und auch zeitlich.

Aber dann kam der Regen. Tagelang. Und endlich entdeckte ich in einem örtlichen Sportgeschäft einen Badanzug, der Gnade vor Prinzessin fand.

Jetzt kann der Sommer und das Schulschwimmen kommen.

Immer fröhlich im Fluch auch den Segen sehen

Uta

Sonntag, 29. Juli 2012

Glückliche Familie Nr. 66: Eine Herde Fohlen


Wusstet ihr, ...

  • dass die Kinder in den Jahren vor der Pubertät nur wenig wachsen, aber dass es dann einen Wachstumsspurt von bis zu zwölf Zentimetern pro Jahr gibt
  • dass besonders die Extremitäten schnell wachsen: Jungs kriegen plötzlich so große Füße und watscheln wie Enten, bei Mädchen wachsen die Beine besonders. Nie wieder sind ihre Beine im Verhältnis zum Rumpf so lang wie in dieser Zeit. Guckt euch mal Mädchen einer sechsten oder siebten Klasse an: eine ganze Herde Fohlen.
  • dass bei mehr als 50 Prozent der Mädchen das Erscheinen der Schamhaare das erste Zeichen für den Beginn der Pubertät ist (auch die Brust entwickelt sich meist in der Startphase)
  • dass bei den Mädels nie Achselhaare und Regelblutung als Erstes auftreten
  • dass die Pubertät bei den Jungs diskreter beginnt und sie die ersten Anzeichen meist selber nicht bemerken
  • dass die Jungs eher an Körpergröße und Muskelmasse zunehmen, bevor sich die Geschlechtsorgane ausbilden
  • dass sich bei den Mädchen das Wachstum nach der ersten Regelblutung deutlich verlangsamt und sie im Durchschnitt zwei Jahre danach ausgewachsen sein werden
  • dass sie nach der Menarche im Mittel noch 7,8 Zentimeter wachsen


Kronprinz (14) mit Kaugummi-Zigarette


Das alles habe ich in dem Buch Jugendjahre von Remo Largo und Monika Czernin gelernt. Ich bin noch am Anfang und werde euch auf dem Laufenden halten, wenn mich wieder etwas anspringt. Das Buch ist im vergangenen Herbst erschienen und es gibt es bisher nur gebunden und teuer. Ich finde aber, dass es sich jetzt schon gelohnt hat.

Viele Eltern, so Largo/Czernin auf Seite 25, "nehmen die körperlichen Veränderungen, die in der Pubertät auftreten, als Bruch in der Beziehung wahr". Plötzlich wird das Badezimmer abgeschlossen, man darf beim Shoppen nicht mehr mit in die Umkleide und selbst der trockenste kleine Kuss von Mama oder Papa wird weggewischt (Prinzessin ist kurz davor, die Stelle großräumig zu desinfizieren, nur die Katzen, die werden von ihr geküsst, egal ob sie gerade in den Wechseljahren sind oder nicht).

Ein wichtiges Merkmal der Pubertät, schreiben die Autoren, sei "die zunehmende körperliche Distanz zu den Eltern. "Die Eltern sollten diesen Wandel ... aber nicht als Ablehnung und Kränkung empfinden, sondern als Aufforderung verstehen, die Beziehung zu ihrem Kind neu zu gestalten."

Prinzessin (11) hat am Wochenende von ihrer Tante ein Buch geschenkt bekommen. "Hör mal, was da vorne drin steht", rief sie und las mir die Widmung der Autorin vor: "Für meine Mutter, die auch meine beste Freundin ist."        Stille         "Jetzt sei nicht traurig oder so. Aber mal ehrlich. Ich mag dich schon, aber meine beste Freundin bist du wirklich nicht."

Ich glaube, das ist eine gesunde Entwicklung, und werde ...

immer schön fröhlich bleiben

Uta

Dienstag, 17. April 2012

Glückliche Familie Nr. 36: Die weise Verkäuferin


Die Tochter meiner Freundin hat zum ersten Mal ihre Tage bekommen. Meine Freundin ging darauf hin in einen Drogeriemarkt, um sich beraten zu lassen, was junge Mädchen heutzutage benutzen. Sie traf auf eine sehr nette Verkäuferin, selbst Mutter einer Teenager-Tochter. Von Frau zu Frau wurde das Für und Wider verschiedener Produkte besprochen, meine Freundin entschied sich für die Packung mit den Schmetterlingen, bis die Verkäuferin sagte: "Aber das Entscheidende fehlt noch." - "Das Entscheidende?" Meine Freundin balancierte schon Hygieneartikel auf beiden Armen. "Was denn noch?" - "Das Wichtigste finden Sie dort!" Die Verkäuferin wies auf einen Tisch, auf dem sich Konfektschachteln türmten. "Schokolade, kaufen Sie ihr Schokolade und einen großen Strauß Blumen. Dieser große Tag muss doch gefeiert werden."

Was für eine schöne Idee. Kein Tag zum Schämen und sich Unwohl-Fühlen, sondern zum Feiern. So werde ich es bei meiner Tochter auch machen.

Immer schön fröhlich bleiben

Uta

Dienstag, 28. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 17: Reifen dürfen



Als ich die Entwicklung der Narzissen auf meinem Bilderbord sah, ...




wurde mir wieder klar, welche große Rolle Reifungsprozesse bei Blumen wie bei Kindern spielen.

In meiner weitläufigen Verwandtschaft gibt es einen Vierjährigen, der schon lesen kann, aber noch nicht trocken ist.
Prinzessin hat sich Schleifebinden selbst beigebracht, als sie noch nicht einmal vier war. Zum Malen aber war sie kaum zu bewegen.
Von Kronprinz haben wir ganze Kartons voller Zeichnungen, voller selbst gebauter Flugzeuge und wunderschöner Geschichten. Aber Dinge wie Aufräumen, früh Einschlafen, Am-Tisch-sitzen-Bleiben waren ihm kaum beizubringen.

Kinder haben einen eingebauten Entwicklungsmotor, sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Und da gibt es keine Serienanfertigung. Jedes Kind trägt einen Motor in sich, der ein unverwechselbares Einzelstück ist. Wir Erwachsenen haben nur die Aufgabe, für bunte Möglichkeiten zu sorgen. Die Kinder nehmen sich, was sie in bestimmten Phasen ihrer Reifung brauchen.

Mit Radfahr-Training wollten mein Mann und ich bei Prinzessin ähnlich verfahren wie bei ihrem Bruder. Man nehme ein kleines Fahrrad, einen Gürtel und eine ruhige Sackgasse. Man setze das Kind auf den Sattel, schlinge ihm den Gürtel locker um den Bauch, rede ihm gut zu und die erste wackelige Fahrt beginnt.

Nicht so bei Prinzessin. Sie war nicht dazu zu bewegen, an unserem Trainingsprogramm konstruktiv teilzunehmen.
Wenige Wochen später beobachtete ich Prinzessin in unserem Garten. Sie hatte sich das kleine Fahrrad auf den Rasen geschoben und war damit beschäftigt, Spielsachen auf den Gepäckträger zu klemmen und eine Puppe in den Korb am Lenker zu quetschen. Sie war ganz versunken darin, das Rad mit Dingen zu beladen und wieder zu entladen. Zwischendurch stieg sie selber auf und wieder ab. Und am Abend setzte sie sich auf den Sattel und fuhr einfach los. Noch Fragen?

Zurück zu meiner kleinen Narzissen-Klasse im Wohnzimmer. Die fünf Blumenkinder wurden in der gleichen Stunde in Wasser eingeschult. Auch die Zuwendung der Sonne war auf alle Fünf gleich verteilt. Und trotzdem zeigten sich diese Unterschiede.

Der Schweizer Remo H. Largo, Arzt und Spezialist für die Entwicklung von Kindern, hat in Untersuchungen festgestellt, dass es innerhalb einer Klasse Reifungsunterschiede von bis zu drei Jahren gibt. (Remo H. Largo, Martin Beglinger: Schülerjahre.)
Zum Beispiel: Der siebenjährige Tom kann schon rechnen wie ein Achtjähriger, während der siebenjährige Lasse das Zahlenverständnis eines Fünfjährigen hat. Dafür schießt Lasse wahrscheinlich Tore wie Gerd Müller, während Tom kaum einen Ball trifft.

Das sollten wir uns klar machen, wir Mütter, die unter der furchtbaren Krankheit "Vergleicheritis" leiden. Schaut Euch diese Blumenkinder an Tag 5 an und






bleibt immer schön fröhlich.

Uta






Donnerstag, 26. Januar 2012

Zungenturnen




Bei meinem Neffen stellte ein Arzt einen insgesamt schwachen Muskeltonus fest. Ein ausführlicher Therapieplan ist jetzt in Arbeit, jede Menge Termine, die die Nachmittage eines Zwölfjährigen verstopfen. Bei unserer Tochter diagnostizierte die Kieferorthopädin einen schwachen Zungentonus. Wir bekamen ein Rezept für eine Logopädie-Praxis. Bei der Vorbesprechung beulten sich ihre Backen von der ganzen Turnerei im Mund. Zum Schluss gab die Logopädin ihr bunte Klebepunkte mit. Einen könne sie sich an den Fahrradsattel kleben, einen anderen an die Schreibtischlampe, die Restlichen im ganzen Haushalt. Die Punkte würden sie daran erinnern, ihre zungengymnastischen Übungen zu machen. Als ich dann eine Einladung für einen Elternabend bekam, zu dem alle Mütter und Väter kommen sollten, deren Kind von einer Tonusschwäche der Zunge betroffen seien, habe ich das Zungenturnenrezept zerrissen.

Hey Leute, seht euch das Kind an, kümmert euch um den Menschen, nicht um seine Mängel.

So mache ich es auch, wenn meine Kinder krank sind. Klar gibt es Pflaster, Umschläge, Fiebersaft oder was es eben so braucht. Ich gucke aber immer,  dass ich mich nicht zu sehr von der Krankheit mit ihren Symptomen in Beschlag nehmen lasse, sondern gucke, was mit dem Kind ist. Ich will mich nicht auf Betroffenenseiten im Internet herunterziehen lassen, sondern nutze die Zeit lieber zum Nacken Kraulen.

Das ist ein kleiner, feiner, letztlich aber großer Unterschied.

Guckt mal dieses Video dazu:





Immer fröhlich bleiben

Uta