Dienstag, 13. August 2013

Glückliche Familie Nr. 160: Die Reitstunde


Prinzessin (12) wollte wieder mit dem Reiten anfangen. Deshalb waren wir gestern zu einer Probe-Reitstunde in einem großen Stall, den wir nur vom Hören-Sagen kannten.

In der Halle vier Reitschülerinnen zwischen zehn und 13 Jahren, in der Mitte Herr Hohlbein*, der Leiter der Reitschule.

Es wurden Steigbügel nachgezogen, es wurde angetrabt, es wurde geschnaubt und gepupst (die Pferde), es wurde geschimpft (Herr Hohlbein).

Prinzessin musste mit Luna aus der Formation ausscheren und neben dem Reitlehrer halten.

Wie sie denn die Gerte halte und warum sie keine vernünftigen Reithandschuhe hätte und ob sie kein T-Shirt tragen könne, das nicht rutscht. Ein anderes Mädchen musste durchparieren, weil der Gurt unter ihrem Helm zu locker war.

Gut, dachte ich, der Mann legt Wert auf Sicherheit. Das ist wichtig in einem Reitstall.

"Ich habe gesagt 'angaloppieren'. Warum gibst du dem Pferd keine Hilfen? Du sollst hinten reinsitzen. Zügel lockerer." -"Zügel zu stramm." -"Fersen nach unten." - "Was machst du mit der Gerte?" - "Ach", Hohlbein lachte höhnisch, "heute setzten wir die Gerte mal ganz  e-m-o-t-i-o-n-a-l  ein."

In den ersten Runden warf Prinzessin mir ein Lächeln zu. Aber dann war es verloren gegangen in dem Gebrüll, dem braunen Staub, dem Klackern der nass gesabberten Trensen.

Gut, dachte ich, man soll die Kinder nicht in Watte packen, ein bisschen Disziplin und Ordnung kann nicht schaden.

"Soll das ein Zirkel sein, Annabell? Ich habe gesagt, du sollst den Zirkel ausreiten", brüllte Hohlbein, zog seine ärmellose Weste straff über die geschwollene Brust und räusperte sich: "Ich stehe in dem Ruf, dass ich meine, was ich sage..."

Hohlbeins Gebrüll in der ganzen Halle, nur ab und an ein Hufschlag gegen die Bande. Ein Kater schlich sich durch die Tür.

Viele Tiere hier, dachte ich, Pferde, Hunde, Katzen und ein Gockel.

"Der Herr Hohlbein", fragte ich eine Mutter, die neben mir auf der Tribüne saß, "ist der immer so oder hat er einen schlechten Tag?" -

"Das ist ein Reitlehrer der alten Schule. Aber die Kinder lernen viel." -

"Ach, und wie lange reitet ihre Tochter schon bei ihm?"-

"Zwei Jahre." -

"Und wie verträgt sie das so?" -

"Manchmal gibt es Tränen. Aber wir gehen immer zu ihm, weil bei ihm die Pferde so gut parieren."


Ja, "abäppeln" und die Reitlehrer alter Schule aus der Halle räumen! 

Jetzt hatte Hohlbein wieder Prinzessin im Visier. "Du sollst beim Leichttraben nur umsitzen, wenn der Rhythmus nicht stimmt. Nicht, weil ich dich anspreche." - "Okay, mach ich." - "Du sollst auch nicht 'okay' sagen, du sollst machen, was ich sage." - "Okay, ... äh, tschuldigung". "Du sollst mich auch nicht angucken, wenn ich mit dir spreche, sondern gucken, wo du hinreitest."

Mutter litt auf der Tribüne. Ich merkte, wie ich dem alten Gartenstuhl aus Plastik, in dem ich saß Galoppierhilfen gab, ich presste meinen Hintern tief in das schmuddelige Kissen, schlang meine Beine außen um die Stuhlbeine und drückte die Waden entschieden gegen das Plastik. Ich presste die Lippen zusammen, richtete meinen Blick starr auf die Bande. Der Stuhl parierte, aber das Gebrüll ging weiter.

Schließlich trottete ich erschöpft hinter Luna und Prinzessin in die Luna-Box. Prinzessin zerrte den Sattel vom Pferd. "Soll ich eine weitere Probestunde buchen?" fragte ich flüsternd. - "Bist du des Wahnsinns", zischte sie. "Hier komme ich nie wieder hin. Du kannst froh sein, dass ich dem Typen keine gelangt habe."

Mein Mund stand so weit offen, dass ein Strohballen hineingepasst hätte.

Benommen nahm ich den Reithelm, wir verabschiedeten uns.

"Ach, sieh mal einer an: Madame lässt Mama alles tragen und läuft unbeschwert nach Hause." -

In der Stallgasse drehte ich mich um. "Herr Hohlbein", sagte ich, "keine Sorge, diese Dinge regeln wir unter uns."

Dann war endlich Ruhe.

Jeden Tag lerne ich ein bisschen mehr Wehrhaftigkeit von meiner Tochter.

Immer fröhlich sich von den Kindern "eine Scheibe abschneiden" und sich nie abfinden mit dem Drill der "alten Schule", denn Lernen durch Erniedrigung hat noch nie funktioniert, auch wenn es immer noch Menschen gibt, die daran festhalten

Uta

*Name von der Bloggerin geändert

Freitag, 9. August 2013

Glückliche Familie Nr. 159: "Nerd"-Nachhilfe


Bei uns hat die Schule wieder angefangen. Neue Stundenpläne hängen in der Küche mit Spalten, die weit über die Blattmitte ragen. Prinzessin (12) hat zweimal pro Woche bis spätnachmittags Schule, Kronprinz (15) dreimal. Donnerstags ist er wegen der Bigband-Probe sogar von 8 bis 18 Uhr in dem roten Backsteinbau stadtauswärts.

"Darf ich vor dem Computer essen?"

Das ist die erste Frage, wenn sie heimkehren.

Vielleicht seid ihr jetzt geschockt, aber ja, gestern habe ich erlaubt, dass sich jeder gleich ins Zimmer verschanzte.

Prinzessin thronte mit Laptop und einer Schale Johannisbeeren in ihrem Bett.

Nebenan saß der Bruder im abgedunkelten Zimmer, die Füße in einer Schüssel mit kaltem Wasser, im Mund Garnelen-Curry vorm Vortag, der Blick starr auf dem Bildschirm.

Wieder unten trat ich auf die Terrasse. Die Sonne fingerte durch den Apfelbaum und sprenkelte die Kissen in der Hängematte, die niemand nutzt. An der Turnstange kein Kind, nur eine fette Spinne beim Schweinebaumeln.

Da könnte man den Blues kriegen. Den klassischen Eltern-Blues.

Warum tun sie nichts Sinnvolles? Frische Luft, Freunde treffen, Dosen kicken? Meinetwegen Freibad. "Ich fahr euch schnell."

Da fiel mir ein, was Tanja und Jonny Haeusler in ihrem Buch "Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet." schreiben:
"Als unser jüngster Sohn einmal nach der Schule Minecraft spielen wollte, schlugen wir vor, er möge doch stattdessen ... nach draußen gehen, um mit den anderen Kindern Fußball zu spielen. Doch er antwortete sehr bestimmt: 'Ich komme gerade aus der Schule. Ich habe den ganzen Tag mit vielen anderen Kindern und mit vielen Lehrern zu tun gehabt. Ich will jetzt einfach mal meine Ruhe haben und etwas alleine tun'." 

"Sinnvoll" und "Bildschirm" - für viele Eltern geht das nicht zusammen. Vor Cybermobbing wird gewarnt, Video-Spiele als Killergames diskreditiert.

Aber ist sinnvoll nur das Spiel mit der Waldorfpuppe unterm Hortensienbusch?




Ist immer sinnvoll, was ich in meiner Freizeit tue?

Meine Kinder könnten klagen: "Mama ist wieder draußen und schneidet Rosen. Dabei hat sie immer noch Lücken bei der Computer-Nutzung. Neulich wusste sie nicht einmal, was ein Browser ist. Wenn sie sich nur täglich eine halbe Stunde hinsetzen und sich mit den Programmen befassen würde, könnte sie in ihrer Altersklasse mithalten. Aber nein, dazu hat sie nicht die Disziplin. Vielleicht sollten wir einen 'Nerd' von unserer Schule fragen, ob er ihr Nachhilfe geben kann."

Sich immer fröhlich einen frischen Blick dafür bewahren, was unsere Kinder tun und wie wir es bewerten

Uta

PS: Liebe Seifenfrau, danke für den Netzgemüse-Buchtipp!

Dienstag, 6. August 2013

Glückliche Familie Nr. 158: Gestörte Logopädin in Elternzeit


Ich stand in unserer Bankfiliale hinter einem jungen Mann, der in unserem Stadtteil bekannt ist, weil er einer der wenigen Tagesväter in Hamburg ist. Von Zeit zu Zeit sehe ich ihn mit einem Bollerwagen mit vier oder fünf Kindern darin durch den Park ziehen.

Heute wollte er am Bankschalter Geld abheben und hatte zwei Jungen im Alter von knapp drei Jahren bei sich. Die Jungen stürzten sich sofort auf die Spielecke mit der Holzeisenbahn.

"Oh, da werden Sie Schwierigkeiten haben, die wieder loszueisen", sagte der Mann hinter dem Schalter, als er dem Tagesvater das Geld auszahlte. "Das gibt garantiert Geschrei. Deshalb habe ich jetzt immer Gummibärchen hier." Er tauchte unter den Tresen.

Der Tagesvater aber steckte das Geld ein, rief "Los Jungs!" und verschwand. Die Jungen ließen den Holzzug auf offener Strecke stehen und rannten ihm nach.

Stille in der Bank.

Als der Mann am Schalter seine Sprache wieder fand, meinte er nur: "Na, so kann es auch gehen."

*

Neulich morgens im Supermarkt beobachtete ich eine Mutter mit einem kleinen Mädchen, das etwa eineinhalb Jahre alt war. Die Frau füllte den Einkaufswagen und schob ihn langsam in den nächsten Gang. Das kleine Mädchen fuhr mit seiner Hand über die Spätzle-Tüten im Regal. Ich sah, wie sie das Knistern genoss, ihr dann die Mutter wieder einfiel und ihr schnell hinterherlief. 

Ich war fasziniert von diesem unaufgeregten Einkauf mit Kleinkind und folgte dezent.

Das Mädchen ließ sich kurz tragen, um Nähe zu tanken und entwand sich wieder dem Arm seiner Mutter. Die Frau verglich Gemüsekonserven, ihre Tochter Senf-Sorten. Als das Mädchen ein Glas mit Schattenmorellen aus dem Regal nahm, dachte ich: "Jetzt wird Mama einschreiten." Ich hielt den Atem an, war kurz davor selber hinzuspringen, als das Mädchen das Glas unfallfrei zurückstellte und Mutter und Kind friedlich zur Kasse zogen.

*

Ich würde so gerne ausprobieren, ob ich mit meinem Wissen von heute mit kleinen Kindern auch so entspannt sein könnte. 

Was habe ich mich früher gestresst! 

Zwar habe ich Kronprinz (heute 15) auch im Supermarkt laufen lassen, aber als hochnervöse Mutter des Typs "Ich-mache-mein-Kind-zum-Lebensprojekt" war ich ihm immer auf den Fersen. Mit meinem Atem im Nacken musste er gar nicht selbst darauf achten, dass er Anschluss hielt. 

Wenn er nach den Nudeln im Regal griff, war Uta sofort auf Augenhöhe und sagte: "Ja, das sind Torrr - te - lini. Die können wir auch mal kochen" ...  sanft natürlich und voller Verständnis.

Ich erschloss mit dem Kind die Lebenswelt "Einkauf" und nannte die Produkte überdeutlich beim Namen, weil ich in einem Erziehungsratgeber gelesen hatte, man solle das Kind "in Sprache baden", damit es einen großen Wortschatz entwickele. 

So rannte ich hinter meinem Erstgeborenen durch den Supermarkt, eine Frau, die verhindern musste, dass der Kleine "nine-eleven" mit Konserventürmen spielte und die dabei überdeutlich Worte formte.
Wahrscheinlich hielten die Leute mich für eine gestörte Logopädin in Elternzeit. 

Da der kleine Prinz nicht Verantwortung dafür übernehmen musste, mich nicht zu verlieren (eine Fähigkeit, die jedem Kind angeboren ist, weil es früher mal überlebenswichtig war), hatte er jede Menge Zeit, Blödsinn zu machen und zu testen, wann ich mit dem pädagogischen Getue aufhören und die Fassung verlieren würde. Und ich hatte gar keine Zeit mehr, richtig einzukaufen, nahm den falschen Blätterteig, vergaß die Sahne.


Kronprinz auf der Flucht vor über-ambitionierter Mutter


Warum es bei mir nicht funktionierte mit dem lässigen Einkauf, habe ich erst verstanden, als mir meine Freundin Jean Liedloffs Buch "Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit" schenkte.

Auf ihren Expeditionen zu den Yequana-Indianern im Dschungel Venezuelas hat Liedloff insgesamt zweieinhalb Jahre bei diesem Stamm gelebt, um heraus zu finden, warum sie so offenkundig glücklich waren. Dabei richtete Liedloff ihr Augenmerk besonders auf den Umgang mit Kindern. Sie schreibt:

"Ein Kleinkind der Yequana würde es sich nicht im Traum einfallen lassen, sich auf einem Waldweg von seiner Mutter zu entfernen, denn die Mutter blickt nicht um sich, um festzustellen, ob es wohl folgt, sie gibt ihm nicht zu verstehen, dass es eine mögliche Wahl gebe oder dass es ihre Aufgabe sei, sie zusammenzuhalten; sie verlangsamt lediglich ihren Schritt so weit, dass es mithalten kann." (ebd., S. 115)

Die Yequana, so die Forscherin, würden die Fähigkeit zur sozialer Kooperation schon bei den Kleinsten als gegeben voraussetzen. Kinder so zu betüddeln, wie es in westlichen Zivilisationen üblich sei, käme ihnen wie eine Beleidigung der angeborenen Stärke von Kinder vor. Gleichwohl bieten die Yequana ihren Kindern immer Nähe und Schutz, allerdings nur, wenn die Kinder danach verlangen.


Liedloff auf unseren Alltags-Dschungel übertragen bedeutet:
  • mit kleinen Kindern seine Arbeit machen* 
  • (gemeint sind Alltagsverrichtungen, weniger die Doktorarbeit, die noch zu schreiben ist)
  • sie dabei sein lassen
  • sie möglichst auch etwas "arbeiten" lassen
  • ihnen beiläufig Nähe geben, wenn sie es brauchen 
  • und sie in Ruhe lassen, wenn sie kein Nähebedürfniss signalisieren
  • als Eltern oder Betreuer im Park, Wald, Supermarkt seinen eigenen Weg gehen
  • das Kind im Augenwinkel halten, aber ihm nicht ständig auf den Fersen sein

Klar, dass wir nicht an der vierspurigen Hauptstraße die Yequana-Überlebens-Nummer machen, aber sonst jeden fröhlich seiner Wege gehen lassen

Uta

* Da fällt mir sofort meine Oma ein, die mit Enkelkind auf der Hüfte Kaffee einschenkte.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Glückliche Familie Nr. 157: Froschkönig mit Notebook


Es war einmal eine Prinzessin (12), die kam nur noch selten aus ihrem Zimmer heraus. Der Computer war ihr bester Freund geworden. Ihre Mutter, die Frau Königin, wollte schon einen Brunnen im Garten bohren lassen, auf dass das Mädchen mit seinem Spielgerät am Rande des Brunnens mit seinen Freundinnen chatten und das Ding hineinfallen und nie wieder auftauchen könnte. (Es ist zwar ein portables Gerät, aber trotzdem eine Nummer zu groß für ambinionierte Amphibien.)

Dann würde Prinzessin wieder mit seiner Mutter Waffeln backen, Kirschkerne weit spucken und alles wäre wieder wie früher, als all ihre Sätze anfingen mit: "Mama, weißt du waa-aa-aas?"

Frau Königin seufzte, als sie an diese Zeiten dachte, und fächelte sich Luft zu.

Sie war klug genug, um zu wissen, dass Mädchen in der Pubertät das Wichtigste mit ihren Freundinnen beim Chatten besprechen. Trotzdem suchte sie Rat bei einem der Weisen am dänischen Hof. Sie entrollte seine Schriften und las:

"Im Laufe der Pubertät gehen im Gehirn eines Kindes oft so große biologische Veränderungen vor sich, dass Eltern plötzlich das Gefühl haben, ihre Kinder nicht mehr zu kennen. Diese Veränderungen veranlassen viele Kinder, all ihre Aufmerksamkeit für lange Zeit nach innen zu richten. Diese Introvertiertheit sollten die Eltern nicht persönlich nehmen, denn sie hat nichts mit einem guten Verhältnis zu tun, das sich womöglich verschlechtert hat. Sie ist auch kein Zeichen mangelnden Vertrauens." (Jesper Juul: Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht. München 2010, S. 54)

Der Gelehrte Juul schlug vor, die verstockten Thronfolger nicht mit Fragen zu durchbohren, wie die Jäger das Wildschwein mit ihren Pfeilen. ("Hast du Französisch gelernt, das Krönchen poliert, den Cotillion geübt?").

Ihre Durchlaucht sollten lieber von sich erzählen, "Ihre Gedanken und Gefühle, große und kleine Erlebnisse, Ihre Meinungen und Ansichten über das Leben und die Welt etc." (ebd.).

Die Frau Königin sprang so plötzlich auf, dass ihre Stickarbeit aus dem Reifen rutschte. "Heureka, das stimmte!" Als sie vor wenigen Wochen den französischen Fürsten ihre Aufwartung machten und samt Gefolge (Smartphone von Kronprinz und Dienst-iPad des Soßenkönigs) auf der Rückreise in Paris die Pferde tränkten, begab es sich, dass die Familie von und zu Katzenklo in einer Herberge einkehrte. Dort entspann sich ein lebhaftes Gespräch, als der König erzählte, er sei einst auf einem Ball (Dorf-Disco) von einem Fräulein wegen seiner roten Pickel-Nase verspottet worden. Darauf habe er sich leicht geräuspert und sich die Bemerkung erlaubt: "Meine Nase ist morgen wieder gut, aber du musst das ganze Leben mit diesem Gesicht herumlaufen."


Wir haben viel gelacht, deshalb ist ihre Durchlaucht etwas verwackelt.

Prinzessin (12) und Kronprinz (15) amüsierte die Geschichte sehr und es entspann sich ein lebhafter Disput darüber, ob man andere Menschen auf körperliche Unzulänglichkeiten hinweisen oder lieber ein Loblied auf ihre Vorzüge singen sollte.

Die Frau Königin hob ihre Stickarbeit auf und freute sich an dem Gedanken, dass man auch mit den Halbwüchsigen am Hofe innige Momente erleben kann, wenn man es nur richtig anstellte.

Immer fröhlich den Teenagern von sich erzählen

Eure Durchlaucht

Uta

Sonntag, 28. Juli 2013

Glückliche Familie Nr. 156: Gute Nachrichten


In dieser Woche telefonierte ich mit meiner ältesten Freundin. Bald kamen wir thematisch nach Duisburg. Der Stadt ginge es schlecht, erzählte meine Freundin. Immer mehr junge Leute würden wegziehen und kaum noch welche nachwachsen. Mehrfamilienhäuser würden abgerissen, weil sie leer stünden, in andere würden Roma-Familien einziehen, die in großer Zahl in solche Städte drängen würden.

Das war interessant, davon hatte ich noch nicht gehört.

Genauso wenig wie von dem Film über die Trinkwasserproblematik in einem afrikanischen Land, von dem meine Schwester erzählte. Das Filmteam wollte darstellen, wie Rücksichtslosigkeit und Korruption multinationaler Firmen die Einheimischen in tiefste Not geführt hatte. Um den Film fertig zu stellen, verhielt sich das Filmteam schließlich genauso rücksichtslos wie die Menschen, die sie anprangern wollten.

Trostloser kann ich mir einen Kino-Abend kaum vorstellen.

Schließlich hatte meine Fußpflegerin noch ein Untergangsszenario parat. Sie sei sich sicher, dass die Amerikaner kurz davor seien, die Weltherrschaft zu übernehmen. Das habe diese NSA-Spähaffäre gezeigt. Sie hätte das schon länger geahnt. Und es sei unter ihrer Würde bespitzelt zu werden und sie werde in ihrem Leben keinen Computer mehr benutzen.

Uff.

Was soll ich dazu sagen? Oder noch viel wichtiger: Was kann ich tun?

Wenn von vorne herein ausgeschlossen ist, dass ich etwas tun kann, möchte ich solche Sachen gar nicht hören.

Deshalb gucke ich im Fernsehen nicht "Monitor", schaue keine politischen Talkshows und so gut wie keine Nachrichten.

In einem Buch* über den Umgang mit Medien wird die schweizerische Schriftstellerin Ruth Schweikert, Mutter von fünf Söhnen, zitiert. Über das Gucken von Fernsehnachrichten in der Familie sagt sie:

"Es fließt sehr viel Kraft und Emotionalität in Schicksale, die einen eigentlich nicht betreffen."

In meinem Umfeld sorgt es manchmal für Irritationen, dass ich als Journalistin keine Fernsehnachrichten und keine politischen Talks-Shows sehe. Ich habe keine Lust mehr auf das alte jounalistische Prinzip "Bad news are good news." Die merkwürdige Lust des Menschen auf Drama und Leid will ich bei mir selbst in Grenzen halten.

Stattdessen sammele ich gute Nachrichten, schneide mir Artikel aus über Menschen, die begeistert an Lösungen arbeiten, die uns wirklich weiterbringen. Wie zum Beispiel den Artikel** über die britische Journalistin Marina Cantacuzino. Sie hat früher "homestorys" geschrieben über Verbrechensopfer. Irgendwann war sie es leid, sie nach blutigen Details zu fragen. Sie begann, sich weltweit auf die Suche nach Menschen zu machen, die Opfer von Gewalt durch Krieg, Terror oder Kriminalität geworden waren und trotzdem einen Weg gefunden haben, zu verzeihen und weiter zu leben. Daraus entstand das "Forgiveness Project".

Gestern habe ich an dieser Stelle aufgehört zu schreiben. Ich bin barfuß durch den Garten gelaufen in der Hoffnung, mir käme mit dem frischen Tau zwischen den Zehen die Erleuchtung, wohin dieser Beitrag führen soll.

Fernseh-Nachrichten-Verbot für Kinder unter sechs Jahren?

Ja, aber vor allem das Leben ausschöpfen hier und jetzt.


Mädchen in Paris

Ich stürmte zurück ins Haus, klappte den Computer zu, zerrte Prinzessin (12) aus dem Bett (die Männer sind verreist) und frühstückte mit ihr in der Morgensonne unter dem Apfelbaum.

Statt sich von den Welt-Nachrichten niederdrücken zu lassen, immer gucken, wo man fröhlich was tun kann

Uta


* Dominique Bühler, Inge Rychener: Handyknatsch, Internetfieber, Medienflut. Umgang mit dem Medienmix im Familienalltag. Freiburg 2008, S. 15

** "Wie auch wir vergeben. Schmerz, Wut, Heilung: Eine Engländerin sammelt Geschichten vom Verzeihen" in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16. März 2008, Nr. 11

Dienstag, 23. Juli 2013

Glückliche Familie Nr. 155: Die Märtyrer-Mama


Gestern Abend sind wir aus Frankreich zurückgekehrt. Koffer stehen aufgeklappt im Wohnzimmer. Der tapferste Mann von allen ist zur Arbeit gefahren. Die Kinder schlafen noch. Nur das Schleudern der Waschmaschine ist zu hören und eine Wespe, die gegen die Scheibe trudelt.

Ich bin allein.

Wir hatten einen wunderbaren Urlaub. Und doch hat mir eins gefehlt: Alleinzeit.

Zeit, in der ich auf niemandes Bedürfnisse eingehen muss. Raum, wo niemand ist außer ich.

Ich weiß nicht, warum das bei mir so ist.

Meine Güte, meine Kinder sind fast groß. Wenn ich nur an die Mütter denke, die noch kleine Kinder haben und gleich mehrere davon, die müssen googeln, um zu wissen, was die Wörter "eigene Bedürfnisse" noch mal bedeuten.

"Uta, stell dich nicht so an", sagte ich mir im Urlaub und missachtete mein Alleinzeit-Bedürfniss.

Dieses Bedürfnis erkläre ich mir so, dass ich in übertriebener Weise darauf eingehe, was Lebewesen in meiner Umgebung für Bedürfnisse haben oder - schlimmer noch - was ich denke, was sie denken, für Bedürfnisse zu haben. 

Und dann verausgabe ich mich und brauche Alleinzeit.


Schön, mal Alleinzeit zu haben und nachsinnen zu können, was man so veranstaltet mit sich und seinen Mitmenschen.

Wie ich mich verausgabe?

Da mache ich Unterwasser-Salti mit Prinzessin (12) im Pool, weil das arme Kind im Urlaub noch niemanden kennengelernt hat. Danach habe ich soviel Wasser im Ohr, dass ich hinterm Trommelfell ein Sardinchen halten könnte.

Da gehe ich mit den Kindern auf die Rastplatztoilette und lasse ihnen den Vortritt, obwohl ich viel dringender muss als sie.

Da zermartere ich mir das Hirn, wie ich nach dem Essen in dem kleinen Lokal das Fischfilet loben könnte ("La oder le dorade a été magnifique oder formidable oder einfach trés bien?"), weil der Kellner so schüchtern war und sicher ein bisschen Lob gebrauchen könnte.

Da lasse ich Prinzessin den Ballwechsel wiederholen, damit das Kind beim Tischtennisrundlauf nicht ausscheiden muss.

Da gibt es noch drei Grillwürstchen für vier Leute und ich behaupte, ich wollte sowieso keines mehr.

"Das regt mich so auf bei Mama", sagte Kronprinz (15) im Urlaub. "Das macht sie zu Hause auch. Da lässt sie mich die letzte Himbeere essen, obwohl ich weiß, dass sie sie auch gerne gehabt hätte."

Märtyrertum ist furchtbar. Mutter opfert sich auf für die Brut und wenn sie nicht mehr kann, wird sie zickig oder kriegt Migräne, weil der Mensch automatisch für Ausgleich sorgt, wenn auf Dauer die erhoffte Anerkennung für das erbrachte Opfer ausbleibt. (Opfer meist, die niemand von den anderen wollte. Blödes Spiel!)

Fällt euch noch etwas auf?

Immer steckt dahinter die Haltung, der andere sei benachteiligt: "das arme Kind", "der schüchterne Kellner", "der noch nicht ausgewachsene Körper, der Vitamine braucht" ...

Durch mein angeblich so selbstloses Verhalten mache ich den anderen erst schwach, dränge mein Kind sanft, aber sicher in die Opferrolle.

Also immer fröhlich das Kind vor dem Klo warten lassen, glorreich ins Tischtennisfinale einziehen und als Mama gierig das letzte Stück Schokolade grabschen

eure Uta

PS: Auf der Rückfahrt im Auto schob Kronprinz (15) von hinten seinen Fuß auf die Lehne des Beifahrersitzes, damit ich ihn kratzen könnte: "Komm schon, Mama, das ist mein Opfer-Fuß."

Donnerstag, 4. Juli 2013

Glückliche Familie Nr. 154: Goldene Regeln und Blog-Ferien


Der (Soßen-)König meinte, der Post mit dem Buchs und der "energy" sei schön gewesen, aber so etwas Ähnliches hätte er von mir schon gelesen. Ob ich nicht etwas über Schule schreiben wollte?

Schule?

Wir haben in Hamburg seit zwei Wochen Ferien. Kaum einer erinnert sich hier noch an den Zweck dieses Rotklinker-Gebäudes an der Landstraße stadtauswärts.

Aber was immer ein Thema ist: Kommunikation.

Deshalb heute exklusiv:


Utas goldene Sprach-Regeln für den Familienalltag


  • Wenn ich die Kinder auffordere, eine Hausarbeit zu übernehmen, achte ich darauf, mich an beide zu wenden. Weil klar ist, dass alle etwas tun müssen, gibt es weniger bis keinen Widerstand.
  • Wer nur ein Kind hat, kann sich selber mit einbeziehen: "Bis zu unserer Abreise müssen noch Socken zusammengelegt und die Katzennäpfe ausgewaschen werden. Welchen Job übernimmst du? Die Socken? Okay, dann wasche ich die Näpfe aus."
  • In Punkt 2 ist schon die nächste Regel enthalten: Menschen (nicht nur Kinder) haben gerne die Wahl. Man sollte den Kindern aufzählen, welche Jobs es gibt und sie dann wählen lassen. Das hat den Vorteil, dass die Frage, ob sie überhaupt etwas tun müssen, gar nicht zur Diskussion steht.
  • Sollte sich die Brut nicht einigen können, sagt einfach "Dann macht alles zusammen! Hauptsache es wird erledigt" und verlasst sofort den Raum. Meistens einigen sie sich dann schnell, weil keinem die Vorstellung gefällt, in alle Jobs involviert zu sein. 
  • "Ich habe aber keine Lust." Dies ist einer der ersten Sätze, die Kinder lernen. Ich habe schon mehrfach gehört, man solle antworten "Dann mach es eben mit 'ohne Lust'." Noch besser finde ich, gar nicht darauf einzugehen. Für solche Sätze habe ich Filter in den Ohren. 
  • Wenn sich Kinder streiten, mischt euch nicht ein. Kaum etwas bringt so viel Stress und Unfrieden, als wenn sich die Eltern zu Richtern aufzuspielen und beginnen, Untersuchungen anzustellen, wer wen zuerst gehauen oder das Auto weggenommen hat.  
  • Bei Streit solltet ihr euren Lieblingssong laut drehen, mit dem Hund Gassi gehen oder - wenn ihr mit dem Auto unterwegs seid - am Straßenrand halten und nicht eher weiterfahren, bis Frieden auf der Rückbank herrscht. 
  • Solltet ihr keine Fluchtmöglichkeiten haben, verhängt Konsequenzen, die alle Beteiligten gleich treffen. Das mit der Gerechtigkeit wird sowieso überbewertet. "Hier ist sofort Ruhe, sonst gibt es für niemanden Eis." - "Aber Svenja hat angefangen. Das ist gemein." - "Hier ist sofort Ruhe, sonst gibt es für niemanden Eis." - "Aber Till hat getreten. Ich hab' gar nichts gemacht." - "Hier ist sofort Ruhe, sonst gibt es für niemanden Eis."
  • Verhaltet euch wie eine alte Platte mit einem Sprung. Wiederholt die Aufforderung und steigt in keine Diskussion ein. Schon der Satz "Keine Diskussion!" ist zuviel, weil niemand das 'k' von 'kein' hört und dann geht es erst so richtig los.
  • Die Kinder erleben euch als ungerecht? Herzlichen Glückwunsch! Ziel erreicht. Denn dann verbünden sie sich gegen euch, es kehrt Ruhe ein und die Geschwister verstehen sich auf Dauer immer besser. Frieda hatte neulich in einem Kommentar ein herrliches Beispiel für diesen Effekt:
"Grenzen setzen und unbeliebt machen? Oh ja ... immer wieder aktuell und unvermeidlich. Meine Herzbuben (2 und 4) kommentieren das dann (hinter der Palisade, wenn Mama vermeintlich außer Sichtweite ist ...) mit "Blöder Mama." - "Ja, blöder Mama.". Es folgt Gebrummel. Es herrscht Einigkeit, Bedarf an weiterer Sprachentwicklung und ein breites Lächeln meinerseits. Zumindest halten sie zusammen.

Liebe Grüße von Frieda"
  • Wenn ihr gerecht sein wollt, damit keines eurer Kinder benachteiligt wird, schwächt ihr sie mehr, als dass ihr sie stärkt. Die vermeintlich Schwachen nehmen die Rolle schließlich an und entwickeln eine Opfermentalität. Außerdem begünstigt ihr damit Lügen und Tricksereien und ihr lauft in die Falle, dass sie austesten wollen, wen ihr von der Brut bevorzugt. In dem Post "Ungerechte Eltern" habe ich das Thema vertieft.
  • Wer bisher in der Familie einen Gerechtigkeitsfeldzug führt und sich umstellen möchte, damit weniger Streit herrscht, übe sich in Geduld. Die Umstellung dauert ungefähr zwei Wochen. 
  • Ich habe mit Erfolg aufgegeben, gerecht sein zu wollen, Höflichkeit aber ist mir wichtig. Bedankt euch auch für Kleinigkeiten. Es ist wie Lavendelseife im Bad - es macht einfach eine bessere Atmosphäre.
John Izzo schreibt, dass - laut einer amerikanischen Studie - das Verhältnis zwischen negativen und positiven Botschaften, die in Durchschnittsfamilien ausgetauscht werden, bei 14 zu 1 liegt. "Auf jede positive Bemerkung, die wir gegenüber einem unserer Familienmitglieder machen, kommen beinahe 14 kritische Kommentare. Eine ähnliche Untersuchung ergab, dass eine der Gemeinsamkeiten langfristig funktionierender Ehen in einem Verhältnis zwischen positiven und negativen Botschaften von 7 zu 1 liegt. Es liegt an uns, wie sich dieses Verhältnis in unseren eigenen Beziehungen gestaltet."

Das Fazit von Utas goldenen Regeln:

Seid ungerecht, diskutiert weniger und bleibt dankbar und fröhlich

Uta


Ein (leider nicht unser) Haus am Canal du Midi.

PS: Wir reisen morgen nach Frankreich. Ich habe Kamera und jede Menge Bücher im Gepäck, aber mein Laptop lasse ich diesmal daheim. Ihr werdet also erst in zweieinhalb Wochen wieder von mir lesen. Ich wünsche euch wunderschöne Ferien und eine erfüllte Zeit.