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Samstag, 16. August 2014

Glückliche Familie Nr. 236: Mission Maus


Es wird ja immer befürchtet, dass Jungs durch Computer- und Videospiele verrohen. Auch mir wird Angst und Bange, wenn ich im Augenwinkel sehe, wie Kronprinz (16) schießend und brandschatzend durch die virtuelle Welt zieht.

War es richtig, ihm den Wunsch nach diesem Spiel zu erfüllen? Sinkt die Gewalthemmung, stirbt das Mitgefühl?

Ein kleines Ereignis in dieser Woche lieferte die Antwort auf diese Fragen.

Kronprinz saß im Wohnzimmer an der Spielkonsole (diesmal spielte er allerdings "Fifa"), als unser Kater mit einer Maus im Maul von draußen kam. Während ich nichts unternahm, weil ich das für ein normales Mäuseschicksal hielt, sprang Kronprinz auf, verbaute dem Kater die Fluchtwege und packte ihn beherzt. Vor Schreck ließ der die Maus entkommen, die sich noch so guter Gesundheit erfreute, dass sie unters Klavier rennen und sich dort verschanzen konnte.

Kronprinz und ich lagen bäuchlings vor dem Instrument und leuchteten mit einer Taschenlampe darunter. Zwei Knopfaugen sahen uns an, der kleine Körper bebte. "Oh, wie süß", sagte der Kronprinz, während ich mich bei Überlegungen ertappte, wie lange es dauern würde, bis sich der erste Verwesungsgeruch im Wohnzimmer verbreiten würde.

Der Kronprinz aber war fest entschlossen, die Maus zu retten. Er zog einen Gartenhandschuh an die linke Hand und schob mit der Rechten behutsam einen Stock unter das Klavier, um die Verfolgte hervorzutreiben, zu greifen und nach draußen zu tragen. Die Mission schlug fehl. Sie förderte nur Wollmäuse zutage. Schließlich holte er aus dem Keller ein dickes Brett und bockte mit aller Kraft das Klavier auf. Jetzt konnte sich die Maus wieder bewegen. Sie rannte am Regal vorbei in die Ecke mit dem Bügelbrett und verschanzte sich dort. Die Playstation brummte, das Spiel lief weiter, aber ohne Kronprinz. Der hatte sich der "Mission Maus" verschrieben.

Er trieb und lockte, baute Fluchtwege und sprach Mut zu, hätte - wenn möglich - eine Pfote gehalten oder Blutdruck gemessen. Endlich schaffte es die Maus raus auf die Terrasse. Dort hockten die beiden: hinter dem Fallrohr von der Dachrinne das kleine bebende Tier, davor der Berserker aus der Playstation-Welt.
"Meinst du, sie hat innere Verletzungen?" fragte er. "Ich weiß es nicht", sagte ich und dachte: "Gleich wird er die Maus beatmen." Aber da huschte sie ins Gebüsch.


Gulliver - sieht harmlos aus, zeigt aber kein Mitgefühl für Mäuse. 

Ich bin fest davon überzeugt, dass Jugendliche verrohen, wenn sie selber roh behandelt werden, dass sie kein Mitgefühl entwickeln, wenn sie selber von klein auf kein Mitgefühl erfahren haben. Und dann tun Gewaltvideos oder blutrünstige Computerspiele vielleicht ihr Übriges.

Aber das Jugendliche, die in einem liebevollen Elternhaus heranwachsen, allein dadurch zu Gewalttätern werden, dass sie medial Gewalt ausüben, halte ich für völlig unwahrscheinlich.

Kinder brauchen - gerade wenn sie halbwüchsig sind - Eltern oder andere Menschen, die sich aufrichtig dafür interessieren, was für ein Mensch sie sind. Dazu gehört auch, ihre Vorlieben und Interessen zu respektieren, die sich naturgemäß nicht mit denen ihrer Eltern decken. Und wenn es Probleme gibt, sollte man sich möglichst ohne Vorverurteilung darum bemühen zu verstehen, was dahinter steckt.

Als eine Kollegin meiner ältesten Schwester erfuhr, dass einer ihrer Söhne eine Droge ausprobiert hatte, tankte sie das Auto voll, befahl den jungen Mann auf den Beifahrersitz und fuhr und fuhr mit ihm auf der Autobahn, bis sie die Nordsee erreicht und verstanden hatte, wie er sich in eine solche Situation bringen konnte. "Im Auto", erklärte sie, " da ist kein Entkommen, da kann man einfach am besten reden."

Sich immer fröhlich und vorurteilsfrei für die Halbwüchsigen interessieren, gute Zeit mit ihnen verbringen und sich wegen der Medien nicht den Kopf zerbrechen.

Eure Uta

Freitag, 7. März 2014

Glückliche Familie Nr. 204: Keine kleinen Gandhis


Ich hatte ein paar Anfragen, von denen ich gerne die eine oder andere aufgreife. Zum Beispiel die von Anne.

Das Thema Streiten interessiert mich auch. Wir stoßen da grad an unsere Grenzen. Ich habe meinen Jungs jahrelang mühsam beigebracht, dass wir uns mit Worten wehren und uns nicht weh tun. Und jetzt ist der Große in der 1. Klasse und ich stelle fest, dass er damit nicht weiter kommt. Plötzlich brauchen wir neue Regeln und Methoden, um zu streiten, sich zu wehren, sich durchzusetzen, ernst genommen zu werden. Zurückhauen gehört definitiv dazu und zur Lehrerin/Erzieherin gehen definitiv nicht mehr. Eine richtige Idee habe ich da grad nicht. Du ja vielleicht? 
LG
Anne


"... dass wir uns mit Worten wehren"?

Liebe Anne, ich glaube sofort, dass es mühsam war, deinen Jungs beizubringen, sich mit Worten zu wehren. Denn das ist ganz gegen ihre Natur. Von klein auf sortieren sich Jungs in Rangordnungen. Jedes Spiel - egal ob Brettspiel oder Dosenkicken - hat für sie nur den Zweck, ihren Platz in der Hierarchie der Jungen zu finden. Und wenn diese kleinen Männer in eine neue soziale Gruppe kommen, was ja der Fall ist, wenn sie eingeschult werden, hat das Kämpfen und Konkurrieren Hochkonjunktur. 
Ich schreibe das nicht, weil ich alten Rollenklischees verhaftet bin, sondern stütze mich auf Studien aus dem Buch der Neurobiologin Louann Brizendine. Hier heißt es:
"Jungen raufen und verprügeln sich mit dem größten Vergnügen; sie streiten sich um Spielzeug und versuchen, sich gegenseitig unterzukriegen. Solche Spiele treiben sie sechsmal häufiger als Mädchen." (Louann Brizendine: Das männliche Gehirn. Hamburg 2010, S. 40)
"Bei Jungen in der ersten Schulklasse reagiert das Gehirn entzückt, wenn sie Stärke und Aggressionen zeigen können. Noch besser ist, wenn körperliche Kraft mit Beleidigungen einhergeht. ... Solche Spiele verschaffen ihrem Gehirn eine starke Wohlfühlbelohnung in Form eines Dopaminschubs." (ebd., S. 41) 



Wir Frauen machen gerne verächtliche Bemerkungen über die kleinen wilden Jungs anderer Eltern: "Der gibt hier wohl das Alpha-Männchen." Dabei wird meist verkannt, dass dieses Verhalten tatsächlich in ihrem Gehirn angelegt ist.

  • Jungen schadet es, wenn man ihnen das Kämpfen verbietet
  • sie brauchen dafür klare Regeln (z.B. Boxen und Rangeln ist erlaubt, aber kein Treten; keine Schläge unter die Gürtellinie; der Kampf hört auf, wenn der Gegner am Boden liegt ...)
  • ideal ist es, wenn ältere Jungs oder erwachsene Männer ihnen diese Regeln beibringen

Liebe Anne, du könntest mit deinen Jungs darüber sprechen, welche Form des Sich-Wehrens okay ist, und mal nachfragen, ob die Lehrerin Regeln dafür aufgestellt hat. Gut ist auch, wenn die Jungen einen Kampfsport lernen, denn da werden ihnen gesunde Grenzen für den Körpereinsatz vermittelt.

Immer fröhlich akzeptieren, dass man auf Schulhöfen keine kleinen Gandhis trifft

Eure Uta 

Montag, 3. März 2014

Glückliche Familie Nr. 203: Teilen müssen


Steven R. Covey beschreibt in seinem Buch über "Prinzipien für starke Familien", wie er nachmittags zu der Geburtstagsfeier seiner dreijährigen Tochter nach Hause kam. Viele große und kleine Gäste waren versammelt, aber die Stimmung war schlecht, weil das Geburtstagskind in einer Ecke saß und trotzig seine Geschenke umklammerte. Keines der anderen Kinder durfte damit spielen.

Covey hockte sich zu seinem Kind und sagte Sätze wie:

"Schatz, würdest du bitte das Spielzeug, das deine Freunde dir mitgebracht haben, mit ihnen teilen?" -

"Nein!" -

"Schatz, wenn du jetzt die anderen Kindern mit deinen Geschenken spielen lässt, darfst du sicher ein anderes Mal auch mit ihren Geschenken spielen."

"Nein!" -

Corveys Verlegenheit wuchs. Schließlich wussten alle, dass er an der Uni Kurse gab über das Gelingen zwischenmenschlicher Beziehungen und konnten nun erleben, wie er zu Hause versagte.

"Schatz", diesmal flüsterte er, "wenn du deine Sachen teilst, gebe ich dir einen Kaugummi."-

"Nein", schrie diesmal der Schatz, "ich will keinen Kaugummi."

Da Covey, der überzeugte Christ, den Wert des Miteinander-Teilens besonders hoch hielt, riss er seiner Tochter das Spielzeug aus der Hand und gab es den anderen Kindern. Später fiel ihm auf, dass er Gewalt-Verzicht, den anderen christlichen Wert, dafür missachtet hatte.

Später schrieb er: "Seit jener Geburtstagsfeier haben Sandra (seine Frau, Anmerkung der Bloggerin) und ich uns als Eltern weiterentwickelt. Heute verstehen wir besser, dass Kinder Entwicklungsphasen durchlaufen. Wir wissen jetzt, dass es nicht realistisch ist, diese Art des Teilens von Kindern unter fünf oder sechs Jahren zu erwarten. Und auch für ältere Kinder ist das Teilen manchmal gar nicht so einfach."

Ein paar Seiten später finde ich noch den Satz:

"Kinder haben das Bedürfnis, ihr Spielzeug zu besitzen, bevor sie bereit sind, es mit anderen zu teilen."

So wie Babys auch erst Worte hören müssen, ehe sie selbst welche bilden können, wie sie erst krabbeln können müssen, ehe sie laufen lernen.

Das ist einleuchtend, oder?

Trotzdem ist die Sache mit dem Teilen ein berüchtigter Stressfaktor für Eltern. Bei der großzügigen Ausgabe von Schaufel und Förmchen, beim Durchbrechen von Salzstangen und beim Verteilen von Gummibärchen sollen sie zum ersten Mal soziales Verhalten beweisen. Alle sitzen im Kreis bei den Tupperdosen und warten auf die wundersame Keksvermehrung.

Das ist das klassische Feld, auf dem Eltern einen guten Eindruck machen wollen. "Seht her, so sozial ist mein Kind." Die Leute versuchen, über ihre Kinder Anerkennung für sich selber zu bekommen. (Ich weiß das, weil ich ganz vorne mit dabei war.)

Und die anderen Eltern, die nicht einschreiten, wenn ihr Niklas-Joshua eine feindliche Übernahme in der Sandkiste startet, kreisen so sehr um ihren geliebten Nachwuchs, dass sie meinen, er müsste immer von der ganzen Welt alles sofort bekommen. Wenn dann die schüchterne Sofia weint, weil sie bestohlen wurde, blicken sie auf die Mutter herab und denken: "Dein Kind kann wohl nicht teilen."

"Das ist mein Kater, kapiert?" Prinzessin vor fünf Jahren am Rosenmontag.

Utas Schlussfolgerungen für Teilungs-Konflikte:

  • Verstehen und akzeptieren, wenn Kinder unter sechs Jahren noch nicht teilen können. Kein großes Aufheben darum machen.
  • Das eigene Kind zurückpfeifen, wenn es anderen Kindern gegen ihren Willen etwas wegnehmen will.
  • Verstehen, dass Kinder nicht teilen lernen, wenn man sie zwingt, etwas abzugeben.
  • Auf lange Sicht lernen Kinder teilen, wenn sie ihre Eltern als großzügig erleben.

Der letzte Punkt ist mir besonders wichtig. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich großzügig werde, ist höher, wenn ich selber Großzügigkeit am eigenen Leib erfahren habe. Das zeigen auch Untersuchungen darüber, wie Mitgefühl entsteht. Katrin Bischl schreibt in "Psychologie Heute": 
"Je feinfühliger die Mütter mit ihren zweijährigen Kindern umgegangen waren, umso mehr Mitgefühl und prosoziales Verhalten zeigten diese im Alter von fünf Jahren." (Psychologie Heute, 9/2003, S. 17)
Wenn ich mein Kind zwinge, anderen etwas abzugeben, mag das auf Dauer auch funktionieren. Aber dann bringe ich meinem Kind bei, nicht auf das eigene Gefühl zu hören, sondern zu tun, was andere von ihm erwarten. 
Das möchte ich nicht. Ich möchte, dass meine Kinder "aus-vollem-Herzen-Menschen" sind. Menschen, die aus vollem Herzen etwas schenken, teilen und auf andere eingehen. Alles andere hat doch keinen Wert, oder?

Immer fröhlich akzeptieren, wenn kleine Kinder noch nicht teilen können.

Eure Uta


PS 1: Es gibt ja auch die Kinder, die anderen immer alles kampflos überlassen. Ich hoffe, dazu fällt mir auch bald was ein.

PS2: Guckt mal hier gibt es eine spannend-komische Gespenster-Geschichte zum Vorlesen, ein richtiger Mut-Macher für kleine Mädchen. 

Freitag, 1. November 2013

Glückliche Familie Nr. 179: Mobbing beenden


Ein Telefonat, das ich gestern mit meiner ältesten Schwester führte, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Meine Schwester ist Lehrerin an einem Gymnasium, sehr engagiert, kreativ, voller Ideen und auch Manns genug, eine Meute von 30 Kindern souverän durch ein Schuljahr zu führen.

Zu dieser Stunde sitzt sie in einer Konferenz mit dem Schulleiter und mehreren Kollegen, die einberufen wurde, weil ein Schüler einer siebten Klasse ein brisantes Foto ins Internet gestellt hat. Er hat es aufgenommen von einem Mitschüler, als dieser sich gerade im Klassenzimmer übergeben musste. Mittels digitaler Bildbearbeitung fügte der Schüler dem Foto eine braune Sprechblase mit dem Wort "Kacki" hinzu.

Der "Täter" und seine Eltern sind auch zu der Konferenz bestellt. Und meine Schwester berichtete, dass der Schulleiter erwägt, den Jungen eine Woche vom Unterricht auszuschließen. Dem anderen Jungen ginge es schlecht. Dessen Eltern hätten es schwer, ihn zu bewegen, überhaupt noch zur Schule zu gehen.

Meine Schwester klang erschöpft und ratlos. Auch der Schulleiter und die Kollegen wüssten nicht so recht, was zu tun sei.

Ich übrigens auch nicht. "Bin ich der master oder was?" würde Prinzessin (12) in einer solchen Situation sagen.

Und ich habe größten Respekt vor Menschen, die 30 Zwölf- bis Vierzehnjährige so durch eine Schulstunde führen können, dass sie selber keinen Tinnitus, "Burn out" oder "Rad ab" erleiden und die Kinder auch noch was lernen.

Heisst: Ich habe größten Respekt vor Lehrern, auch wenn nicht jeder, der meinen Kindern bisher begegnet ist, "my very best friend" ist, um wieder mit Prinzessin zu sprechen.

Da ich nicht zerschlissen bin vom Schulbetrieb, befinde ich mich in der glücklichen Lage, in aller Muße (heute morgen während der professionellen Zahnreinigung beim Zahnarzt) nachdenken zu können.

auch nachdenklich ... Amy

Was kann eine Schule in solch einem Mobbing-Fall tun?

"Master" hat blitzblanke Zähne und einen Vorschlag:

  • der Klassenlehrer fährt am gleichen Tag mit dem Übeltäter zum "Opfer" nach Hause 
  • dort entschuldigt sich der Schüler in aller Form und in Anwesenheit der Eltern des "Opfers" 
  • und er fragt, in welcher Weise er das Geschehen wieder gutmachen könne
  • Wiedergutmachung vereinbaren
  • danach keine Konferenzen, kein Unterrichtsausschluss oder dergleichen
  • sollte Ähnliches noch einmal vorfallen, wieder sofort so handeln


Die Tat gehört in den Mittelpunkt, nicht der "Täter". 

Es ist ein wichtiger Unterschied, ob wir sagen "Wir dulden so etwas nicht an unserer Schule" oder "wir dulden dich nicht an unserer Schule".

Wir sollten Kinder nicht aufteilen in "Opfer" und "Täter", sie nicht festlegen auf Rollen, die beide zweifelhafte Aufmerksamkeit mit sich bringen.

Es braucht klare Regeln und schnelles Handeln, keine langen Konferenzen, kein Diskutieren, Dramatisieren, Moralisieren.

Die Konsequenz sollte sozialer Stress sein, nämlich der, dem gedemütigten Jungen und seinen Eltern in ihrem vertrauten Umfeld gegenüber stehen zu müssen. (Das bringt auf jeden Fall keine "Out-law"-Anerkennung bei den Kumpels in der Schule wie andere Maßnahmen).

Und solch ein privater Wiedergutmachungs-Besuch zeigt bestimmt mehr Wirkung als eine Woche vom Unterricht ausgeschlossen zu werden und in Ruhe "Playstation" spielen zu können.

So, und jetzt seid ihr dran. Ich brauche einen Praxis-Check. Was meinst du, Schwesterherz? Könnte das ein brauchbares Verfahren sein? Was denken die anderen Lehrer unter euch? Habt ihr noch andere Ideen, die hier weiterhelfen könnten?

Wie schlimm alles ist, möchte ich nicht lesen. Aber für Ideen bin ich immer zu haben.

Immer die Tat sofort mit Sanktionen belegen und dann (hoffentlich) wieder fröhlich Unterricht machen, 

eure Uta 

Sonntag, 19. Mai 2013

Glückliche Familie Nr. 145: Heilsame Bockigkeit


In seinem Buch "Dein kompetentes Kind" schreibt Jesper Juul, dass jeder Mensch um eine Balance zwischen Kooperation und Integrität ringe.

Wann passe ich mich anderen Menschen an, wann muss ich Partei ergreifen für mich selbst, für den Menschen, der einmalig in mir angelegt ist?

Die Kooperations-Fotos vom Bügeln, Mit-Fußball-Gucken, Aufräumen der Kinderzimmer und Addieren von Steuererklärungs-Belegen erspare ich euch. Aber was für meine Integrität wichtig ist, zeigen folgende Fotos.

In diesen Situationen erblüht mein Selbst.

Es zu Hause schön machen.

Mit Tieren leben.

Im Garten arbeiten.
Zum Stepptanzen gehen. 

Sehr viel stärker als Menschen in der Lebensmitte (so wie ich) ringen Kinder um die Balance von Kooperation und Integration.

Das Kleinkind, das die Lippen zusammenpresst, weil es nicht mehr essen mag, der Junge, der im Torwart-Dress in den Kindergarten möchte, das Mädchen, das Lina nicht zu ihrem Kindergeburtstag einladen möchte, nur weil es die Tochter von Mutters Freundin ist, der Teenager, der nicht konfirmiert werden möchte ...
"Inzwischen wissen wir, dass Kinder im Konflikt zwischen Integrität und Kooperation - in den sie, wie die Erwachsenen, jeden Tag Dutzende von Malen geraten - sich in neun von zehn Fällen für die Kooperation entscheiden. Kinder brauchen keine Erwachsenen, die ihnen beibringen, wie man sich anpasst oder kooperiert. Sie haben hingegen einen dringenden Bedarf an Erwachsenen, die ihnen zeigen, wie man im Zusammenspiel mit anderen seine Integrität wahrt." (Jesper Juul: Dein kompetentes Kind, Hamburg 2003, S. 48)

Sehr erhellend finde ich, wie Juul darlegt, dass Kinder, die wir als bockig und höchst unkooperativ empfinden, im Grunde einer Familie einen großen Dienst erweisen können, wenn die Erwachsenen endlich genauer hinschauen würden.

Ich habe das mit Kronprinz (heute 15) erlebt in der Zeit, als er zwischen 6 und 9 Jahre alt war. Einmal rannte er im Streit aus dem Haus, geradewegs in Richtung der vierspurigen Hauptstraße. "Du kannst mich mal!"
Ein anderes Mal sprang er fast aus dem fahrenden Auto, warf draußen die Mülltonnen um oder trat nach mir.

Häufig war ich ratlos und verzweifelt.

Schließlich meldete ich mich in einem Seminar zur Persönlichkeitsbildung an und stellte fest, dass ich ein Männer-Bild mit mir herumtrug, mit dem mein Mann sich irgendwie arrangiert hatte, gegen das unser Sohn aber offensichtlich rebellierte. Meine Ablehnung von Gewalt, mein überhöhter Harmonie-Anspruch, mein Nett-Sein-Syndrom, meine tief sitzende Einstellung, dass wir Frauen mit unseren sozialen Werten und unserem Desinteresse für schnelle Autos, Geld und Macht irgendwie die besseren Menschen seien ...

Als ich zurückkehrte, hatte ich mich wohl so sehr verändert, dass die Konflikte mit Kronprinz wie weggeblasen waren. Ein Quantensprung in unserer Beziehung.

Ich bin heilfroh, dass ich irgendwann damit aufgehört habe, dem Jungen das Gefühl zu geben, wir Erwachsenen seien perfekt, nur mit ihm sei etwas nicht in Ordnung.
Ich bin heilfroh, dass ich ihn nicht zu einem Kinderpsychologen gezerrt oder sonst einer Therapie ausgesetzt habe.

Im Grunde hat er mit seiner Bockigkeit mir und der ganzen Familie einen großen Dienst erwiesen.

Juul würde sagen: Er war in höchstem Maße kooperativ.

Danke Kronprinz, danke Jesper Juul.

Immer fröhlich hingucken: Kämpft da mein Kind vielleicht um unser aller Integrität?

Uta

Dienstag, 24. Juli 2012

Glückliche Familie Nr. 64: Lückenlose Aufklärung


Ich habe mich vergangene Woche über einen Schub neuer Follower gefreut. Kronprinz (14) hat die Entwicklung in einem Diagramm festgehalten. Die Grafik hängt in der Küche. Und er legt Wert darauf, dass nur er den Zuwachs eintragen darf.









Den steilen Anstieg verdanke ich meiner Leserin "Papagena". Sie hat in ihrem Blog "Die Kunst den Alltag zu feiern" auf meine Episoden rund um das Katzenklo hingewiesen. Vielen Dank! 

Bei "Papagena" traf ich auf diese Geschichte. Sie handelt von ihrer Tochter, die einen Brief ihrer Grundschullehrerin mit nach Hause brachte. Darin weist die Lehrerin die Eltern darauf hin, dass Töchterchen in letzter Zeit ein Problem mit Gewalt habe. Um es vorweg zu nehmen: die Rede ist von "an der Kapuze ziehen und daraus resultierendes Würgen am Hals durch den Reißverschluss". (Wir sind an dieser Stelle froh, dass Schulen heute kein Kellerverlies mehr haben. Sonst wäre die kleine Papagena wohlmöglich in Untersuchungshaft genommen worden.)

Liebe MamaPapagena,
auch wir hatten schon so eine Nachricht aus der Grundschule. Prinzessin, damals 9, soll einen Mitschüler getreten haben. "Ja, ja, das stimmt", sagte Prinzessin, als ich sie zur Rede stellte, "J. hatte mich ins Gesicht geschlagen. Aber ich renne ja nicht gleich wegen jeder Kleinigkeit zu Frau M. Ich wehre mich halt." 
Ein anderes Mal soll sie und mehrere Komplizen aus der Klasse bei einem Gerangel die Ranzenschnalle eines Mitschülers kaputt gemacht haben. Frau M. mühte sich um Aufklärung. An mehreren Tagen hintereinander durften die fünf Tatverdächtigen nicht in die Pause, sondern sollten sich im Verhör mit der Lehrerin zu den Anschuldigungen äußern. Nachdem mehrere solcher Gespräche stattgefunden hatten, kam Prinzessin mittags weinend nach Hause. Sie hatte bisher nichts davon erzählt, aber jetzt war sie mit den Nerven fertig. 

Ich weiß Frau M.'s Bemühungen um lückenlose Aufklärung zu schätzen. Wohlmöglich hatte sie im Dienst der Gerechtigkeit auf ihren Pausenkaffee verzichtet. Sie wollte - wohl auf Druck der Mutter des"Opfers"- unbedingt den oder die Schuldige finden. Dabei hatten wir anderen Eltern längst angeboten, gemeinsam die Kosten für die Ranzen-Reparatur zu übernehmen. Das Verfahren wurde endlich eingestellt. Und ich war froh, dass nicht noch Fingerabdrücke oder Speichelproben genommen wurden. 

Meine Freundin Irmgard hat - bevor sie als Lehrerin in Pension ging - an ihrer Schule Schüler zu Streitschlichtern ausgebildet. Eines der Prinzipien ist, dass die Streithähne sich in Ruhe zusammensetzen und jede Konfliktpartei die Möglichkeit bekommt, ihren Standpunkt vorzutragen.

Regeln einer Schlichtung:
  • wir lassen den anderen ausreden
  • es redet immer nur einer
  • wir werden nicht handgreiflich
  • wir sagen keine Schimpfwörter
  • Persönliches wird vertraulich behandelt
  • wir hören dem anderen zu
  • wir finden eine gemeinsame Lösung
  • wir sind ehrlich miteinander
Es ist ganz schlicht. Schon nach dem ersten Punkt sind die meisten Streitigkeiten beendet. Mehr braucht es häufig nicht. Wichtig ist, dass sich Lehrer oder andere Erwachsene nicht als Richter einmischen. Sie sind höchstens als Moderatoren gefragt. 

Ich wundere mich, dass sich nicht alle Lehrer auskennen mit "Streitschlichtung". Das ist doch keine Raketenwissenschaft.

Und wenn ich die Wahl hätte, ob alle Kinder und Lehrer in der Schule Streitschlichtung lernen oder ob sie lernen, was ein Indefinitpronomen ist, müsste ich nicht lange überlegen. 

Mit meiner Freundin Irmgard, der ehemaligen Lehrerin, sprach ich ausführlich über das Thema Streit*. Ich habe noch erfahren, 
  • dass Mobbing definiert wird als Drangsalieren des immer gleichen Opfers über längere Zeit. Von Mobbing spreche man auch erst, wenn das Opfer selber das Verhalten anderer als unerträglich empfinde
  • dass es Mobbing schon immer gegeben habe, heute ist durch das Internet nur eine neue Variante, das anonyme Mobbing, dazu gekommen
  • dass auch Lehrer mobben, wenn sie zum Beispiel Schüler "vorführen".

Ich möchte noch etwas zum Thema Gewalt schreiben:

Als Kronprinz in der fünften Klasse war, gab es einen Mitschüler, der ihn immer wieder an den Haaren zog. Obwohl unser Sohn ihm mehrfach sagte, er möchte damit aufhören, ging das Haareziehen tagelang weiter. Schließlich scheuerte Kronprinz dem Jungen eine. Der Klassenlehrer bekam das mit, hörte sich beide Positionen an, ließ die Jungs sich gegenseitig entschuldigen und das Thema war für alle Zeit beendet. Heute verabreden sich die beiden gelegentlich. 

Als ich bei einem Frauenfrühstück sagte, dass ich es völlig in Ordnung fände, dass mein Sohn dem anderen eine gescheuert hat, rückten die anderen Damen von mir ab. Gewalt ist ein Tabu. 

Frauen haben eine andere Art zu kommunizieren als Männer. Sie sprechen, um Geselligkeit zu erreichen (gemeinsam um die Feuerstelle sitzen). Männer kommunizieren eher, um ein Ergebnis zu erzielen. Das Ziel zu erreichen, ist ihnen wichtiger als Einvernehmen. 

Besonders in Grundschulen und Kindergärten herrschen weibliche Kommunikationsprinzipien vor, weil dort bis heute mehrheitlich Frauen arbeiten. Weibliche Kommunikation ist nicht besser als die männliche Art. (Wehe denen, die nicht mit an die Feuerstelle dürfen!) Und vor allen den Jungs täte es gut, wenn sie mehr raufen dürften.**

Als Irmgard vorschlug, an ihrer Schule eine Raufecke einzurichten, in der sich die Schüler - unter Einhaltung vorher festgelegter Regeln - beherzt austauschen dürfen, kam sie mit ihrem Vorschlag nicht durch.

Trotzdem immer schön fröhlich bleiben

Uta

*Meinen Post zum Thema Geschwisterstreit findet ihr hier.
** Diese Erkenntnisse gründen sich auf mein Training hier.