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Dienstag, 31. Mai 2016

Echte Unglücksbringer

Wie viel leichter es mit den Kindern geht, wenn man mehr Zeit einplant.
Wisst ihr, welcher einer der glücklichsten Tage in meinem Leben war?
Die Tage, an denen meine Kinder geboren wurden?
Ja, die auch.
Aber noch intensiver habe ich einen Tag in Erinnerung, der meinem Mann und mir geschenkt ...
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Montag, 16. Juni 2014

Glückliche Familie Nr. 225: Morgen oder schon übermorgen


Mein Vater (82) sagt: "Je älter ich werde, desto mehr rast die Zeit."
Menschen empfinden das so, weil das Jetzt, das sie erleben, so kurz erscheint im Verhältnis zu all dem, was sie schon erlebt haben.




Bei einem Kind ist es genau umgekehrt. Weil alles noch vor ihm liegt, kann sich der Moment zu einer köstlichen Ewigkeit dehnen. Aber es macht sich sowieso keine Gedanken über die Zukunft. Kinder leben im Jetzt.

Erwachsene vergessen immer wieder, dass Kinder noch keinen linearen Zeitbegriff haben. Erst mit ungefähr 9 Jahren ist ein Kind dazu fähig vorherzusagen, wie viel Zeit eine Handlung beanspruchen wird (Jean Piaget: Die Bildung des Zeitbegriffs beim Kinde, Zürich 1955).

Wenn ich einem Vierjährigen sage, dass ich in drei Stunden wieder da bin, hat er keine Vorstellung davon, wie lange das ist. Deshalb machen wir es anschaulich: "Wenn der kleine, dicke Zeiger auf der Zwölf ist und der lange, dünne Zeiger ..."

Ein Kind wird heftig bestreiten, dass die halbe Stunde mit seinem Freund in der Matschpfütze genauso lang gedauert haben soll wie die halbe Stunde, als es gewartet hat, bis Oma mit dem Geburtstagsgeschenk kam.

Für ein Kind ist ein großer Stein älter als der kleine Stein, der daneben liegt.




Freunde erzählten uns, dass ihre kleine Tochter sehr wütend auf ihre Eltern war. Sie stemmte ihre Hände in die Taille, stampfte mit dem Fuß auf und brüllte: "Ich ziehe hier aus. Morgen, wenn nicht schon übermorgen."

Die Managementtrainerin Vera F. Birkenbihl hat Teilnehmer ihrer Seminare aufgefordert, die Zeit zu malen. Über 80 Prozent der Erwachsenen zeichnen einen Pfeil, ganz wenige zeichnen einen Punkt. Die Zeit, die eher ein Punkt ist, ein Augenblick, in dem man erfüllt ist, von dem, was man gerade tut, bezeichneten die alten Griechen als "Kairos".

Das Leben von Kindern besteht - wenn man sie lässt - aus "Kairos"-Zeit.

Wir Großen müssen es erst wieder mühsam lernen.

Seit zehn Tagen mache ich jeden Mittag 20 Minuten lang nichts. Ich sage den Kindern: "Und wenn der Papst anruft, ihr stört mich nicht." Ich schließe die Schlafzimmertür*, setzte mich auf mein Bett und schaue den Schrank an. Eine Invasion von Gedanken stürmt durch mein Hirn, aber ich stelle mir vor, dass ich hinter einem Wasserfall in einer Höhle sitze und alles, was durch meinen Kopf geistert, den Wasserfall nach unten schicke.*

Manchmal nicke ich ein in diesen 20 Minuten und werde von der Piepsuhr aus dem Dämmerzustand gerissen. Aber meistens entsteht so ein wattiges Gefühl. Auf jeden Fall fühle ich mich danach erfrischt und klarer ausgerichtet. Ich krempele die Ärmel hoch und arbeite mit mehr Freude und effektiver.

Eckhart Tolle schreibt:
"Nur wenn der Lärm des Denkens abebbt und sich genügend Stille in uns ausbreitet, erkennen wir, dass eine verborgene Harmonie da ist, eine Heiligkeit, eine höhere Ordnung, in der alles seinen perfekten Platz hat ..." (aus: Eckhart Tolle: Eine neue Erde, S. 205) 

Zunächst wollte ich euch hier Tipps geben, wie ihr damit umgehen könnt, wenn Kinder trödeln. (Je stärker wir Erwachsenen eingebunden sind, desto mehr werten wir das, was Kinder tun, als "trödeln" ab.)
Ich dachte an so Tricks wie 'wir machen ein Anzieh-Wettrennen' oder 'wir spielen Feuerwehr und wir müssen schnell in den Kindergarten, weil es dort brennt'. Aber dann war es mir zu blöd, dazu beizutragen, dass schon Dreijährige reibungslos funktionieren.

Was ich mir wünsche, ist,
  • dass Kindern nicht das "Kairos"-Leben ausgetrieben wird
  • dass ihre Eltern immer wieder Stunden oder Tage einschieben können, wo sie und die Kinder einfach in den Tag leben können
  • dass Eltern verstehen, dass freies Spiel (besonders im Vorschulalter) deutlich lehrreicher ist als das, was wir Erwachsenen unter Lernen verstehen

Der Kronprinz (16) meinte übrigens, der Papst ließe ausrichten, er werde später noch einmal anrufen.

Immer mal fröhlich nichts machen.

Eure Uta


* Man kann sich auch in der Mittagspause auf eine Parkbank setzen und einen Baum anschauen oder die Bürotür abschließen und in das Licht einer Kerze sehen.

** Diese Idee stammt aus dem wunderbaren Buch "Enjoy your life" von Martha Beck.

Samstag, 11. Januar 2014

Glückliche Familie Nr. 192: Das Kann-Kind


Ich hatte hier versprochen, unsere Schulgeschichte zu erzählen.

Der Kronprinz (heute 16) war ein "Kann-Kind". Nicht nur ein Kind, das in den Augen seiner verliebten (und deshalb unzurechnungsfähigen) Eltern alles kann, sondern auch im Oktober geboren ist und deshalb im Alter von fünf Jahren eingeschult werden "konnte".

Wie alle Eltern fanden und finden wir unseren Kronprinzen ganz besonders begabt und waren fest davon überzeugt, dass sich dieses Kind nicht länger mit dem Babykram im Kindergarten herumschlagen und deshalb früher eingeschult werden sollte.

Der Leiter der Grundschule ließ den Prinzen ein Bild malen und befand ihn nach wenigen Strichen für schulreif, was wohl auch damit zusammenhing, dass der Mann Argumente brauchte für die Schulerweiterung von zwei- auf dreizügig.

Später erfuhren wir, dass er jeden Fünfjährigen für schulreif erklärte, der ihm unter die Buntstifte kam. Aber wir waren so gebauchpinselt (siehe elterliche Unzurechnungsfähigkeit), dass wir den Rektor für scharfsinnig hielten.

Bei der Einschulungsfeier stand der kleine Prinz mit seiner Schultüte auf der Bühne und sah aus wie ein Gulliver, der für einen Riesen die Eiswaffel hält.

Die Schule begann. Unser Sohn bekam eine Lehrerin, deren Methoden uns an eine Kaderschmiede östlicher Prägung erinnerten. Kaum hatten die Kinder die ersten Buchstaben gelernt, veranstaltete die Lehrerin Lesewettbewerbe. Jungen und Mädchen mussten nach vorne kommen und Wörter lesen. Und die, die schon vor Beginn der Schule lesen konnten, wurden mit Medaillen in Gold, Silber oder Bronze dekoriert.

Lesen für Olympia.

Der Kronprinz bekam Albträume, wachte nachts schreiend auf, malte Bilder von Hexen, die stark nach "Madame Lesewettbewerb" aussahen.


Die Hexen-Bilder habe ich nicht mehr gefunden. Die haben wir wohl alle verbrannt. Dafür zeige ich euch hier mein Lieblingslings-Werk des Prinzen.  "Marmelade im Kühlschrank" entstand, als er gerade vier war. 

Ich versuchte, ihm mit Üben zu helfen.

Klebte ein großes "L" an die Lllllllampe, ein "K" ans Kkkkkkklavier und ein "P" an den Pppppapa, dachte mir eine Buchstaben-Schnitzel-Jagd aus, versteckte "Wort-Schätze" im Garten und "Silben-Salat" im Heizungskeller.

Uta war zwar verzweifelt, aber auch ganz in ihrem Element.

Das Üben half jedoch nichts.

Der kleine Prinz, der schon im Alter von drei Jahren elegant den Konjunktiv einsetzte, wollte weder Lesen noch Schreiben lernen.

Nach nur zweieinhalb Monaten nahmen wir ihn von der Schule. In den alten Kindergarten konnte er aus Platzgründen nicht zurück, eine nahe gelegene Vorschule war auch voll. Mit Mühe fanden wir noch einmal einen Kindergartenplatz für unseren "Großen".

Das Schönste in dieser Zeit war der Moment, als wir beide seine Bilder von "Madame Lesewettbewerb" in den Feuerkorb auf der Terrasse steckten und sie verbrannten.

Danach ging es uns besser.

Ein Jahr später wurde er in der benachbarten Grundschule eingeschult und bekam eine mütterlich-liebevolle Lehrerin. Seit diesem Neustart ging er gerne zur Schule. Lesen, Schreiben, Rechnen war kein Problem mehr.

Und war dieser verpatzte Start Fluch oder Segen?

Heute sagen wir, dass es ein Segen war. Hätte er nicht diese Drill-Dame bekommen, hätten wir ihn nicht um ein Jahr zurück genommen. Dann hätte er sich weiter durchbeißen müssen und die Qual wäre mit hoch gewachsen bis zum Schulabschluss.
"In eigenen Untersuchungen zur Frage, ob Kinder mit fünf Jahren schon schulreif sind, haben wir in großer Breite festgestellt, dass die intellektuelle Reife oft schon da ist, nicht aber die soziale Reife, um im System Schule zu überleben",
schreibt Hans-Dietrich Raapke in seinem Buch "Montessori heute. Eine moderne Pädagogik für Familie, Kindergarten und Schule", Reinbek 2001. Damals habe ich mir dieses Buch gekauft, weil ich Maria Montessoris Erkenntnisse über die "sensiblen Phasen" der Entwicklung bei Kindern sehr erhellend fand.

Abgesehen davon, dass die wenigsten Menschen heute die soziale Reife im Blick haben, hat man als Eltern eines Fünfjährigen auch die Pubertät noch nicht auf dem Schirm, macht sich nicht klar, dass die vorzeitig Eingeschulten als Jugendliche früher in Berührung kommen mit Themen wie "Allein abends ausgehen", "Sexualität", "Alkohol" und "Rauchen", dass sie als die "Kleinen in der Klasse" unter besonderen Druck geraten können, sich bei diesen Themen als cool zu erweisen.

Da denkt doch kein Mensch dran, wenn er aus Moosgummi die Raketen für die Schultüte ausschneidet.

Es ist aber enorm wichtig.

Immer vorsichtig damit sein, Kinder früh einzuschulen. Wenn man einmal in dem System Schule steckt, kommt man schwer wieder raus und dann kann mein "immer fröhlich bleiben" harte Arbeit werden

Uta

Sonntag, 3. März 2013

Glückliche Familie Nr. 126: Der langsame Morgen


Sonst jogge ich am Sonntagmorgen und hole Brötchen. Heute in der Früh lag ich im Bett und spürte: ich will einen langsamen Morgen.

Der Soßenkönig drehte sich auf die andere Seite, ich schlich aus dem Schlafzimmer. Keine Regung aus dem Zimmer von Kronprinz (15), kein Geräusch von Prinzessin (12) und ihrer Übernachtungsfreundin (11).

Ich lümmelte mich auf die Holztreppe und kraulte den Kater. Nur wir beide und sein Schnurren. Zehn Minuten oder mehr. Ich weiß es nicht. Ein Sonntag ohne Uhr.

Laufschuhe, Sport-BH, Funktions-Shirt, verstärkte Socke rechts und links - heute könnt ihr alle ausschlafen!

Ich schlüpfte in die Jeans und den Pulli von gestern, griff nach Geld und Stoffbeutel für die Brötchen, trat in die Sonne.

Ein leichte Brise spielte mit den gekrümmten Restblättern in unserer Einfahrt, in der Hecke unterhielten sich zwei Meisen. Ich machte auf Ornithologe und schaute ihnen zu. Wie hektisch Vögel sind, wenn sie nicht fliegen.

Zeit für jeden Schritt, Zeit für jeden Blick.

Dabei diese kleine Leiter heran gezoomt, die an einem Fenster in der Reihenhaus-Siedlung lehnte, ...




... das Plastik-Fohlen in einem Vorgarten entdeckt ...



... den Schattenbaum bestaunt ...



Noch ein knapper Kilometer bis zu den nächsten Laugencroisssants. Schade eigentlich. Ich könnte ewig so gehen. Und nachsinnen über alles Mögliche.

Langsamkeit ist mein Glück.

Entschleunigung ist mein Job.

Vor ein paar Tagen ist mir in dieser Sache ein großer Coup gelungen. Die Kieferorthopädin wollte Prinzessin eine feste Klammer verordnen. Für eineinhalb Jahre. Das bedeutet mehrere Dutzend Termine mit Röntgenaufnahmen, Abdrücke nehmen, Klammer einsetzen, zusätzliche Zahnreinigung, Kontrolltermine ... ihr kennt das alles.

Auf Monate hin sind die wenigen freien Nachmittag eines G-8-Gymnasialskindes im Eimer.

Dabei besteht Prinzessins einzige Kiefer-Anomalie aus zwei leicht gedrehten Backenzähnen hinten links.
Als uns die Sprechstundenhilfe den Zettel mit dem Termin für die ersten Abdrücke hinschob, schob ich ihn spontan wieder zurück. Und eine andere Kieferorthopädin, die ich um ihre Meinung bat, kam zu dem Schluss, dass der Aufwand einer solchen Behandlung in keinem Verhältnis zu dem Ergebnis in Prinzessins Mund stehen würde.

Ab und zu kann man Momos grauen Männern doch ein Bein stellen.

Immer fröhlich Zeit heraus schinden

Uta

Dienstag, 30. Oktober 2012

Glückliche Familie Nr. 95: Der Quadrant fürs Wesentliche


Anfang Dezember des vergangenen Jahres stand eine Frau vor mir im Einrichtungsladen und ließ sich ein Steckenpferd einpacken. "Dies ist das letzte Weihnachtsgeschenk", sagte sie stolz, "dann habe ich alle."

Ich schluckte. Es waren noch zweieinhalb Wochen bis Heiligabend und ich hielt Weihnachtsgeschenk  Nr. 1 in Händen.

Ich denke viel daran herum, wie ich im "Hier und Jetzt" leben kann und trotzdem das Morgen und Übermorgen plane, damit es dort auch ein gutes "Hier und Jetzt" gibt.

Habe ich nur den Eindruck oder blenden die Weisheitslehrer diesen Aspekt komplett aus, wenn sie im Lotussitz vor ihren Klangschalen sitzen?

Wie wichtig es ist, sich ab und an im Leben einen Plan zu machen, ist mir bei Steven R.Covey klar geworden. Der frühere Professor für Business Management und Begründer eines neuen Zeitmanagements hat ein Modell aus vier Quadranten entwickelt.





Quadrant 1: hier tröste ich das Kind, das sich das Knie aufgeschlagen hat, ich rufe den Handwerker an, weil die Heizung kaputt ist, ich überweise das Geld, das übermorgen fällig ist ... In den Quadranten 1 gehören alle Tätigkeiten, zu denen man keine Frage hat, ob sie getan werden müssen oder nicht.

Quadrant 2 ist der Quadrant des Planens. Hier mache ich mir Gedanken, warum ich gerade in meinem Job unglücklich bin und plane konkrete Schritte, um etwas daran zu ändern. Wenn es Stress gibt mit einem meiner Kinder, überlege ich, was ich tun kann, um das Miteinander schöner zu gestalten. Hier male ich mir aus, wie ich in diesem Jahr Weihnachten feiern möchte ... In diesen Quadranten gehört außer Planen auch Ausruhen und Kräfte sammeln oder künstlerisch tätig sein.

Quadrant 3: Dieser Quadrant ist voller e-Mails. Die meisten Botschaften, die man auf diesem Weg erhält, sind bei näherer Betrachtung nicht wichtig, suggerieren aber durch das Prinzip der Warteschleife Dringlichkeit. Man fühlt sich schlecht, wenn man nicht reagiert. Außerdem läuft der Papierkorb über.
Auch manche Arzttermine gehören hier herein: die fünfte Vorsorge-Untersuchung im Quartal, das Nocheinmal-Röntgen, Ultraschall von vorne und "Kern-Spin" rundum, weil der Arzt auch das letzte Restrisiko des Lebens noch ausschalten will.

In Quadrant 4 zappe ich durch die Fernsehprogramme, ohne etwas zu finden, was mich wirklich interessiert. Damit ist nicht gemeint, einen Film zu sehen, der einen wirklich unterhält und entspannt, sondern das geistlose Rumzappen und das schale Gefühl danach. In Quadrant 4 befindet sich auch das oberflächliche Gespräch, das niemanden weiterbringt, Klatsch und Tratsch, Small-Talk, BILD-"Lesen" ...

Steven R. Covey schreibt, dass Quadrant 2 der wichtigste Quadrant ist.

Wenn ich Quadrant 2 missachte, schwillt Quadrant 1 an. Dann ist plötzlich alles dringend und wichtig und ich habe Stress pur.

Und was ist nun mit den Weihnachtsgeschenken Ende Oktober?

Ich bin in mich, also in Quadrant 2, gegangen und bin zu folgendem Ergebnis gekommen:

Ich möchte Weihnachtsvorfreude auskosten, möchte mit den Kindern Schnee schaufeln und dann im Warmen das Räucherhäuschen anzünden und das erste Spritzgebäck kosten, ich möchte mit ihnen Tannenbäume auf Packpapier stempeln und mit Muße persönliche Geschenke besorgen. Damit ich dafür Zeit habe, fange ich morgen, am 30. Oktober, an, die ersten Geschenke zu besorgen. Puh!




Immer schön fröhlich planen

Uta

PS: Ich habe einen Blog-Award bekommen, hier. Vielen Dank Poie Sandybanks! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Sorry, dass ich jetzt erst reagiere.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Glückliche Familie Nr. 89: Wehen und Weihnachtsbaum


Wir schreiben den 10. Oktober anno 2012 und meine Schwester Nr. 2 hat schon einen Weihnachtsbaum.

In einer Schonung in Ostwestfalen flattert ein Zettel mit ihrem Namen an einer Tanne im Herbstwind. "Reserviert!"
Tags vor Weihnachten, also demnächst, wird er geschlagen und ins Haus geliefert.

Diese Nachricht platzte in mein tägliches Bemühen, im Hier und Jetzt zu leben. Aus meinen esoterischen Büchern habe ich gelernt, dass der gegenwärtige Augenblick die einzige Quelle für das Glück ist.

In meinem Alltag sieht das so aus:

Wenn ich schmutzige Socken entknubbele, ist der Sinn meines Lebens nichts weiter, als schmutzige Socken zu entknubbeln. Nirgendwo erfahren schmutzige Socken so viel Bewusstheit wie in unserem Haushalt.
Sich gedanklich abzuwenden von den Falke-Pärchen mit dem Softbündchen und an die nächste halbe Stunde oder gar an einen Weihnachtsbaum zu denken, verbiete ich mir eisern.

Der Weisheitslehrer Eckhart Tolle warnt davor, den gegenwärtigen Augenblick zu missachten.
"Du bist nie ganz hier, weil du immer damit beschäftigt bist, anderswohin zu kommen."
Ich will ganz hier sein.

Ich halte viel von Tolle. Aber eines muss ich gestehen: Wenn ich im Keller mit der Hand in muffigen Socken stecke und über meinem Kopf die Spinnen Tarzan spielen, will ich einen anderen gegenwärtigen Augenblick.

Für mich funktioniert am besten ein wohl rhythmisierter Wechsel
  • von Trubel und Innehalten
  • von Zack-Zack-Erledigungstagen und einem Lümmel-Wochenende ohne Termin
  • von körperlicher und geistiger Arbeit
  • von Tolle lesen und Socken waschen
  • von Alleinsein und mitten in Familie sein
Ich habe diese Gedanken, weil es gestern 15 Jahre her ist, dass mein Mann und ich in einer regnerischen Herbstnacht vor einer Frauenklinik auf und ab liefen. Nasse Windböen fuhren durch die Bäume am Straßenrand, eine Wehe nach der anderen fuhr durch meinen Körper. Viele Windstöße und viele, viele Wehen später wurde Kronprinz geboren. 

Die Zeit von damals bis heute kommt mir nur unwesentlich länger vor als von jetzt bis zum Weihnachtsbaum-Schlagen.

Das macht mir Angst. Deshalb bin ich um Gegenwärtigkeit bemüht selbst beim Socken-Knubbeln.

"Du kannst dein Leben nicht verlängern, du kannst es nur vertiefen." (Gorch Fock)

Gestern haben wir vertieft.

Ich habe das Wohnzimmer mit Geburtstagsgirlanden geschmückt, mein Mann hat Herzluftballons mit Fahrradpumpe aufgeblasen. Prinzessin hat der Katze von Kronprinz ein Happy-Birthday-Schild um den Hals gehängt und sie damit in sein Zimmer gedrückt. Mein Mann hat im Büro angerufen, dass er wegen Thronfolger-Geburtstag später kommt. Wir haben gesungen und lange gefrühstückt mit Brötchen und Eiern und Speck und Schoko-Muffins. Und alle hatten ein bisschen Pipi in den Augen wegen dem Geburtstagsbrief, den Papa geschrieben hat, und der XXL-Foto-Collage, die Prinzessin gebastelt hat.





Solche "gegenwärtige Augenblicke" sind mir die liebsten.

Immer schön fröhlich feiern, was es zu feiern gibt.

Uta

PS: Auch Tagebuchschreiben, Fotografieren, Bloggen, Malen, mit einem Becher Kaffee in der Hand die Kinder beim Spielen beobachten sind gute Lebens-Vertiefungs-Maßnahmen - finde ich.

Dienstag, 21. Februar 2012

Glückliche Familie Nr. 12: Die dicken Steine zuerst


In seinem Hörbuch "Der Weg zum Wesentlichen" beschreibt Stephen R. Covey eine Zeitmanagement-Idee, die ich so eindrücklich fand, dass sie mir nicht mehr aus dem Kopf geht.

Passt in dieses Glas noch mehr hinein?





Nein, mehr dicke Steine passen nicht hinein, aber ...






es passen noch Kieselsteine hinein. Jetzt ist es aber voll, oder?






Nein, Sand sickert noch durch und Wasser könnte ich auch noch hineingießen.

Was aber wäre gewesen, wenn ich mit Sand und Kies begonnen hätte?

Dann hätte ich die dicken Steine nicht mehr rein bekommen. 

Es kommt auf die Reihenfolge an.

Was wollen uns Covey und die Bloggerin damit sagen?

Ich muss auch im Leben den dicken Steinen Priorität einräumen. Ich muss mich immer mal wieder fragen: Was ist mir wichtig? Was sind meine Grundwerte?

Ich sage Euch meine dicken Steine:

* erfüllte Partnerschaft mit meinem Mann
* intensives Erleben unserer Kinder
* Schreiben und veröffentlichen

Am Sonntagmorgen wollte ich Laufen gehen (Kategorie "Kieselstein") und wollte noch für den Besuch unserer Freunde Kuchen backen (Kategorie "Sand", weil Kuchen könnte ich notfalls kaufen, die Freunde gehören aber zur Kategorie "dickerer Stein").
Prinzessin war aber auch schon wach und wollte mir etwas erzählen (Kategorie "Findling"). Also schmiss ich Sand und Kiesel wieder raus und setzte mich mit unserer Tochter auf dem Schoß in den Lesesessel. Sie erzählte, ich strich ihr die Haare aus dem Gesicht, wir schwiegen, schauten den Vögeln draußen zu, ich streichelte ihr Ohr. Kein Blick auf die Uhr, kein Wecker in der Nähe, keine Deadline (=Todeslinie). Leben im Jetzt, einfach nur schön.

Auf diese Weise erfüllt, flutschten Kiesel und Sand nur so durch. Wir wurden mit noch mehr nettem Besuch beschenkt, schafften in Teamwork eine Schokotorte, Gartenarbeit und einmal Durchsaugen.

Diese Erfahrung mache ich immer wieder. Wenn ich die dicken Steine zuerst hineinlege, gibt mir das so viel Kraft, dass andere Dinge locker nebenher erledigt werden können.

Klar gibt es wichtige Mails, die sofort beantwortet werden müssen, klar muss ich im Job Termine einhalten und auf Anrufe reagieren, klar muss das Geld für die Klassenreise überwiesen und das Auto zur Inspektion gebracht werden.
Häufig aber verlieren wir uns in Dingen, die zwar dringlich, aber nicht wichtig sind, dann gehen wir darin unter wie in Treibsand.
Und manche Menschen haben nur Sand und Kleinstkiesel in ihrem Leben und können vielleicht mal graben, ob sie darunter ihre dicken Steine finden.

Es hilft ungemein, sich in der Familie, im Beruf und im Leben überhaupt zu fragen:
Was sind meine dicksten Steine?

Immer schön fröhlich bleiben

Uta