Was für Menschenkinder „artgerecht“ ist.
Als ich in der vergangenen Nacht auf den ersten Anruf des Kronprinzen aus Kanada wartete, erlaubte ich mir, den Brief zu lesen, den unsere Nachbarin ihm zum Abschied geschrieben hat.
Wir können uns noch sehr gut daran erinnern, als du vor fün...
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Dienstag, 11. Oktober 2016
Einfacher leben in einem Clan
Freitag, 22. April 2016
Der kleine Wassermann und Prinzessin Quietsch-Fuß
Als Kronprinz und Prinzessin sechs und drei Jahre alt waren, war ich in erster Linie Mama, habe aber ein wenig freiberuflich als Journalistin gearbeitet. Damals hatte ich noch keinen Kopierer zu Hause und musste mit den beiden nachmittags in einen Copy-Shop fahren. Ein unvergessenes Erlebnis. Es ...
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Donnerstag, 7. Januar 2016
Das Lichtschwert geht vor
Wenn Kinder zu sehr funktionieren müssen.
Meine Schwester Nummer Zwei sprach mich darauf an, ob ich nicht mal darüber schreiben wollte, dass Kinder immer weniger Freiheiten hätten. Als Lehrerin hat sie tagaus, tagein mit Kindern zu tun. Sie muss es wissen.
Sie ist der Meinung, dass Kinder durch d...
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Freitag, 11. September 2015
Bloß ein Spiel
Wenn ein Kind nicht verlieren kann.
Als Kronprinz knapp ein Jahr alt war, verbrachten wir einen Urlaub mit Freunden in Portugal. Es fanden gemeinsame Spieleabende statt, bei denen der ältere Sohn der Freunde, damals etwa fünf Jahre alt, regelmäßig ausrastete, weil er nicht verlieren konn...
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Samstag, 27. Juni 2015
Die süße Zeit der Pflichtfreiheit
Wie man es langfristig schafft, dass Kinder gerne helfen.
Für meine Kurz-Rezensionen auf meiner Bücherliste habe ich nach längerer Zeit wieder Jesper Juuls „Die kompetente Familie“ gelesen. Und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich eine Sache damals überlesen haben musst...
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Freitag, 5. Juni 2015
Therapeutin statt Mutter
In was für unglückselige Situationen man gerät, wenn Eltern ein Kind mit ihren Psychologie-Kenntnissen bearbeiten.
Sarah, 4, die Tochter meiner Freundin, spielt im Kindergarten und auch am Nachmittag am liebsten mit Fiona. “Spielte” muss man sagen, denn Fionas Mutter möchte das nicht ...
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Montag, 10. November 2014
Glückliche Familie Nr. 251: Spielzeug nur aus Holz?
Seit längerem folge ich begeistert Caros Naturkinder-Blog. Deshalb hat es mich sehr gefreut, als ich vergangene Woche eine Mail von ihr bekam. Sie setzt sich seit einiger Zeit mit dem Thema "Plastik vermeiden" auseinander und hat gerade die Spielecke ihrer Kinder von Kunststoffen befreit. Nun fragte sie mich, ob ich aus pädagogischer Sicht etwas über Spielzeug schreiben könnte.
Erst war bei mir Funkstille, weil ich zwar Holzspielzeug sehr schön finde, aber nicht so kategorisch wäre, alles andere zu verbannen. Ich dachte eine Weile nach und merkte, dass sich aus meiner Einstellung zu Spielzeug ein paar Grundsätze formulieren lassen. Hier sind sie:
Spielkameraden sind wichtiger als Spielzeug.
Von Astrid Lindgren gibt es eine Geschichte*, die heißt "Die Prinzessin, die nicht spielen wollte". Prinzessin Lise-Lotta hatte ein Spielzimmer, das überladen war mit den kostbarsten Sachen: Puppen, Kaufmannsladen, Stofftiere, kleine Puppenmöbel, Baukästen, Malbücher und Tuschfarben. Trotzdem wollte die Prinzessin nicht spielen und saß mit hängenden Mundwinkeln inmitten dieser Pracht. Denn im Schloss gab es keine Kinder, mit denen sie hätte spielen können. Ja, sie war so abgeschnitten von der Welt, dass sie nicht einmal wusste, dass es Menschen gab, die genauso klein waren wie sie selbst. Bis sie eines Tages an einer Gittertür im hintersten Winkel des Schlossparks ein Mädchen traf.
Maja war so arm wie die Prinzessin reich war. Aber sie hatte ein Stück Holz, dem sie eine hingebungsvolle Mutter war.
Einem Stück Holz? Ja.
"Sie hielt etwas hoch, was eher aussah wie ein Stück Holz mit einigen Flicken darum. Es war eine gedrechselte Holzpuppe. Vor langer Zeit hatte sie einmal ein Gesicht gehabt, aber jetzt war die Nase ab, und die Augen hatte Maja selbst wieder mit Buntstift angemalt. ... "Sie heißt Puttchen", erklärte Maja. "Und sie ist so lieb und artig!"
Bald waren die beiden Mädchen in das schönste Spiel vertieft. Und auch die Königin, die nach langem Suchen die Prinzessin endlich hinter den Fliederbüschen entdeckte, verstand, dass Freundschaft wichtiger ist als Spielzeug.
"Nun musst du zu Bett gehen", sagte die Prinzessin am Ende der Geschichte und beugte sich über das schmutzige Holzstück, "mein süßes, goldiges Kleines."
Kinder brauchen Spielkameraden. Das will uns die Geschichte sagen. Aber sie enthält eine weitere Botschaft, die mich zum nächsten Grundsatz führt:
Spielzeug muss Raum lassen für die eigene Phantasie
Kinder brauchen Material, das sie für ihr Spiel mit Bedeutung aufladen können, das nicht fertig und perfekt ist, sondern Raum lässt für eigene Schöpfungen. Kindern zum Beispiel von Lego ein "Arktis-Zubehör-Set" mit Eispickel, Axt, Kocher mit Pfanne und einem Eisblock aus Plastik zu schenken, wie ich es jetzt im Lego-Programm gesehen habe, beleidigt ihre Phantasie. Da haben sich Erwachsene ausgetobt, alles bis ins letzte Detail ausgestaltet und hatten ihren Spaß. Für Kinder bleibt keinerlei schöpferische Lücke. So etwas wird mit Papa nach Anleitung zusammengesteckt und verstaubt dann im Regal.
Deshalb würde ich bei Lego keine Themen-Sets wie "Müllabfuhr" oder "Peter Pans Besuch" kaufen, sondern eine große Platte und einen Kasten Grundbausteine. Dann hat das Kind alle Möglichkeiten der Welt.
Und Bausteine aus Holz natürlich. Die braucht man in allen Größen und Formen. Während Lego feinmotorisch eine neue Welt erschließt und Bauwerke ermöglicht, die mit glatten Steinen nicht halten, fordern Bauklötze das Austarieren, das Gleichgewicht-Finden von Objekten und den Spaß beim Einstürzenlassen. Mit Bauklötzen erleben Kinder die Gesetze der Statik.
Und die Höhle, die aus dem Spiel heraus aus Decken und Matratzen entsteht, macht mehr Spaß als das fertig gekaufte Indianerzelt.
Das Vergnügen entsteht aus dem, was Pädagogen "Selbstwirksamkeit" nennen. Zu erleben, dass eine Idee die andere jagt, und zu erfahren, dass ich alleine oder mit anderen etwas ganz Neues erschaffen kann, ist die größte Freude überhaupt.
Deshalb brauchen Kinder "Rohmaterial": Eine große Kiste voller Bauklötze, Zugang zu Dingen des Haushalts (Schneebesen, Nudelholz, Löffel, Plastikbecher, Töpfe ...), Decken, Kissen, kleine Matratzen, Seile, Gummi-Twist, Kugeln, Bälle, Schienen, Fahrzeuge, etwas auf Rädern, das man durch die Gegend schieben kann (Puppenwagen, Rollbrett, Seifenkiste), weißes Papier, Farben, Stifte .... draußen: Sand, Wasser, Stöcke, Steine, Blätter ...
Jedes Kind sucht sich die Objekte, die es braucht.
Als ich Kind war, wohnte neben uns ein kinderloses Ehepaar, das mehrere Vorzüge besaß: Es war nett, hatte einen Airedale-Terrier namens Adda und schenkte uns ein kleines, weißes Porzellan-Pferd. Es hatte eine Schulterhöhe von vielleicht vier Zentimetern und streckte den Hals, als witterte es Fluchtmöglichkeiten aus dem Wohnzimmerschrank. Das kleine Pferd übte auf mich eine magische Anziehungskraft aus. Ich baute ihm eine Hochebene aus Lexikon-Bänden, errichtete Zäune und Hindernisse aus Buntstiften, ließ es über die Teppich-Pampa galoppieren und lobte es, indem ich ihm mit dem Zeigefinger den sehnigen Hals klopfte.
Ich kann mich nicht erinnern, dass es Ärger gab, als das erste Bein brach. Bald hatten alle vier Beine des Pferdes feine Ringe, wo sie an den Bruchstellen mit Sekundenkleber wieder angeklebt wurden.
Das kleine Pferd stammte aus einem feinen Laden und war bestimmt nicht zum Spielen gedacht. Aber in einer Phase meiner Kindheit brauchte ich dieses Pferd und kein anderes.
In der ganz frühen Kindheit von Prinzessin (heute 13) brauchte sie das dicke Hamburger Telefonbuch. Sie war ungefähr einhalb Jahre alt, als sie eine kurze Phase durchlebte, in der sie stundenlang in den dünnen Seiten blätterte. War es das Knistern? Die Glätte des Papiers? Das Gewimmel tausender kleiner Zeichen?
Der fünfjährige Sohn einer meiner Leserinnen liebt Elektrogeräte: Alte Radios, Schallplattenspieler, Tischstaubsauger, ausrangierte Computer ... Mit Kabeln und verbogenen Antennen baut er sie zu neuen Objekten zusammen. Wenn ihm jemand ein Spielzeug-Radio aus Holz mit aufgemalten Tasten und einer Jute-Kordel als Kabel schenken würde, wäre er in seiner Ehre tief gekränkt. Wenn man diesem Kind nur Holzspielzeug geben würde, würde man ihm nicht gerecht.
Damit wären wir beim nächsten Punkt:
Nicht jedes Holzspielzeug ist wertvoll, nur weil es aus Holz ist.
Ja, auch ich liebe Holz. Es fängt schon damit an, dass ich beim Essen keine Plastik-Flaschen auf dem Tisch ertrage und auch in der Küche darauf achte, dass möglichst viel aus Holz, Porzellan, Kork oder Metall ist.
Spielen aber ist ein "Sich-zu-eigen-Machen" unserer Welt. Und aus unserer Welt sind Kunststoffe schwer wegzudenken. Die, die spielen (die Kinder) sollten (in gewissem Rahmen) selbst bestimmen dürfen, womit sie spielen. Deshalb würde ich persönlich meinen Kindern nicht Sachen wegnehmen, nur weil sie aus Plastik sind.
Warum sie der Erfahrung berauben, dass Plastik schmilzt, wenn man es bügelt (Bügelperlen), dass Dosen herrlich scheppern, wenn man sie abwirft, dass es einen berauschen kann, wenn Matchbox-Autos über das glatte Parkett schießen? (Bei Holzautos hat man doch eher das Fahrgefühl mittelalterlicher Karren.)
Klar, als Erwachsene vermitteln wir Werte. Und auch ich finde es furchtbar, wenn Wale sterben, weil sie unseren Müll schlucken.
Aber ich mag es lieber, wenn wir Kinder durch unsere Begeisterung und Leidenschaften anstecken, als sie mit Restriktionen und Belehrungen zu gängeln. Bitte keine Kindheit unter erhobenem Zeigefinger.
Ein Kind, das erlebt, wie Mama sich freut, einen Bilderrahmen abzuschleifen, oder wie Opa mit Hingabe einen Kaninchenstall baut, wird nachhaltig beeindruckt sein. Der Duft von Holz, das Kringeln der Späne, das Malen im Holzstaub. Das wird viel wirksamer sein, als wenn die Eltern mit inquisitorischem Eifer den Plastik-Kram aus dem Kinderzimmer verbannen.
Der Sohn unserer Nachbarn bekam einst von seiner Oma ein Auto geschenkt, das sie auf einem Jahrmarkt gekauft hatte. Der Rennwagen war ferngesteuert, bezog die Kraft für seine unbändige Raserei aus einer fetten Blockbatterie und hatte ein Tuning, das die Testosterone in Wallung brachte. Das Schlimmste aber war der Lärm. Nur wenn sich das Geschoss hoffnungslos im Sofa verkeilt hatte, konnten die Erwachsenen an der Kaffee-Tafel einen Moment aufatmen und sich wieder ohne Lippenlesen verständigen.
Für den Jungen und die Oma war das ein unvergesslicher Tag, so ein Tag mit "Aber-bitte-mit-Sahne"-Freude, ausgelassen und unvernünftig.
Eine ähnliche Freude habe ich mit meiner Oma erlebt.
Ich bin nicht plastikfrei aufgewachsen, aber meine Mutter legte Wert auf sinnvolles Spielzeug: keine Barbie-Tussies, dafür Käthe-Kruse-Puppe, Holzbaukasten, Nähmaschine zu Weihnachten, Schulwebrahmen, Jugend-Literatur-Preis-Bücher ... Zudem wurde bei mir zu Hause getöpfert, gestrickt, emailliert, gelötet, bleiverglast und aus Jutegarn Wandbehänge geknüpft.
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| Franziska, meine Käthe-Kruse-Puppe, mit einem Plastik-Freund vom kleinen Kronprinzen. |
Eines Tages aber (war es mein Geburtstag?) stand meine Oma vor der Tür mit einem großem Paket vom Discounter, darin eine lebensgroße E-Gitarre aus Plastik.
Dass ich etwas geschenkt bekam, dass nicht durchdacht und mit allen Erziehungsberechtigten abgesprochen war, sondern schrill, scheppernd und unnötig, war ein großer Spaß für mich. Es war - ehrlich gesagt - auch das einzige Geschenk von ihr, das mir in Erinnerung blieb.
Deshalb finde ich, sollte man dringend auch mal seine Grundsätze durchbrechen ... auch die, die ich hier genannt habe.
- Auch wenn ich die Grundbaukästen von Lego besser finde: Nicht die Patentante mit einem Fluch belegen, nur weil sie das Arktis-Zubehör-Set mit dem aufklappbaren Plastik-Eisblock geschenkt hat.
- Auch mal einen Herzenswunsch des Kindes erfüllen, selbst wenn das Objekt der Begierde an Scheußlichkeit nicht zu übertreffen ist.
- Nicht Rumzicken, wenn der Partner nach der Dienstreise den Sohn mit einem Voll-Plastik-Parkhaus überrascht. (Der Streit schadet dem Kind mehr, als dass die Schelte dem Globus nützt.)
Eure Uta
PS: Die Geschichte "Die Prinzessin, die nicht spielen wollte", ist aus dem Buch "Astrid Lindgren erzählt", Hamburg 1971, Seite 227.
Zum Thema passt auch das wunderschöne Bilderbuch "Sturm-Stina" von Lena Anderson. Stina verbringt den Sommer immer bei ihrem Opa auf einer Insel. Das Mädchen sammelt alles, was das Meer anspült: Federn, Stöcke, alte Flaschen, bestimmt auch Plastik :-), bis es eines Nachts von einem Sturm überrascht wird ...
Freitag, 22. August 2014
Glückliche Familie Nr. 237: Betreuung, wirklich ganztags?
"Hast du das gelesen?" Der Soßenkönig schob mir dieser Tage die Zeitung über den Tisch. "Schon drei von vier Grundschülern in der Ganztagsbetreuung", lautete eine Überschrift.
Was dort als Erfolg für Hamburg gefeiert wurde, deprimierte uns beide. Als Grundschüler schon den ganzen Tag in der Schule?
Klar, das ist in manchen Fällen besser als allein oder verwahrlost zu Hause, besser als allein vor dem Fernseher oder Computer.
Aber als Kind in dem Alter immer unter Erwachsenenaufsicht? Immer kontrolliert, immer in einer vorgegebenen Struktur, immer pädagogisch angeleitet, immer beschäftigt von Erwachsenen?
Auf dem Schulhof ist aus Gründen der Haftung und Versicherung nicht einmal eine Schneeballschlacht erlaubt.
Kinder-Winter ohne Schneeballschlacht?
Gibt es für Kinder nicht mehr die Möglichkeit, nachmittags mit Freunden herumzustromern?
Banden bilden, Buden bauen, sich kloppen?
Im Gebüsch kauern und das alte Portemonnaie am Nylonfaden wegziehen, wenn sich ein Passant danach bückt?
Klingelstreiche, brettharte Kekse backen, Mehlschlacht?
Mit dem Rollbrett den Berg runterrasen, Verstecken spielen auf der Brachfläche, Spontanflohmarkt mit den staubigen Barbie-Puppen auf dem Bürgersteig?
Der Soßenkönig nahm einen Schluck Tee und erinnerte sich, wie er als Kind auf dem benachbarten Bauernhof zwischen den Heuballen gespielt hat. Und der alte Bauer durfte nicht wissen, dass er und die Mädchen vom Hof dort mit den Wachhund-Welpen spielten. Das war aufregend, anrührend, das stand in keinem Bildungsplan.
Meine Mutter hatte die beste Zeit ihres Lebens, als sie während des Krieges mit der Kinderlandverschickung auf einen Bauernhof im Münsterland gebracht wurde und dort mehr oder weniger sich selbst überlassen war. Noch heute erzählt sie am liebsten aus dieser Zeit.
Ich habe als Kind mit Freunden Unkrautsamen an der Bushaltestelle verkauft, Marmelade gekocht, bis die ganze Küche klebte, auf einer Wiese eine Schatzkiste mit rostigen Kronkorken verbuddelt und eine Seifekiste gezimmert, die in der ersten Kurve auseinander fiel.
Aber Vorstadtkrokodile scheint es nur noch auf DVD zu geben.
Selbst Eltern, die nachmittags daheim sind und Stützpunkt sein könnten für solche Abenteuer, lassen ihre Kinder nicht mehr zu Hause, weil diese auf der Straße niemanden zum Spielen finden. "Fast alle ihre Freunde sind ja in irgendeiner Betreuung", klagte meine Nachbarin, Mutter von zwei Grundschulkindern, mal.
Und den betreuten Kindern fehlt nicht nur der Kitzel des Lebens ohne Erwachsene, sondern auch Zeit für sich ganz allein. Keine Zeit mehr, sich mit der "Bravo" tagsüber im Zimmer einzuschließen, einen Ball selbstvergessen gegen die Mauer zu treten oder hinterm Schuppen zu träumen.
In der Schule ist man wegen der Aufsichtspflicht nie wirklich allein. Nicht einmal auf dem Klo. Jederzeit kann jemand unter den Türspalt gucken oder auf die Klinke hämmern.
Und wie ist das mit Trost und Nähe? Ist denn der Betreuungsschlüssel wenigstens so gut, dass das gegeben ist?
Meine Stepptanzlehrerin hat ihr Studio gegenüber einer Grundschule und bestreitet mit Kindertanz einen Teil des Programms der schulischen Nachmittagsbetreuung. "Du", sagte sie neulich, "die kleinen Mäusen wollen gar nicht mehr tanzen, die wollen alle nur auf meinen Schoß."
Ja, über die Schlagzeile "Schon drei von vier Gundschülern in der Ganztagsbetreuung" kann ich mich nicht recht freuen.
Ich habe mal überlegt, wie wir dem entgegensteuern können, selbst wenn Ganztagsbetreuung zum Standard werden sollte.
Tipps für mehr Freiräume für Kinder:
- Wenn schon Ganztags-Betreuung dann mit großem Schulhof und viel Grün.
- Im Garten verwunschene Ecken lassen, Büsche zum Verstecken sind wichtig und Bäume zum Klettern. Den englischen Garten kann man anlegen, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.
- Wer keinen Garten hat, könnte vielleicht einen Schrebergarten pachten.
- Im Urlaub sind Campingplätze ideal. Meine Schwester Nummer 3 wohnt mit ihrem Sohn mitten in der Großstadt, aber seit Jahren fahren sie jedes Jahr im Sommer für drei Wochen auf einen Camping-Platz mit vielen Kindern. Dort kann mein Neffe von morgens bis nachts herumstromern, ohne dass sich meine Schwester Sorgen machen muss. Wenn die beiden zurück kommen, ist mein Neffe jedes Mal wie ausgewechselt: braun gebrannt, strohblond und hat jede Menge neuer Freunde.
- So ein kesseldruck-imprägniertes Klettergerüst mit TÜV-Plakette aus dem Gartencenter ist gut und schön, aber warum nicht eine Kiste mit Brettern, Seilen, alten Tüchern, Nägeln und Werkzeug in den Garten stellen und gucken, was passiert. (Das wäre auch eine Idee für die Nachmittagsbetreuung in der Schule, ich will mir aber nicht ausmalen, ob nicht wieder versicherungstechnische Gründe dagegen sprechen oder der Hausmeister ausrastet.)
- Das Buch "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson enthält jede Menge Anregungen für mehr Freiräume für Kinder und Eltern.
- Sich fragen, ob volle Berufstätigkeit beider Eltern in der Phase Null bis 10 Jahre unabdingbar ist, ob wir wirklich einem Herzenswunsch folgen oder uns nur einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Erwartung beugen. Wir werden doch sowieso immer länger arbeiten müssen. Warum dann dieser Stress? Die Jobs werden bleiben, aber die Kinder gehen garantiert aus dem Haus.
Immer fröhlich Freiräume für Kinder schaffen.
Eure Uta
Mittwoch, 18. Juni 2014
Glückliche Familie Nr. 226: Leichtigkeit und Liebe nähren
Heute morgen 7:30 Uhr in Hamburg. Ich wecke Prinzessin (13) und sehe im Augenwinkel meine geliebten Ohrstecker, die ich ihr am Wochenende geliehen hatte, zwischen Nagellackfläschchen, "Best-friend-for-ever"-Briefchen und Kopfhörerkabeln auf der Fensterbank liegen.
Ich lege die Stecker zurück in ihr Kästchen und in meinem Kopf den Ärger-Schalter um.
Ich stürme mit einem Schlachtruf zurück in ihr Zimmer. "Wer hat meine Ohrstecker vergammelt? Wer gehört mal so richtig durchgekitzelt?"
Ich reiße die Bettdecke weg, rufe, dass meine Finger die Beine sind von riesigen, haarigen Spinnen und lasse sie überall hinkrabbeln: in den Nacken, unter die Arme, in die Kniekehlen ... Prinzessin quiekt, ich quieke. Wir haben Spaß.
Leben darf leicht sein.
Leben ist keine Pisa-Studie, kein Wettkampf, kein Gipfeltreffen für Moralapostel.
Leben ist ein Spiel.
"Das Spiel kann man nicht gewinnen, nur spielen." (aus dem Film "Die Legende von Bagger Vance")
| Kronprinz und Prinzessin auf dänischer Wanderdüne. |
Ben, der Sohn einer Freundin, ist einer der Besten seiner Klasse in Englisch. Seine Mutter hat mir erzählt, woran das liegt.
Bens Oma hat viel im Bett gelegen, weil sie Multiple-Sklerose hatte. Ben durfte sich dazu kuscheln, und seine Oma hat ihm Reime und Lieder vorgetragen. Alles auf Englisch, weil sie in der Nähe von London geboren und aufgewachsen war.
Die Oma ist gestorben, als Ben noch klein war, aber ihre Reime und Lieder sind wie ein belebendes Erbe für sein Sprachzentrum.
Lernen geht fast nur in guter Beziehung und mit guten Gefühlen. Dann verbinden sich Gehirnzellen in Rekordtempo, Synapsen entwickeln sich vom Trampelpfad zur Autobahn, sechsspurig.
Ist das nicht genial von der Natur? Sie ist so angelegt, dass sie uns mit Erfolg belohnt, wenn wir gute Gefühle haben und in liebevoller Gemeinschaft leben.
Vergesst den Englisch-Kurs für Klein-Kinder, pfeift auf jedes sogenannte "Bildungsprogramm" in der Vorschule. Guckt nach Menschen, die eure Kinder mögen und das Leben lieben. Was die ihnen beibringen, ist viel wirksamer als all das Zeug aus den Bildungsplänen.
Beschwert euch in der Schule nicht über den unfähigen Geo-Lehrer oder den Stundenausfall. Meldet euch im Festkomitee und hängt die Girlanden auf! So wie wir das machen bei dem Fest von Kronprinz (16) zum Abschied aus dem Klassenverband der 10. Klasse. Wir bauen am Elbstrand eine festliche lange Tafel auf für 80 Leute und werden feiern, bis uns die Kinder heimschicken.
Immer fröhlich Leichtigkeit und Liebe nähren.
Eure Uta
Donnerstag, 26. September 2013
Glückliche Familie Nr. 171: Losglück und Lebenshunger
Mein Mann meinte, ich könne nicht immer Juul zitieren.
Recht hat er.
Obwohl ich Juuls Gelassenheits-Pädagogik schon sehr verfallen bin: seinem Einfühlen ins Kind, seinem rührenden dänischen Akzent bei seinen Vorträgen und seinem Verständnis für familiäres Chaos. Ein Verständnis so breit wie sein Grinsen und so hoch wie die Dünen am Hennestrand.
Ich ging also in den örtlichen Buchladen und bestellte ein Buch von Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram.
"Die meisten bestellen ja Juul", sagte die Buchhändlerin und tippte Suchbegriffe ein. Ich sagte nichts und drehte am Ständer mit den Kunstkarten.
"'Wie Erziehung garantiert misslingt''', meinen Sie den Titel?" Der Kartenständer quietschte. "Ja, genau das Buch will ich haben."
Rogge und Bartram stellen fünf Erziehungsirrtümer an Beispielen dar und zeigen, wie man aus der jeweiligen Falle wieder heraus kommen kann.
Als Irrtümer werden genannt, wenn Eltern ...
- glauben, sie könnten ihr Kind dazu bringen, im Leben etwas zu erreichen
- daran fest halten, dass die Kinder ihnen gehorchen müssten
- glauben, sie kämen ganz ohne Strenge aus
- überzeugt sind, sie müssten immer für ihr Kind da sein
- glauben, sie sollten ihre Kinder glücklich machen
Das sind zum Teil einander widersprechende Erziehungs-Tendenzen. Zu jeder Falle, in die man tappen kann, wird die Geschichte einer Familie erzählt. Die Autoren beschreiben, wie eine Strategie, an der sich Eltern festgebissen haben, zu wiederkehrenden Konflikten führt und das Miteinander sehr mühsam macht.
Ich kann noch keine Empfehlung für das ganze Buch aussprechen, weil ich noch nicht damit durch bin. Aber der Anfang ist vielversprechend.
Mit dieser Einstellung - so Rogge und Bartram - blieben die Eltern nicht im Jetzt, sondern wollten ihr Kind auf ein "imaginäres Später" vorbereiten. Und weil sie ihr Kind nicht in seiner Ganzheit sähen, sondern nur Talente, die sie so gern bei ihm entdecken würden, entstünde permanent Stress in ihrer Beziehung.
Ich möchte hier nicht im Einzelnen aufführen, welche Kurskorrekturen in dem Buch vorgeschlagen werden, um die Lage zu entspannen. Einen Satz aber, der mir besonders gefallen hat, möchte ich herausgreifen:
"Jeder abstrakten Erfahrung geht eine körperliche voraus."
Nicht nur Nele und Mario aus dem Buch, fast alle Eltern verfallen immer wieder einer viel zu akademischen Vorstellung vom Lernen: Schreibtisch, Bücher, Heft, Schönschreiben, Stillsitzen - das erfreut das Elternherz.
Nicht daran gedacht, dass Schaukeln bis in den Himmel die Gehirnhälften besser verdrahtet?
Schon vergessen, dass Klettern das räumliche Vorstellungsvermögen ausbildet?
Nicht gewusst, dass Balancieren eine wichtige Grundlage für das Matheverständnis ist?
Nicht selber schon gespürt, dass die Seele dürstet nach Singen, Tanzen und sich um sich selber drehen?
Kinder brauchen vor allem in den ersten zehn Jahres ihres Lebens folgende Möglichkeiten:
- Seil springen
- mit Bauklötzen bauen
- Ball spielen
- mit Sand spielen
- rutschen, rennen, hüpfen
- schaukeln
- Höhlen bauen (draußen mit Zweigen oder drinnen mit Kissen und Decken)
- balancieren
- schnitzen
- Nägel einschlagen
- in Pfützen springen
- malen, malen und malen
- Tiere erleben/versorgen
- sich um eine Puppe kümmern
- trommeln
- singen
- sich verstecken
- Geschichten hören
![]() |
| Tiere erleben: Prinzessin vor Jahren auf einem Bauernhof im Allgäu |
Solche Angebote sind viel wichtiger als Früh-Englisch, Vorschul-Chinesisch oder sonstige Attentate, verübt von verkopften Erwachsenen auf lebenshungrige Kinder.
Mir bitte immer fröhlich schreiben, was ich in der Liste noch vergessen habe.
Uta
PS: Das Glückswindlicht aus Papier hat Sabrina von "Alltagssüß" gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
Schreibst Du mir bitte eine Mail mit Deiner Postanschrift? Dann kann ich das Glück eintüten.
Mittwoch, 13. Juni 2012
Glückliche Familie Nr. 53: Die Gähn-Attacke
Man soll ja mit seinen Kindern etwas unternehmen, mit ihnen spielen, basteln, bauen, vorlesen, backen.
Es gibt aber Spiele, die sind für Erwachsene einfach furchtbar. Für mich zum Beispiel diese Spiele mit einem "Pädagogisch wertvoll"-Siegel. Ihr wisst schon: alles in dem Karton ist recycelbar, die Holzfiguren sind bienenwachsgeölt. Jede Ecke, jede Kante ist waldorfpädagogisch abgerundet. Und die Spielanleitung wurde geprüft von Erziehungswissenschaftlern und ihrem Stab beflissener, noch kinderloser Studentinnen. Das Spielbrett ist von einer warmen Buntheit, das Design inspiriert von evangelischen Kirchenbazaren, die Regeln sind schlicht und gewaltfrei.
Noch vor drei oder vier Jahren wollte Prinzessin (11) solche Spiele spielen. Aber ich hatte schon die erste Gähn-Attacke, wenn sie die ersten Vögelein neben die Bäumelein auf die Äckerlein stellte. "Los, Mama, du bist dran." - "Echt?" Ich riss meinen Blick los von der Zeitung, die ich verstohlen auf dem Stuhl neben mir las. "Entschuldige, Schatz."
Furchtbar sind auch viele Erstlese-Bücher, die unter den Altersangaben 6 - 8 oder 8 - 10 in den Regalen der Buchhandlungen stehen. Fast immer war ich enttäuscht von diesen Büchern. Da freut man sich, dass es mit dem Lesen endlich losgeht und dann langweilen einen einfältige kleine Schuldetektive, die den bösen Hausmeister beim Vergiften von Goldfischen belauern. Der Wortschatz ist höchstens ein Schätzchen. Das Spannendste ist noch, eine rote Folie auf ein verschlüsseltes Wort am Buchende zu lesen und dann gemeinsam zu buchstabieren: "Hausmeister." Potzblitz.
Aus einem Vortrag des Hirnforschers Manfred Spitzer kenne ich folgendes Beispiel für einen inspirierenden Umgang schon mit ganz kleinen Kindern:
Ein junger Mann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Philosophie-Lehrstuhl, ist Vater geworden. Der Säugling liegt bäuchlings auf seinem Arm, in der anderen Hand hält Vater eines der Werke Immanuel Kants und liest dem Kleinen begeistert daraus vor.
"Was für ein Schwachsinn", könnte man denken. Was soll ein so kleiner Wurm verstehen vom Kategorischen Imperativ? Manfred Spitzer aber versichert, der junge Vater tue genau das Richtige.
Heute kann man mit Elektroden an der Kopfhaut die Gehirnaktivität messen. In der Situation Säugling mit Vater und Immanuel Kant lässt sich - so Spitzer - im Gehirn des Kleinen geradezu ein Feuerwerk an Aktivität nachweisen.
Und wovon genau wird dieses Feuerwerk entzündet? Von Immanuel Kant? Von dem sprachlich hohen Anspruch seines Werkes? Nein.
Erstens schenkt er seinem Kind Nähe, engen Körperkontakt.
Zweitens ist er begeistert von dem, was er tut.
Natürlich versteht der Säugling die Sätze noch nicht. Aber sein Gehirn, das von der ersten Minute seines Lebens darauf ausgerichtet ist, Strukturen aufzuspüren, wird schon mal gewöhnt an eine sehr anspruchsvolle Satzmelodie.
Und schon die ganz Kleinen spüren Emotionen. "Ah, Papa ist schwer begeistert, das könnte auch was für mich sein."
| Prinzessin vor 10 Jahren aufgewachsen mit Papas Begeisterung für "Tim-und-Struppi". Heute haben beide eine Schwäche für die Fälle von Martin Walkers "Chef de police" . |
Und was machen wir? Wie oft quälen wir uns mit Dingen, die uns so gar nicht inspirieren und zwingen uns, sie zu machen, weil sie so lehrreich sein sollen für unsere Kinder? "Wie hobbylos ist das denn!", würde Kronprinz dazu sagen.
Wir stecken unsere Kleinen in Kitas, die mit Frühenglisch werben oder einem Labor für erstes Experimentieren. Wenn aber der Betreuungsschlüssel nicht stimmt und die Kinder nur noch in Schach gehalten werden von überlasteten Erzieherinnen, die sich nach der nächsten Rauchpause sehnen, dann macht das Frühenglisch einen guten Eindruck im Flyer, aber sonst gar nichts.
Bindung und Begeisterung, welch schöner Auftrag für unser Leben mit den Kindern.
Weg mit all dem Krampf. Tut, was euch begeistert, und bezieht eure Kinder damit ein.
Utas Lust-Liste:
- Badminton spielen
- Wildwasserbahn fahren
- "Ligretto" spielen, endlich mal ein Kartenspiel mit Action, kein blödes Warten auf den, der geschlafen hat, weil alle gleichzeitig dran sind
- aus Andreas Steinhöfels Buch "Dirk und ich" oder aus den Jeremy-James-Büchern von David Henry Wilson im großen Bett zusammen lesen (für uns nicht mehr aktuell, aber toll im Grundschulalter)
- Beauty-Abend mit Prinzessin (11), Schwimmkerzen in der Wanne, Pflegekur für die Haare, sich gegenseitig die Nägel lackieren
- zusammen selber Pizza backen
- Schlittschuhlaufen auf der Freiluft-Eisbahn oder einem Elbeseitenkanal
- aufregendes Wandern mit Kletterpassagen
- Karaoke-Singen
- auf langen Autofahrten ???-Fragezeichen-CDs hören und Peter Shaw imitieren





